α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Winckelmann-Institut vor der Schließung (721 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 24.02.2026 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Die Humboldt-Universität will aus Kostengründen und wegen zurückgehender Studentenzahlen ihr archäologisches Institut schließen.
Davon ist auch eine bedeutende Sammlung betroffen.

Bericht darüber in der FAZ vom 24. Februar 2026.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 24.02.2026 um 15:48 Uhr (Zitieren)
Bedauerlich! Aber der 33. Winckelmann-Coup wird stattfinden! https://winckelmanncup.com/teams-wmc-33/
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 24.02.2026 um 16:03 Uhr (Zitieren)
Allein die Namen der Mannschaften! Der FC Scherbenklauber aus Innsbruck, die Erdferkel aus Erlangen und die Bierbarians aus Oxford!
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 25.02.2026 um 13:42 Uhr (Zitieren)
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 25.02.2026 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Ja, dies ist der Artikel, auf den ich mich beziehe.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 02:04 Uhr (Zitieren)
Bisschen ungeordnete Argumentation Zuchtriegels mit vielen Schlagworten (als woke sich ausgebender Neoliberalismus), die das Schicksal des Instituts einerseits stark moralisierend behandelt und mit bloß entfernt verwandten Thematiken vermischt (Recht auf Latein) und daraus eine weitreichende Frage des Identitäts- und Traditionsverlusts macht, anstatt die spezifischen Sparzwänge oder Strukturprobleme der Berliner Hochschullandschaft zu analysieren.

Andererseits gerät er ein bisschen in einen performativen Selbstwiderspruch. Er prangert die Ökonomisierung der Bildung an, nutzt aber genau deren Vokabular, um die eigene Existenzberechtigung zu beweisen. Preist den marktgängigen Output, Pluspunkte wie die digitale Revolution, redet von Berufschancen und entwirft kostenoptimierende Einsparmodelle, die auf eine Halbierung der Professuren hinauslaufen.

Alles in allem der Versuch medial die Fahne des Humanismus hochzuhalten und gleichzeitig beim Ressort für die Hochschulplanung als verhandlungsbereit zu gelten.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 10:21 Uhr (Zitieren)
Er prangert die Ökonomisierung der Bildung an, nutzt aber genau deren Vokabular, um die eigene Existenzberechtigung zu beweisen.

Sowas kann eine Gesprächsstrategie der Ohnmacht sein. Zwar mißbillige ich dieses Denken, muß aber einsehen, daß derjenige, der am Drücker sitzt, nur so zu erreichen ist.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 26.02.2026 um 11:05 Uhr (Zitieren)
@Persephone: Wie bewertest Du denn diese Schließung? Zuchtriegel muss als Direktor des archäologischen Parks Pompeji so sprechen, weil ihm der Archäologennachwuchs weggespart wird. Kannst Du Dir so etwas wie Objektivität erlauben? Dann schwinge Du mal die Fahne!
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 12:36 Uhr (Zitieren)
Ich habe mich mit Zuchtriegels Argumentation beschäftigt, warum sollte ich mir das nicht erlauben können?

Was heißt hier außerdem muss, Quoth?

Niemand muss polemische Schlagworte wie als woke sich gebender Neoliberalismus gebrauchen, ohne den Nachweis zu erbringen, was das im spezifischen Kontext der Sparzwänge oder Strukturprobleme der Berliner Hochschullandschaft konkret bedeuten soll. Er adressiert das Problem lieber als kulturelle Grundsatzentscheidung, während es am Ende vllt. nur ein profaner, wenig ideologischer Konflikt zwischen Finanz- und Wissenschaftsverwaltung ist.

Wenig überraschend reagiert auf so etwas aus der Politik vor allem die AfD, die sich natürlich nur in forderndem Kulturkampfsprech ergeht : https://afdbundestag.de/das-winckelmann-institut-darf-nicht-geschlossen-werden/

Dass deren Retro-Bildungspolitik sonst im Sinne des Winckelmann-Instituts ist, hoffe und bezweifle ich.

Niemand muss einen Teil des Interviews zur Rettung eines archäologischen Instituts moralisierend mit nur sehr entfernt verwandter Thematik wie dem Recht auf Latein zubringen. Was verspricht er sich davon? Solidarisierung der "Bedrohten im Verteilungskampf"? Dass er als höchst bescheidene Ziel des Lateinunterrichts ausgibt, dass am Ende die Schüler ein paar Sätze Latein verstehen können, wirkt neben dem Exzellenzanspruch des Instituts, um das es primär gehen sollte, als Bärendienst und wertet die wissenschaftliche Relevanz der Archäologie eher ab.

Schädigt zudem, wer im ersten Teil das große Rad des Kulturkampfs dreht, um im zweiten die Amputation des eigenen Fachbereichs als „kostenoptimiertes Modell“ zu verkaufen, nicht nur nicht seine Glaubwürdigkeit als Unbeugsamer, sondern auch seine Verhandlungsposition?

Ist es wirklich zielführend, in einem Zeitungsinterview, also vor den Augen derer, die „am Drücker sitzen“, proaktiv die Halbierung der Professuren anzubieten? Das scheint mir kein kluges taktisches Manöver. Wer so öffentlich vorverhandelt, signalisiert doch nur eines: Dass er selbst nicht mehr an die Unverzichtbarkeit der bestehenden Strukturen glaubt.

