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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
An einen Schmeichler (312 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.06.2026 um 14:59 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Aussprüche von Spartanern (Moralia 229 E):

Lysandros war ein spartanischer Admiral während des Peloponnesischen Krieges.
In answer to a man who said that he commended him and was very fond of him, he [sc. Lysandros] said, “I have to oxen in a field, and although they both may utter no sound, I know perfectly well which one is lazy and which one is the worker [δύο βοῦς ἔχω, ἔφη, ἐν ἀγρῷ. σιγνώντων δ’ ἀμφοτέρων, ἀκριβῶς ἐπίσταμαι τόν τε ἀργὸν καὶ τὸν ἐργαζόμενον].”

[Plutarch: Moralia III. Ed. by Frank Cole Babbitt. Cambridge (Mass.)/London 72004, pp. 374-377]
Re: An einen Schmeichler
info schrieb am 16.06.2026 um 18:07 Uhr (Zitieren)
Das Wesen des Schmeichlers

Das Wesen des Schmeichlers ist eines der ältesten und am schärfsten analysierten psychologischen Profile der Kulturgeschichte. Seit der Antike gilt der Schmeichler nicht einfach als netter Mensch, sondern als manipulativer Täuscher, der Anerkennung vortäuscht, um eigenen Nutzen daraus zu ziehen.

Bereits der antike Philosoph Theophrast widmete ihm ein eigenes Kapitel in seinen Charakteren, und Plutarch schrieb einen berühmten Essay darüber, wie man einen Schmeichler von einem echten Freund unterscheidet.

Das Wesen des Schmeichlers lässt sich durch folgende Kernmerkmale beschreiben:

Das Chamäleon-Prinzip (Anpassung)
Der Schmeichler hat keine feste eigene Meinung oder Persönlichkeit, die er verteidigt. Er spiegelt die Person wider, der er schmeicheln will. Er lacht über deren schlechte Witze, pflichtet jeder Behauptung bei und passt seine Interessen blitzschnell an die des Gegenüber an.

Ausnutzung von Eitelkeit und Unsicherheit
Ein Schmeichler sucht gezielt nach den Schwachstellen (den blinden Flecken) seines Opfers. Er lobt genau die Eigenschaften, auf die der andere stolz ist oder bei denen er Bestätigung sucht. Er füttert das Ego, um das kritische Denken der Zielperson auszuschalten.

Asymmetrie und Nutzenkalkül
Hinter jeder Schmeichelei steckt eine versteckte Agenda – sei es Status, Geld, Absicherung, Macht oder die Vermeidung von Konflikten. Sobald das Opfer seine Macht oder seinen Nutzen verliert, verliert der Schmeichler schlagartig das Interesse und zieht weiter.

Der Unterschied zum echten Freund
Die Antike unterschied Schmeichler und Freunde anhand der Parrhesia (der ehrlichen, offenen Rede):

Der Freund sagt die Wahrheit, auch wenn sie schmerzt oder zu einem Konflikt führt, weil ihm das Wohl des anderen am Herzen liegt.

Der Schmeichler sagt nur, was der andere hören will, und schadet ihm damit langfristig, weil er Fehlverhalten oder fatale Illusionen bestärkt.

Toxische Loyalität
Der Schmeichler isoliert sein Opfer oft subtil von anderen. Indem er dem Mächtigen oder Wohlhabenden einredet, dass nur er es ehrlich meine und alle anderen Neider seien, schafft er ein Abhängigkeitsverhältnis.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 17.06.2026 um 08:30 Uhr (Zitieren)
Mit dem Lob zwar nicht geizen, aber auch nicht zu verschwenderisch zu sein.

Re: An einen Schmeichler
Patroklos schrieb am 17.06.2026 um 11:43 Uhr (Zitieren)
Schmeicheln geht wohl zurück auf liebkosen, berühren (smeichen/smeken), wird später zu Schönreden etc. Die Bedeutung „liebevoll streichen/streicheln“ führt zu „Schminke“, Streichmasse.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 17.06.2026 um 13:35 Uhr (Zitieren)

... die Erklärung passt gut,
man sagt ja auch metaphorisch der wurde gestreichelt.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 17.06.2026 um 13:37 Uhr (Zitieren)

... dem wurde Honig um den Mund geschmiert, wie
eine Schminke
Re: An einen Schmeichler
Γραικύλος schrieb am 17.06.2026 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Wie ist der Vergleich mit den beiden Ochsen zu verstehen?

