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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Jupiter und die Strafe (310 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.05.2024 um 13:38 Uhr (Zitieren)
Vergil in den Carmina Codicis Salmasiani:
Si, quotiens peccant homines, sua fulmina mittat
Iuppiter, exiguo tempore inermis erit.

Wollte bei jeder Sünde der Menschen Iuppiter Blitze
Schleudern, so stünde er bald gänzlich entwaffnet da.

[Anthologia Latina 256]

Re: Jupiter und die Strafe
Bukolos schrieb am 05.05.2024 um 18:38 Uhr (Zitieren)
Ovid doch eher (der den Gott auf dem Palatin mit dem impliziten Argument, andere hätten ungestraft nicht Geringeres verbrochen als der Verbannte, bekanntlich nicht umstimmen konnte).
Re: Jupiter und die Strafe
Γραικύλος schrieb am 05.05.2024 um 18:50 Uhr (Zitieren)
In Baileys Edition steht unter 250 "Vergili" und danach bis 257 inkl. "eiusdem".
Zu Ovid würde es passen, gewiß, aber ...
Re: Jupiter und die Strafe
Bukolos schrieb am 05.05.2024 um 20:47 Uhr (Zitieren)
Shackleton Bailey gibt die (irrige) Zuweisung des Kodex zwar mit an, verweist aber in der Marginalie auf "Ov. Trist. 2, 33 sq."
Re: Jupiter und die Strafe
filix schrieb am 05.05.2024 um 20:52 Uhr (Zitieren)
In der Spätantike besaß Ovid keineswegs den Ruf, den er heute wieder genießt, Vergil aber blieb doctissimus vates, dem selbst zusehends gegen Dichtung überhaupt sich wendende christliche Prosaautoren Anerkennung nicht versagten.

In comparison with Virgil, Ovid does not seem to have had much of an impact on the scientific, scholarly, philosophical or theological literature of late antiquity. (Ian Fielding).

Dazu kommt, dass die vielen Anspielungen und teilweise direkten Zitate aus Vergil in Ovids Werk recht früh bemerkt wurden.

Die heute befremdliche Zuschreibung deutet vor diesem Hintergrund die neuere Rezeptionsforschung jedenfalls so:


By ascribing this distich to Vergil, the author — or in this case rather: compilator — of the collection makes Ovid quote the "Vergilian" epigram word by word in his apologetical letter to Augustus (trist. 2.33-34).

This goes together with the statement that was assumed to be Ovid's that he borrowed many verses from Vergil and that he did not want to conceal that but rather to be publicly noticed (Sen. suas. 3.7):

Hoc autem dicebat Gallio Nasoni suo valde placuisse; itaque fecisse ilium, quod in multis aliis versibus Vergilii fecerat, non subripiendi causa, sed palam mutuandi, hoc animo ut vellet agnosci.

As the aphorism on Jupiter's grace sounds wise and mature in Vergil's mouth, it becomes even more flattering in Ovid's when he supposedly quotes Augustus' beloved felix Aeneidos auctor (trist. 2.533) in his plea for mercy from the Emperor.





(Animo Decipiendi? Rethinking fakes and authorship in Classical, Late Antique, & Early Christian Works, Barkhuis 2019, S.180)


Re: Jupiter und die Strafe
Bukolos schrieb am 06.05.2024 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Erscheint das wahrscheinlich? Ein Kompilator, der bei seinen Rezipienten ein Maß an Ovidkenntnis voraussetzt, dass sie ein Vergil unterschobenes Zitat als ovidisch erkennen und daraufhin ihre Ovidlektüre revidieren, indem sie Trist. 2, 33 f. als Vergilzitat lesen? Und die zugleich darüber hinweggehen, dass Ovid als Vergils Œuvre nur jene drei auch heute noch allein als unumstritten vergilisch geltenden Hexameterdichtungen auflistet,* dass er aber dennoch aus einem in eligischem Versmaß verfassten Text zitiert haben soll, ohne dass dieser intertextuelle Bezug die Chance gehabt hätte, wahrgenommen zu werden aufgrund der Entlegenheit des zitierten Texts?

