Die Griechen und die Farben des Meeres (555 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.03.2026 um 09:39 Uhr (Zitieren)
(Mircea Cărtărescu: Theodoros. Wien 2024, S. 296 f.)
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 02.03.2026 um 11:37 Uhr (Zitieren)
... wie die Japaner
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 12:24 Uhr (Zitieren)
Wie konnte dann z.B. Aristoteles eine siebenstufige Farbskala entwickeln, in der Blau und Grün in seiner Theorie zwei klar unterschiedene Stufen des Mischungsverhältnisses von Weiß und Schwarz sind?
(De sensu 442a)
Dass πράσινος den Lauch als Bezugsobjekt hat, ist, finde ich, angesichts des Abstraktionsniveaus der Skala kein guter Einwand gegen die Unterscheidung. Dass der Lauch seither seine Farbe geändert hat oder menschliches Farbsehvermögen seine lebenswichtigen Grundeigenschaften, nehme ich auch nicht an.
Wenn also ein antiker Grieche Lauch gegen das tiefblaue Meer, den Himmel oder ein dunkelblaues Pigment hielt, sah er den chromatischen Kontrast genauso wie wir, er drückt ihn sprachlich nur nicht (immer) mit so abstrakten und von jedem bestimmten Objekt losgelösten Bezeichnungen aus wie wir.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 02.03.2026 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Der Lauch ist blaugrün, ihn in Richtung blau zu sortieren, ist gar nicht so falsch.
Wir sagen ja auch Blaufichte, obwohl die nicht azurblau ist.
Der übergang von blau zu grün ist schleichend, es gibt keine scharfe Grenze.
Manche auch hier, benennen Übergangstöne mal blau mal grün.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Patroklos schrieb am 02.03.2026 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Womöglich sollte man zwischen Sehvermögen und spezifischer Wahrnehmung unterscheiden. Hier ein Beispiel.
Vom Altenglischen an steht der Glanz, das Scheinen über der Farbqualität. Erst im 15. Jahrhundert zeigt sich ein Vordringen bzw Übergewicht des Farblichen. Man hat in diesem Übergang die Wirkung einer frühbürgerlichen Entwicklung gesehen (Spätmittelenglisch, Chaucer etwa)
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 13:22 Uhr (Zitieren)
Die stufige Skala bei Aristoteles zeigt doch, dass es nicht um Nuancen geht, sondern eine sehr überschaubare Anzahl von klar unterschiedenen Grundmischungen, die als abstrakte Farbbegriffe verstanden werden für beliebige Objekte der Welt.
Rot ist nicht Violett, ist nicht Grün ist nicht Blau. Das sind distinkte chromatische Qualitäten, von Texturen oder sonstigen optischen Effekten spricht er nicht.
Dass die Anwendung dieser Bezeichnungen auf Objekte der Welt sich nicht völlig mit der späterer Epochen deckt und andere visuellen Eigenschaften verbindet, ist etwas anderes und kein Beweis für die Behauptung, "Griechen unterschieden Grün nicht von Blau".
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 13:24 Uhr (Zitieren)
… mit anderen visuellen Eigenschaften
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Patroklos schrieb am 02.03.2026 um 14:05 Uhr (Zitieren)
Gibt es Dominanzfarben? Niger/nigra silva/Schwarzwald. Dunkel wird zu schwarz.
Rotkehlchen doch eher Orangekehlchen; rot aber dominiert.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Γραικύλος schrieb am 02.03.2026 um 14:35 Uhr (Zitieren)
Die Aussage über "die" Griechen ist vermutlich zu stark. Namentlich erwähnt der Autor ja Omir den Blinden, und wenn ich mich recht erinnere, gab es hier einmal eine Diskussion über die in der Tat auffälligen Farb-Epitheta bei Homer.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Γραικύλος schrieb am 02.03.2026 um 15:58 Uhr (Zitieren)
Der Autor verwebt rumänische, griechische, jüdische und äthiopische Mythen zur Geschichte einer fiktiven Person aus dem 19. Jdht., Tudor/Theodoros, der es vom Mitglied einer rumänischen Räuberbande bis zum Kaiser von Äthiopien gebracht hat.