Ich fasse es so auf: "Du brauchst gar nicht so viel zu reden; selbst bei stummen Tieren weiß ich genau, ob sie etwas taugen."
Re: An einen Schmeichler
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 17.06.2026 um 14:32 Uhr (Zitieren)
So sehe ich das auch, Γραικύλε.
Mein Vorschlag: "Spar dir den Atem: selbst bei stummen Ochsen erkenne ich genau, welcher etwas taugt."
Re: An einen Schmeichler
Patroklos schrieb am 17.06.2026 um 14:54 Uhr (Zitieren)
Ein Versuch:
Der Schmeichler redet nur, die Ochsen arbeiten/ziehen.
Deren jeweilige Arbeitskraft zeigt sich im physischen Zustand (Ausmergelung).
Bilden die beiden Ochsen ein Gespann, dann könnten sie gleichwohl erkennbar unterschiedlich sein aufgrund (infolge?) ihres Einsatzes.
(Schein und Sein-Variante?)
Urbane Theorie…
Re: An einen Schmeichler
Γραικύλος schrieb am 17.06.2026 um 15:37 Uhr (Zitieren)
P.S:
to oxen --> two oxen

Aber das war wohl klar.
Re: An einen Schmeichler
Γραικύλος schrieb am 17.06.2026 um 15:56 Uhr (Zitieren)
ἀργός: faul, träge, den Acker nicht bestellend

Woran auch immer der Bauer das erkennen mag hier geht es um das "σιγνώντων δ’ ἀμφοτέρων, ἀκριβῶς ἐπίσταμαι ...": er braucht dafür nicht das Geschwätz des Schmeichlers, der seinen Verstand benebeln will.
Re: An einen Schmeichler
info schrieb am 17.06.2026 um 17:33 Uhr (Zitieren)
ἀργός: faul, träge, den Acker nicht bestellend

Ursprünglich war es nicht auf den Acker beschränkt:

Ursprung: Es handelt sich um ein zusammengesetztes Wort. Es entstand durch Kontraktion (Zusammenziehung) aus dem älteren homerischen Wort aergos (ἀεργός).

Bestandteile:
a- (alpha privativum): Die verneinende Vorsilbe (wie das deutsche „un-“ oder „nicht-“).
ergon (ἔργον): Das Wort für „Arbeit“ oder „Werk“.

Wörtliche Bedeutung: „Ohne Arbeit“ oder „nicht arbeitend“. Daraus entwickelten sich historisch die Bedeutungen brachliegend (für Felder), untätig, träge und schließlich im Neugriechischen die Eigenschaft, sich nur langsam vorwärtszubewegen.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 17.06.2026 um 20:21 Uhr (Zitieren)

Dieses Alpha Privatium geht auf ei e Ursprache zurück
... die alle auf ein gleichbedeutendes indogermanisches Präfix *n̥- zurückgeführt werden
Quelle: wiki



Wie spricht man das *n̥- aus?
Re: An einen Schmeichler
Patroklos schrieb am 17.06.2026 um 20:38 Uhr (Zitieren)
Mir fällt das N-Wort spontan ein. Wahlweise das Nasobem.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 17.06.2026 um 22:04 Uhr (Zitieren)


... muss davor nicht sowas wie ein Vokal sein?
Re: An einen Schmeichler
Bukolos schrieb am 18.06.2026 um 09:40 Uhr (Zitieren)
Zitat von βροχή am 17.6.26, 20:21Wie spricht man das *n̥- aus?

Silbisch, wie in bairisch Wiesn oder Brezn.
Re: An einen Schmeichler
Bukolos schrieb am 18.06.2026 um 09:47 Uhr (Zitieren)
Schwer vorstellbar, dass Lysander (1) ein faules Exemplar unter seinen Zugrindern geduldet, noch schwerer, dass der erfolgreiche Feldherr - trotz der relativen Armut, in der er aufgewachsen sein soll - (2) nur zwei besessen hätte.

Punkt 1 leitet zu der Frage, ob wir τόν τε ἀργὸν καὶ τὸν ἐργαζόμενον tatsächlich auf die beiden Rinder beziehen müssen, schließlich unterstützt der Artikel im Griechischen auch die generische Lesart. Der Genitivus absolutus σιγώντων δ’ ἀμφοτέρων lässt sich hierbei kausal auffassen: Aufgrund des Schweigens seiner beiden Arbeitstiere, kann der Sprecher induktiv beurteilen, wer faul ist und wer etwas leistet.

