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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2 (166 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.01.2026 um 16:10 Uhr (Zitieren)
Herodot, Historien VII 140-143:
142. Dieser Spruch schien ihnen milder zu sein als der erste; er war es auch wirklich. Sie schrieben ihn auf und zogen heim nach Athen. Als die Boten zu Hause eintrafen und der Gemeinde berichteten, gab es viele verschiedene Meinungen unter denen, die den Sinn des Orakels suchten.

Besonders aber diese Meinungen standen gegeneinander: Einige von den Älteren sagten, für sie hätte es den Anschein, als hätte der Gott die Erhaltung der Burg [ἀκρόπολις] geweissagt; denn die Burg in Athen war seit alten Zeiten mit einer Dornhecke umgeben. Diesen Zaun hielten sie für die hölzerne Mauer. Andere sagten wieder, der Gott meine die Schiffe, und gaben ihnen den Befehl, sie sollten die Flotte instandsetzen und alles andere lassen. Diejenigen aber, die meinten, die Schiffe seien die hölzerne Mauer, wurden irre an den beiden letzten Versen der Pythia:

„Göttliches Salamis du, du mordest die Söhne der Frauen,
wenn man die Frucht der Demeter zerstreut oder einend sie bindet.“

An diesen Worten stießen sich die Meinungen derer, die behaupteten, die Schiffe seien die hölzernen Mauern. Denn die Orakeldeuter erklärten die Worte so, als sollte Athen bei Salamis unterliegen, wenn es zu einer Seeschlacht rüste.

143. Unter den Athenern lebte ein Mann, der erst seit kurzem zu großem Ansehen gekommen war: Themistokles, er hieß Sohn des Neokles. Er behauptete, die Orakeldeuter legten nicht alles richtig aus, und fügte hinzu, wenn dieses Wort sich wirklich auf die Athener bezöge, wäre der Spruch, wie er glaubte, nicht so milde ausgefallen, sondern etwa folgendermaßen: „Schreckliches Salamis!“ statt „Göttliches Sala-mis“, wenn wirklich die Bewohner im Kampf darum sterben sollten. Der Spruch sei gegen die Feinde gerichtet, nicht auf die Athener, wenn man ihn richtig verstehe.

So riet er ihnen denn, sich zum Kampf mit Schiffen zu rüsten; denn diese seien die hölzernen Mauern. Diese Erklärung des Themistokles hielten die Athener für viel annehmbarer als die Auslegung der Orakeldeuter, die von der Rüstung zum Seekrieg abrieten und sagten, man solle die Hand überhaupt nicht gegen den Feind erheben, sondern Attika verlassen und sich in einem anderen Land ansiedeln.

(Herodot: Historien. Herausgeben von Josef Feix. 2 Bde. München ²1977; Bd. II, S. 968-973)
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Claudia schrieb am 05.01.2026 um 13:18 Uhr (Zitieren)
wikipedia weiß Interessantes über das Orakel und seine Herkunft:
https://de.wikipedia.org/wiki/Orakel_von_Delphi

In wieviel % der Fälle lag es wohl richtig?
Wie reagierte man, wenn es danebenlag?
War es dann nicht der Wille der Götter?


Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2026 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Man kann am vorliegenden Fall gut das Problem erkennen, das sich der Beantwortung dieser Frage in den Weg stellt.

Der Orakelspruch ist keine klare Vorhersage wie: "Am kommenden Freitag wird Eintracht Frankfurt Borussia Dortmund schlagen."

Vielmehr handelt es sich in diesem Falle sogar um zwei Orakel. Beide sind dunkel und mehrdeutig. Das erste ist in der Wirkung (Stimmung) negativ, das zweite wird in kontroverser Diskussion gedeutet, wobei sich die Deutung des Themistokles durchsetzt und im Ergebnis als wirksam erweist.
Aber war es das, was die Pythia gemeint hat?
Wie sollte man diese Frage beantworten?

