Γραικύλος schrieb am 03.08.2024 um 00:16 Uhr (Zitieren)
Die deutsche Sprache macht es sich einfach: die Reise.
Im Vergleich dazu wird das Englische der Komplexität des Geschehens viel besser, nämlich durch verschiedene Wörter gerecht:
1. Voyage. Das stammt von dem altfranzösischen voiage, das auf das lateinische viaticum zurückgeht, was all das bezeichnet, was man auf seinem Weg (via) benötigt: der Proviant, das Fahrgeld, das Futter fürs Pferd, der Treibstoff, die Reiselektüre.
2. Journey. Dieses Wort bezieht sich auf die benötigte Zeit, denn es geht auf das altfranzösische jornée, dieses wiederum auf das lateinische diurnum zurück: die Tagesstrecke. In einem weiteren Sinne dann für die gesamte Reisezeit gebraucht.
3. Travel. Dies hat eine überraschende, aber einleuchtende Bedeutung, die von dem französischen travail (Arbeit, Mühe, Anstrengung) herstammt, was seinerseits von dem mittellateinischen trepalium, Folterinstrument, abgeleitet ist. Hier stehen die Mühen, Unannehmlichkeit und Gefahren des Reisens im Vordergrund: vom Abschiednehmen über den Sturz vom Pferd, das Fallen unter Straßenräuber, dem in die Irre führenden Navi, dem verpaßten Anschluß bis hin zum verspäteten Eintreffen, wenn „die Messe schon gelesen ist“.
Will man im Englischen alle diese Aspekte zusammenfassen (den Aufwand, die Länge, die Risiken), dann spricht man von einer Odyssey. Das geht auf einen klassischen Reisenden der Antike zurück, Odysseus, welcher eine zehnjährige Reise von Troja bis in seine Heimat Ithaka erleiden mußte, die wirklich alles an sich hatte, was passieren kann: Schiffbruch, Menschenfresser, Verführung durch Nymphen und Sirenen, Tod aller Kameraden und – mein persönlicher Favorit – die Wahl zwischen zwei gleichermaßen gefährlichen Reiserouten: Skylla und Charybdis.
Allerdings gibt es gerade für diese extreme Art des Reisens auch im Deutschen eine spezielle Bezeichnung: Fahren mit der Deutschen Bahn.
In einem seltenen Moment von Klarsicht hat diese sich übrigens, als sie ihren Slogan modern, d.h. englisch propagieren wollte, für das genau passende Wort entschieden: „Travelling with Deutsche Bahn“. Ihre ICEs „Trepalia“ zu nennen, wäre der nächste Schritt.
(Wolfgang Weimer)
Re: Reisen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 03.08.2024 um 11:10 Uhr (Zitieren)
Nett, mit dem kleinen Schönheitsfehler in der Pointe, daß den Wörtern 1. und 2. ein entsprechendes Verb fehlt, die DB hat sich also keineswegs klaren Sinnes frei entscheiden können, sondern das einzig verfügbare Verb nehmen müssen - das "genau passende Verb" wird außerdem, sozusagen im Reiserückblick, mit einer Bedeutungssphäre ('travail') verknüpft, die es im heutigen englischen Sprachgebrauch überhaupt nicht mehr berührt. Außerdem trifft die Bemerkung auch andere, anglophone Bahnsysteme.
Im Französischen, wohlbemerkt, steht es mit voyager, als einzigem "echten" Verb vs. faire un voyage/trajet, auch nicht grundsätzlich anders.
Der hübschen Reise-Glosse sei ihr Reiz unbenommen.
To journey sowie
To voyage
Are still going strong.
To travail, sich abmühen,existiert nach wie vor. To be in travail, in Wehen, heißt heute eher in labour.
Re: Reisen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 03.08.2024 um 13:07 Uhr (Zitieren)
Patroklos hat Recht, was die Existenz der Verben angeht, aber: es gibt keine echten Synonyma, denn
to yoyage betrifft vor allem Seereisen, to journey ist eher das auf-Reisen-Gehen, für das Reisen selbst steht to travel zur Verfügung.
filix schrieb am 03.08.2024 um 13:32 Uhr (Zitieren)
Man könnte natürlich noch kritisieren, dass die etymologisierende Bedeutungserklärung die aktuelle auf andere Aspekte fokussierende zu stark überlagert, bei voyage beispielsweise sind die lange Dauer und das Fortbewegungsmedium (Meer, All) wichtig. Sei's drum.
