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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das neue Brot (337 Aufrufe)
filix schrieb am 09.01.2019 um 21:26 Uhr (Zitieren)
In einer kurzen Kulturgeschichte des Brotes (Marcus Reckewitz: Vom Brot. Geschichten und Besonderheiten eines Kulturgutes. München, Dort-Hagenhausen 2014. S. 36) lese ich, dass Alarich, der dem arianischen Christentum anhängende Westgotenführer, der 410 Rom plündern sollte, 394 mit seinen Heerscharen in Griechenland einfällt und dort u.a. in den Tempelanlagen von Eleusis, deren Priestern 392 durch Theoderich die Ausübung der Mysterien verboten wurde, wütet:

Das letzte, was der verbliebene Hohepriester von Eleusis, in seinem Blut liegend, vernahm, war das Geschrei der mit den Goten in die Anlage einfallenden Priester, die das Wort der neuen römischen Staatsreligion im Mund führten: Christus panis.


Für diese Schlüsselszene vom Anbruch eines neuen Zeitalters fehlt, wer hätte es gedacht, die Quellenangabe, ich konnte sie bis zu Heinrich Eduard Jacobs Six Thousand Years of Bread: Its Holy and Unholy History, das 1944 in New York erschien, zurückverfolgen, wo der Oberpriester, dem es sterbend zufällt, den Vorgang in seiner weltgeschichtlichen Dimension zu begreifen, Nestorius heißt:

He heard their cry of Christus panis, Christus panis (Christ is bread!), and died, knowing that a mightier bread god than the holy mother Demeter had come into the world.


Auch hier führt keine Fußnote zu antiken Quellen. Der Name Nestorius fällt anscheinend bei Zosimos (hist. 4.18), in ihm sehen spätere Zeiten den letzten Hierophanten, der nicht nur Kaiser Julian sondern auch den spätantiken Philosophen und Historiker Eunapius, der sehr vage vom Niedergang des Heiligtums von Eleusis berichtet, initiiert haben soll.
Darüber hinaus nähren Zweifel daran, was eine so aggressive Deutung der eucharistischen Gestalt in elliptischem Latein um 400 hier verloren hat, den Verdacht, dass es sich um eine literarische Fiktion handelt, die mich spontan ein wenig an die blutigen Schauspiele der Konquistadoren wie Pizarro, der einen Vicente de Valverde im Gefolge führt, erinnert.

Was meint ihr?
Re: Das neue Brot
Γραικίσκος schrieb am 10.01.2019 um 14:21 Uhr (Zitieren)
Daß Zosimos IV 18 den Nestorius als Oberpriester für Athen bzw. Attika erwähnt, kann ich bestätigen. Es heißt dort:
Nestorius, der zu jener Zeit Oberpriester war, sah einen Traum, in welchem ihm befohlen wurde, den Heroen Achilles durch öffentliche Opfer zu verehren. Denn dieses werde die Stadt retten. Er machte seine Gesichte der Obrigkeit bekannt, sie aber glaubten, er sei, als ein sehr alter Mann, wahnsinnig, und achteten nicht darauf. Allein er, als ein Mann, der mit den Gedanken der Götter vertraut war, überlegte, was zu tun sein möchte, verfertigte das Bild des Heroen in einer kleinen Nische, und stellte es unter die in dem Parthenon aufgestellte Bildsäule der Athene. Wenn er nun der Göttin opferte, so brachte er auch zu gleicher Zeit dem Heroen die Opfer, die ihm bestimmt waren. Da also auf diese Art der im Traum gegebene Rat durch die Tat selbst vollzogen wurde, und das Erdbeben einbrach, so wurden die Athener allein gerettet, und an den Wohltaten des Heroen nahm auch Attika Teil. Daß dieses wahr ist, erhellet aus dem, was der Philosoph Syrianus, der eine Hymne auf den Heroen schrieb, davon erzählt hat. Ich füge dieses bei, weil es meinen Absichten wohl entspricht.

Von Weitergehendem, etwa "Christus panis", ist dabei nicht die Rede, und ich bezweifle, ob uns der Hinweis auf Syrianus als Quelle des Zosimos weiterbringt.