Zuchtrieglels Schlusssatz, die Studentinnen und Studenten hätten den Protest selbst losgetreten, das sei ein Zeichen von Exzellenz für ihn, ist vollends absurd. Was impliziert das eigentlich? Dass die Institutsleitung selbst erst durch den Impuls der Studenten auf die Idee gekommen ist, Widerstand zu leisten?
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 12:48 Uhr (Zitieren)
Niemand muss einen Teil des Interviews zur Rettung eines archäologischen Instituts moralisierend mit nur sehr entfernt verwandter Thematik wie dem Recht auf Latein zubringen.



WIE soll es denn statt dessen gerettet werden?
Oder soll es weg?




Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 12:52 Uhr (Zitieren)
Es gibt eine Petition dagegen, die Sie unterzeichnet haben.


Petition, das ist ein vornehmes Wort für Bettelbrief.

Kostengründe findet man immer, wenn man etwas weg haben will. Der WILLE zur Schließung ist offensichtlich stark.






Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 13:43 Uhr (Zitieren)
mit bloß entfernt verwandten Thematiken vermischt (Recht auf Latein).

Diese Vermischung macht der Interviewer, er bingt diese weiteren Themen vor. Soll man dann antworten, "bitte keine Themenvermischung"? Es könnte Leser geben, die sich für die Antworten interessieren.



Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen. Das kann nicht funktionieren.


Was ist daran "moralisch"? Es ist metaphorisch realistisch.

Um im Bilde zu bleiben, das Ziel ist es, den Baum zu fällen. Sonst sägt man keine Wurzeln ab.




Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 13:54 Uhr (Zitieren)
Der Interviewer bringt das aufgrund eines Instagram-Postings Zuchtriegels ein und der hätte natürlich die Möglichkeit, dem auszuweichen, statt das in seine Bedrohungserzählung so einzuspinnen, dass man sich fragt, was das für seinen Exzellenzanspruch sonst bedeutet.

Moralisierend ist, die Frage nach dem Lateinunterricht als Recht auf einzuführen. Es verschiebt die Debatte tatsächlich von einer bildungspolitischen Zweckmäßigkeit hin zu einer moralischen Verpflichtung.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Woraus der Leser natürlich folgern soll, es gäbe ein solches Recht auf auch für das Institut.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 14:19 Uhr (Zitieren)
Mir fällt auf, daß die Bewahrung der Tradition - zu Recht oder Unrecht und was immer man damit verbinden mag - tatsächlich nicht selten, sondern in vielen Kulturen als eine moralische bzw. ethische Pflicht behandelt wird.

Was die philosophische Argumentation dafür angeht, so fällt mir vor allem Hegel ein. Und das Wort ἦθος hat ja auch etwas von dieser Bedeutung.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 14:27 Uhr (Zitieren)
In einem Artikel bzw. Interview würde ich das nicht ohne weiteres voraussetzen, doch so ganz abseitig ist dieser Gedanke nicht. Es git Gründe, die dafür sprechen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Wie man es dreht und wendet, ein Baum der seine Wurzeln abgesägen lässt, will umkippen.

Was dann kommt, ist kein Wachstum, sondern der Rückfall in die Epoche der Sträucher.

Moralisch zu beanstanden ist das Wurzelabsägen im Namen künftigen Wachstums, das ist eine Mogelpackung.



Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:04 Uhr (Zitieren)
Hegel meinte, die "Aufhebung" im dreifachen Sinne entspreche der Natur des Geistes: 1. bewahren, 2. negieren, 3. höher heben.

Es hat den Anschein, daß heute die Meinung vorherrschend wird, man käme nur mit dem Negieren und Höherheben, ohne das Bewahren, aus. Zumal das Bewahren nicht unmittelbar ökonomisch einträglich ist. Das macht freilich das Bewußtsein der gewordenen Identität nicht unerheblich.

Diese Bedeutung erkennt man - per fas aut nefas - gut an Kulturen, die darauf Wert legen. Für Putins Rußland z.B. bildet es die ideologische Grundlage - in einer die Vergangenheit manipulierenden Weise. Ohne historische Bildung hat man dem nichts entgegenzusetzen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:12 Uhr (Zitieren)
... in einer die Vergangenheit manipulierenden Weise. Ohne historische Bildung hat man dem nichts entgegenzusetzen.


Wie die Manipulation der Vergangenheit funktioniert, sieht man bei Orwell (1984)


Das bewahren ist die Grundsubstanz. Ohne diese gibt es weder etwas zu negieren, noch höher zu heben.

Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:14 Uhr (Zitieren)
Die FAZ berichtet von einer Tendenz in der iranischen Opposition, nicht nur auf die Vor-Mullah-Zeit, sondern auf die vorarabische und damit vorislamische Tradition zurückzugreifen.

Die Suche nach politischen und gesellschaftlichen Alternativen setzt gerne bei der Tradition an. Dazu muß man sie freilich erstmal kennen, kritisch kennen. Sonst landet man hier beim nationalen Mythos der AfD.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Das bewahren ist die Grundsubstanz. Ohne diese gibt es weder etwas zu negieren, noch höher zu heben.

Das Bewahren ist die Grundlage. Das Negieren ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Bewahrten. Darauf soll dann das Höherheben, der Fortschritt aufbauen.

Geht das alles ohne Latein- und Griechischkenntnisse? Ich meine, das kann dann allenfalls in ein unkritisches Mythologisieren der Vergangenheit münden.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Perspektivenwechsel zum bewahren:

2001 die Zerstörung von Bamyan,
2015 die Zerstörung von Palmyra

Das hat hat Aufwand gekostet ohne materiellen Ertrag.