Die Mythen bilden dabei den Hintergrund oder die Grundlage; z.B. wenn die nach Äthiopien gelangte Bundeslade eingeführt wird durch deren Entstehung zur Zeit des Besuchs der Königin von Saba bei Salomon.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 02.03.2026 um 16:13 Uhr (Zitieren)
Dass die Griechen blau und grün nicht unterschieden hätten, war mir so noch nicht untergekommen.
Nietzsche hatte in der Morgenröthe mal den Punkt, dass mit κύανος auch die Farbe von Haaren und mit χλωρός auch die der Haut bezeichnet werden kann, zum Gegenstand seiner Betrachtung gemacht:
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 16:24 Uhr (Zitieren)
Mit der Hintergrundinformation, dass der Autor eine fiktive historische Figur des 19. Jahrhunderts konstruiert, erscheint die Behauptung als zur Epoche passende Denkweise, denn die harte These, dass die Griechen keinen Unterschied zw. Grün und Blau kannten, weder wahrnehmungsphysiologisch noch sprachlich, kam zu dieser Zeit auf und der blinde Dichter Homer/Omir war natürlich ihr Ausgangspunkt:
(Wiki)
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 02.03.2026 um 21:19 Uhr (Zitieren)
Wobei sich moderne Homer-Leser ja eher nicht darüber wundern müssen, dass er das Meer grün, sondern dass er es weinfarben malte.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 22:47 Uhr (Zitieren)
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 00:08 Uhr (Zitieren)
Das Meer wechselt doch abhaengig vom Wetter oft die Farbe von blau nach grün und zurueck. Viell. ist es kein Zufall, dass Inselvoelker wie Griechen u
Japaner den Unterschied zw. blau u. gruen kaum erwähnenswert finden?
Sie sehen den Farbunterschied zwar, halten ihn aber bei der groben Einteilung in Grundfarben nicht fuer wichtig genug, ein extra Wort dafuer zu verwenden.
Erst wenn es um Nuancen geht, wird differenziert.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 00:48 Uhr (Zitieren)
Bukolos schrieb am 03.03.2026 um 06:48 Uhr (Zitieren)
Wo man allerdings das (im Gegensatz zur Behauptung des Romanzitats) Festgestellte, dass die Griechen durchaus Farbbezeichnungen hatten, die klar zwischen blau und grün unterscheiden - κυανέος bezeichnet Blaues, aber nichts Grünes, χλωρός Grünes und Gelbes, aber nichts Blaues -, bestätigt findet.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 09:37 Uhr (Zitieren)
@Bukolos
(den Roman mal aussen vor gelassen, der genießt künstl. Freiheit)
"Eine eigenständige Begriffsprägung für Grün in diesem Sprachraum [d. Griechen] in der Antike findet sich nicht. Eine spezielle Behandlung von Blau oder der Blau-Grün-Beziehung ist nicht gegeben. Erst spätere Texte benutzen das Wort κυανός kyanos für dunklere Blautöne ...
(aus d. wiki-link)"
Die Differenzierung folgte später, es fand eine zeitl. Entwicklung statt.
Ist es nicht toll, dieses von heute aus nachzuvollziehen?
... und dass nicht nur frühe Griechen keine grün-blau-Trennung machten.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Patroklos schrieb am 03.03.2026 um 10:00 Uhr (Zitieren)
Abschweifung:
Der Name des Präsidenten Selenskyj bedeutet „grün“.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 11:00 Uhr (Zitieren)
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 11:21 Uhr (Zitieren)
@Patroklos
das slawische grün зеленый
Es gibt eine Verbindung zum slawischen Gold золото
mgl. ist dann auch eine Verbindung vom slaw. grün zur griech. Selene
Übersetzt
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 04.03.2026 um 06:00 Uhr (Zitieren)
Deinem sinnentstellenden Zitat stelle ich noch einmal den Abschnitt in Gänze gegenüber. Daraus sollte deutlich werden, dass der Satz "Eine eigenständige Begriffsprägung für Grün in diesem Sprachraum in der Antike findet sich nicht" sich nicht auf die Abgrenzung zwischen grün und blau, sondern auf die zwischen grün und gelb bezieht.
