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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Aristoteles über die Lebensalter #2 (76 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 21.06.2022 um 23:51 Uhr (Zitieren)
Aristoteles, Rhetorik 2. Buch Kap. 12-14 (1389a – 1390b):
13. Die Älteren und die, die ihre Blütezeit bereits überschritten haben, haben ihren Charakter größtenteils fast aus den Gegenteilen zu diesen. Weil sie nämlich viele Jahre gelebt, sich öfters getäuscht und mehr Fehler gemacht haben, und weil sich die Mehrzahl der Dinge als schlecht erwiesen hat, behaupten sie nichts mit Sicherheit und stellen zu sehr alles mit weniger Sicherheit hin als es sein müsste. Auch „meinen“ sie nur, „wissen“ aber nichts. Und weil sie sich im Zweifel befinden, setzen sie immer ein „vielleicht“ und „möglicherweise“ hinzu, und sagen alles auf diese Weise, mit Bestimmtheit aber sagen sie nichts. Auch sind sie übelgesinnt; Übelgesinntheit besteht darin, hinter allem das Schlechte anzunehmen. Auch sind sie argwöhnisch wegen des Misstrauens; misstrauisch aber sind sie aufgrund ihrer Erfahrung. Auch lieben sie nicht heftig und hassen nicht heftig aus demselben Grund, sondern der Ermahnung des Bias gemäß lieben sie, wie wenn sie künftig hassen würden, und hassen sie, wie wenn sie künftig lieben würden (3).

Auch sind sie kleingesinnt, weil sie vom Leben erniedrigt wurden; sie begehren nämlich keine bedeutende oder außergewöhnliche Sache, sondern nur das zum Leben (Notwendige). Auch sind sie knauserig; denn das Vermögen ist eine der Notwendigkeiten, zugleich aber auch, weil sie aufgrund von Erfahrung wissen, wie schwer das Erwerben und wie leicht das Vergeuden ist. Auch sind sie feige und fürchten alles im voraus; denn sie befinden sich im entgegengesetzten Zustand wie die Jungen; sie sind nämlich erkaltet, die aber sind erhitzt, so dass das Alter der Feigheit den Weg bereitet; auch nämlich ist die Furcht eine gewisse Erkaltung. Auch hängen sie am Leben, und dies um so mehr am Ende des Lebens, weil sich das Begehren auf das richtet, was nicht vorhanden ist, und weil man dasjenige, dessen man bedürftig ist, am meisten begehrt.
Auch sind sie in höherem Maße selbstliebend [φίλαυτοι], als man es sein sollte; auch dies ist nämlich eine Art von Kleingesinntheit. Auch leben sie mit Blick auf das Nützliche und nicht auf das Schöne, und das mehr als man sollte, weil sie selbstliebend sind. Das Nützliche nämlich ist für einen selbst ein Gut, das Schöne ist ein Gut schlechthin. Auch sind sie eher schamlos als dass sie zur Scham geneigt wären; weil sie sich nämlich nicht in gleicher Weise um das Schöne und um das Nützliche kümmern, schätzen sie das gute Ansehen gering.

Auch sind sie ohne Hoffnung wegen ihrer Erfahrung – denn das meiste von dem, was geschieht, ist schlecht; jedenfalls ist das meiste im Ergebnis schlechter (als man hoffte) – und auch wegen ihrer Feigheit. Auch leben sie mehr im Zustand der Erinnerung als im Zustand der Hoffnung; der Rest des Lebens nämlich ist nur gering, das Vergangene aber viel, es bezieht sich aber die Hoffnung auf das Künftige, die Erinnerung hingegen auf das Vergangene. Das ist zugleich der Grund für ihre Geschwätzigkeit; denn sie reden ununterbrochen über das Vergangene; indem sie sich nämlich erinnern, empfinden sie Freude.

Auch sind die Äußerungen ihrer Wut heftig, die Wut aber ist schwach, auch haben die Begierden zum einen Teil aufgehört, zum anderen Teil sind sie schwach, so dass sich weder ihr Bestreben noch ihre Handlungen nach den Begierden richten, sondern nach dem Gewinn. Deswegen scheinen Menschen in diesem Alter besonnen zu sein; denn die Begierden haben nachgelassen[,] und sie laufen dem Gewinn nach. Auch leben sie mehr nach der Überlegung als nach dem Antrieb des Charakters; die Überlegung nämlich richtet sich auf das Nützliche, der Charakter aber auf die Tugend. Auch das Unrecht, das sie begehen, begehen sie aus Bosheit, nicht aus Übermut. Zum Mitleid sind auch die Alten geneigt, aber nicht aus demselben Grund wie die Jungen; diese sind es nämlich aus Menschenliebe, jene aus Schwäche; sie meinen nämlich, dass ihnen alles, was es zu erleiden gibt, nahe bevorsteht; dies aber, sagten wir, sei das Wesen des Mitleids. Daher sind sie auch weinerlich und sind weder humorvoll noch zum Lachen geneigt; das Weinerliche nämlich ist der Neigung zum Lachen entgegengesetzt.

Von den Jungen also und von den Älteren sind die Charaktere derartig, so dass, weil alle die ihrem jeweiligen Charakter gemäßen Reden aufnehmen und die ihnen ähnlichen, nicht unklar ist, wie man die Reden gebrauchen muss, um als jemand von der und der Art zu erscheinen, und zwar sowohl selbst als auch die Reden (von einem).

(Aristoteles: Werke Band 4, Rhetorik. Hrsg. v. Christof Rapp. Erster Halbband. Darmstadt 2002, S.98-101)

(3) Vgl. Diogenes Laertios I 87: Bias habe den Menschen geraten, (ihre Freunde) so zu lieben, als wenn sie sie einmal hassen würden (καὶ φιλεῖν ὡς μισήσοντας).
 
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