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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine Empfehlung und eine Bitte (128 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.05.2024 um 09:40 Uhr (Zitieren)
DRIVE MY CAR

(Japan 2021)


Regie: Ryūsuke Hamaguchi
Darsteller: Hidetoshi Nishijima, Tōko Miura, Sonia Yuan, Masaki Okada u.a.
Länge: 170 Min.
Japanisches Original mit Untertiteln

Jetzt gerade ist von Ryūsuke Hamaguchi der Film „Evil Does Not Exist“ in den Kinos zu sehen, den ich als ausgesprochen schwer zu verstehen und eigentlich unzugänglich empfunden habe.

Ganz anders „Drive My Car“, der mich stark berührt hat. Er handelt von einem Theaterregisseur, der die Aufgabe übernommen hat, in Hiroshima Anton Tschechows Drama „Onkel Wanja“ auf die Bühne zu bringen. Zu den Proben wird er – so will es ein Vertrag – im eigenen Auto, einem auffallenden roten Saab, von einer jungen Frau chauffiert, und ein großer Teil des Films besteht in den Gesprächen, welche die beiden unterwegs führen und in denen sie einander schrittweise näher kommen.

Es stellt sich heraus, daß sie beide unter einem Trauma leiden, sich nämlich für den Tod eines Menschen verantwortlich fühlen.

Im Falle des Regisseurs handelt es sich um die eigene Frau, die er sehr geliebt hat und immer noch liebt, die ihn jedoch vielfach mit anderen Männern hintergangen hat; er wußte das, hat sich jedoch nicht getraut, darüber mit ihr zu sprechen, weil er fürchtete, sie dann zu verlieren. In seiner Hilflosigkeit hat er Abstand zu ihr genommen und kam deshalb zu spät, als sie mit einer Hirnblutung in der Wohnung lag. Früher gekommen, hätte er sie retten können. Damit wird er nun erneut konfrontiert, denn einer der Schauspieler, die der engagiert hat, war einer der Liebhaber seiner Frau.

Die Chauffeurin andererseits hat das Autofahren schon in jungen Jahren gelernt, weil sie ihre Mutter, die als Barfrau arbeite, zum Bahnhof fahren und von dort abholen mußte. Von dieser Mutter wurde sie häufig geschlagen, und als eines Tages ein Erdrutsch das Haus auf der Insel Hokkaido verschüttete, hat sie sich selbst gerettet, aber keine Hilfe für ihre Mutter herbeigerufen.

Er läßt sich eines Tages von ihr nach Hokkaido fahren. Sie stehen vor der Ruine des Hauses, und dabei sinken sie sich in die Arme, wobei die Worte fallen, die auch in der Schlußszene von Tschechows „Onkel Wanja“ vorkommen: „Wir müssen weiterleben.“

Für die Theaterinszenierung hat sich der Regisseur den Einfall ausgedacht, die Schauspieler in verschiedenen Sprachen sprechen zu lassen: Englisch, Japanisch, Koreanisch und ... Vermutlich soll dadurch das allgemein Menschliche an diesen Drama verdeutlicht werden.

Für Wanjas Nichte Sonja hat er sogar eine stumme, sehr zarte Schauspielerin engagiert, die ihre Rolle in Gebärdensprache darstellt. In der vorletzten Szene des Films sehen wir die Schlußszene des Dramas:
SONJA: Was soll man machen, wir müssen leben! Pause. Wir werden weiterleben, Onkel Wanja, eine lange, lange Reihe von Tagen und von langen Abenden; wir werden geduldig die Heimsuchungen tragen, die uns das Schicksal sendet; wir werden für andere arbeiten, jetzt und wenn wir alt sind, und keine Ruhe kennen, und wenn unsere Stunde schlägt, werden wir gehorsam sterben und dort im Jenseits sagen, wie wir gelitten und geweint haben, wie bitter weh uns ums Herz war, und dann wird Gott sich unser erbarmen, und wir beide, Onkel, lieber Onkel, wir werden ein helles, schönes, herrliches Leben kennenlernen, wir werden uns freuen und auf unsere jetzigen Leiden mit einem Lächeln der Rührung zurückblicken – und dann werden wir Ruhe haben. Ich glaube, Onkel, ich glaube heiß und leidenschaftlich ... Sie kniet vor ihm nieder und legt den Kopf auf seine Hände; mit müder Stimme: Wir werden Ruhe haben!

Sonja spricht diese Worte nicht mit Worten, sondern sie tritt hinter ihren Onkel und hält ihre gestikulierenden Hände vor seine Augen, was wie eine Umarmung wirkt und sicher auch so wirken soll. Wir haben es nicht leicht, aber wir müssen weitermachen und dürfen hoffen, sofern wir glauben, nach unserem Tode Gottes Erbarmen zu erfahren und ausruhen zu können. Endlich ausruhen.

Es folgt noch eine letzte Szene, in welcher die Chauffeurin in einem Supermarkt einkauft, ihre Ware in einem roten Saab verstaut und damit irgendwohin fährt, begleitet von einem Hund, welcher, wie wir an einer früheren Stelle gesehen haben, der stummen Schauspielerin und deren Mann gehörte. Das Kennzeichen des Autos ist ein anderes als früher, ansonsten scheint es dasselbe zu sein. Das zu verstehen fällt mir schwer. Nicht so die letzte Szene in „Onkel Wanja“, von einer Stummen vorgetragen – eine tiefe Symbolik.

***

Der Film ist in der arte Mediathek bis zum 30. Mai aufrufbar. Sollte sich jemand angeregt fühlen, ihn anzusehen, wäre ich für den Versuch einer Deutung der Schlußszene dankbar.

Re: Eine Empfehlung und eine Bitte
Γραικύλος schrieb am 06.05.2024 um 15:29 Uhr (Zitieren)
die als Barfrau arbeite --> die als Barfrau arbeitete
 
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