Dass κυάνεος bzw. κυανοῦς schon zu Platons Zeiten die Bedeutung "dunkelblau" hatte, wird u. a. aus dem Timaios (68c) deutlich, wo erklärt wird, dass sich Hellblau (γλαυκόν) durch Mischung von κυανοῦν mit Weiß ergibt.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 04.03.2026 um 06:40 Uhr (Zitieren)
Tut mir sehr leid, das war nicht meine Absicht.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 04.03.2026 um 07:05 Uhr (Zitieren)
Sehe gerade, ich zitierte nicht von dir, so gilt denn mein sorry den wiki-autoren.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 04.03.2026 um 10:57 Uhr (Zitieren)
Hier wird doch eindeutig gesagt,
dass ein und das selbe Wort sowohl für grün als auch für blau verwendet wurde.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 04.03.2026 um 12:00 Uhr (Zitieren)
Persephone schrieb am 05.03.2026 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Eigentlich nicht. Es wird an einem Beispiel gezeigt, wie die spätere Zeiten irritierende Verwendung eines Wortes für Dinge aussieht, die andere Sprachen mit klar unterschiedenen Farblexemen bezeichnen würde.
Daraus folgt nicht, dass es nur ein Wort für diese zwei Farben gab oder diese in der Wahrnehmung nicht unterschieden werden konnten.
"Die" Griechen gab es außerdem sehr lange, der zitierte Aristoteles zeigt daher, dass erstens mindestens schon Stage V in dem Sprachentwicklungsmodell von Berlin und Kay erreicht war, und es zweitens sogar eine grundsätzliche chromatische Qualitäten sprachlich unterscheidende Farbtheorie gab. Darunter eben auch
Sie legt auch nahe, dass bei der an sich komplexen Farbwahrnehmung der Aspekt der Luminanz (in einem modernen Farbmodell) besonders wichtig war und Abgrenzungen und Zuordnungen anders beeinflusste als in anderen Sprachen, die systematisch mehr an Farbton und Sättigung orientiert sind.
Vllt. kann man das Problem mit einem
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 05.03.2026 um 00:11 Uhr (Zitieren)
Eigentlich nicht. Es wird an einem Beispiel gezeigt, wie die spätere Zeiten irritierende Verwendung eines Wortes für Dinge aussieht, die andere Sprachen mit klar unterschiedenen Farblexemen bezeichnen würde.
Daraus folgt nicht, dass es nur ein Wort für diese zwei Farben gab oder diese in der Wahrnehmung nicht unterschieden werden konnten.
"Die" Griechen gab es außerdem sehr lange, der zitierte Aristoteles zeigt daher, dass erstens mindestens schon Stage V in dem Sprachentwicklungsmodell von Berlin und Kay erreicht war, und es zweitens sogar eine grundsätzliche chromatische Qualitäten sprachlich unterscheidende Farbtheorie gab. Darunter eben auch κυανός und πράσινος.
Sie legt auch nahe, dass bei der an sich komplexen Farbwahrnehmung der Aspekt der Luminanz (in einem modernen Farbmodell) besonders wichtig war und Abgrenzungen und Zuordnungen anders beeinflusste als in anderen Sprachen, die systematisch mehr an Farbton und Sättigung orientiert sind. Diese Unterschiede in linguistischen Begriffen nachzuzeichnen, ist eigentlich Hauptthema vieler Theorien.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 05.03.2026 um 00:11 Uhr (Zitieren)
Sorry für das fehlerhafte erste Posting.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 05.03.2026 um 09:23 Uhr (Zitieren)
Wenigstens bin ich sehr erfreut, anlässlich der Meeresfarben auf die Entwicklungstheorie der Farbnamen gestossen zu sein, welche auf viele Sprachen zutrifft.