Ein Riesenaufwand, nur um das bewahren zu verhindern.
Wenn jmd. so einen Aufwand zwecks Verhinderung betreibt, muss es etwas wichtiges sein.

Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Klassische Archäologie zählt in Deutschland zu den kleinen Fächern und kann derzeit an 29 Standorten studiert werden.

(Wiki)

Aber es droht natürlich automatisch Baumsterben, der Totalverlust der Tradition und der historischen Bildung und Kritikfähigkeit, wenn eine Schließung im Raum steht.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Geht das alles ohne Latein- und Griechischkenntnisse?



diese Kentnisse habe ich selber nicht. Ich möchte jene, welche diese Kentnisse besitzen auf keinen Fall vermissen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Auch wenn ich die Anbringung von Sprengstoff nicht für einen Riesenaufwand halte - eher für erschreckend einfach im Vergleich zu Errichtung dieser Objekte -, trifft es sicher zu, daß manche Gruppen in der Tradition eine Bedrohung sehen.

Revolutionen gehen oft mit der Zerstörung traditioneller Objekte einher.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:37 Uhr (Zitieren)
Aber es droht natürlich automatisch Baumsterben, der Totalverlust der Tradition und der historischen Bildung und Kritikfähigkeit, wenn eine Schließung im Raum steht.

Das ist eine polemische und unfaire Ausdrucksweise. Der einzelne Fall ist Teil einer Tendenz. Man kann ihn mit Recht zum Anlaß einer Diskussion über letztere nehmen.
Auch wenn das, was derzeit mit dem Geschichts- und Latein-, gar Griechischunterricht an den Schulen passiert, insgesamt bedeutender ist.

Da der Autor Archäologe ist, liegt der Fall des Winckelmann-Instituts für ihn zusätzlich als Aufhänger nahe.

Was nicht heißen soll, daß ich Zuchtriegels Argumentation für rhetorisch gelungen hielte.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:39 Uhr (Zitieren)
Revolutionen gehen oft mit der Zerstörung traditioneller Objekte einher.



Das waren ja in Palmyra sogar Objekte, deren Tradition schon lange erloschen war.

Diese Objekte besaßen Schönheit aus sich heraus.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:42 Uhr (Zitieren)

... sie hatten die Bewahrung um ihrer selbst willen verdient, unabhängig von der Tradition.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Patroklos schrieb am 26.02.2026 um 15:44 Uhr (Zitieren)
Der tiefere Grund, Latein zu lernen, ist ganz einfach. Man kann später das Produktionsjahr eines Films im Vorspann mühelos entziffern.
Warum gibt es die lateinischen Ziffern überhaupt?
1. Theorie: Das Kunstwerk soll eher klassisch daherkommen.
2. Theorie: Die unbedarften Zuschauer sollen nicht wissen, wie alt der Film ggf ist.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:44 Uhr (Zitieren)
"Es gab schon vor dem Islam Kultur? Das ist Blasphemie!"
Endlich kam Omars Gesandter mit der Antwort des Kalifen nach Alexandria. Amr las die Nachricht mit pochendem Herzen. „Was die Bücher der Bibliothek betrifft, so lautet meine Weisung: Wenn ihr Inhalt mit dem Koran übereinstimmt, sind sie überflüssig; wenn nicht, Frevelei. Geh also und zerstöre sie.“

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=9115
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 15:47 Uhr (Zitieren)
... die Archäologie zu reduzieren, bedeutet das bewahren als solches zu reduzieren.

Das Bewahren blieb auch bei der Rückgabe der Beninbronzen auf der Strecke. Sie wurde zurückgesandt an einen Ort ... und verschwanden dort. Besitzer sind nicht automatisch bewahrer.
Der Besitz wurde über das bewahren gestellt.


Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 15:50 Uhr (Zitieren)
Was ist daran unfair? Es reflektiert den rhetorischen Versuch, den Einzelfall als Beweis einer traditionsgefährdenden Tendenz auszugeben, und ihn mit entfernt verwandten Themenfeldern, wie dem Fortbestand des Lateinunterrichts, anzureichern, als käme einem von 29 Instituten eine vergleichbare Rolle zu. Glaubt hier ernsthaft jemand, dass historische Bildung und Kritikfähigkeit der Bevölkerung substantiell an einem eszellenzoriemtierten Minderheitenstudium, zu dem es 28 andere Möglichkeiten in Deutschland gibt, hängt? Es geht um Symbolik von Tradition, das räumt er ja letztendlich ein.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 15:51 Uhr (Zitieren)
*exzellenzorientierten
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Das Unfaire liegt in der Steigerung der Behauptung zur Absurdität. Dem Gesprächsgegner etwas Absurdes (nicht nur etwas Falsches) zu unterstellen, ist ein Griff in die unterste Schublade der Rhetorik.

