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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
ΕΠΙΣΤΟΛΑΙ ΚΡΟΝΙΚΑΙ #1 (58 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 20.05.2020 um 17:57 Uhr (Zitieren)
Im Rahmen eines satirischen Briefwechsels mit Kronos, dem Gott der Sklaven, behandelt Lukian das Thema der sozialen Ungleichheit:
Ich an Kronos
Meinen Gruß zuvor!
[Ἐγὼ Κρόνῳ χαίρειν.]

Ich habe mir schon früher einmal die Freiheit genommen, Dir meine Lage schriftlich auseinanderzusetzen und zu berichten, wie ich vor lauter Armut in Gefahr bin, bei dem Feste, das Du uns angekündigt hast, völlig leer auszugehen; mit dem Zusatz, es sei doch ganz widersinnig, daß einige von uns übermäßig reich sind und sich in Üppigkeit und Wollust wälzen, ohne sich im geringsten um die Armen zu kümmern, diese hingegen, denen mit einem kleinen Teil von ihrem Überfluß geholfen wäre, vor Hunger verschmachten sollen - und das im Angesicht des Kronosfestes!

Weil nun mein damaliger Brief ohne Antwort geblieben ist, so halte ich es nicht für überflüssig, ihn Dir ins Gedächtnis zurückzurufen. Dir, bester Kronos [ὦ ἄριστε Κρόνε], läge es wohl ob, vor allen Dingen diese Ungleichheit aufzuheben. Wäre das erst geschehen, dann könntest Du Dein Fest ansagen lassen, wann Du wolltest. Wie die Dinge aber jetzt liegen, sind wir entweder Ameise oder Kamel [μύρμηξ ἢ κάμηλος], wie man im Sprichwort sagt. Denke dir einen tragischen Schauspieler, der mit dem einen Fuß auf einem hohen Kothurn stünde, während er am andern barfuß wäre und also, wenn er in diesem Aufzuge gehen wollte, notwendig bald ein Riese, bald ein Zwerg scheinen müßte, je nachdem er mit dem einen oder mit dem andern Fuße aufträte. Dieser Schauspieler ist das Bild der Ungleichheit im menschlichen Leben [τοσοῦτον κἀν τῷ βίῳ ἡμῶν τὸ ἀνίσιον]. Die einen schreiten auf Kothurnen, die ihnen das Glück [τύχη] angeschnallt hat, über uns andere weg oder treten uns vielmehr zu Boden, wo wir doch ebensogut wie sie hoch einhersteigen und Halbgötter vorstellen könnten, wenn man uns mit dem Erforderlichen dazu versehen wollte.

Zwar höre ich die Poeten sagen, vor alters, da Du noch allein regiertest, habe es ganz anders in der Welt ausgesehen. Da habe die Erde ungepflügt und unbesät alle ihre Güter hervorgebracht, und der Mensch habe allenthalben seinen Tisch gedeckt gefunden, ohne sich zu kümmern, wie es damit zugehe. Da seien überall Bäche von Wein und Milch, ja sogar von Honig geflossen und – was das Erstaunlichste ist – die Menschen dieser Zeit seien selbst golden gewesen und die Armut habe sich vor ihnen gar nicht sehen lassen dürfen. Wir hingegen sind nicht einmal aus Blei, sondern aus etwas noch Schlechterem; die meisten von uns müssen ihr Stückchen Brot sauer verdienen, und im ganzen ist bei uns nichts als Hunger und Kummer, Ach und Weh über unser Schicksal und ewige Verlegenheit, wo wir das Unentbehrlichste hernehmen sollen [ἡ πενία δὲ καί ἀπορία καὶ ἀμηχανία καὶ τὸ οἴμοι καὶ τὸ πόθεν ἄν μοι γένοιτο καὶ ὢ τῆς τύχης πολλὰ τοιαῦτα παρὰ γοῦν ἡμῖν τοῖς πένησι]. Und gleichwohl kannst du mir glauben, daß wir uns weit weniger beklagen würden, wenn wir nicht sehen müßten, wie glücklich die Reichen sind, sie, die mit so viel Silber und Gold im Kasten, im Besitz so vieler Kleider, so vieler Sklaven, Kutschen, Landgüter und ganzer Dorfschaften, kurz, im allergrößten Überfluß so wenig daran denken, uns etwas davon abzutreten, daß sie Leute unseres Schlages nicht einmal ihres Anblicks für würdig achten.

Das, lieber Kronos [ὦ Κρόνε], ist es eigentlich, was mich am meisten verdrießt.

(Quellenangabe folgt am Schluß.)
 
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