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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der arrogante Affe (177 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.08.2026 um 11:06 Uhr (Zitieren)
"Das Selbstverständnis der Menschheit als "Krone der Schöpfung" bestimmt, wie wir uns gegenüber anderen Spezies verhalten. Doch was ist, wenn diese arrogante Haltung auf einer Ideologie beruht, die wissenschaftlich längst überholt ist?"
Christine Webb

Der arrogante Affe
Der Mythos der menschlichen Überlegenheit und was wir von anderen Spezies lernen können

Berlin 2026
Vlg. Ullstein
424 Seiten
24,99 Euro

Meines Wissens kannte Homer nicht einmal ein Wort für Tiere im Unterschied zu Menschen. τὸ θηρίον, von dem unser Wort "Tier" wohl herstammt, bedeutet bei ihm jagdbares Wild.

Sehr schön schrieb einmal Schopenhauer, der Mensch komme ihm vor wie jemand, der es zu etwas gebracht hat und nun seine Verwandten nicht mehr kennen will.
Re: Der arrogante Affe
Bukolos schrieb am 29.08.2026 um 11:39 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 27.8.26, 11:06τὸ θηρίον, von dem unser Wort "Tier" wohl herstammt

Könnte man denken, aber Stammverwandtschaft zwischen beiden Wörtern besteht ebensowenig wie zwischen θεός und deus.

Welche Vorstellung Homer mit θηρίον verband, lässt sich aus der einen Stelle, wo das Wort vorkommt kaum sagen (Od. 10, 171-180). Bezeichnend ist, dass es von einem auffällig zahmen Hirsch gesagt wird, den Odysseus nach der Landung auf Aiaia erlegt und den seine Mannschaft und er dann verspeisen. Das Grauen stellt sich erst später ein, wenn wir erfahren, dass die Tiere auf Kirkes Insel verwandelte Menschen sind. Dass der Erzähler (Odysseus selbst) mit solchem Nachdruck darauf beharrt, dass es ein θηρίον war, welches sie da gegessen hätten, kann man mit Verdrängung erklären: ein θηρίον - kein Mensch!
Re: Der arrogante Affe
Γραικύλος schrieb am 29.08.2026 um 13:56 Uhr (Zitieren)
LSJ schreibt als erste und wohl ältere Bedeutung: "wild animal, esp. of such as are hunted".

Insofern ist, wie Du schreibst, "ein θηρίον - kein Mensch". Aber eben auch noch nicht, wie bei späteren Autoren, die Gattung der Tiere im Gegensatz zum Menschen.
Und auch wenn das Wort bei Homer nur an der einen genannten Stelle auftaucht, fällt mir auf, wie häufig er Menschen in Bildern mit den Eigenschaften bestimmter Tiere charakterisiert. Ich habe nicht den Eindruck, daß er in der Dichotomie hier Menschen - dort Tiere denkt.
Re: Der arrogante Affe
Patroklos schrieb am 29.08.2026 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Kurios, doch welche Quelle?
Therion ist eine Schlupfwespengattung in der Unterfamilie Anomaloninae. Das Taxon geht auf den englischen Entomologen John Curtis im Jahr 1829 zurück. Der Gattungsname leitet sich von dem altgriechischen Begriff θηρίον (Therion) für „kleines Tier“ ab. (Wikipedia)
Re: Der arrogante Affe
Bukolos schrieb am 29.08.2026 um 14:15 Uhr (Zitieren)
@ Γραικύλος:

Wollte man eine Aussage über die homerische Semantik von θηρίον aus dem LSJ herleiten, der sich hierzu auf die genannte Stelle in der Odyssee stützen muss, geriete man unweigerlich in einen Zirkelschluss. Das ist nicht erstrebenswert.

Dafür, dass die Verwendung von Tiervergleichen für Menschen nicht gegen das Vorherrschen einer begrifflichen Mensch-Tier-Dichotomie sprechen muss, dürfte einem Fuchs wie dir aus heutigem Sprachgebrauch geläufig sein.
Re: Der arrogante Affe
Bukolos schrieb am 29.08.2026 um 14:27 Uhr (Zitieren)
Dafür, dass -> Dass
Re: Der arrogante Affe
Γραικύλος schrieb am 29.08.2026 um 14:29 Uhr (Zitieren)
Dafür, dass die Verwendung von Tiervergleichen für Menschen nicht gegen das Vorherrschen einer begrifflichen Mensch-Tier-Dichotomie sprechen muss, dürfte einem Fuchs wie dir aus heutigem Sprachgebrauch geläufig sein.