Nochmals, ich meine diesen Satz:
Aber es droht natürlich automatisch Baumsterben, der Totalverlust der Tradition und der historischen Bildung und Kritikfähigkeit, wenn eine Schließung im Raum steht.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 15:59 Uhr (Zitieren)
Die Möglichkeit, daß man dies als einen Fall ansehen kann, der eine Tendenz indiziert, wird interpretatorisch gar nicht erst in Betracht gezogen.
Ich möchte Dir nicht wünschen, daß man mit Deinen eigenen Äußerungen so umgeht. Schlimm genug, daß man in politischen Auseinandersetzungen in dieser Weise "argumentiert".
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 16:00 Uhr (Zitieren)
Das Bild vom absterbenden Baum habe nicht ich aufgebracht und die Formulierung denkt das Tendenz- bzw. Dammbruchargument zu Ende, die absurde Übertreibung spricht nur aus, was suggeriert wird, dass nämlich schon der eine Fall ein gefährlicher zu viel ist und immer das Ganze auf dem Spiel steht.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 26.02.2026 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Die warnenden Extrembeispiele (Rückkehr zum Strauch, Iran, Russland, traditionsfeindlicher Sprengstoffeimsatz), die hier assoziiert werden und nahelegen, wohin das führt, gebietet man nicht rechtzeitig Einhalt, habe nicht ich gepostet. Eine sachliche und verhältnismäßige Argumentation zur Wirkung der Schließung einer von 29 Einrichtungen für ein exzellenzorientiertes Minderheitenstudium auf historische Bildung und Kritikfähigkeit weiter Teile der Bevölkerung, wie man sie von schulischer Ausbildung erwarten darf, ist das nicht, sondern tatsächlich schlechte Rhetorik, mir das in die Schuhe schieben zu wollen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 17:12 Uhr (Zitieren)
Sprengstoffeimsatz), die hier assoziiert werden und nahelegen, wohin das führt, gebietet man nicht rechtzeitig Einhalt


... weder legte ich etwas nahe, noch hatte ich die Idee von Einhalt gebieten. Ich schrieb über das Phänomen des bewahrens.

Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 17:20 Uhr (Zitieren)
... wen interessiert schon die Kompetenz eines Direktors irgendeines archäologischen Parks, Pompjis gibt es ja auch an jeder Ecke, wenn er rhethorisch nicht perfekt brillert, hat er eben Pech gehabt.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 21:58 Uhr (Zitieren)
Ich gebe den Versuch auf, deutlich zu machen, daß sowohl für mich als auch - wie ich mir nahezu sicher bin - für Zuchtriegel die drohende Schließung eines einzelnen archäologischen Institutes (allerdings nicht irgendeines!) nur der Anlaß ist, auf ein allgemeines Problem des Ansehens der klassischen Bildung in Deutschland aufmerksam zu machen. Deshalb auch die Erwähnung des Lateinunterrichtes sowie dessen, was ich zusätzlich noch genannt habe.

Beharrlich so zu tun, als ob es (uns) nur um dieses einzige Institut ginge, das halte ich für einen rhetorischen Trick, insofern er unseren Standpunkt dümmer erscheinen läßt, als er es ist.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 26.02.2026 um 22:14 Uhr (Zitieren)
@Graeculus

mein Post war sarkastisch.
Ich bin deiner Meinung.

Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 26.02.2026 um 22:30 Uhr (Zitieren)
Schon klar, ich hatte mich an Persephone gewendet; das hätte ich deutlicher machen sollen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 27.02.2026 um 17:01 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 26.2.26, 15:50Glaubt hier ernsthaft jemand, dass historische Bildung und Kritikfähigkeit der Bevölkerung substantiell an einem exzellenzorientierten Minderheitenstudium, zu dem es 28 andere Möglichkeiten in Deutschland gibt, hängt?

Ja, ich gehöre beschämenderweise zu den dies ernsthaft Glaubenden und unterstütze Gabriel Zuchtriegel gern auch mit meiner Unterschrift unter eine entsprechende Petition!
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Γραικύλος schrieb am 01.03.2026 um 18:30 Uhr (Zitieren)
Die FAZ, so erfahre ich gerade, bringt in ihrer Ausgabe vom 2. März 2026 einen weiteren Artikel zum Thema.
Mir fällt bei erster Lektüre auf, daß es eben nicht - wie Persephone meinte - nur um eine von 28 Institutionen geht, sondern daß hier mit der nordostafrikanischen Archäologie ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Spiel steht. Afrikas Nordosten, ist das nicht Ägypten?
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 01.03.2026 um 21:50 Uhr (Zitieren)
Gibt es einen Link zu dem Artikel?
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 01.03.2026 um 23:31 Uhr (Zitieren)
@Quoth Keine Ahnung, was ich dazu sagen soll, außer, dass ich grundsätzlich finde, man sollte sich seiner Illusionen nicht unnötig schämen.

@Γραικύλος

Ich habe nicht behauptet, dass es nur um ein Institut geht, sondern, sondern mich auf das Framing der Argumentation bezogen, das das Partikularinteresse eines von 29 Standorten für klassische Archäologie, ein Minderheitenstudium hochgradiger Spezialisierung mit Exzellenzanspruch, als Universalinteresse der klassischen Bildung darstellt und die Schließung letztlich als Angriff auf sie insgesamt, wobei eine Vermischung mit horizontalen Bildungsinhalten stattfindet, mit Schlagworten (als woke getarnter Neoliberalismus), Bedrohungsrhetorik (Rückfall hinters! Mittelalter), Beschwörung von Werten und Moralisierung der Tradition ohne konkrete ökonomische Analyse der Berliner Hochschullandschaft gearbeitet wird.