Deshalb möchte ich nicht vom Eintreffen eines Orakels sprechen, sondern von seiner Wirkung. Was hat es in der deutenden Verarbeitung durch Menschen bewirkt?
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.01.2026 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Man vergleiche den an Kroisos ergangenen Spruch „Überschreitest du den Halys, so wirst du ein großes Reich zerstören“. Vorhersagegenauigkeit 100%, nur nicht in der Richtung, in der Kroisos das (ichbezogen wie Herrscher nunmal sind) als selbstverständlich angenommen hatte.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
βροχή schrieb am 05.01.2026 um 15:33 Uhr (Zitieren)
Aber war es das, was die Pythia gemeint hat?


Die Pythia meint gar nichts, sonst würde sie Klartext reden.

Die gibt eine Nuss zu knabbern, deren Schale sich öffnet, wenn es zu spät ist.



Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2026 um 16:10 Uhr (Zitieren)
Manchmal ist auch bei Menschen die Antwort à la Kroisos. Der linke, pazifistische Musiker Pete Seeger ("Where Have All The Flowers Gone?" usw.) ist einmal in einer Anhörung vor dem Ausschuß gegen antiamerikanische Umtriebe in der McCarthy-Ära gefragt worden: "Würden Sie für Ihr Vaterland ein Gewehr in die Hand nehmen?"
Seegers Antwort: "Ja. Aber ich sage Ihnen nicht, in welche Richtung ich es halten werde."

***

Kroisos hat sich übrigens anschließend über das Orakel beim Orakel bitter beschwert:
Als Kroisos das hörte, schickte er lydische Boten nach Delphi und trug ihnen auf, die Fesseln auf die Schwelle des Tempels zu legen und zu fragen, ob sich denn der Gott nicht schäme, Kroisos durch seinen Orakelspruch zum Kriege gegen die Perser verleitet zu haben, als ob er des Kyros Macht vernichten sollte. Das da sei davon die Erstlingsgabe, wobei sie auf die Fesseln hinweisen und fragen sollten, ob der Undank Brauch sei bei den Griechengöttern.

Als die Lyder nach Delphi kamen und ihre Aufträge ausrichteten, soll ihnen die Pythia folgende Antwort erteilt haben: „Selbst ein Gott kann dem bestimmten Schicksal nicht entgehen [Τὴν πεπρωμένην μοῖραν ἀδύνατά ἐστι ἀποφυγεῖν καὶ θεῷ]."

(Herodot I 85-91)
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
βροχή schrieb am 05.01.2026 um 16:27 Uhr (Zitieren)

das war eine self-defeating prophecy

Das Prinzip des Orakels ist, es passiert das Gegenteil von dem, was du herausliest.






Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2026 um 16:31 Uhr (Zitieren)
Aber die Antwort der Pythia auf die Kritik! Eigentlich besagt sie ja: Die Anfragen sind zwecklos. Oder: "Ask me no questions, and I'll tell you no lies."
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
βροχή schrieb am 05.01.2026 um 16:42 Uhr (Zitieren)
... die müssten schon irgendwie gemerkt haben,
dass mit den Orakeln wenig anzufangen ist.

Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2026 um 17:33 Uhr (Zitieren)
Dennoch wurde es immer und immer wieder befragt.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
ZI schrieb am 05.01.2026 um 17:33 Uhr (Zitieren)
Wie reagierte man, wenn es danebenlag?


Antwort von GEMINI:
Warum das Orakel von Delphi niemals „unrecht“ hatte

In der griechischen Antike galt das Orakel als Sprachrohr des Gottes Apollon. Da ein Gott nicht irren konnte, gab es bei nicht eintretenden Vorhersagen stets andere Erklärungen:

Fehlinterpretation durch den Menschen: Die Sprüche waren oft bewusst doppeldeutig (Ambiguität). Berühmtestes Beispiel ist König Krösus: Das Orakel prophezeite, er werde „ein großes Reich zerstören“. Krösus dachte an den Feind, zerstörte durch seine Niederlage aber sein eigenes Reich. Das Orakel behielt formal recht.

Menschliches Versagen beim Ritual: Wenn eine Vorhersage völlig danebenlag, wurde die Schuld beim Ratsuchenden gesucht. Unzureichende Opfergaben, mangelnde Ehrfurcht oder eine unklare Fragestellung galten als Gründe, warum der Gott die Wahrheit verweigerte.

Bestechung und Korruption: In seltenen Fällen, in denen Manipulation nachgewiesen wurde, machte man die menschlichen Priester oder die Pythia verantwortlich, niemals jedoch die göttliche Quelle selbst.

