Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 10:37 Uhr (Zitieren)
(Reclams Lexikon des alten Ägypten. Hrsg. v. Ian Shaw und Paul Nicholson. Stuttgart 1998, S. 75)
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 14:02 Uhr (Zitieren)
Ich kenne zwei Arten von dualistischem Denken:
1. Das Ganze besteht aus Gegensätzen, die gleich wichtig und wertvoll, beide unverzichtbar sind.
2. Das Ganze besteht aus Gegensätzen, von denen der eine (das Gute) den anderen (das Böse) besiegen und eliminieren sollte.
Das ägyptischen Denken beinhaltete anscheinend beide Formen.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Persephone schrieb am 28.01.2026 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Ist Platon zum Beispiel nicht in der Unterscheidung von materieller Sinnenwelt und immaterieller Ideenwelt auch eine Art Dualist? Er ließe sich dann aber schlecht in dein Schema einordnen, denn dass die Gegensätze gleich wertvoll für ihn wären, scheint mir nicht der Fall.
Andererseits wird man den Aufstieg durch Erkenntnis in die Ideewelt nicht als Elimination der Sinnenwelt beschreiben wollen, oder? Wirkt auf mich eher wie eine hierarchische Ordnung in einem Konzept der Teilhabe.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 15:43 Uhr (Zitieren)
Bei 1. habe ich an China gedacht, an das Konzept von Yin und Yang. Ein bei genauem Hinsehen kompliziertes Modell, das jedoch auf der grundsätzlichen Annahme beruht, daß beide Elemente ihre Notwendigkeit und Berechtigung haben.
Bei den Griechen sehe ich - wie bei den Ägyptern - Ansätze für beides. Ohne lange nachzudenken: Heraklit eher 1., Platon eher 2. ... oder eine weitere Variante, wie Du annimmst: die hierarchische Ordnung.
Es kommt für mich darauf an, ob jemand den Standpunkt vertritt, es gebe Elemente in der Struktur der Welt, die es nicht geben sollte, die daher überwunden, bekämpft, eliminiert werden sollten.
Biblisches Beispiel: der Sündenfall, die Sünde.
In Ägypten offenbar: das Chaos.
Das ist natürlich ein griechischer Begriff.
Darüber kann man weiter nachdenken.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 15:50 Uhr (Zitieren)
Was Homer angeht, so erinnere ich mich an Nietzsches Bemerkung, bei ihm "liege ein goldener Schleier über den Dingen", selbst den schrecklichsten.
Das erweckt bei mir den Eindruck, daß es nichts an der Welt gibt, was Homer grundsätzlich ablehnt; er mag nicht alles gleichermaßen (z.B. Ares nicht), aber es gehört halt alles dazu.
Schon daß die Griechen für alles einen speziellen Gott haben, läßt sie mich - mit einigen Ausnahmen - eher 1. zuordnen.
Die Christen hingegen konnten sich Dionysos nur als Teufel vorstellen - bis in ihre Ikonographie hinein.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 28.01.2026 um 16:30 Uhr (Zitieren)
Ursprung des dualistischen denkens scheint mir jenes Phänomem zu sein, welches auch als Metapher dient "Tag und Nacht". Ohne dieses gäbe es das dualistische denken nicht. Behaupte ich mal.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 16:36 Uhr (Zitieren)
Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod, oben und unten - die Welt ist voll davon.
Kritisch wird es ab Gut und Böse: Was ist mit dem Bösen? Gehört auch das notwendig zur Welt, oder ist das etwas, das es besser nicht gäbe und daher zu bekämpfen, zu eliminieren ist?
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Ein "normaler" Grieche der Antike hätte, was immer unter dem Bösen verstanden werden soll, einen Gott dafür - und das ist eine Antwort auf die Frage.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 28.01.2026 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Das kam wohl erst nach und nach in den Focus des dualen.
Gibt es das böse überhaupt? Lange glaubte ich nicht an ein abstraktes böses. Momentan habe ich Zweifel, viell. gibt es sowas doch.
Das gibt es in konkreter Form immer, "die Welt ist voll davon." Ließe man alles was sich ereignen könnte von statten gehen, wäre es mit dem Menschen bald vorbei, er hätte den Kampf ums dasein aufgegeben.
