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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine noch aktuelle Schriftrolle (371 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.04.2026 um 00:41 Uhr (Zitieren)
Ich glaube, es ist einzigartig: Bis heute muß die in der Synagoge, im Gottesdienst verwendete Ausgabe der Thora eine Schriftrolle sein.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
info schrieb am 05.04.2026 um 15:25 Uhr (Zitieren)
1. Form und Material (Halachische Vorgaben)
Damit eine Tora-Rolle im Gottesdienst als "koscher" gilt und aus ihr mit dem entsprechenden Segen gelesen werden darf, muss sie bestimmte Kriterien erfüllen:
Handgeschrieben: Sie muss von einem speziell ausgebildeten Schreiber (Sofer) von Hand mit einer Feder (meist von einer Gans oder einem Truthahn) geschrieben sein.

Pergament: Das Schreibmaterial muss Pergament von einer rituell reinen Tierart sein.
Keine Vokale oder Satzzeichen: Im Gegensatz zu gedruckten Bibeln enthält die Rolle nur Konsonanten. Vokalzeichen oder musikalische Akzente (Te'amim) dürfen nicht in der Rolle stehen; der Vorleser muss diese auswendig beherrschen oder zuvor aus einem Buch üben.

2. Der Unterschied zum "Chumasch"
Zwar besitzen fast alle Gemeindemitglieder und Synagogenbesucher während des Gottesdienstes ein gedrucktes Buch der fünf Bücher Mose (den sogenannten Chumasch), in dem auch Kommentare und Vokalzeichen stehen. Doch dieses Buch dient nur dem Mitlesen und Studium.
Die rituelle Pflicht: Die öffentliche Lesung, die einen wesentlichen Teil des jüdischen Gottesdienstes (besonders am Schabbat, an Feiertagen sowie Montags und Donnerstags) darstellt, ist nur dann gültig, wenn sie aus der handgeschriebenen Rolle erfolgt.

3. Symbolik und Kontinuität
Die Beibehaltung der Rollenform ist ein bewusstes Zeichen der Kontinuität:
Es symbolisiert die Unveränderlichkeit des göttlichen Wortes.
Die Tora-Rolle gilt als das heiligste Objekt im Judentum. Wenn sie in die Synagoge getragen wird, stehen die Anwesenden aus Respekt auf.


Ursprung: Die öffentliche Lesung wurde durch Esra (ca. 450 v. Chr.) eingeführt.
Rechtliche Fixierung: In der Talmud-Zeit (ca. 200–500 n. Chr.) wurde die Rolle als einziges rituelles Medium festgeschrieben, um sie von profanen Büchern abzugrenzen.

Status Quo: Seit etwa 2.000 Jahren hat sich an dieser Form nichts geändert. Während die Welt zum Buch und später zum digitalen Text überging, blieb die Synagoge bei der handgeschriebenen Pergamentrolle.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 05.04.2026 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Ich glaube, es ist einzigartig


In Japan werden kalligraphische Schriftrollen verwendet.

Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Patroklos schrieb am 05.04.2026 um 16:58 Uhr (Zitieren)
Zeitungsstock bzw Zeitungshalter sind cafehäusliche Spätformen der Schriftrollen. Inhaltliche Parallele: All the News That‘s Fit to Print. (NYT)
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 06.04.2026 um 17:56 Uhr (Zitieren)
Daß es das in Japan noch gibt, mag sein. Wofür werden sie verwendet?

Die Sache mit der Thora-Rolle ist ja allgemein bekannt, aber ich hatte sie mir in ihrer historischen Dimension noch nicht bewußt gemacht.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 06.04.2026 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Gedichte oder Sprüche zu kalligraphieren und an die Wand zu hängen, Kunst.
Viell. auch in China, das weiss ich nicht so ganz.


Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 06.04.2026 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Also nicht in einem kultischen Zusammenhang?
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 06.04.2026 um 18:30 Uhr (Zitieren)
Bei den Juden steht es ja so, daß beim Gottesdienst noch heute aus einer Schriftrolle vorgelesen wird - und es muß eine Schriftrolle sein.
Nur bei der privaten Frömmigkeit ist die Thora als Buch erlaubt.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 06.04.2026 um 18:34 Uhr (Zitieren)
... die machen schon einen Kult um die Kalligraphie, sie ist stark beeinflusst vom Zen und mit der Teezeremonie verbunden.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 06.04.2026 um 18:38 Uhr (Zitieren)
Die Thorarollen, die sind heilig, sie werden nicht durch gebundene Schriften ersetzt.

Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Patroklos schrieb am 06.04.2026 um 18:44 Uhr (Zitieren)
Legitimation durch Tradition. Aktuell: Pessach, die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten.
Auch Abendmahl. Kontinuität.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 06.04.2026 um 18:52 Uhr (Zitieren)
Aber weder im Christentum noch im Islam gibt es die Verbindlichkeit der Schriftrolle.

Ja, im Zen hat die Kalligraphie eine Bedeutung, doch kenne ich sie auch in diesem Zusammenhang nicht als "Buch" in dieser urtümlichen Form.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 06.04.2026 um 19:05 Uhr (Zitieren)
die Rolle wird wie ein Bild an die Wand gehängt, das Betrachten gehört zur Teezeremonie.

Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Persephone schrieb am 07.04.2026 um 01:05 Uhr (Zitieren)
Hat diese Anhänglichkeit des Judentums an die Schriftrolle nicht auch damit zu tun, dass das frühe Christentum den aufkommenden Kodex für sich entdeckte und ihn als symbolisches Medium des Neuen nutzte? Die Bibel im Singular ist ja nicht nur ein teilweise gemeinsamer Textbestand, sondern auch eine christliche Marke als sichtbare Einheit einer Vielheit von Schriften in der Gestalt des Kodex und seiner Nachfolger.

Gerade diese Verbindung von Kodex und christlicher Identität war so erfolgreich, dass der jüdische liturgische Schlüsseltext bis heute in der Form der Rolle erscheint als bewusste Fortführung einer Unterscheidungslogik, die sich früh herausgebildet hatte und das Judentum in der Liturgie in die Defensive der Bewahrung drängte.
Denn auch wenn sich das Judentum sonst (mit gewisser Verzögerung) mit dem Kodex und damit dem Buch anfreundete, blieb die Rolle dort erhalten, wo es um den Kern der eigenen Schriftkultur geht.

So weit reicht diese Logik, dass selbst in den liberalsten Reformrichtungen, in denen eine Frau patrilinearer Abstammung Rabbinerin und Kantorin einer Gemeinde sein kann, aus der Buchrolle gelesen werden muss. Das ist, scheint es, nicht verhandelbar.

Vergleichbares gilt auch für die Sprache, oder? Wo immer die Tora-Rolle ausgerollt wird, sie muss in Hebräisch geschrieben sein und auch vorgelesen werden, während das Christentum nicht nur die physisch-mediale Gestalt ihres liturgischen Schlüsseltextes weitgehend transzendiert hat, auch wenn in der Messe gerne dicke Bücher herumliegen, sondern vor allem mit der Aufgabe der lateinischen Messe, ihre einheitliche sprachliche Erscheinungsform.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Persephone schrieb am 07.04.2026 um 01:10 Uhr (Zitieren)
… seines liturgischen
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Persephone schrieb am 07.04.2026 um 01:40 Uhr (Zitieren)
Der Koran wäre dann quasi eine hybride Mischung unter diesen Gesichtspunkten. Als er die Welt betritt, ist diese mediale identitätsstiftende Abgrenzung zwischen Kodex und Rolle schon zementiert, letztere außerhalb dieses liturgischen Kontextes mehr oder minder ein kulturelles Fossil.