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 03.08.2024 um 22:44 Uhr (Zitieren)
Wenn eine Satire auf Philologen stößt, kann der Autor nur in Deckung gehen.
Das Proömium gefällt mir sehr gut!
Re: Reisen
filix schrieb am 04.08.2024 um 02:31 Uhr (Zitieren)
So will ich als Ausgleich fürs Beckmessern dem Proömium noch ein paar Zeilen aus der Ferrovyssee DB hinzufügen:
Sehr schön und witzig. Kompliment.
So wäre nach allen Abenteuern der Kampf mit den Freiern ein fast aussichtsloser Kampf um den „Entschädigungsanspruch“!
Kopiert und eingegeben um zu sehen, was sie draus macht.
Ich wollte es nur zur Diskussion stellen, wie gut oder schlecht KI für Altgriechisch ist.
In modernen Fremdsprachen ist sie mittlerweile recht passabel.
Ich habe den Text selber nicht näher angesehen.
Mich interessiert v.a., wie es grammatisch aussieht.
Du musst nicht gleich aus der Haut fahren.
Es ist eine Spielerei nebenbei um zu sehen,
was KI aus modernen Texten macht.
Ich lerne Griechisch als Hobby nebenher
und bin weit davon entfernt, sowas übersetzen zu können.
Wie würdest du es übersetzen?
Mir ist schon aufgefallen, dass man das hier nicht gern tut.
Wohl doch um einiges schwerer als Latein.
In Nachbarforum wird hingegen prompt übersetzt.
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 04.08.2024 um 17:05 Uhr (Zitieren)
Udo, für Dich ist es
Aber Deine Frage lautete:
Erwartest Du im Ernst, daß im Sinne Deiner "Spielerei" sich daraufhin jemand daran macht, die Fehler zu zählen?
Es ist schön, daß Du Dich mit Altgriechisch befaßt; aber reflektiere doch bitte, was Du von anderen erwartest.
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 04.08.2024 um 17:12 Uhr (Zitieren)
Was das Nachbarforum angeht, so kannst Du ja einmal Dein Spiel fortsetzen, ein Buch der "Aeneis" von KI übersetzen lassen und dann die Profis dort fragen, wieviele Fehler in der Übersetzung sind.
Re: Reisen
Bukolos schrieb am 04.08.2024 um 17:14 Uhr (Zitieren)
Den Machern von DeppGPT kann man gratulieren: Turing-Test bestanden.
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 04.08.2024 um 17:57 Uhr (Zitieren)
filix schrieb am 04.08.2024 um 18:55 Uhr (Zitieren)
Danke für das Kompliment, Patroklos, und nachträglich willkommen in unserer Grundentspannten Oase. Ja, der Endkampf um Endschädigung für zehn Jahre Verspätung wäre wohl neben Polyphems Bordrestaurant ein blutrünstiges Highlight.
Der Thread hat indes eine Erinnerung zurückgebracht an eine Fahrt im ICE von Berlin nach Hamburg vor einigen Jahren, auf der ich einer anderen Art Odysseus der Schiene begegnet bin. Ich saß die zwei Stunden neben einem über Skype seine Lebensgeschichte ausbreitenden Mann, seines Zeichens Lokführer, der über Jahre als Einspringer in ganz Deutschland eingesetzt wurde und daher rastlos natürlich per Bahn an seine jeweiligen Einsatzorte reiste. Er lebte aus seinem Gepäck. Mit unhomerischen Folgen auch für die Beziehung, seine Penelope war weder begeistert noch treu, selbst der Hund, beklagte er sich, schien bei seltenen Besuchen das Interesse an ihm zu verlieren.
Für einen Profi sollte das nicht allzu schwer sein.
Ich würde es als Herausforderung betrachten gegen die KI anzutreten wie Schachcomputer gegen Schachweltmeister (Stichwort Deep Blue vor vielen Jahren).
Nicht Fehler zählen, sondern richtig stellen.
Besser wäre. Welche gravierenden ... ?
Aus Fehlern lernt man bekanntlich am meisten.
Oder wollt ihr hier nur noch Debattieren über Literatur und nicht mehr
konkret mit sprachlichen Problemen auseinandersetzen?
Auch Altgriechisch ist zunächst eine Sprache, die viele Menschen einst benutzt haben.
Die KOINE war sogar eine Art lingua franca.
Aber wenn ihr keine Lust habt, ist das auch OK.
Wäre halt mal etwas anderes gewesen im Sinne von variatio delectat.
Komisch, sonst hat man hier für fast alles Verständnis und diskutiert über Gott und die Welt.
