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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Trostbrief für Cicero #1 (74 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 16:06 Uhr (Zitieren)
Epistulae ad famliares IV 5:
Servius (1) grüßt Cicero. [Athen, Mitte März 45 v.u.Z.][/i]

Als ich die Nachricht vom Heimgange [de obitu] Deiner Tochter Tullia erhielt, war ich natürlich aufs tiefste erschüttert und hatte das Gefühl, daß dieser Verlust auch mich treffe. Wäre ich dort gewesen, hätte ich Dich aufgesucht und Dir persönlich mein Mitgefühl ausgesprochen [si istic ad-fuissem, neque tibi defuissem coramque meum dolorem tibi declarassem]. Freilich ist es eine traurige, schmerzliche Sache mit diesem tröstenden Zuspruch, denn diejenigen, die in dem Falle sind, ihn spenden zu müssen, Verwandte und Freunde, sind ja selbst nicht weniger bedrückt und vermögen es nur unter reichen Tränen zu tun, so daß sie selbst eher des Trostes von dritter Seite zu bedürfen als andern gegenüber ihre Freundespflicht erfüllen zu können scheinen. Doch will ich Dir mit wenigen Worten zum Ausdruck bringen, was mir im Augenblick gerade einfällt, nicht etwa, weil ich glaubte, Du könntest Dir das nicht selbst sagen, sondern weil es Dir in Deinem Gram vielleicht nicht recht zu Bewußtsein kommt.

Wie kommt es nur, daß Dein persönlicher Schmerz Dich so tief erschüttert? Bedenke doch, wie bös das Schicksal uns bisher schon mitgespielt hat: alles ist uns entrissen, was dem Menschen nicht weniger lieb sein sollte als seine Kinder: Vaterland, Ehrenhaftigkeit, Würde und alles, was das Leben schmückt [patriam, honestatem, dignitatem, honores omnis]. Wie könnte der Schmerz über diesen Verlust durch diesen einen, neuen Schlag noch eine Steigerung erfahren? Oder sollte nicht unser Gemüt durch jene Erfahrungen die nötige Übung gewonnen haben, um sich zu verhärten und sich durch nichts mehr erschüttern zu lassen?

Aber wahrscheinlich grämst Du Dich um ihr Los. Oft genug muß Dir doch der Gedanke gekommen sein, wie er auch mir nicht selten beifällt, daß es das Schicksal unter den gegenwärtigen Umständen nicht eben böse meint mit denen, die schmerzlos das Leben mit dem Tode vertauschen dürfen [hisce temporibus non pessime cum iis esse actum, quibus sine dolore licitum est mortem cum vita commutare]. Was hätte sie denn augenblicklich sonderlich locken können, weiter zu leben? Welche äußeren Umstände, welche Erwartungen, welcher Herzenstrost? Um mit einem jungen Manne aus den ersten Kreisen verbunden ihr Leben zu fristen? Frei stände es Dir schon, Deinem Range entsprechend Dir einen Schwiegersohn in diesen Kreisen zu suchen, dessen Schutz Du Dein Kind unbese-hen anvertrauen dürftest. Oder um Kinder in die Welt zu setzen, an denen sie ihre Freude hätte, wenn sie sie blühen sähe? Die das Vermächtnis der Mutter aus eigener Kraft bewahren könnten, sich ordnungsgemäß um die Ehrenämter bewerben würden, im öffentlichen Leben, im Dienste ihrer Freunde sich ihrer Freiheit erfreuen könnten? All dies geht schon wieder verloren, ehe es noch gewonnen ist [quid horum fuit, quod non, priusquam datum est, ademptum sit].

(Cicero: An seine Freunde/Epistulae ad familiares. Hrsg. v. Helmut Kasten. München 1964, S. 190-197)

(1) Servius Sulpicius Rufus (Sohn), befreundet mit Cicero
Re: Ein Trostbrief für Cicero #1
Γραικύλος schrieb am 28.01.2026 um 16:07 Uhr (Zitieren)
(Nach "v.u.Z." muß man immer ein Leerzeichen einsetzen.)
Re: Ein Trostbrief für Cicero #1
Quoth schrieb am 29.01.2026 um 12:39 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 28.1.26, 16:06 Bedenke doch, wie bös das Schicksal uns bisher schon mitgespielt hat: alles ist uns entrissen, was dem Menschen nicht weniger lieb sein sollte als seine Kinder: Vaterland, Ehrenhaftigkeit, Würde und alles, was das Leben schmückt
Das klingt eher danach, dass der alte Freund Servius Sulpicius Rufus selber ihm schreibt und nicht dessen gleichnamiger Sohn, der laut Wikipedia bei Cicero als möglicher (vierter?) Ehemann Tullias erwähnt wird. Der Verlust Tullias muss Cicero fast gebrochen haben.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #1
Γραικύλος schrieb am 29.01.2026 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Gut möglich, daß es sich um den Vater handelt; ich habe auf den Sohn geschlossen wegen dessen andernorts (DNP) erwähnter Freundschaft zu Cicero.
Danke für den Hinweis.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #1
Quoth schrieb am 29.01.2026 um 16:22 Uhr (Zitieren)
Der Vater und Cicero waren ein Jahrgang, studierten zusammen Rhetorik, waren also "Kommilitonen". Da jammert man einander schon mal was über die Zeitläufte vor ..."Alles ist uns entrissen, was dem Menschen nicht weniger lieb sein sollte als seine Kinder: Vaterland, Ehrenhaftigkeit, Würde und alles, was das Leben schmückt," das könnte von einem überzeugten Demokraten in den USA heute stammen ...
Re: Ein Trostbrief für Cicero #1
Γραικύλος schrieb am 29.01.2026 um 16:36 Uhr (Zitieren)
Das überzeugt mich; dann ändere ich die Angabe in meinen Unterlagen.
 
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