Das ist etwas völlig anderes, als eine spezifische wissenschaftliche Leistung als Hauptargument für den Fortbestand anzuführen, die nur dieses und kein anderes Institut für klassische Archäologie erbringen kann. Dagegen habe ich mich überhaupt nicht gestellt. Ich kann auch nicht beurteilen, welche Bedeutung dieser Argumentation in dem neuen Artikel zukommt.

Der erste überhöht in meinen Augen eine fachspezifische Strukturdebatte vertikaler Bildung zu einer bildungspolitischen und letztlich moralischen Frage der gesamten Gesellschaft und ihrem Verhältnis zu Bildungstraditionen. Dazu passt, dass die Überschrift "Jedes Kind hat ein Recht auf Latein" diesen Aspekt gemessen am Hauptthema, dem Schicksal des Winckelmann-Instituts, überbetont, was sehr wahrscheinlich auf weitaus mehr polarisierendes Leserinteresse hoffen kann als das Schicksal eines Minderheitenstudiums.


Wenn das definitorisch vage Ansehen der klassischen Bildung im Allgemeinen zum Hauptgrund der Verteidigung erhoben wird, reduziert man das spezifische Fach auf ein bloßes Distinktionsmerkmal bzw. symbolisches Kapital. Das scheint mir von allen vorgetragenen Argumenten das schwächste und angreifbarste.

Man kann Zuchtriegel nicht nachsagen, dass er es dabei belässt, das Interview ist insgesamt eine ziemlich wilde Mischung von Diskussionsebenen in genannter Weise vermengenden, teilweise selbstwidersprüchlichen, teilweise Zweifel an der Überzeugung von der eigenen Position nährenden argumentativen Strategien, garniert mit dem Hinweis auf Winckelmanns Queerness und eine politischer Verfolgung ausgesetzte und daher als erste Frau verhinderte Professorin als Assets. Wo es um Tradition und Ansehen im engen Sinn geht, nämlich der HU, kommt er zu dem Schluss, dass eine nach Humboldt sich benennende Universität ohne klassische Archäologie ist keine wirkliche Universität mehr sei, die stolz auf ihre Tradition sein kann. Nicht keine Universität, die …, sondern keine wirkliche Universität!

Eine solche Überhöhung des Instituts zum fast metaphysischen Ankerpunkt der Bildung führt zur paradoxen Entwertung des gesamten restlichen Wissenschaftsbetriebs, die verbleibenden 169 Studiengänge würden danach nichts mehr produzieren und weitergeben, was das Prädikat echt universitären Wissens verdiente.

Wer so argumentiert, rettet das Fach nicht durch dessen wissenschaftliche Relevanz, sondern erklärt die moderne, ausdifferenzierte Universität kurzerhand für bankrott, sobald das symbolische Kapital der Tradition nicht mehr institutionell verbrieft ist.


Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 01.03.2026 um 23:33 Uhr (Zitieren)
ist keine wirkliche
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 02.03.2026 um 04:45 Uhr (Zitieren)
Wer so argumentiert, rettet das Fach nicht durch dessen wissenschaftliche Relevanz, sondern erklärt die moderne, ausdifferenzierte Universität kurzerhand für bankrott, sobald das symbolische Kapital der Tradition nicht mehr institutionell verbrieft ist.


Geht es jetzt also doch darum "das Fach" einzustampfen? (sonst braeuchte es ja nicht "gerettet" zu werden).

Ist der/sind die Entscheidungstraeger fuer Argumente überhaupt zugänglich?

Moralisch bankrott ist die ach so "ausdifferenzierte" Universität allerdings, dafür spricht das fachübergreifende Phaenomen des Judenmobbings, man kann an der Uni alles sein, bloss kein/e Jude/in, bes. nicht als Studi/in.




Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Patroklos schrieb am 02.03.2026 um 08:49 Uhr (Zitieren)
FAZ, 2.3.

Sparpolitik mit der Abrissbirne
Von Thomas Thiel
Hinter der geplanten Schließung der Archäologie an der Humboldt-Universität steht ein kopfloser Plan. Die Universität scheint sich für ihre Tradition zu schämen.
Als die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) vor wenigen Tagen ihre Absicht bekannt gab, ihr archäologisches Institut aufzulösen, glaubten viele nicht richtig zu hören. Welche Universität opfert ohne Not ein berühmtes Institut? Die Universitätsleitung beruft sich auf die Vorgaben des Berliner Senats, der von ihr verlangt, bis 2028 einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr zu sparen. Die Abwicklung weiterer archäologischer Professuren würde die Universität aber erst viel später entlasten. In der Mitteilung der Universität klingt das Vorhaben freundlicher. Dort ist zu lesen, man wolle das Institut Mitte der Dreißigerjahre in eine neu konzipierte Altertumswissenschaft überführen. Die Archäologie firmiert in der neuen Struktur nur noch als schwach definierte „Kompetenz“, was offenlässt, ob sie überhaupt noch durch Professuren vertreten wäre.

Wahrscheinlich nicht. Wie aus Senatskreisen zu hören ist, wurde auf Universitätsebene nämlich verkündet, die Professuren auslaufen zu lassen und das Institut zu schließen. Dem verblüfften Institutsrat sei dies am 11. Februar durch das Dekanat der Fakultät für Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaften mitgeteilt worden. Das archäologische Institut selbst habe von seiner bevorstehenden Auflösung erst am 20. Februar erfahren. Danach sei ihm ein Maulkorb verpasst worden. Der von der Nachricht überrumpelte HU-Senat soll nun im Herbst über das neue Konzept entscheiden. Ob es sinnvoll war, ihn erst einmal vor den Kopf zu stoßen, wird sich dann zeigen.