Wenn es aber um etwas geht, das die Zukunft bestimmen wird, wovon ich überzeugt bin, dann
fühlt man sich auf den Schlips getreten.
Etwas Toleranz und Verständnis hätte ich schon erwartet, zumal ihr sonst alles zerfieselt und
in Stücke haut in höchst elaborierter Wortakrobatik.
In ein paar Jahren wird KI so gut sein, dass sie es mit Profis aufnehmen kann wie Deep Blue.
Wenn die Quantencomputer in Serie gehen, werden sich manche Foren in Luft auflösen.
PS:
Man kann sich mit KI toll unterhalten über alle möglichen Themen.
Auch filix wird wohl Technik einsetzen. Denn soviel kann kein normaler Mensch in so kurzer Zeit aufs Tablett bringen. Damit will ich seine
hohe Kompetenz mit keinem Wort in Zweifel ziehen. Er ist sicher auch ein Profi in Sachen
"Wie komme ich schnell an passendes Material?"
Für jemanden, der das über Jahrzehnte professionell gemacht hat, sollte das ein Klacks sein.
Heute geht es doch überall nur noch darum, wie komme ich schnell, bequem und kostengünstig an Infos ohne natürlich anderen zu verraten, wie das geht.
Insgesamt ist mein Eindruck:
Hier wollen Hochgebildete Menschen unter sich bleiben,
fühlen sich durch banale Anfragen wie Übersetzungen ins Griechische gestört oder genervt.
Es gibt noch unbeantwortete Anfragen dazu.
Ich müsste suchen.
Nun gut. Es sei mir eine Lehre!
De gustibus ...
Dann werde ich mich von dieser intellektuellen Spielwiese zurückziehen.
Denn ich bin primär an der Sprache interessiert und würde auch gern mal moderne Sätze in die Zielsprache übersetzen.
Vlt. finde ich etwas dazu im Netz, einen Griechisch-Chatroom oder ähnliches
Als Mitleser bleibe ich hier, sprachl. Fragen werde ich anders zu lösen versuchen.
Sorry, dass ich euch damit genervt habe.
Ich dachte nicht, dass es eine solche Reaktion auslösen würde.
Wieder was dazugelernt auf für mich unerfreuliche Weise.
Schönen Abend.
Mit einer gewissen Enttäuschung
Udo
Emanuel Lasker, dessen Bruder der erste Ehemann von Else Lasker-Schüler war, war Schachweltmeister, 27 Jahre lang. Ob er gegen Computer gespielt hätte? Oder umgekehrte;)?
Mich überzeugt dies Forum wegen seiner individuellen Antikenliebe, seit Jahren. Wegen einer lediglich altsprachlichen Schulung war ich bislang stummer Leser. Womöglich kann ich nun etwas beitragen. Es muss ja nicht reiner antiker Honig sein. Udo, verlasse nicht den Bienenstock bitte!
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 06.08.2024 um 17:06 Uhr (Zitieren)
Es gab einen Autotyp namens Chrysler Voyager, eine Großraumlimousine. So eng auf die Seefahrt beschränkt ist das also nicht.
Re: Reisen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 08.08.2024 um 12:44 Uhr (Zitieren)
Nur ein kleiner Ausriß, der den Hype um diese 'intelligent' genannte Maschine, genauer gesagt: das überzogene Verständnis ihrer "Fähigkeiten" auf den Punkt bringt:
Beispiele dafür, daß das Muster der Antwort wichtiger ist als ihr Inhalt, haben wir in nuce in einigen Fäden der letzten Zeit vor Augen geführt bekommen, auch dafür, wie leicht es ist, das eigentlich auf die Maschine zu münzende "sie" personal aufzufassen, oder sich der Versuchung, dies zu tun, nicht bewußt zu werden/sein.
Re: Reisen
βροχή schrieb am 24.02.2025 um 15:44 Uhr (Zitieren)
Wer länger unterwegs ist, geht auf Tour.
Wer spontan sich entscheidet, macht einen Trip.
Auch beliebt ist das Hüpfen als hopper.
Re: Reisen
Γραικύλος schrieb am 24.02.2025 um 16:10 Uhr (Zitieren)
Das letzte Erlebnis bestand darin, daß wir alle den ICE verlassen mußten, weil die Bahn sich aus Personalmangel nicht in der Lage sah, ihn über Köln hinaus bis zu seinem eigentlichen Zielort, Hamburg-Altona, fortzusetzen.
Was das dann für Platzreservierung, Anschlußzüge etc. bedeutet - frage nicht.