Das Schicksal (Moira): Die Griechen glaubten an ein festgeschriebenes Schicksal. Das Orakel gab nur Hinweise; wer diese falsch deutete oder versuchte, das Schicksal zu überlisten, scheiterte an seiner eigenen Überheblichkeit (Hybris).

Fazit: Das Orakel war ein „selbstheilendes System“. Da die Verantwortung für die Deutung der meist rätselhaften Verse beim Empfänger lag, blieb die Unfehlbarkeit der Institution über Jahrhunderte gewahrt.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Andreas schrieb am 05.01.2026 um 17:45 Uhr (Zitieren)
Dennoch wurde es immer und immer wieder befragt.

Was tut der Mensch nicht alles, wenn er in Not oder Angst ist!
vgl.
Metus facit deos.
Die Zukunft zu kennen ist ein Urwunsch des Menschen.
Dabei liegen Experten meist daneben (Aktien,
Währungen etc.).
Und nicht zu vergessen die Weltuntergangsprophezeihungen (Zeugen Jehovas,
Jim Jones).

Der Zivilisation drohe der Niedergang durch Kapitalismus und Atombombe, prophezeite Sektengründer Jim Jones. Mit seinen Anhängern gründete er deshalb eine Kommune in Guyana. 1978 nahm sie ein schreckliches Ende.

Das ist nun bald 50 Jahre her.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Bukolos schrieb am 06.01.2026 um 21:35 Uhr (Zitieren)
An der Stelle sei angemerkt, dass in der jüngeren Forschung Herodot (nicht weniger als der Tragödie) überwiegend misstraut wird als Quelle dafür, was und in welcher Form das delphische Orakel tatsächlich verkündet hat.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
βροχή schrieb am 06.01.2026 um 22:06 Uhr (Zitieren)
Die Orakelsprüche sind Literatur, so oder so. Es sind Gedankenspiele, die sich vom ende her aufdröseln lassen, auf diese weise liefern sie einen aha Effekt.

Auch wenn sie nicht vom Orakel direkt stammen, sondern anderweitig erfunden wurden.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Claudia schrieb am 07.01.2026 um 11:38 Uhr (Zitieren)
Eine bekannte Orakelstätte wird hier beschrieben:
https://de.wikipedia.org/wiki/Dodona
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Bukolos schrieb am 08.01.2026 um 02:44 Uhr (Zitieren)
Zitat von βροχή am 6.1.26, 22:06Die Orakelsprüche sind Literatur, so oder so. Es sind Gedankenspiele, die sich vom ende her aufdröseln lassen, auf diese weise liefern sie einen aha Effekt.

Das lässt sich gewiss sagen, dass sowohl Herodot als auch die Tragiker das Orakel als Strategie der Rezipientenlenkung einsetzen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass es heißt, Herodot und Sophokles hätten in freundschaftlichem Verhältnis zueinander gestanden, und dass in den Plots beider das prognostische, aber ambige Orakel eine prominente Rolle spielt. Auch wenn der Begriff tragische Geschichtsschreibung erst für Duris von Samos und seine Nachfolger verwendet wird, lässt sich doch sagen, dass in der Darstellung Herodots tragische Elemente zu finden sind.

Das Bild allerdings, das diese Autoren über die in Delphi erteilten Orakel in die Welt gesetzt haben (dass es prognostische Aussagen trifft, diese aber in missverständliche Verse hüllt), hat möglicherweise wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Die akribische Untersuchung von Joseph Fontenrose (The Delphic Oracle, Berkeley 1978) kommt zu dem Schluss, dass die Antworten des Orakels von Delphi nahezu ausschließlich in Prosa verfasst waren, aus einfachen, klaren Handlungsanweisungen bestanden und sich überwiegend auf Fragen des Kults bezogen.
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
Γραικύλος schrieb am 08.01.2026 um 02:56 Uhr (Zitieren)
Das ist ja mal interessant!
Re: Die beiden delphischen Orakel vor Salamis #2
βροχή schrieb am 08.01.2026 um 07:49 Uhr (Zitieren)
Die akribische Untersuchung von Joseph Fontenrose


Hut ab für die nachträgliche Trennung von Realität und Fiktion.

 
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