Die geplante Abwicklung der HU-Archäologie, die aus dem Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie und der Nordostafrikanischen Archäologie besteht, steht in krassem Widerspruch zu der Vorgabe der HU-Präsidentin Julia von Blumenthal, die neue Sparrunde nicht auf dem Rücken der kleinen Institute auszutragen. Im Gespräch mit der F.A.Z. benennt von Blumenthal keine konkreten Kürzungen. Man wisse auch noch nicht, ob der symbolträchtige Name Winckelmann in der neuen Struktur erhalten bleibe, manche wollten lieber eine weibliche Namensgeberin. Blumenthal stellt die neue Altertumswissenschaft als zukunftsweisende Struktur dar, die nach dem Vorbild des Berliner Antike-Kollegs die Perspektiven unterschiedlicher Institute und Disziplinen zu einer modernen Altertumswissenschaft zusammenführt, möglicherweise auch die der Alten Geschichte und der antiken Philosophie. Das Konzept wirkt noch recht vage.

Nun ergibt es wenig Sinn, ein Fach abzuwickeln und Studenten zu signalisieren, dass es an der Universität keine Zukunft hat, wenn man es später in einem „Classics“-Verbund aufblühen lassen will. Auf diesen Verbund wäre die Humboldt-Archäologie mit ihrer kulturhistorischen Prägung gut vorbereitet. Er würde jedoch den Verlust der deutschlandweit einzigartigen nordostafrikanischen Archäologie bedeuten, die im „Classics“-Konzept nicht enthalten ist. Welche Universität demontiert freiwillig ein Alleinstellungsmerkmal? Das Universitätspräsidium muss sich wohl noch darüber klar werden, was ihr die archäologische Tradition der HU bedeutet, bevor sie das Konzept dem Senat präsentiert. Einer Rumpfarchäologie haucht ein Klassik-Verbund kein neues Leben ein.

Das Präsidium beruft sich auf Zahlen. Die Streichung einer archäologischen Professur wurde schon 2024 unabhängig von den jüngsten Sparvorgaben des Berliner Senats beschlossen. Man begründete sie unter anderem mit der Drittmittelschwäche der HU-Archäologen und den niedrigen Absolventenzahlen von rund zehn Abschlüssen pro Jahr. Der Masterstudiengang Klassische Archäologie hatte an der HU zuletzt sieben Neuanfänger, im Masterstudiengang Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrika war es nur eine. Das ist nicht viel und an anderen Universitäten nicht viel anders. Es ist nun einmal das Schicksal kleiner Fächer, dass sie nur von wenigen studiert werden. Bislang galt es an der Humboldt-Universität als Konsens, ihnen ihre mangelnde Größe nicht vorzuwerfen. Man schützte die Orchideen, weil es auf der Welt genug Plastikblumen gibt und weil sie Transzendenz zu den Kommunikations- und Gedankenschleifen der Gegenwart schaffen.

Es wäre jedoch ein Vorurteil, die Archäologie auf den Orchideen-Status zu reduzieren. Archäologische Funde und Ausstellungen ziehen breites Interesse auf sich. Als die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft im Dezember das Ende ihres Studiengangs für Grabungstechnik verkündete, obwohl Grabungstechniker für die Energiewende händeringend gesucht werden, wurde klar, wie breit das Tätigkeitsspektrum für Archäologen heute ist. Das Fach ist auch nicht angestaubt oder ausgeforscht. Die digitalen Techniken ermöglichen neue Erkenntnisse und Präsentationsformen. Die Computerspielindustrie hat ein Interesse an der historisch korrekten Rekonstruktion antiker Spielstätten, und die Integration naturwissenschaftlicher Methoden durch die Paläogenetik erschließt neue historische Dimensionen. Kulturgeschichtliche Rückschlüsse aus genetischen Analysen von Sedimenten oder Knochenfunden können aber nur dann gezogen werden, wenn das kulturhistorische Fundament vorhanden ist wie an der HU.

Stimmt alles, heißt es, aber man könne das Fach ja auch an der benachbarten FU studieren. Dort hat die Archäologie einen anderen Zuschnitt. Sie bietet auch keine nordostafrikanische Archäologie. Ohnehin ist es ein Fehlschluss zu meinen, man könne ein Institut schließen, ohne dass dadurch Forschungsverluste entstünden. Auch andere Fächer müssen Spar-Opfer bringen, man darf die HU aber daran erinnern, dass die Archäologie schon eines erbracht hat und überproportional geschröpft werden soll. Eine Institutsschließung wäre kein Solidaritätsbeitrag, sondern eine Enthauptung. Es gibt auch keinen Grund, sich für die winckelmannsche Tradition zu schämen, im Gegenteil. Sie hat das Fach im neunzehnten Jahrhundert zur Blüte geführt und eine Sammlung geschaffen, die ihresgleichen sucht. Wenn sich die Archäologie heute vom an der Kunst geschulten Verständnis Winckelmanns absetzen und auf eine breitere historische Basis stellen will, wird sie der Name nicht daran hindern.