Punkt 2 legt nahe, dass hier ein Zitat vorliegt. Tatsächlich finden wir in den äsopischen Fabeln eine, die eine ganz ähnliche Situation entwickelt (235 III Hausrath): Ein Winzer erhält von Wespen und Rebhühnern das Angebot, ihn als Gegenleistung für die Gabe von Wasser beim Weinbau zu unterstützen. Er weiß natürlich, dass beide Tierarten den Trauben mehr schaden als nützen würden und lehnt ab mit Verweis auf seine zwei Rinder, die alles täten, ohne sich in Ankündigungen zu ergehen.

Σφῆκες καὶ πέρδικες δίψῃ συνεχόμενοι πρὸς γεωργὸν ἦλθον παρ’ αὐτοῦ αἰτοῦντες πιεῖν, ἐπαγγελλόμενοι ἀντὶ τοῦ ὕδατος ταύτην τὴν χάριν ἀποδώσειν· οἱ μὲν πέρδικες σκάπτειν τὰς ἀμπέλους, οἱ δὲ σφῆκες κύκλῳ περιιόντες τοῖς κέντροις ἀποσοϐεῖν τοὺς κλέπτας. Ὁ δὲ γεωργὸς ἔφη· »Ἀλλ’ ἔμοιγέ εἰσι δύο βόες, οἳ μηδὲν ἐπαγγελλόμενοι πάντα ποιοῦσιν· ἄμεινον οὖν ἐστιν ἐκείνοις δοῦναι ἤπερ ὑμῖν.«

Ὁ μῦθος πρὸς ἄνδρας ἐξώλεις ὠφελεῖν μὲν ἐπαγγελλομένους, βλάπτοντας δὲ μεγάλα.

Wespen und Rebhühner, von Durst geplagt, suchten einen Bauern auf, um ihn um etwas zu trinken zu bitten. Im Gegenzug für ein wenig Wasser versprachen sie ihm, es durch folgende Wohltat abzugelten: Die Rebhühner wollten seine Rebstöcke umgraben, und die Wespen wollten um sie herumfliegen, um Diebe mit ihren Stacheln zu vertreiben. Der Bauer antwortete: „Aber ich habe zwei Rinder, die alles für mich tun, ohne etwas zu versprechen; daher ist es besser, ich gebe ihnen etwas als euch.“

Diese Fabel ist gemünzt auf destruktive Menschen, die Dienste versprechen und großes Unheil anrichten.
Re: An einen Schmeichler
Patroklos schrieb am 18.06.2026 um 09:55 Uhr (Zitieren)
Die Unterscheidung der beiden Hornviecher habe ich nun doch noch nicht verstanden.
Re: An einen Schmeichler
βροχή schrieb am 18.06.2026 um 11:13 Uhr (Zitieren)
Diese Fabel ist gemünzt auf destruktive Menschen, die Dienste versprechen und großes Unheil anrichten.



dafür gibt es auch ein Sprichwort:
der macht mehr Schaden als gut



Silbisch, wie in bairisch Wiesn oder Brezn


Schwierig, weil es am Anfang steht, als Vorsilbe.
Varianten sind

griechisch an-
latein in-
deusch un-

die gehen alle auf den Vorläufer *n̥- zurück.


Re: An einen Schmeichler
Bukolos schrieb am 19.06.2026 um 00:21 Uhr (Zitieren)
Zitat von Patroklos am 18.6.26, 9:55Die Unterscheidung der beiden Hornviecher habe ich nun doch noch nicht verstanden.

Die beiden Rinder werden im Lysander-Apophthegma - so zumindest meine These - wie in der Fabel überhaupt nicht unterschieden. Sie bilden die ebenso schweig- wie arbeitsame Kontrastfigur zum Typus des seinen Diensteifer preisenden Schwätzers. Tatsächlich können die obliquen Optative ἐπαινοίη und ὑπερασπάζοιτο als Referat vergangener Handlung bzw. Empfindung gelesen werden, wobei die Mitteilung des Ungenannten, dass er Lysander maßlos geliebt habe (ὑπερασπάζοιτο) in dem Zusammenhang wenig Sinn machte, weshalb ich der Lesart ὑπερασπίζοιτο ("dass er ihn beschützt habe") den Vorzug geben möchte.
Re: An einen Schmeichler
Γραικύλος schrieb am 19.06.2026 um 15:10 Uhr (Zitieren)
Über diesen scheinbar leichtfüßig daherkommenden Text habe ich viel gelernt.
 
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