PS.deshalb schrieb ich ja "die frühen Griechen" und
"es fand eine zeitl. Entwicklung statt" s.o.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 06.03.2026 um 01:20 Uhr (Zitieren)
Schade, dass der Wikipedia-Artikel die Quellengrundlage für seine Annahmen nicht transparent macht. So kann man nur mutmaßen, wie die Autor:innen zu ihrem Urteil gelangt sind. In der Sprache der Epik beinhaltete κυάνεος ja lediglich eine Semantik der Dunkelheit (etwa in Bezug auf Haarfarbe, Hautfarbe, Wolken). Möglich, dass in dieser Hinsicht irgendwo auch einmal ein dunkelgrünes Objekt als κυάνεος in der Bedeutung 'dunkel' attribuiert wurde. Der daraus gezogene Schluss wäre dann allerdings unzulässig. Wilhelm Capelle gelangt in einer Untersuchung* der in den homerischen Epen vorfindlichen Farben zu dem Ergebnis: "Gewisse Farben - wie grün, blau und braun - kommen bei Homer überhaupt nicht vor." Das würde heißen, wir können auf Basis von Ilias und Odyssee gar nichts darüber aussagen, wie in der Epoche der Archaik Grün und Blau wahrgenommen wurden.
Für die Zeit der Klassik sieht es besser aus, wie schon Persephones Verweis auf die Farbenlehre des Aristoteles zeigt. Der online gestellte Artikel Farbenlehre** aus dem Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte gibt einen recht guten Überblick über die griechischen Farbenlehren des 5. und 4. Jhs. Aus den dort behandelten Texten sollte deutlich werden, dass zumindest in dieser Zeit Grün und Blau sehr wohl unterschieden wurden.
Zyan, Magenta, Gelb und Schwarz - mehr Farben braucht mein Drucker nicht, um a l l e Farben ausdrucken (und ausdrücken) zu können. Zyan scheint von κυανός zu kommen, interessant. Hat auch Magenta einen griechischen Vorläufer?
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Patroklos schrieb am 06.03.2026 um 10:18 Uhr (Zitieren)
Eher traurig:
Der Name stammt von dem italienischen Ort Magenta in der Nähe von Mailand, als dort in einer Schlacht im Sardinischen Krieg so viel Blut vergossen wurde, dass der Boden diese Farbe annahm. (Wiki)
Der Ortsname geht auf Castra Maxentia bzw Kaiser Maxentius zurück.
Magenta ist die geschützte Farbmarke der Telekom. Warum, kann ich nicht klären.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 06.03.2026 um 10:31 Uhr (Zitieren)
Das ist sehr interessant. Es ist ein Schlüssel für die Entstehungszeit der homerischen Epen. Die sind, da noch auf Stufe III der Farbwortentwicklung, wesentlich älter als die Vorsokratiker.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 06.03.2026 um 13:11 Uhr (Zitieren)
Dass die homerischen Epen vor Xenophanes entstanden sind, der sich gegen Homers Götterdarstellung wandte, war eigentlich bekannt.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Bukolos schrieb am 06.03.2026 um 13:13 Uhr (Zitieren)
Das kann man so sehen (falls man sich auf die Berlin-Kay-Hypothese einlassen will). Allerdings hat das Capelle-Zitat in obigem Argumentationskontext eine andere Funktion: Es soll die Behauptung des von dir zitierten Wikipedia-Artikels entkräften, κύανος bezeichne auch die Farbe "dark green".
Auf Grundlage der Feststellung Capelles müsste zur Stützung dieser Behauptung ein textlicher Beleg dafür gefunden werden, dass κύανος oder κυάνεος etwas Dunkelgrünes bezeichnet, der nicht aus den homerischen Epen (oder auch späteren Epen, die den Sprachgebrauch Homers übernehmen) stammt. Der Artikel selbst schweigt, wie gesagt, zu seinen Quellen.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 06.03.2026 um 13:27 Uhr (Zitieren)
Was spricht gegen diese Theorie? Die haben 96 Sprachen daraufhin untersucht.