Die Schließung des traditionsreichen Instituts wäre ein Signal an andere Universitäten, an denen die Archäologie ebenfalls auf der Kippe stand oder steht, das Fach kleinzusparen. Die Sparvorgabe des Berliner Senats lässt wenig Raum für strategisches Handeln. Der Senat ordnet aber keine Sparpolitik mit der Abrissbirne an. Die TU Berlin hat die Überlegung von Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra souverän zurückgewiesen, ihre Geisteswissenschaften abzuwickeln, da es sie ja auch an den beiden anderen großen Berliner Universitäten gebe. Die Verbindung von Technik- und Geisteswissenschaften hat an der TU eine auf den Weltkrieg zurückgehende Tradition. Man wollte verhindern, dass aus dem Studium Ingenieure ohne sozialen Sinn hervorgehen, und will es noch heute. Die Humboldt-Universität kann sich von der TU abschauen, wie man eine lebendige Tradition verteidigt. Thomas Thiel
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 02.03.2026 um 09:16 Uhr (Zitieren)
Danach sei ihm ein Maulkorb verpasst worden.



Maulkorb. Die sind sich offenbar bewusst, dass der Plan nicht hasenrein ist.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 02.03.2026 um 09:23 Uhr (Zitieren)
Zitat von Patroklos am 2.3.26, 8:49Man wisse auch noch nicht, ob der symbolträchtige Name Winckelmann in der neuen Struktur erhalten bleibe, manche wollten lieber eine weibliche Namensgeberin.

Wenn sich die Archäologie heute vom an der Kunst geschulten Verständnis Winckelmanns absetzen und auf eine breitere historische Basis stellen will, wird sie der Name nicht daran hindern.

Warum wird das Institut nicht einfach umbenannt statt geschlossen?
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 02.03.2026 um 10:16 Uhr (Zitieren)
... das ist wohl kein Sparzwang, es geht um etwas anderes.
Ich schätze irgendwas mit postkolonial. Ehrlich und transparent geht es nicht zu, das merkt man am Maulkorb.

Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 02.03.2026 um 14:06 Uhr (Zitieren)
Der Artikel ist besser argumentiert und klarer strukturiert. Aber:


Wenn sich die Archäologie heute vom an der Kunst geschulten Verständnis Winckelmanns absetzen und auf eine breitere historische Basis stellen will, wird sie der Name nicht daran hindern



Die methodische Abkehr von einer ästhetisierenden Kunstbetrachtung à la Winckelmann in der klassischen Archäologie ist doch kein Phänomen der letzten Jahre, sondern ein Prozess, der bereits vor Jahrzehnten abgeschlossen wurde. Die Abkehr beginnt noch im 19. Jahrhundert. Der Autor unterstellt dem Fach eine wissenschaftliche Rückständigkeit, die längst überwunden ist. Schon seltsam, welche Vorstellungen da kursieren von Wissenschaftszweigen, zu deren Verteidigung man ausrückt.

Die Verbindung von Technik- und Geisteswissenschaften hat an der TU eine auf den Weltkrieg zurückgehende Tradition. Man wollte verhindern, dass aus dem Studium Ingenieure ohne sozialen Sinn hervorgehen, und will es noch heute. Die Humboldt-Universität kann sich von der TU abschauen, wie man eine lebendige Tradition verteidigt.


Sicher, dass die homöopathische Dosis an nicht-technischen Wahlfächern im Studium an der TU Berlin ein gutes Vorbild ist?

Wie soll das Argument außerdem an der HU verfangen, die einen überragenden Anteil an geistes- und sozialwissenschaftlichen Studien anbietet? Sie braucht doch für die Mehrzahl der Studiengänge keine solche Ergänzung, damit keine Ingenieure ohne sozialen Sinn aus ihnen hervorgehen.

Für die Minderzahl an MINT-Studien an der HU gäbe es folglich ein reiches Angebot ganz ohne klassische Archäologie - ein Bärendienst, der die Konkurrenz nur verschlimmerte.

Die HU-Archäologie muss sich nicht als soziales oder kulturelles Korrektiv für Physiker oder Elektrotechniker rechtfertigen, sondern als eigenständige historische Grundlagenforschung.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 06:05 Uhr (Zitieren)
Wie komme ich auf einen Postkolonialhintergrund?

Deshalb, das ist der Footprint des Postkolonial mit einer Prise Restwoke:

Zitat von Patroklos am 2.3.26, 8:49
Man wisse auch noch nicht, ob der symbolträchtige Name Winckelmann in der neuen Struktur erhalten bleibe, manche wollten lieber eine weibliche Namensgeberin.


Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Patroklos schrieb am 03.03.2026 um 18:28 Uhr (Zitieren)
FAZ vom 4.3.

Zum Raum wird hier die Zeit
Von Dominik Maschek
Über die Unentbehrlichkeit der Archäologie
An der Humboldt-Universität zu Berlin stehen, wie an dieser Stelle berichtet (F.A.Z. vom 2. März), die archäologischen Fächer vor dem Aus. Es wäre deutlich zu kurz gegriffen, dies nur als Resultat eines schwächelnden Haushalts und neuer budgetärer Prioritäten zu verstehen. Vielmehr erzählt es uns viel über das Unterbewusstsein unserer Gegenwartsgesellschaft. Denn die Archäologie ist im Kern eine unbequeme Wissenschaft. Sie beschäftigt sich damit, das Verborgene aufzudecken und das Verschüttete zu erklären. Wie das Berliner Beispiel zeigt, wird diese Beschäftigung heutzutage offenbar nicht mehr als Wert, sondern als lästige Bürde oder vielleicht sogar, zumindest unbewusst, als Gefahr begriffen.

