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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Skepsis und Pragmatismus bei Sokrates (95 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.10.2020 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Xenophon (Memorabilien IV 7, 1-6) schildert die pragmatische bis skeptische Einstellung des Sokrates zu den Wissenschaften:
[...] Von allen, die ich kenne, bemühte er sich jedenfalls besonders nachdrücklich darum, in Erfahrung zu bringen, über welche Kenntnisse ein jeder von seinen Freunden verfüge; in dem, was ein tüchtiger und guter Mann an Wissen haben muß, unterwies er sie am bereitwilligsten von allen, soweit er selbst über dieses Wissen verfügen mochte; soweit er aber selbst weniger sachkundig sein mochte, verwies er sie an die Sachkundigen [πρὸς τοὺς ἐπισταμένους].

Er belehrte sie auch darüber, in welchem Umfange ein wahrhaft Gebildeter mit jedem Gegenstand vertraut sein sollte. Die Geometrie, beispielsweise, so meinte er, müsse man soweit erlernen, bis man imstande sei, falls es mal nottue, ein Stück Land richtig vermessen zu übernehmen oder zu übergeben oder zu verteilen oder das Geschehene zu bezeugen. Dies aber sei so leicht zu erlernen, daß der, welcher bei einer Vermessung mit Aufmerksamkeit achtgebe, zugleich wisse, wie groß das Grundstück sei, und im übrigen, wenn er weggehe, auch über das Vermessungsverfahren Bescheid wisse.

Die Geometrie bis zum Verständnis der schwierigen Figuren zu betreiben, das mißbilligte er dagegen; denn er könne nicht einsehen, so sagte er, wozu dies von Nutzen sein solle [ὅ τι μὲν γὰρ ὠφελοίη ταῦτα, οὐκ ἔφη ὁρᾶν]. Gleichwohl war er nicht ganz unerfahren darin; er meinte aber, dies genüge, um ein Menschenleben in Anspruch zu nehmen, und hindere daran, sich viele andere und nützliche Kenntnisse anzueignen [καὶ ἄλλων πολλῶν τε καὶ ὠφελίμων μαθημάτων ἀποκωλύειν].

Er empfahl auch, sich mit der Sternkunde vertraut zu machen, doch darin allerdings nur soweit, bis man die Zeiten der Nacht, des Monats und des Jahres zu erkennen vermöge, um bei Reisen, bei der Schiffahrt und beim Wachtdienst und bei all den Geschäften, die sonst noch nächtlich, monatlich oder jährlich erledigt werden, dies als Grundlage dafür verwenden und die erwähnten Zeiten unterscheiden zu können; und das könne man leicht erlernen von den Nachjägern, den Steuerleuten und vielen anderen, die sich dieses Wissens bedienten.

Die Sternkunde dagegen soweit zu erlernen, bis man auch die Himmelskörper, welche sich nicht in demselben Kreislauf bewegten (wie die anderen Himmelskörper), und auch die Planeten und die unberechenbaren Sterne [ἀσταθμήτους ἀστέρας] kenne, sowie die Zeit damit zu verbringen, nach ihren Entfernungen von der Erde und ihren Umläufen und nach deren Ur-sachen zu forschen, davon riet er nachdrücklichst ab; denn er sehe keinen Nutzen bei diesen Dingen, wie er sagte; nichtsdestoweniger war er doch auch darin nicht unbewandert; er meinte aber, daß auch dies genüge, um ein Menschenleben voll auszufüllen, und von vielen und nützlichen Dingen fernhalte.

Überhaupt riet er davon ab, im Hinblick auf die Vorgänge am Himmel darüber nachzugrübeln, wie Gott alles eingerichtet habe [ᾗ ἕκαστα ὁ θεὸς μηχανᾶται]; denn er glaubte nicht, daß dies für den Menschen erkennbar sei, und im übrigen meinte er auch, daß es den Göttern nicht recht sei [οὔτε χαρίζεσθαι θεοῖς], wenn jemand nach dem forsche, was jene nicht offenbaren wollten. Er äußerte außerdem, wer darüber nachgrüble, laufe Gefahr, auch Unsinn zu reden [παραφρονῆσαι], und zwar nicht weniger Unsinn als Anaxagoras, der sich auch besonders viel darauf zugute getan habe, daß er das göttliche Wirken erklären könne.

(Xenophon: Erinnerungen an Sokrates. Hrsg. v. Peter Jaerisch. München ²1977, S. 312-317)
 
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