Γραικύλος schrieb am 19.07.2024 um 00:48 Uhr (Zitieren)
1. Achilles besitzt im Kampf vor Troja eine Rüstung.
2. Diese überläßt er dem Patroklos zu dessen Verwendung.
3. Nach dem Tode des Patroklos wird sie zur Beute der Trojaner.
4. Achilles bekommt eine neue Rüstung.
5. Nachdem er Hektor getötet hat, nimmt er diesem seine alte Rüstung ab.
6. Nunmehr verfügt er also über zwei Rüstungen.
7. Als aber Odysseus und Aias nach dem Tode des Achill streiten, das streiten sie über eine Rüstung, statt einfach die beiden Rüstungen unter sich aufzuteilen.
8. Wo also ist die zweite Rüstung geblieben?
Re: Die Rüstung(en) des Achill
Γραικύλος schrieb am 19.07.2024 um 00:58 Uhr (Zitieren)
7. das streiten --> da streiten
Re: Die Rüstung(en) des Achill
Aurora schrieb am 19.07.2024 um 07:29 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος schrieb am 19.07.2024 um 17:28 Uhr (Zitieren)
Nebenbei, ja. Meine Frage beantwortet das nicht, aber vermutlich gibt es darauf keine Antwort.
Für Homer stellte sie sich nicht, weil der Streit um die Rüstung(en) aus einem anderen Epos stammt: "Aithiopika".
Re: Die Rüstung(en) des Achill
Bukolos schrieb am 19.07.2024 um 18:33 Uhr (Zitieren)
Wenn wir Homer als Autor von Ilias und Odyssee ansehen, stellt sie sich für ihn schon: In der Nekyia wird der Konflikt mit Aias thematisiert (Od. 11, 543-551). Antike Leser werden sich jedenfalls an den Widersprüchen, die sich aus dem Waffentausch für den Mythenplot ergeben, gestoßen haben und erklärten die hephaistische Rüstung zu einer Erfindung Homers:
Dem schließt sich Phanis J. Kakridis (Achilleus' Rüstung, Hermes 89, H. 3, 1961, S. 289) im Wesentlichen an:
Re: Die Rüstung(en) des Achill
filix schrieb am 19.07.2024 um 20:58 Uhr (Zitieren)
Das ist im Wesentlichen auch die Einschätzung neuerer Arbeiten:
Die Autorin Irmgard Männlein-Robert analysiert dann ausführlich die Funktion des Waffentausches bei Homer u.a. als Brechung mit einer archaischen Aneignungsmagie - nicht die Rüstung mache den Helden, sondern er sie. Patroklos und Hektor sterben in der zur Selbstüberschätzung verführenden Rüstung im Irrglauben, sie würden so der Stärke und Fähigkeit nach selbst zu Achill (Hektor wird übrigens zum Verhängnis, dass ihr ursprünglicher Besitzer deren Schwachstellen sehr genau kennt).
Re: Die Rüstung(en) des Achill
Bukolos schrieb am 21.07.2024 um 12:16 Uhr (Zitieren)
Bemerkenswerterweise existieren zwei wohl in der ersten Hälfte des 6. Jhs. entstandene Vasen mit Darstellungen der Auslösung Hektors, auf denen zumindest zwei Helme und zwei Beinschienenpaare oder Schilde abgebildet sind, so dass hier, der vorgeschlagenen Deutung nach, zumindest Teile der von Hektor spoliierten neben Achills zweiter Rüstung in dessen Zelt erblickt werden können.
Der mutmaßlich homerische Faden des Mythos wird also wenigstens in bildlicher Repräsentation weitergesponnen. (Bei Homer findet Rüstung Nr. 1 ja zum letzten Mal bei der Spoliation von Hektors Leichnam und dessen anschließender Schändung Erwähnung.*) Wenn Achill dem Leichnam Patroklos' verspricht, Rüstung und Kopf Hektors herbeizubringen,** so kann man vermuten, dies impliziere in Verbindung mit der Absicht, zwölf Troer an seiner Pyra zu opfern, dass Achill die Rüstung Hektors bei Patroklos' Bestattung mitverbrennen wolle. Allerdings wird nur die Opferung der zwölf Gefangenen auserzählt.