In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass Sigmund Freud in der Archäologie eine der Psychoanalyse auf das Engste verwandte Wissenschaft sah. Ebenso wie die Psychoanalyse im Wien des Fin de Siècle leitet die Archäologie ihre Studierenden und Forschenden dazu an, sich nicht mit dem schönen Schein der Oberfläche zufriedenzugeben, sondern den Problemen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. In der Analyse vergangener Epochen bedeutet das nicht zuletzt einen kritischen Blick darauf, wie, immer und immer wieder, Systeme von Ausbeutung, Propaganda und Machtausübung mit bestimmten Absichten und Interessen konstruiert und aufrechterhalten wurden – aber auch, wie diese Systeme letzten Endes zerbrochen und vom Antlitz der Erde verschwunden sind. Dieses unausweichliche Verschwinden und Vergehen ist es, an das die moderne Wohlstandsgesellschaft nicht gerne erinnert werden möchte. Statt seiner Bewusstmachung durch wissenschaftliche Forschung und universitäre Lehre scheint es zumindest in manchen Einrichtungen deshalb offenbar opportun, die entsprechenden Fächer einfach aus dem universitären Kanon zu entfernen.

Doch die archäologische Beschäftigung mit der Vergangenheit offenbart nicht nur eine existenzielle Vergänglichkeit, die das moderne Streben nach Vitalität, Fortschritt und Wachstum konterkariert. Sie ermöglicht auch eine Erfahrung der Vergangenheit, die in ihrer Unmittelbarkeit einmalig ist. Die Art dieser Erfahrung hat ein berühmter Zeitgenosse Sigmund Freuds auf den Punkt gebracht: „Zum Raum wird hier die Zeit.“ So beschreibt in Richard Wagners „Parsifal“ der weise Ritter Gurnemanz das eigentlich Unbeschreibbare: jenen Moment der puren Transzendenz, in dem die Gemeinschaft der Ritter durch die Kommunion aus dem Heiligen Gral in direkter Linie das letzte Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern fortsetzt.

Zum Raum und zum Gegenstand gewordene Zeit, durch die wir unmittelbaren Zugang zur Menschheitsgeschichte erhalten: Damit beschäftigt sich die Archäologie, und das macht auch ihre breitenwirksame Faszination aus. Wir wären als Gesellschaft gut beraten, diese einzigartige Form der Geschichtserfahrung nicht gering zu schätzen. Dominik Maschek

Der Autor lehrt Römische Archäologie in Trier und ist Erster Vorsitzender der
Mommsen-Gesellschaft.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Patroklos schrieb am 03.03.2026 um 18:51 Uhr (Zitieren)
Obiger Artikel ist kein Leserbrief, sondern ist platziert auf Seite 3 des Feuilletons.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 03.03.2026 um 19:48 Uhr (Zitieren)
Zitat von Patroklos am 2.3.26, 8:49Man wisse auch noch nicht, ob der symbolträchtige Name Winckelmann in der neuen Struktur erhalten bleibe, manche wollten lieber eine weibliche Namensgeberin.


Margarete Bieber bietet sich an, Zuchtriegel erwähnt sie bereits. https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Bieber
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 03.03.2026 um 20:00 Uhr (Zitieren)
Bei den Archäologe gibt es offenbar mehrere seltsame Vögel mit Hang zur blumigen Wissenschaftsmetaphysik …



Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Persephone schrieb am 03.03.2026 um 20:00 Uhr (Zitieren)
+n
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
βροχή schrieb am 03.03.2026 um 22:07 Uhr (Zitieren)
Wie das Berliner Beispiel zeigt, wird diese Beschäftigung heutzutage offenbar nicht mehr als Wert, sondern als lästige Bürde oder vielleicht sogar, zumindest unbewusst, als Gefahr begriffen.



So sieht es zumindest aus.

Die Elite*n erkennen den Wert der aktuell zur Verfügung stehenden techn. Moeglichkeiten zur Öffnung von Zeitfenstern nicht. Nie zuvor gab es diese präzisen Instrumente. Wir öffnen Zeitfenster in die tiefe Vergangenheit, dabei sollten wir nicht vergessen, dass auch wir in einem Zeitfenster leben, von dem keiner weiss, wie gross oder klein es ist.



Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 07.03.2026 um 20:48 Uhr (Zitieren)
... und ob sich in 1000 Jahren noch jemals jemand dafür interessieren wird, es zu öffnen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Patroklos schrieb am 07.03.2026 um 22:38 Uhr (Zitieren)
Öffnen=wirklich hoffen??
Diese teuflischen Automatismen.
Re: Winckelmann-Institut vor der Schließung
Quoth schrieb am 08.03.2026 um 11:48 Uhr (Zitieren)
Wie es an der Humboldt-Universität weitergeht und ob dies zum Vorteil oder Nachteil des Bereichs (Archäologie) geschehen wird, ist jedenfalls noch nicht besiegelt. Zunächst muss die Entscheidung der HU-Leitung durch den Akademischen Senat. Im Herbst werde dieser über den „Gesamtplan der Sparvorgaben an der HU“ abstimmen, teilt die Sprecherin mit.


https://www.tagesspiegel.de/wissen/archaologie-der-hu-berlin-schliesst-hat-das-traditionsreiche-institut-den-anschluss-verpasst-15299552.html
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Colosseum (Rom)

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.