Folglich wird er Kodex bzw. Buch (ein neues Medium der schriftlichen Fixierung und Verbreitung steht ihm nicht zur Verfügung), aber bis heute hält der Islam (ähnlich wie das Judentum) in Rezitation und Gebet an der Originalsprache fest.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 05:26 Uhr (Zitieren)
dass der jüdische liturgische Schlüsseltext bis heute in der Form der Rolle erscheint als bewusste Fortführung einer Unterscheidungslogik, die sich früh herausgebildet hatte


Gibt es dafür eine Quelle?
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Aurora schrieb am 07.04.2026 um 07:21 Uhr (Zitieren)
Das sagt meine KI dazu:

Wissenschaftliche Belege für die Rolle als Distinktionsmedium

Die Beibehaltung der Rolle für jüdische liturgische Schlüsseltexte (insbesondere die Tora) als bewusste Abgrenzung zum christlichen Codex ist in der Forschung gut dokumentiert. Die folgenden Quellen stützen diese Unterscheidungslogik:

1. Guy G. Stroumsa: "The Scriptural Movement"
Stroumsa argumentiert, dass der Übergang von der Rolle zum Codex in der Spätantike kein rein technischer Fortschritt war. Während das Christentum den Codex wählte, um sich als neue, mobile Missionsreligion zu definieren, blieb das Judentum bei der Rolle, um die rituelle Kontinuität und die Unveränderlichkeit der Offenbarung zu betonen.

2. Anthony Grafton & Megan Williams: "Christianity and the Transformation of the Book"
Die Autoren zeigen auf, wie der Codex zum Identitätsmerkmal der frühen Kirche wurde. Das Judentum reagierte darauf mit einer mediale Zweiteilung: Der Codex wurde für das private Studium akzeptiert, während für den sakralen Raum (Synagoge) die Rolle zwingend vorgeschrieben blieb, um die Heiligkeit des Textes gegenüber christlichen Gebrauchsmedien abzugrenzen.

3. Emanuel Tov: "Scribal Practices and Approaches"
Tov belegt, dass die strengen rabbinischen Vorschriften für die Herstellung von Torarollen (Material, Format, Schriftbild) genau in der Zeit kanonisiert wurden, als das Christentum den Codex forcierte. Die Rolle wurde somit zu einem gesetzlich fixierten (halachischen) Identitätsmerkmal.

4. Peter Schäfer: "Der Codex und die Juden"
Der Judaist Peter Schäfer untersucht spezifisch den Widerstand des rabbinischen Judentums gegen den Codex im liturgischen Kontext. Er beschreibt die Rolle als bewusste Entscheidung für die Tradition und als Schutzwall gegen die christliche Aneignung der Hebräischen Bibel.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 09:44 Uhr (Zitieren)
"Wissenschaftliche Belege"

dazu müssten Ausgabe und Seiten angegeben sein.

zB. Pkt. 4 gibt es dieses Werk überhaupt?

Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
info schrieb am 07.04.2026 um 10:14 Uhr (Zitieren)
Titel: Der Codex und die Juden
Erscheinungsjahr: 2005

Der Beitrag erschien als Kapitel in dem Sammelband:
Schäfer, Peter: Recht – Geschichte – Religion. Ausgewählte Aufsätze zur jüdischen Antike. Herausgegeben von Seth Schwartz und Klaus Herrmann, Tübingen (Mohr Siebeck) 2005.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Bukolos schrieb am 07.04.2026 um 10:27 Uhr (Zitieren)
Was sagt denn deine KI, wenn du sie nach der ISBN des Bands fragst?
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 07.04.2026 um 10:48 Uhr (Zitieren)
Ob das nicht irgendwie doch zu erreichen ist, daß unsere KI-Freunde die Angaben wenigstens mal überprüfen, bevor sie damit an die Öffentlichkeit gehen?
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 11:12 Uhr (Zitieren)
Bei Mohr Siebeck kann man gezielt nach einzelnen Artikeln suchen,
einen Aufsatz "Der Codex und die Juden" gibt es dort nicht.


KI generiertes soll einen wissenschaftlichen Anstrich vortäuschen.



Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 11:15 Uhr (Zitieren)

Meine ursprüngliche Frage (07.04.2026 um 05:26 Uhr) ist noch offen.




Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 11:21 Uhr (Zitieren)
Mir scheint die genannte "früh herausgebildete Unterscheidungslogik" von seiten der Juden bisschen zweifelhaft, weil sich die Verwendung der Codexform im Christentum nur sehr langsam im laufe von Jahrhunderten durchgesetzt hat.






Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Γραικύλος schrieb am 07.04.2026 um 11:22 Uhr (Zitieren)
Es gibt dieses Werk nicht. Aus solchen Erfahrungen ziehen die KI-Freunde leider keinerlei Konsequenzen.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
??? schrieb am 07.04.2026 um 11:26 Uhr (Zitieren)
Wie kann KI so etwas halluzinieren?
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 11:31 Uhr (Zitieren)

... diese Erfahrung machten wir schon mehrmals. Diesmal wollte ich das KI-zeugs nicht ignorieren, um die Chance auf eine echte Quelle durch fake-wissenschaft nicht verbauen zu lassen.


Wie kann KI so etwas halluzinieren?


Wie kann man so naiv an eine Fatamorgana glauben, die mehr als einmal sich in der Luft auflöste? Noch dazu wenn man Wissenschaftlichkeit wie eine Monstranz vor sich herträgt?



Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 07.04.2026 um 12:05 Uhr (Zitieren)

Fazit:

Eines haben die Schriftrollen gemeinsam, sie werden von Hand geschrieben. Es ist eine Kunst, der Perfektion verpflichtet, ob Thora oder Zen.




Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
meine Meinung schrieb am 07.04.2026 um 12:46 Uhr (Zitieren)
Es ist eine Kunst, der Perfektion verpflichtet, ob Thora oder Zen.

Was nützt die schönste Kunst noch , wenn der Inhalt
fragwürdig und voller Inhumanität und
Absurditäten ist, die man natürlich als
zeitbedingt verstehen und erklären muss
um Anachronismen zu vermeiden?
Die Werte von einst sind nicht die heutigen v.a.
unter aufgeklärten, rational denkenden Menschen.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Persephone schrieb am 08.04.2026 um 19:54 Uhr (Zitieren)
The diffusion of the codex and its late adoption by the Jews

A codex is composed of quires comprising a number of folded bifolia which, after being sewn and bound, allowed easy leafing through the book. The diffusion of codex production in the regions around the Mediterranean basin and the gradual supplanting of the old scroll form were a product of both material and cultural factors. As a receptacle of texts, the codex is more capacious, more durable, and easier to use, to carry about, and to store than the scroll. There is no doubt that the technological transition from scroll to codex left a revolutionary imprint on the cultural history of these regions.

The Christians adopted the codex as early as the first centuries of the Common Era for the dissemination of their holy scriptures; after 300 C.E. the codex increasingly became the main book‑form used for Greek, Latin, and Coptic Christian texts. Gradually, the book‑form of classical non‑Christian, so‑called pagan literature, took in its turn the shape of the codex, until the scroll’s eventual disappearance in the sixth century C.E., when it no longer served as a vehicle for literary texts. 4The Jews, on the other hand, adopted the codex much later, not before the Muslim period and the beginning of the Geonic literary activity, and presumably no earlier than the eighth century. This is attested by the contextual uses of the word sefer (ספר) in talmudic and Midrashic literature, as well as by the finds of books in Hebrew scripts, by literary testimonies, and by the terms used for “codex” in Hebrew sources.

….

Roberts and Skeat contend that the Jews, who wrote their scriptures on scrolls according to the dictates of Jewish law, were unlikely to replace them with codices. The Christians, on the other hand, did not refrain from adopting the revolutionary codex technology in order to propagate their holy writs. It may be that the desire to differentiate themselves from the Jews (and from the pagans of that era), who persisted in writing their scriptures on scrolls, was another reason for Christians to adopt the codex form, apart from its evident practical advantages. 16 One may presume that the diffusion of the codex among the Christians elicited a counter‑response from the Jews, who must have been reluctant to adopt this book‑form because of its associations with Christianity, and that they therefore adhered to the ancient form of the scroll for several more centuries in order to differentiate themselves from the Christians.