Der Capelle-Aufsatz enthält ja noch weitere Informationen über die gravierenden Probleme, welche die Griechen immer wieder mit der Benennung der Farbe blau haben, die tun sich schwer damit. Er hat das Blau speziell unter die Lupe genommen.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 06.03.2026 um 14:01 Uhr (Zitieren)
im Übergangsbereich gibt es Unterschiede im Farbempfinden
Als kleines Kind war ich einmal völlig verblüfft, als jmd. eine Schüssel von der Farbe des punktierten Mittelstrichs (sh. link) grün nannte, für mich war die ohne Zweifel blau.
Die Farbgrenze ist bis heute nicht ganz geheuer.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 06.03.2026 um 23:53 Uhr (Zitieren)
Hier zwei Studien zur Intersubjektivität von Farbempfindung, die zweite besonders aufschlußreich hinsichtlich der Frage blau/grün:
Persephone schrieb am 07.03.2026 um 02:52 Uhr (Zitieren)
https://ismy.blue/
Your boundary is at hue 176, bluer than 75% of the population. For you, turquoise is green.
Interessanter Test mit vielen Einschränkungen, aber er behandelt doch letztlich die Zuordnung von sehr, sehr vielen visuellen Abstufungen des Blau-Grünspektrums zu zwei Grundfarblexemen, deren grundsätzliche Unterscheidbarkeit sowohl in der Wahrnehmung als auch sprachlich die Voraussetzung für den Test ist. Der Test ist also ein binäres Zwangsentscheidungssystem, das eine kategoriale Zuordnung erzwingt, wo wahrnehmungsphysiologisch ein Kontinuum vorliegt.
Übertragen auf die griechische Antike, gäbe man also z.B. einem Zeitgenossen Homers (oder Aristoteles) ein Tablet mit dem Test, lautet die Frage aber eigentlich, ob man ihn sprachlich überhaupt hätte durchführen können, bzw. welche zwei Wörter verwendet worden wären, um die subjektive Grenze der Zuordnung von visuellen Abstufungen des Blau-Grünspektrums zu einem der beiden abzuklären.
Einiges spricht dafür, dass so abstrakte unterschiedlos auf beliebige Objekte der Welt anwendbare Farbbezeichnungen wie grün oder blau lange nicht existierten, die von jeder zusätzlichen sinnlichen visuellen Qualität, die mit dem Farbeindruck einhergeht, absehen. Man hätte Homers Zuhörer also vllt. nur fragen können: Erinnert dich das eher an frisch sprießendes Gras, Blätter im Frühjahr oder an den tiefen, drohende Glanz eines Gewitterhimmels oder von Lasurstein? Nicht aber: Ist das grün oder blau?
Dass andererseits z.B. κύανος oder κυάνεος irgendwann nur dunkel bedeutete, halte ich für fragwürdig, denn das würde ihnen einen abstrakten Helligkeitswert ohne jegliche chromatische Bedeutung zuordnen, der sich auf viel mehr Dinge hätte anwenden lassen (z.B. Schatten, Höhlen oder die Nacht universell), als das der Fall scheint. Das gilt auch für verwandte abstrakte Begriffe wie tiefer oder dunkler Glanz, sofern sie von jedem chromatischen Aspekt absehen.
Es scheint dagegen gerade das Fehlen solcher visuelle Phänomene separierender abstrakter Ausdrücke gewesen zu sein, die die Farbwahrnehmung der Griechen zumindest vor dem Auftreten von universalen Farbtheorien fast wie ein Mosaik aus kulturell bedeutsamen Referenzobjekten erscheinen lässt, das den Bezug zur Welt, in der Farbe immer Farbe von etwas ist, das auch noch andere visuelle Eigenschaften hat, nie ganz verliert.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 07.03.2026 um 03:01 Uhr (Zitieren)
… was die Farbwahrnehmung
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 07.03.2026 um 07:10 Uhr (Zitieren)
@Bukolos
Das wäre optimal. Wenn du es nicht finden kannst, fürchte ich, das gesuchte Puzzelsteinchen ist sehr gut versteckt.