Auch ist die Überlieferung gerade in Bezug auf die Autorzuschreibung nicht so eindeutig, dass die Intention des Kompilators hinter den Versehen der Kopisten klar hervorträten: Im Codex Salmasianus steht das Ovid-Distichon gar nicht selbständig unter eigenem Titulus, sondern wird zusammen mit 255 als ein Text präsentiert.** Aufgrund des inhaltlichen Bruchs kann hier kaum Absicht unterstellt werden. Ob nun zwischen 255 und 256 ein eiusdem ausgefallen ist oder ein Ovidi oder etwas anderes, lässt sich da kaum sagen.

Zwar setzt der Pariser Kodex Lat. 8069 (auf den Shackleton Bailey in seinem Text als Textzeugen zurückgreift) ein eiusdem als Zuschreibung, aber dort folgt 256 direkt auf 254,*** so dass hieraus ebenfalls nicht abgeleitet werden kann, wie der Archetyp für 255-256 einschließlich ihrer Tituli ausgesehen haben mag.

Zwei weitere von Shackleton Bailey verwendete Hss. (B und V) schließlich, die zwar die Vergil zugeschriebenen Epigramme enthalten, überliefern wiederum gerade das Ovid-Distichon nicht.

* Tityrus et segetes Aeneiaque arma legentur, Am. 1, 15, 25.
** https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8479004f/f147.item.zoom
*** https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8530218h/f17.item.zoom
Re: Jupiter und die Strafe
Bukolos schrieb am 06.05.2024 um 17:44 Uhr (Zitieren)
hervorträten -> hervorträte
Re: Jupiter und die Strafe
Bukolos schrieb am 06.05.2024 um 22:30 Uhr (Zitieren)
eligischem -> elegischem
Re: Jupiter und die Strafe
filix schrieb am 07.05.2024 um 12:53 Uhr (Zitieren)
Nein, vor deinen und älteren* Erwägungen wirkt die aus Animo Decipiendi? zitierte Argumentation mehr als Suggestion einer spekulativen Intertextualitätstheorie, die sich in ein raffiniertes Motiv für die Pseudepigraphie verliebt hat.

* https://www.googlede/books/edition/Virgil_im_Mittelalter/w11mAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&pg=PA13[/sub]1
Re: Jupiter und die Strafe
Γραικύλος schrieb am 07.05.2024 um 17:31 Uhr (Zitieren)
Als philogischer Laie gefragt: Ist das nicht etwas Ähnliches wie die heutige (Un-)Sitte, einem Spruch ein größeres Gewicht zu verleihen, indem man ihn einer Autorität (meist Albert Einstein oder Oscar Wilde) unterschiebt? D.h. handelt es sich um ein Kuckuckszitat?
Zu diesem Zweck muß es dann ja weder aus einem bekannten noch einem echten Werk Vergils stammen.
Allerdings hat, wie es scheint, Ovid gar nicht selber behauptet, die Verse stammten von Vergil. Oder?
Re: Jupiter und die Strafe
filix schrieb am 07.05.2024 um 19:14 Uhr (Zitieren)
Bedingt, die vorgestellte These ist, dass das Motiv des Kompilators, die Verse Vergil statt Ovid zuzuschreiben, nicht Ahnungslosigkeit oder Versehen ist, sondern die Enthüllung eines strategischen intertextuellen Spiels, durch das Ovid Signale an den Princeps sendet, um ihn zu einem günstigeren Urteil über seinen Fall zu bewegen, so wie er das ganz offen mit der Erwähnung desselben Lieblingsautors, dessen meistgelesenen Verse von dem Quasiehebruch von Dido und Aeneas handelten, in dem auch zitierten späteren Abschnitt der Tristien (2.533f.) tut.

Das ergäbe an sich nur Sinn, wenn Ovids Publikum, allen voran natürlich der Kaiser, diese Referenz verstünde und die sentenziösen Verse, nach denen ausnahms- und unterschiedslose Sanktionierung von Verfehlungen mit den schärfsten Mitteln in Autoritätsverlust mündet, auch wirklich von Vergil wären oder zu dem Zeitpunkt wenigstens als seine gegolten hätten. Es ginge also nicht darum, eigene Verse als die Vergils auszugeben, sondern Vergils Verse für den Kenner ersichtlich zu zitieren, um von seinem Ansehen und Gewicht als Autor, ja Favorit beim Versuch, Nachsicht zu erlangen, zu profitieren.



 
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