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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Kinderopfer #4: In der Phantasie Flauberts (216 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 11.01.2020 um 19:00 Uhr (Zitieren)
[...] Inzwischen war ein Feuer als Aloe-, Zedern- und Lorbeerholz zwischen den Beinen des Kolosses entzündet worden. Die Spitzen seiner langen Flügel tauchten in die Flammen; die Salben, mit denen er bestrichen war, rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um die runde Platte, auf der seine Füße ruhten, standen die Kinder, in schwarze Schleier gehüllt, unbeweglich im Kreise; und seine übermäßig langen Arme reichten mit den Händen bis zu ihnen hinab, wie um diesen Kranz zu ergreifen und ihn in den Himmel zu erheben.
Die Reichen, die Alten, die Frauen und die ganze Volksmenge drängten sich hinter den Priestern und auf den Terrassen der Häuser. Die großen bunten Sterne kreisten nicht mehr; die Tabernakel waren auf den Boden gestellt, und die Wolken der Weihrauchfässer steigen senkrecht empor wie riesige Bäume, die ihre bläulichen Wipfel im Äther entfalteten.
Mehrere wurden ohnmächtig, andere standen träge und ver-steinert in ihrer Ekstase. Eine unendliche Bangigkeit lastete auf jeder Brust. Die letzten Rufe verhallten nach und nach, - und das Volk von Karthago stand keuchend und lechzte nach dem Entsetzlichen.
Endlich fuhr der Oberpriester des Moloch mit der Linken unter die Schleier der Kinder, riß ihnen eine Haarlocke von der Stirn und warf sie in die Flammen. Dann stimmten die Männer in den roten Mänteln den heiligen Hymnus an:
„Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der sich selbst erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn, Gott und Göttin, Göttin und Gott!“ Und ihre Stimme ging unter im Schall der Instrumente, die alle auf einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer zu übertönen. Die achtsaitigen Scheminiths, die zehnsaitigen Kinnors und die zwölfsaitigen Nebals knirschten, pfiffen und dröhnten. Riesige Schläuche, mit Röhren versehen, gaben einen scharfen, klatschenden Ton von sich; die Tamburine erdröhnten von dumpfen, hastigen Schlägen, und trotz des wütenden Trompetengeschmetters ertönten die Salsalim wie das Schwirren von Heuschreckenflügeln.
Die Tempeldiener öffneten mit einem langen Haken die sieben übereinanderliegenden Fächer im Körper des Baals. In das oberste ward Mehl getan, in das zweite zwei Turteltauben, in das dritte ein Affe, in das vierte ein Widder, in das fünfte ein Schaf, und da man für das sechste keinen Ochsen hatte, warf man eine gegerbte Haut hinein, die dem Heiligtum entnommen war. Das siebente Fach blieb offen.
Bevor man weiteres unternahm, empfahl es sich, die Arme des Gottes zu prüfen. Dünne Kettchen liefen von seinen Fingern zu den Schultern empor und fielen hinter ihm herab. Hier wurden sie von Männern in die Höhe gezogen, so daß seine beiden offenen Hände bis zur Höhe der Ellenbogen emporstiegen, sich einander näherten und über den Leib legten. Sie rührten sich mehrere Male hintereinander in kleinen ruckweisen Bewegungen. Dann schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.
Die Molochpriester schritten auf der großen Platte hin und her und musterten die Menge.
Es bedurfte eines persönlichen, völlig freiwilligen Opfers, das gewissermaßen die anderen nach sich zog. Doch bisher zeigte sich niemand, und die sieben Gänge, die von den Schranken zu dem Koloß führten, waren völlig leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu ermutigen, Pfriemen aus ihren Gürteln und zerrissen sich das Gesicht. Man ließ die Geweihten, die draußen auf dem Boden hingestreckt lagen, in die Umzäunung herein. Man warf ihnen ein Bündel furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und jeder wählte sich das seine. Sie stießen sich Spieße in die Brust, schlitzten sich die Wangen auf, setzten sich Dornenkronen aufs Haupt; dann umschlangen sie sich mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten großen Kreise, der sich bald zusammenzog, bald erweiterte. Sie kamen bis an das Geländer, stürzten zurück und fingen immer von neuem an, indem sie die Menge durch den Taumel dieses blutigen, lärmenden Schauspiels anlockten.
