Das ist eine Vermutung.
Wie verlässlich ist Euseb?
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Γραικύλος schrieb am 08.08.2026 um 17:16 Uhr (Zitieren)
Gr.: οὓς πάντας Ἑβραίους φασὶν ὄντας
10. Σενεκᾶς (Seneca)
11. Ἰοῦστος (Justus)
Das schließt m.E. nicht aus, daß sie - wie Saulus/Paulus - römische Bürger waren.
Alle übrigen 13 tragen jüdische Namen.
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Γραικύλος schrieb am 08.08.2026 um 17:25 Uhr (Zitieren)
Freigelassene nahmen ja häufig den Namen ihres Freilassers an - wofür Flavius Josephus ein bekanntes Beispiel ist.
Eusebius hebt lediglich hervor, daß es sich (zwar um Hebräer, aber) um echte, gläubige Christen handelte. Was immer das in dieser frühen Zeit, da sich das Christentum erst allmählich als gegenüber dem Judentum eigenständige Religion herausbildete, bedeuten mag.
Ich vermute, daß die Grundfrage damals lautete: War Jesus nun selbst der Messias, oder hatte er lediglich dessen nahe bevorstehendes Kommen verkündet? Die ersteren wurden Christen, die letzteren blieben Juden.
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Bukolos schrieb am 09.08.2026 um 02:36 Uhr (Zitieren)
Abgesehen von Nr. 3 Ἰοῦστος und Nr. 9 Φίλιππος.
Die Juden des antiken Palästina bzw. ein Teil von ihnen hatte offenbar kein Problem damit, durch die Namensgebung ihre Akkulturation an die externen Machthaber auszudrücken. So führt Tal Ilan im Lexicon of Jewish Names in Late Antiquity, Part 1, Palestine 330 BCE - 200 CE (Tübingen 2002) 37 persische, 244 griechische und 84 lateinische Namen von Juden im Palästina des untersuchten Zeitraums auf (darunter auch unseren Seneca).
Gegen die These vom Freigelassenen spricht in meinen Augen weiterhin, dass üblicherweise das prae- und das nomen gentilicium vom ehemaligen Herren auf den Freigelassenen übergehen, nicht jedoch das cognomen. Der Name Seneca gehört nun aber in die letzte Kategorie. (Überdies war keineswegs mit jeder Freilassung die Verleihung des römischen Bürgerrechts verbunden.)
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Γραικύλος schrieb am 09.08.2026 um 11:35 Uhr (Zitieren)
Wie konnte ich den Philippos übersehen!
Daß die Freilassung durch einen römischen Bürger nicht immer mit der Verleihung des Bürgerrechtes verbunden war, ist mir neu.
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Bukolos schrieb am 09.08.2026 um 17:30 Uhr (Zitieren)
Es gab ja verschiedene Formen der Freilassung. Hierzu Elisabeth Herrmann-Otto, Sklaverei und Freilassung in der griechisch-römischen Welt (Hildesheim / Zürich / New York 2017), S. 232 f.:
Aber das ist natürlich ein nebensächlicher Punkt, da der Name Seneca es bereits eher unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass es sich bei der in Frage stehenden Person überhaupt um einen Freigelassenen handelte.
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Γραικύλος schrieb am 09.08.2026 um 17:53 Uhr (Zitieren)
Zu den förmlichen Arten der Freilassung schreibt DNP:
Die anderen erwähnten sind die manumissio testamento und und die manumissio vindicta.
Das hatte ich im Sinn.
Die "im Laufe der Zeit" aufkommenden, eher formlosen Arten der Freilassung erwähnt DNP ebenfalls, und ja, sie führten lediglich zum latinischen Bürgerrecht.
Daß der Freigelassene selten das cognomen des Freilassers übernahm, ist wohl richtig, und Seneca ist natürlich ein cognomen.
Wenn ein Jude im Zuge seiner Akkulturation dennoch Seneca für sich übernahm, spricht das dann doch wohl für ein spezielles Verhältnis zu dieser "anima naturaliter christiana", oder?
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Γραικύλος schrieb am 10.08.2026 um 00:01 Uhr (Zitieren)
Seneca ist ja doch eine sehr viel speziellere Wahl als Philipp oder Iustus. Mir kommt es fast vor wie ein Bekenntnis.
Re: Unbekanntere Römer mit bekannteren Namen #2
Bukolos schrieb am 10.08.2026 um 08:52 Uhr (Zitieren)
Schwer zu sagen, was an lateinischer Literatur in der (neben aramäisch und hebräisch) doch vorwiegend griechisch lesenden Provinz überhaupt rezipiert wurde. Das (übrigens unlängst abgeschlossene) Corpus of Latin Texts on Papyrus verzeichnet immerhin ein paar Fragmente von Senecas Medea aus dem Ägypten des 4. Jhs. An paganer literarischer Prosa findet sich allerdings kein Seneca, sondern fast nur Cicero, Livius und Sallust.
Wir wissen leider nicht, welchen Seneca die Eltern des so benamsten im Sinn hatten. Ausschließen will ich nichts bei unserer fragmentarischen Kenntnis, aber die meisten von Tal Ilan gelisteten lateinischen Namen verweisen auf die damals Mächtigen wie Antonius, Claudius oder Nero. Der Statthalter von Palästina Decimus Seius Seneca ist leider zu jung, um in Frage zu kommen.