4 See Turner, Early Codex; Roberts & Skeat, Birth of the Codex, p. 75; I.M. Resnick, ‘The Codex in Early Jewish and Christian Communities’, The Journal of Religious History, 17 (1972–1973), pp. 1–17; M. McCormick, ‘The Birth of the Codex and the Apostolic Life-Style’, Scriptorium, 39 (1985), pp. 150–158; J. van Haelst, ‘Les origines du codex’, in Les débuts du codex – Actes de la journée d’étude organisée à Paris les 3 et 4 juillet 1985, ed. A. Blanchard (Bibliologia 9), Turnhout 1989, pp. 13–35. For a summary of the earlier literature, see C.C. Crown, ‘Codex and Roll in the NT’, Harvard Theological Review, 34 (1941), pp. 219–250. The transition from the scroll form to the codex more or less overlapped the transition from papyrus to parchment as writing material; however, the finds detailed by Turner show that the two transitions were not interdependent processes. Roberts & Skeat contend that the possibility that the papyrus codex and the parchment codex developed concurrently should not be discounted, and that in any case, the transition from papyrus to parchment was unrelated to the transition from the scroll to the codex (ibid., pp. 5-19)



16 Roberts & Skeat, Birth of the Codex, p. 60. Katz had already suggested that the use of the codex instead of scrolls by the early Christians was motivated by a desire to visibly distinguish Christianity from Judaism. See P. Katz, ‘The Early Christians’ Use of Codices instead of Rolls’, JTS , 46 (1945), pp. 63–65. Saul Lieberman argued that by adopting the codex the early Christians were imitating the Jews, as he believed that the transition from scroll to codex originated in a Jewish custom. His argument relies on the mention in the talmudic and Midrashic literature of the second half of the second century of another container of written texts other than the scroll, called פנקס (pinkas). See Lieberman, Hellenism , pp. 203-208. This loanword from Greek (πίυαζ) was used to designate a device made of joined wooden plates, used for writing lists and accounts and known from archaeological finds and paintings of the Greco-Roman world. Even if we surmise that the pinax , which can be viewed as a sort of proto-codex, was in use by Palestinian Jews before it came to be used in the Roman world, the פנקס mentioned in the talmudic and Midrashic literature was in no way the forerunner of the codex but rather a variation of the scroll. As Menahem Haran correctly concluded from several descriptions of the קס פנ mentioned in the Talmud and Midrash for metaphorical purposes, this was not the Roman pinax, which plates were attached to one common axis and which might have been a precursor of the codex, but rather a concertina-like device used earlier among the Greeks. A pinax of that kind was made of concatenated slats, each attached at its end to the top of the next one by an axis. In this manner each slat was fastened to two axes, one at its top and the other at its bottom. See M. Haran, ‘Codex, Pinax and Writing Slat’, in Studies in Memory of Abraham Wasserstein , vol. 1, ed. H.H. Cotton, J.J. Price & D.J. Wasserstein, [special issue, ScriptaClassica Israelica , 15 (1996), pp. 212–222]. The use of this kind of pinax is also evidenced in visual representations of Babylonian, Aramaic, and Egyptian scribes in antiquity, and similarly by other finds. See C. Sirat, ‘Le codex de bois’, in Les d ébuts du codex (above, n. 4), pp. 37–40.


Malachi Beit-Arié: Hebrew Codicology, S.39 und S. 42f., zitiert nach der englischen Preprint-Übersetzung auf:
https://www.nli.org.il/media/4975/hebrew-codicology-continuously-updated-online-version-eng.pdf

Zum Autor bzw. seinem Standardwerk:
https://www.csmc.uni-hamburg.de/news/2022-01-05-hebrew-codicology-english.html
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 09.04.2026 um 07:05 Uhr (Zitieren)
One may presume that the diffusion of the codex among the Christians elicited a counter‑response from the Jews, who must have been reluctant to adopt this book‑form because of its associations with Christianity, and that they therefore adhered to the ancient form of the scroll for several more centuries in order to differentiate themselves from the Christians.



Thanks for the information.
That’s just a guess. In my opinion, that guess doesn’t make sense. I don’t think the Jews designed their own sacred objects to be different from others.
They simply followed their own religious rules, just as they had done before—why not? They don’t need Christians for that.







Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
Persephone schrieb am 09.04.2026 um 22:27 Uhr (Zitieren)
I don’t think the Jews designed their own sacred objects to be different from others. They simply followed their own religious rules, just as they had done before—why not? They don’t need Christians for that.


Das ist so nicht die These oben bzw. die historische Ausgangslage. Die Trennungsgeschichte von Judentum und Christentum, vom innerjüdischen Richtungsstreit bis zur Etablierung der römischen Reichskirche, stellt einen jahrhundertelangen, hochkomplexen Prozess dar, der eng mit der Entwicklung der Schriftkultur und Mediengeschichte verknüpft ist.