@στρουθίον οἰκιακόν
Deine links passen gut zum Test des Farbempfindens. Wie erwartet fiel er bei mir zugunsten von blau aus. Das betrifft vor allem jene Steine, wie sie von den Navajos getragen werden. Ich sah auch einmal welche, die sogar für mich deutlich grün sich zeigten, leider weiss ich nicht mehr wo das war.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 07.03.2026 um 07:34 Uhr (Zitieren)
Zur den Berlin-Kay-Farbnamenstufen
(Die Autoren konnten zuerst selbst nicht sagen, welches die Ursache für ihren Befund ist.)
I schwarz-weiss / hell-dunkel
Das ist der Kontrast. Er wird zuerst benannt.
Druck, Foto, Film, TV starteten auch schwarz-weiss, bes. wenn es um Massenverbreitung ging. Der Kontrast genügte anfänglich.
II rot
das Blut, Alarmstufe wenn jmd. verletzt ist
III grün oder gelb
Die Vegetation
IV grün und gelb
wachsende und reife Vergetation (Getreide)
V blau
Himmel und Wasser nehmen manchmal diese Farbe an, sie kann grosse Flächen einnehmen, ist aber wechselhaft
(dann erst die Mischtöne, deren Hintergrund bzgl. ihrer Reihenfolge kann ad hoc nicht runterbrechen)
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 07.03.2026 um 14:32 Uhr (Zitieren)
So wie ich das Modell verstehe, geht es nur um monolexemische, hochgradig abstrakte und daher auf beliebige Objekte anwendbare Farbwörter(Basic Color Terms). Berlin und Kay behaupten nicht, dass das irgendeine biologisch-evolutionäre Entwicklung der Farbwahrnehmung sprachlich abbilde und auch nicht, dass es neben diesen nicht andere, aber diese drei Grundkriterien nicht erfüllende Farbbezeichnungen gegeben hätte. Es ist eine vielfach kritisierte Theorie der kognitiv-linguistische Evolution einer ganz bestimmten Klasse von Wörtern.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 07.03.2026 um 14:36 Uhr (Zitieren)
... meine Interpretation der Reihenfolge ist nirgends abgeschrieben.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Persephone schrieb am 07.03.2026 um 14:50 Uhr (Zitieren)
Hatte ich auch nicht angenommen, es ging mir um die funktionale Erklärung der Entwicklung. Die ist aus meiner Sicht nicht Teil dieser Theorie dieser bestimmten Klasse von Wörtern, der sie sich widmet. Niemand braucht z.B. ein monolexemisches, abstraktes und daher auf beliebige Objekte der Welt anwendbares Wort wie rot, um reife oder giftige Früchte in der Kommunikation zu unterscheiden oder vor Blut zu warnen.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
Patroklos schrieb am 07.03.2026 um 14:57 Uhr (Zitieren)
Hier eine einfache Lösung:
Grün, grün, grün sind alle meine Kleider,
Grün, grün, grün ist alles was ich hab’.
Darum lieb ich alles, was so grün ist,
Weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist.
Blau, blau, blau sind alle meine Kleider,
Blau, blau, blau ist alles was ich hab’.
Darum lieb ich alles, was so blau ist,
Weil mein Schatz ein Seemann, Seemann ist.
Etc.
Re: Die Griechen und die Farben des Meeres
βροχή schrieb am 07.03.2026 um 15:04 Uhr (Zitieren)
@Partoklos,
das Camo, die einen lieben es, die anderen hassen es.
Ja, es ist ein bisschen militaristisch. Ich mag es trotzdem, weil es sich der Natur anpasst.