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Ein Gemäldes des Zeuxis #1 (73 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.12.2025 um 13:59 Uhr (
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Lukian, Zeuxis oder Antiochos 3-8:
[...] Der berühmte Zeuxis, der erste Maler seiner Zeit, hatte das Eigene, daß er sich mit den gemeinen alltäglichen Gegenständen seiner Kunstverwandten, mit Göttern, Heroen, Schlachten und dergleichen, gar nicht oder nur sehr selten abgab, sondern immer etwas Neues und noch von keinem anderen Bearbeitetes unternahm. Hatte er aber irgendein ungewöhnliches und sonderbares Sujet ausgedacht: so verwandte er alles, was, was die Kunst vermag, darauf, um ein Meisterstück daraus zu machen.
Unter anderen Werken dieser Art hat man auch eine Kentaurin von ihm, die einem Paar noch sehr kleinen Zwillingskentaurchen zu saugen gibt. Eine sehr gute und mit großem Fleiße nach dem Original gearbeitete Kopie dieses Bildes befindet sich augenblicklich zu Athen, das Urbild selbst aber soll von dem römischen Feldherrn Sulla nebst vielen anderen nach Italien geschickt worden sein; aber das Schiff verun-glückte, wenn ich mich nicht irre, an dem Vorgebirge Malea, seine ganze Ladung ging zugrunde, und dieses Gemälde mit den übrigen.
Da es noch nicht lange her ist, daß ich die Kopie bei einem Maler zu Athen gesehen habe, so will ich es euch, so gut ich kann, mit Worten zu schildern suchen. Ich gebe mich zwar für keinen Kenner von Gemälden aus, aber dieses schwebt mir noch ganz frisch im Gedächtnis, und die außerordentliche Bewunderung, womit ich es damals betrachtete, wird mir jetzt zustatten kommen, um es euch desto deutlicher beschreiben zu können.
Auf einem Rasen vom schönsten Grün liegt die Kentaurin mit dem ganzen Pferdeleib auf dem Boden, die Hinterfüße rückwärts ausgestreckt: der obere weibliche Teil hingegen hebt sich sanft in die Höhe und ist auf den einen Ellenbogen gestützt. Aber die Vorderfüße sind nicht ebenfalls gestreckt, als ob sie auf der Seite liege: sondern der eine scheint mit rückwärts gebogenem Hufe auf dem Knie zu ruhen, der andere hingegen ist im Aufstehen begriffen und stemmt sich gegen den Boden, wie es die Pferde zu machen pflegen, wenn sie vom Boden aufspringen wollen.
Von ihren beiden Jungen hält sie das eine in den Armen und reicht ihm die Brust, das andere hingegen liegt unter ihr und saugt wie ein Fohlen. Über ihr zeigt sich von einer Anhöhe ein Kentaur, der ihr Mann zu sein scheint, aber nur bis zur Hälfte des Pferdes sichtbar ist: er schaut freundlich lachend auf sie herab, indem er in der einen Hand den Welfen eines Löwen (1) emporhält, als ob er seine Kleinen zum Scherz damit erschrecken wolle.
(Lukian: Sämtliche Werke. 5 Bde. Nach der Übersetzung von Chr. M. Wieland. Hrsg. von Hanns Floerke. Berlin 1922; Bd. 3, S. 193-195)
(1) Das Junge eines Löwen nannten unsere alten Deutschen einen Welfen. Dies Wort ist unvermerkt außer Kurs gekommen: aber da es (wie hier) Fälle gibt, wo es einem Schriftsteller unentbehrlich ist, so ist kein anderes Mittel, als es wieder zu gebrauchen, da indessen kein anderes an seine Stelle gekommen ist: denn ein junger Löwe und das Junge eines Löwen sind zwei ganz verschiedene Dinge. [Anm. Chr. M. Wieland]
Re: Ein Gemälde des Zeuxis #1
Γραικύλος schrieb am 15.12.2025 um 14:55 Uhr (
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(Titelkorrektur)