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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Verurteilung des Sokrates (85 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 10.02.2024 um 00:09 Uhr (Zitieren)
Es stimmt allerdings, daß die wiederhergestellte Demokratie im Jahre 399 sich überreden ließ, Sokrates hinzurichten, aber das war keineswegs ein Akt brutaler Dummheit. Der Leser mag sich daran erinnern, was die Richterschaft, die über diesen Fall urteilte (1), alles gesehen und durchgemacht hatte – ihre Stadt war von den Spartanern besiegt, ausgehun-gert und ihrer Wehr beraubt worden, die Demokratie abgeschafft und das Volk von einer üblen Tyrannei ausgeplündert. Er mag sich dann weiter darauf besinnen, daß der Mann, der Athen den größten Schaden zugefügt und Sparta die größten Dienste geleistet hatte, der Aristokrat Alkibiades gewesen war. Und dieser Alkibiades war ein ständiger Genosse des Sokrates gewesen, ja, und der schreckliche Kritias (2) auch! Er mag weiter bedenken, daß, obwohl Sokrates ein ungewöhnlich gesetzestreuer Bürger war, er doch die Demokratie auf das heftigste kritisiert hatte.

Es kann einen nicht wundern, wenn viele einfache Athener die Verräterei des Alkibiades und das oligarchische Wüten des Kritias und seine Genossen für das unmittelbare Ergebnis Sokratischer Lehren hielten und wenn viele andere, die nicht zu Unrecht die Leiden der Stadt dem Umsturz der überkommenen sittlichen Werte zuschrieben, unter anderem auch Sokrates dafür verantwortlich machten, der alle Dinge unablässig und öffentlich in Frage stellte.

Würde Sokrates heute unter diesen Umständen (sagen wir durch einen Gallup-Poll) freigesprochen werden, noch dazu nach einer so kompromißlosen Verteidigungsrede? Wir zweifeln, ob das Ergebnis günstiger für ihn ausfallen würde – eine Mehrheit von 60 bei 501 Stimmen. Daß die Todesstrafe folgte, hatte Sokrates sich selbst zuzumessen. Er weigerte sich bewußt, in die Verbannung zu gehen, und ebenso bewußt weigerte er sich, aus dem Gefängnis geschmuggelt zu werden.

Nichts könnte erhabener sein als Sokrates‘ Haltung während und nach dem Prozeß, und diese Erhabenheit sollte nicht sentimental entstellt werden, indem man Sokrates als das Opfer eines unwissenden Pöbels ausgibt.

Sein Tod war beinahe eine Tragödie im Hegelschen Sinne, ein Konflikt, in dem beide Seiten recht haben.

(H. D. F. Kitto: Die Griechen. Berlin/Darmstadt/Wien 1967, S. 213 f.)

(1) ein Volksgericht
(2) Anführer der von Sparta etablierten „Dreißig Tyrannen“
Re: Die Verurteilung des Sokrates
Γραικύλος schrieb am 10.02.2024 um 00:33 Uhr (Zitieren)
und seine Genossen --> und seiner Genossen
Re: Die Verurteilung des Sokrates
Udo schrieb am 11.02.2024 um 10:31 Uhr (Zitieren)
Was genau ist gemeint, wenn man Sokrates vorwarf, er verderbe die Jugend und führe neue Götter ein?
Diesen Satz las ich in meinem Griechisch-Lehrbuch.
Inwiefern ersteres bzw. welche Götter?
Re: Die Verurteilung des Sokrates
Γραικύλος schrieb am 11.02.2024 um 14:46 Uhr (Zitieren)
Soweit das nicht schon aus der Kitto-Passage hervorgeht, hilft da doch bestimmt Wikipedia weiter, oder?
 
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