Von welchem antiken Historiker ist denn der Einfall des Alarich in Griechenland überliefert? Ammianus Marcellinus hört früher auf, und Prokop setzt später ein. Zwar erwähnt Prokop in den Gotenkriegen Alarich vereinzelt, schreibt aber nichts darüber.
Re: Das neue Brot
filix schrieb am 10.01.2019 um 18:52 Uhr (Zitieren)
Zosimos beschreibt den Einfall im 5. Buch, Alarich passiert ungehindert die Thermopylen und kommt plündernd bis nach Athen, dessen Eroberung nur zwei geisterhafte Erscheinungen - Athene, die bewaffnet um die Mauern schleicht, und der gleichsam Homer entstiegene Achill - verhindern.
Re: Das neue Brot
Γραικίσκος schrieb am 10.01.2019 um 21:19 Uhr (Zitieren)
Wenn die maßgebliche Quelle der Zosimos ist und zwar der Nestorius, aber nicht die "Christus panis"-Anekdote bei ihm vorkommen, dann verstärkt das den Verdacht, daß es sich um eine später hinzuerfundene Geschichte handelt.
Gibt es denn wenigstens für das "Christus panis"-Schlagwort antike Belege? Ich meine solche, die über das "Hoc est enim corpus meum" hinausgehen.
Re: Das neue Brot
Φιλομαθής schrieb am 10.01.2019 um 21:27 Uhr (Zitieren)
Zitat von filix am 9.1.19, 21:26Verdacht, dass es sich um eine literarische Fiktion handelt

Ich kann den Verdacht nicht entkräften. Möglicherweise knüpft Jacob an frühere, ähnlich phantasievolle Historienschilderungen, etwa die Fallmerayers, an, der über das Ende des Demeterheiligtums in Eleusis schreibt: "Mit der Lohe des einstürzenden Tempels mischte sich das Blut des letzten Hierophanten von Griechenland, ..." (Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, Bd. 1, S. 123, Stuttgart/Tübingen 1830).

Gregorovius hat dessen Darstellung einer Überprüfung anhand der Quellen unterzogen (Hat Alarich die Nationalgötter Griechenlands vernichtet?, In: Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philos.-philol. u. hist. Classe, 1886, S. 1-21*). Ihm zufolge berichtet nur die Vita Maximi** des Eunapios über die Vorgänge in Eleusis während des Einfalls der Goten in Griechenland. Diese sagt allerdings nicht, dass Nestorius oder ein anderer Hierophant dort durch die Goten getötet wurde, und auch nicht, dass Alarich bei der Zerstörung des Heiligtums selbst zugegen war.

* publikationen.badw.de/de/007458625
** archive.org/details/philostratuseuna00phil/page/43...
Re: Das neue Brot
filix schrieb am 10.01.2019 um 22:00 Uhr (Zitieren)
Christus selbst bezeichnet sich ja als "panis vitae" (Joh 6,48), das ist auch von Tertullian ("Christus enim panis noster est") und anderen kommentiert worden, aber eine so griffige Kampfparole wie in der Schilderung ist mir wenigstens in der Spätantike unbekannt.

Vielen Dank für den Hinweis auf Fallmerayer, das sieht in der Tat nach einer verdächtigen Parallele aus.
Selbst Gregorovius lässt trotz der Prüfung der Quellenlage anklingen, dass die endgültige Auslöschung der Kultes durch die Christen besorgt wurde:

Kein Geschichtsschreiber meldet, daß der Barbarenkönig die Brandfackel in das Heiligtum der Demeter geschleudert habe. Aber so viel ist zweifellos, daß der Einbruch der Goten den eleusinischen Mysterien ein Ende machte. Der schöne Tempel selbst mußte schon nach dem Tode des Kaisers Julian und besonders während der Heidenverfolgung unter Theodosios Verwüstungen erlitten haben. Wenn solche damals von den Goten fortgesetzt worden sind, so werden diese doch die völlige Zerstörung der großen Heiligtümer in Eleusis dem Fanatismus der Christen, den Erdbeben und Elementen überlassen haben.

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter, 6. Kapitel
Re: Das neue Brot
Γραικίσκος schrieb am 10.01.2019 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Marion Giebel: Das Geheimnis der Mysterien. Antike Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten. Zürich/München 1990 (Artemis), S. 51:
395 wurde durch Alarich und die Westgoten der heilige Bezirk völlig verwüstet. Doch erst im 5. Jh. wurden die letzten Mysterien gefeiert, obwohl bereits Kaiser Theodosius alle heidnischen Kulte verboten hatte. Der letzte Hierophant war kein Eumolpide mehr, er stammte nicht einmal aus Eleusis und war gleichzeitig Priester des Mithras, was als Zeichen bevorstehenden Untergangs gedeutet wurde.

Das klingt m.E. nach Eunapios; eine Quelle wird allerdings nicht angegeben.
Re: Das neue Brot
Γραικίσκος schrieb am 10.01.2019 um 22:37 Uhr (Zitieren)
Wichtig erscheint mir, daß lt. M. Giebel die Mysterien noch nach dem Einfall der Westgoten gefeiert wurden.
 
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