Es kommt darauf an, ob diese Vergleiche üblicher-/typischerweise negativ, herabsetzend ("du Esel! du Schwein! du Schlange!") oder positiv konnotiert sind. Letzteres scheint mir bei Homer der Fall zu sein.
Für die Gegenwart müßte man das untersuchen. Mit "Fuchs" hast Du jedenfalls schonmal einen Punkt gemacht.
"Du Tier!" jedenfalls halte ich nicht für positiv.

Wenn τὸ θηρίον überhaupt selten vorkommt vor Aristoteles & Co., ist das m.E. schon ein Argument gegen die - heute allgegenwärtige - Dichotomie für die Archaik.

Ich denke auch an die ägyptischen Tiergötter. Selbst Zeus konnte sich in einen Stier oder Schwan verwandeln.
Re: Der arrogante Affe
Γραικύλος schrieb am 29.08.2026 um 14:34 Uhr (Zitieren)
Vgl.:

Helmut Rahn: Tier und Mensch in der homerischen Auffassung der Wirklichkeit
Ein Beitrag zur geisteswissenschaftlichen Selbstkritik.

Sonderausgabe Darmstadt ²1968

Meine Ansicht habe ich von daher, allerdings vor langer Zeit und mit möglichen Erinnerungsfehlern behaftet.
Re: Der arrogante Affe
Bukolos schrieb am 30.08.2026 um 10:06 Uhr (Zitieren)
Was negative Tiervergleiche angeht, so sind wir auf Kirkes Insel an der ersten Adresse, denn die Verwandlung von Odysseus' Männern in Schweine impliziert sicherlich auch einen Vergleich mit ihrem Verhalten. Und wenn Helena oder Klytämnestra in der Odyssee mit Hündinnen verglichen werden, ist das wohl ebenfalls nicht positiv gemeint.

Die zahlreichen Tier-Gleichnisse in den Kampfszenen der Ilias dagegen wirken auf mich eher illustrativ als wertend. Und da hier In der Regel der Kampf Tier gegen Tier das Vehikel des Vergleichs bildet, ergibt sich, wenn man dabei eine positive Wertung auf der einen Seite unterstellt, eine negative auf der anderen.

Aus der archaischen Literatur wäre als Beispiel für pejorative Tiervergleiche v. a. der sog. Weiberiambos (fr. 7) des Semonides (7. Jh.) anzuführen, worin verschiedene Typen von Frauen anhand ihnen zugeordneter Tierarten (Schwein, Fuchs, Hund, Esel etc.) definiert werden.

Dass in den homerischen Epen zoologische Oberbegriffe wie θήρ und θηρίον nicht allzuhäufig vorkommen, würde ich zunächst auf den Umstand zurückführen, dass es sich dabei nicht um naturkundliche Lehrwerke handelt.

Und auch wenn ein alle Tiere umfassender Begriff wie ζῷον noch fehlen mag, und das, was wir als Tierreich fassen, in Fische, Vögel und (vierfüßige) Tiere auseinanderfällt, so wird doch als deren Gemeinsamkeit vermerkt, dass sie dem Menschen nicht wohlgesinnt sind und ihn um seine Totenruhe bringen:
δύσμορον· ὅν που τῆλε φίλων καὶ πατρίδος αἴης
ἠέ που ἐν πόντῳ φάγον ἰχθύες, ἢ ἐπὶ χέρσου
θηρσὶ καὶ οἰωνοῖσιν ἕλωρ γένετ'· ...

... den Unglücklichen, den wohl fern von den Seinen und dem väterlichen Lande entweder irgendwo im Meer die Fische verzehrt haben, oder er ist auf dem Festland den wilden Tieren und Vögeln zur Beute geworden, ...

Od. 24, 290 ff., Übers. Schadewaldt
Re: Der arrogante Affe
Γραικύλος schrieb am 30.08.2026 um 12:43 Uhr (Zitieren)
Aber ζῷον schließt doch die Menschen ein; das ist für mich das verbindende Wort schlechthin!
Dass in den homerischen Epen zoologische Oberbegriffe wie θήρ und θηρίον nicht allzuhäufig vorkommen, würde ich zunächst auf den Umstand zurückführen, dass es sich dabei nicht um naturkundliche Lehrwerke handelt.

Natürlich sind sie das nicht; aber unser "Tier" kommt eben auch jenseits solcher Lehrwerke, und gerade dann ideologisch aufgeladen, vor.

Ich habe das Bedürfnis, mir nochmal den Helmut Rahn anzuschauen, also wie er argumentiert.
 
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