Ob man das, was man minimiert und eliminiert allerdings als das böse abstrahieren soll, ist fraglich.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 28.01.2026 um 16:57 Uhr (Zitieren)
ein Bsp. im alten Ägypten
Katzen
Wären die nicht als Mäusefänger eingesetzt worden, um stetig Mäuse zu eliminieren, wären viele Menschen verhungert.
Sind die Mäuse deshalb böse? Damals wurden sie viell. so eingestuft?
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 17:05 Uhr (Zitieren)
Der Kampf, der Krieg:
Es ist schon ein Unterschied, ob man einen Krieg um den Sieg führt oder um die Vernichtung des Feindes.
Das Böse ist zunächst das, was uns stört und wogegen wir kämpfen; die Idee, es sei zu vernichten, ist dann schon etwas Spezielles.
Mir erscheint es als etwas Neues in der Geschichte des menschlichen Denkens, was in Hesiods Mythos vom Goldenen Zeitalter oder im biblischen Mythos vom verlorenen Paradies ausgedrückt wird: Es ist grundsätzlich etwas schief gegangen in der Geschichte des Menschen; es ist etwas passiert, was nie hätte passieren, was es nicht hätte geben sollen - und zwar nicht ein einzelnes Unglück (wie Ciceros Verlust seiner Tochter Tullia), sondern etwas ganz Grundsätzliches. Nicht ein Tod, nicht ein verlorener Krieg, sondern der Tod, der Krieg.
Der Gedanke, es sei etwas an der Struktur der Welt falsch und zu ändern, der erscheint mir schon bedenkenswert. Selbstverständlich ist das im Denken des Menschen nicht.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 17:13 Uhr (Zitieren)
Die Existenz von Katzen setzt die von Mäusen voraus, und wenn ich die Biologie richtig verstanden habe, dann dann brauchen auch die Mäuse zwecks Selektion die Katzen. Es ist keine sinnvolle Mäuse-Welt, wenn die ganze Erdoberfläche 1 Meter hoch mit Mäusen bedeckt ist.
Da geht es um Kampf, aber nicht um eine grundsätzliche Eliminierung.
Vermutlich hätten die Ägypter sich über das Resultat gewundert, wenn die Mäuse komplett eliminiert worden wären - falls sie eine solche Idee hatten. Die Natur ist ein System, in dem die Elemente voneinander abhängen.
Übrigens: Empedokles war ein Dualist vom Typ 1.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 28.01.2026 um 17:36 Uhr (Zitieren)
Der Impuls etwas zu vernichten, entspringt doch eher der Möglichkeit das zu tun, als einer Idee. Schon der Fuchs im Hühnerstall macht es.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 28.01.2026 um 17:45 Uhr (Zitieren)
Die Idee etwas als nicht änderbar erkanntes trotzdem ändern zu wollen. Dem ging viell. die Erfahrung voraus, dass etwas vermeintlich unabaenderliches aenderbar wurde?
Re: Dualität im ägyptischen Denken
meine Meinung schrieb am 28.01.2026 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Dafür sorgte u.a. der Realitätdruck und die Sehnsucht nach paradisieschen Verhältnissen.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Patroklos schrieb am 28.01.2026 um 18:45 Uhr (Zitieren)
Ein historisch/religiös durchaus nicht abwegiges Ideenexperiment:
Jesus hatte eine Schwester. Sie heirateten. Und hatten eine Katze.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 19:10 Uhr (Zitieren)
Hatte man denn in China, wo diese Idee nicht entstanden ist, paradiesische Verhältnisse?
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 29.01.2026 um 00:28 Uhr (Zitieren)
Sprachlich ist ein Vorläufer des vernichtens das aufessen, auch vertilgen genannt.
Die Wurzel sitzt tiefer als der dualismus oder das böse.
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 29.01.2026 um 00:39 Uhr (Zitieren)
... das neue war nicht das vernichten, sondern das nicht vernichten, im Sinne von nicht komplett aufessen. Etwas übrig zu lassen, einen Vorrat zu bilden.
(spontangedanke)
Re: Dualität im ägyptischen Denken
βροχή schrieb am 29.01.2026 um 00:49 Uhr (Zitieren)
... antike Vernichter in diesem Sinne waren zb. die Heuschrecken. Sie frassen alles kahl, vertilgten die komplette Vegetation. Vernichtung war eine gigantische Bedrohung.