Die Adaption des revolutionären Codex, der weder jüdischen noch christlichen Ursprungs ist, aber eine attraktive technische Innovation, überschneidet sich dabei eng mit dieser im Rückblick nicht minder revolutionären Trennung der Religionen. Dabei treten auffällige Divergenzen zutage: Während die junge Kirche den Codex früh und dominant als ihr primäres Textmedium besetzte, verharrte das Judentum in einer signifikanten zeitlichen Verzögerung. Dieser Vorbehalt gegen den Codex bleibt bei spezifischen liturgischen Texten teilweise bis heute wirksam, obwohl das Buchformat in seiner modernen Ausprägung global längst den Sieg über die Rolle davongetragen hat. Auch im Judentum außerhalb der engen liturgischen Sphäre. Das war eigentlich der Ausgangspunkt des Threads.

Während über diesen Befund weitgehend Konsens herrscht, bleiben die Ursachen in der komplizierten historischen Gemengelage der ersten Jahrhunderte umstritten. Fußnote 16 bietet dabei nur einen kleinen Ausschnitt des Diskussionsstands der in den letzten vierzig Jahren angewachsenen Literatur zu dieser Frage.

Malachi Beit-Ariés zitierte Vermutung besagt im Grunde, dass die Wirkung dieser Prozesse reziprok verlief. Demnach folgte das übrigens selbst pluralistische Judentum sehr wahrscheinlich nicht etwa unbeirrt in starrer Tradition, sondern verhielt sich zur frühen Annahme der Innovation durch die andere Seite.

Sobald der Codex durch die christliche Bewegung ein Ausmaß an Verbreitung erreichte, das ihn zum wiedererkennbaren, identitätsstiftenden Attribut einer konkurrierenden religiösen Bewegung im sich überschneidenden Kulturraum machte, wird die Beibehaltung der Rolle für das Judentum unweigerlich zu einem Akt der Distinktion. Das ist keine Frage des Brauchens. Auch hier gilt natürlich, dass das im Detail vielgestaltige Prozesse sind mit sich überlagernden Motiven, die Lage ist weitaus komplexer als sich uns heute diese klare Zuordnung darbietet.

Dass diese Distinktion der beiden über Textmedien im weiteren Verlauf auch ikonographisch sehr gut funktioniert hat, zeigen u.a. frühchristliche Mosaiken (wie z.B. San Vitale im Ravenna), auf denen u.a. die Propheten des Alten Testaments Schriftrollen bei sich führen, Moses aus der Wolke eine solche gereicht bekommt, die Evangelisten aber lateinische Codices präsentieren.
Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 10.04.2026 um 07:32 Uhr (Zitieren)
Du sagst es ja jetzt selber, dass es nur eine Vermutung ist.

wird die Beibehaltung der Rolle für das Judentum unweigerlich zu einem Akt der Distinktion.


Das soll wohl heißen, wer etwas anderes nicht nach macht, handelt das um des Unterschieds willen?
Sorry, das ist nicht plausibel.
Es ist mind. enbenso wahrscheinlich, wenn nicht wahrscheinlicher, dass der Unterschied in einzelnen Punkten eher einkauf genommen als angestrebt wird.










Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 10.04.2026 um 07:33 Uhr (Zitieren)
Sry. Tippo

einkauf. inkauf











Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 10.04.2026 um 07:37 Uhr (Zitieren)

bleiben die Ursachen in der komplizierten historischen Gemengelage der ersten Jahrhunderte umstritten.


Folglich, kann man nicht davon ausgehen, die Ursache zu kennen.








Re: Eine noch aktuelle Schriftrolle
βροχή schrieb am 10.04.2026 um 08:34 Uhr (Zitieren)

... wären die Christen bei der Schriftrolle geblieben, wären die Juden zum Codex gewechselt, weil sie sich abheben wollten?

ältere Religion, ältere Gepflogenheiten,
das ist die erste Logik, wenn die funktioniert,
sind kompliziertere unwahrscheinlicher.







 
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