Allmählich traten Leute bis an das Ende der Gänge. Sie warfen Perlen, goldene Gefäße, Becher, Leuchter, ihren ganzen Reichtum in die Flammen. Die Opfer wurden immer glänzender und zahlreicher. Endlich wankte ein Mann heran, ein bleicher, von Entsetzen entstellter Mann, und stieß ein Kind vor; dann erblickte man zwischen den Händen des Kolosses eine kleine schwarze Masse, die in der düsteren Öffnung verschwand. Die Priester neigten sich über den Rand der großen Platte, und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.
Sie stiegen langsam empor, und da der Rauch in großen Wirbeln emporstieg, so schien es von weitem, als ob sie in einer Wolke verschwänden. Keines rührte sich. Sie waren an Händen und Füßen gefesselt, und die dunklen Schleier hinderten sie, etwas zu sehen und erkannt zu werden.
Hamilkar, wie die Molochpriester in rotem Mantel, stand vor dem Baal neben der großen Zehe seines rechten Fußes. Als man das vierzehnte Kind brachte, machte er, für jedermann sichtbar, eine heftige Gebärde des Abscheus. Doch bald nahm er seine Stellung wieder an, kreuzte die Arme und starrte zu Boden. Auf der andern Seite der Bildsäule stand der Oberpriester ebenso unbeweglich wie er, eine assyrische Mitra auf dem Kopf. Er senkte ihn und betrachtete sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen, in denen die Flamme sich in Regenbogenfarben spiegelte. Er erschrak und erblaßte. Hamilkar senkte die Stirn; und beide standen dem Scheiterhaufen so nahe, daß der wallende Saum ihrer Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.
Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten keinen Augenblick mehr. Jedesmal, wenn man ein Kind hineinlegte, streckten die Molochpriester die Hand darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu belasten, und schrien: „Es sind keine Menschen, sondern Ochsen!“ Und die Menge ringsum wiederholte: „Ochsen, Ochsen!“ Die Frommen schrien: „Herr, iß!“ und die Cerespriester, die sich vor Entsetzen den Bräuchen Karthagos anpaßten, murmelten die eleusinische Formel: „Gieße den Regen aus! Gebäre!“
Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer wie ein Wassertropfen auf einer glühenden Platte, und weißer Rauch stieg in der scharlachfarbenen Glut empor.
Doch der Gott war unersättlich. Er verlangte immer mehr. Um ihn zu befriedigen, schichtete man sie auf seinen Händen auf und schlang eine große Kette darüber, um sie festzuhalten. Zu Anfang wollten einige Fromme sie zählen, um zu sehen, ob ihre Zahl den Tagen des Sonnenjahres entsprach; doch man legte andere darauf, und es war bei der schwindelnden Bewegung der furchtbaren Arme unmöglich, sie zu unterscheiden. Es dauerte lange, endlos, bis zum Abend. Dann nahmen die Innenwände einen dunkleren Glanz an – und man erkannte brennendes Fleisch. Einige glaubten sogar Haare, Glieder und ganze Körper zu erkennen.
Der Abend sank. Wolken ballten sich über dem Baal. Der Scheiterhaufen brannte nicht mehr; er bildete eine Kohlenpyramide bis zu seinen Knien. Über und über rot wie ein blutüberströmter Riese, schien er mit seinen zurückgeworfenen Haupt unter der Last seiner Trunkenheit zu wanken.
Je mehr die Priester sich eilten, desto mehr nahm der Wahnsinn des Volkes zu. Als die Zahl der Opfer sich verringerte, schrien die einen, man solle sie schonen, die anderen, es bedürfe noch weiterer. Es war, als ob die mit Menschen beladenen Mauern unter dem Gebrüll des Schreckens und der mystischen Wollust zusammenbrächen. Fromme kamen in die Gänge und schleppten ihre Kinder herbei, die sich an sie klammerten. Sie schlugen sie, um sich von sich loszumachen und den roten Männern zu überliefern. Die Spielleute hielten bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen herabfiel. Die Bilsenkrauttrinker krochen auf allen vieren um den Koloß herum und brüllten wie Tiger; die Yidonim weissagten; die Geweihten sangen mit ihren zerschlitzten Lippen. Man hatte die Schranken durchbrochen; alle begehrten ihr Teil an dem Opfer, und die Väter, deren Kinder schon früher gestorben waren, warfen jetzt ihre Bilder, ihr Spielzeug, ihre aufbewahrten Gebeine ins Feuer. Einige, die Messer hatten, stürzten sich auf die anderen. Man brachte sich gegenseitig um. Die Tempeldiener scharrten die herabgefallene Asche in eherne Schwingen und schleuderten sie in die Luft, um das Opfer über die ganze Stadt und bis in den Sternenraum auszustreuen.

(Gustave Flaubert: Salammbô. Zürich 1979, S. 293-298)
 
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