Auf einem Volutenkrater aus dem 4. Jh., der die Opferung eines der Troer vor Patroklos' Pyra darstellt, finden sich auf und neben ihr eine vollständige, reichverzierte Rüstung und ein einfacher Muskelpanzer, die offenbar zur Verbrennung vorgesehen sind. Auch wenn Adolf Furtwängler diese Annahme ablehnt, halte ich es für denkbar, dass es sich bei der Prachtrüstung um Achills erste Rüstung handelt und der durch seine Schmucklosigkeit zu dieser kontrastierte Thorax dem (bei Homer, wie seine Leidensgenossen, namenlos bleibenden) Troer zugeordnet ist, dass also die Bilderzählung die Diskrepanz zwischen homerischer und außerhomerischer Mythenerzählung aufzulösen versucht.
filix schrieb am 21.07.2024 um 14:13 Uhr (Zitieren)
Auf dem Volutenkrater ist Achill auch der einzige wehrfähige Charakter, der, von Schwert und Umhang abgesehen, gar nicht armiert ist, kein Helm, kein Schild, keine Beinschienen. Eigentümlich auch die Kopfdarstellung auf dem Linothorax (?) links am Scheiterhaufen, das sieht mir nicht nach einem apotropäischen Gorgoneion aus, wie es den Schild ziert, oder?
Re: Die Rüstung(en) des Achill
Bukolos schrieb am 22.07.2024 um 13:18 Uhr (Zitieren)
Bedauerlicherweise ist die Auflösung des Digitalisats, das ja zudem nur eine Nachzeichnung bietet, doch recht unscharf, und ein hochauflösendes Foto des Vasenbildes, das die Figur auf dem Panzer deutlicher erkennen ließe, konnte ich leider nicht ermitteln. Beim Vergleich mit dem Gorgoneion, das auf dem bekannten Mosaik den Panzer Alexanders ziert, halte ich es dennoch nicht für völlig abwegig, hier einen ästhetisch gesänftigten Typus des Medusenhaupts zu erkennen. Aber es stimmt, beim Schild fällt die Entscheidung, die Figur als Gorgoneion zu interpretieren, aufgrund der Schlangen im Haar leichter.
Re: Die Rüstung(en) des Achill
filix schrieb am 23.07.2024 um 00:39 Uhr (Zitieren)
In Paul Demonts Ilias und Odyssee in Bildern, Knesebeck 2005, ist dieser Szenenausschnitt abfallend auf S. 107 als farbige photographische Reproduktion abgebildet, online habe ich auch nichts entdeckt. Von dem Schlangenhaar abgesehen irritiert mich, dass man - wie am Schild und in zahlreichen vergleichbaren Darstellungen, nicht zuletzt der eines als Achill gedeuteten Kriegers im Linothorax* - einen fratzenhaften Ausdruck und einen konfrontierenden oder wenigstens entsetzten Blick erwarten würde, denn dies sind ja Schlüsselelemente der apotropäischen Wirkung. Dieser Kopf blickt jedoch schmallippig, ich will nicht sagen melancholisch, zur Seite.
Bukolos schrieb am 23.07.2024 um 09:32 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis!
Im Laufe des 4. Jhs. scheint sich das apotropäische Element in der Gorgonendarstellung deutlich zurückzubilden und so etwas wie ein (in Furtwänglers Worten) "schöner Typus" des Gorgoneions zu entstehen.* Beim Alexandermosaik**, dessen Vorlage ja vielleicht nur ein paar Jahrzehnte nach dem Krater entstanden ist, kann man diesen Typ recht gut ausmachen.
Die Annahme, auf Rüstung und Schild das mit Athene assoziierte Gorgoneion zu erblicken, würde recht gut zu dem Umstand passen, dass Athene*** in der Ilias auf Seiten der Griechen steht und sich selbst durch das von Hektor veranlasste Gebet der Troerinnen samt (freilich unpassend gewähltem) Opfer nicht umstimmen lässt (Il. 6, 311): Durch Tragen einer unter den Schutz Athenes gestellten Rüstung hätte Hektor sein Schicksal geradezu provoziert.
filix schrieb am 23.07.2024 um 11:40 Uhr (Zitieren)
Interessante Ikonographie, danke - es hat also noch die fischgesichtige Femme fatale eines Franz von Stuck* ein deutlicheres antikes Vorbild, als ich vermutet hätte.