Gerd Faltings hat den Abelpreis für Mathematik bekommen, u.a. weil er den Beweis für die Mordellsche Vermutung geliefert hat. Hat das Folgen auch außerhalb der Mathematik?
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 19.03.2026 um 23:31 Uhr (Zitieren)
1. Die Kernaussage
Die Vermutung besagt, dass algebraische Kurven über den rationalen Zahlen, die ein Geschlecht g von 2 oder höher besitzen, nur eine endliche Anzahl von rationalen Punkten haben können.
2. Was ist das „Geschlecht“ (g)?
In der Geometrie beschreibt das Geschlecht die Anzahl der „Löcher“ in einer Oberfläche:
Geschlecht 0 (g=0): Ähnlich einer Kugel. Diese Kurven haben entweder gar keine oder unendlich viele rationale Punkte.
Geschlecht 1 (g=1): Ähnlich einem Donut (elliptische Kurven). Hier gibt es entweder endlich viele oder unendlich viele rationale Punkte.
Geschlecht 2 oder höher (g >= 2): Ähnlich einer Brezel (zwei oder mehr Löcher). Hier garantiert der Satz: Es gibt immer nur eine endliche Anzahl von Lösungen.
3. Historische Bedeutung
Die Vermutung wurde 1922 von Louis Mordell aufgestellt. Sie blieb über 60 Jahre lang eines der größten ungelösten Probleme der Mathematik, bis der deutsche Mathematiker Gerd Faltings sie 1983 bewies.
4. Der Beweis durch Gerd Faltings
Für diesen Beweis erhielt Faltings 1986 die Fields-Medaille, die höchste Auszeichnung in der Mathematik. Sein Beweis war deshalb so bedeutend, weil er zeigte, dass die Komplexität der Geometrie (die Anzahl der Löcher) direkt die Anzahl der möglichen Zahlenlösungen begrenzt.
5. Bezug zum Großen Satz von Fermat
Bevor Andrew Wiles den Satz von Fermat endgültig bewies, lieferte Faltings mit der Mordellschen Vermutung ein wichtiges Teilresultat: Er bewies, dass die Gleichung x^n + y^n = z^n für n >= 3 höchstens endlich viele ganzzahlige Lösungen haben kann.
PS:
Hier sind die wichtigsten Bereiche außerhalb der reinen Mathematik:
1. Kryptographie und Datensicherheit
Die moderne Verschlüsselung (z. B. beim Online-Banking oder bei Messenger-Diensten wie WhatsApp) basiert fast vollständig auf der Zahlentheorie.
Faltings’ Beweis befasst sich mit rationalen Punkten auf Kurven.
Genau diese Kurven (insbesondere elliptische Kurven, Geschlecht g=1) sind die Basis für die ECC-Verschlüsselung (Elliptic Curve Cryptography).
Obwohl Faltings sich mit Kurven höheren Geschlechts (g≥2) befasste, lieferte sein tiefer Einblick in die Geometrie dieser Kurven das theoretische Fundament, um zu verstehen, welche Kurven "sicher" für Verschlüsselungen sind und welche nicht.
2. Theoretische Physik (Stringtheorie)
In der modernen Physik, insbesondere in der Stringtheorie, wird das Universum nicht nur in drei oder vier Dimensionen beschrieben, sondern in zehn oder mehr.
Diese zusätzlichen Dimensionen werden oft als winzige, gekrümmte geometrische Räume modelliert (sogenannte Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten).
Die mathematischen Werkzeuge, die Faltings entwickelte (die Arakelov-Theorie), werden von Physikern genutzt, um die Geometrie dieser extradimensionalen Räume zu berechnen. Ohne diese Mathematik ließen sich bestimmte physikalische Modelle der Weltentstehung gar nicht formulieren.
3. Informatik und Algorithmen
Faltings hat gezeigt, dass die Anzahl der Lösungen für bestimmte komplexe Gleichungen endlich ist.
Für die Informatik ist das Wissen, ob eine Suche nach einer Lösung überhaupt jemals enden kann (Terminierung), fundamental.
Seine Methoden haben die Entwicklung von diophantischen Algorithmen beeinflusst. Das sind Rechenverfahren, mit denen Computer versuchen, ganzzahlige Lösungen für hochkomplexe Probleme zu finden, was unter anderem in der Logistik und bei Optimierungsprozessen eine Rolle spielt.
4. Ein neues Verständnis von "Logik"
Außerhalb der Technik hat Faltings’ Erfolg eine philosophische Folge: Er hat bewiesen, dass geometrische Form (wie viele Löcher hat ein Gebilde?) die Arithmetik (welche Zahlen lösen die Gleichung?) diktiert. Das hat unser Verständnis davon verändert, wie eng Logik, Form und Zahl miteinander verwoben sind. Es zeigt, dass es im Universum eine tiefe, ordnende Struktur gibt, die über das bloße Rechnen hinausgeht.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 07:37 Uhr (Zitieren)
νύξ,
bin beeindruckt von deinem Wissen. Bist du Mathematiker o. ä.?
Die Bedeutung einer Sache, die ich nicht verstehe, ist für mich nicht absehbar, daher konnte ich Quoths Frage nicht beantworten. Bin dankbar fuer deine Erläuterungen.
Na, wenn das nichts ist! Mein Bruder (Physiker) pflegt zu sagen: "Wenn es einen Gott gibt, muss er ein großer Mathematiker sein."
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 08:57 Uhr (Zitieren)
Wieso besagt ein mathematischer Beweis etwas über die Struktur der Welt/des Universums?
Ich dachte, das seien zwei Bereiche, und die Anwendbarkeit des einen auf den anderen sei ein ungelöstes Rätsel.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 09:53 Uhr (Zitieren)
Das verstehe ich auch nicht.
Ich meinte die praktischen Anwendungen, von denen ich ahnte, dass es sie gibt, die ich aber nicht kannte (Pkt. 1-3)
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 10:58 Uhr (Zitieren)
Man kann natürlich die Mathematik selbst als eine solche Struktur ansehen; aber mit welchem Recht wir sie auf die empirische Welt anwenden, das ist m.W. ungeklärt.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es für diese Berechtigung einen mathematischen bzw. logischen Beweis gibt.
Kant hat das mal versucht.
Re: Die Odyssee der Zahlen
Quoth schrieb am 20.03.2026 um 11:39 Uhr (Zitieren)
Die Berechtigung für die Anwendung des Archimedischen Hebelgesetzes beim Bau einer Zange oder eines Krans ergibt sich einfach aus der Praxis: Bei seiner Anwendung kneift die Zange und der Kran hebt. Wozu bedarf es da eines Rechts?
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 11:48 Uhr (Zitieren)
@νύξ
Bitte erkläre, wie du Pkt. 4 gemeint hast, wir können dir noch nicht ganz folgen.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 11:51 Uhr (Zitieren)
Das verstehe ich so, dass eine mathematische Struktur auf eine Struktur des Universums angewandt wird, welche für unsere Empirie nicht zugänglich ist.
Re: Die Odyssee der Zahlen
info schrieb am 20.03.2026 um 13:12 Uhr (Zitieren)
Beispiel:
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 14:31 Uhr (Zitieren)
An Quoth:
Wie ist es möglich, daß eine nicht-empirische Wissenschaft, die zudem auf nicht-beweisbaren Annahmen beruht (Kurt Gödel), also im Grunde eine große Tautologie ist, auf die empirische Wirklichkeit angewendet werden kann?
(Die mittelalterliche Antwort, daß Gott, der Schöpfer dieser Wirklichkeit, die Mathematik geliebt und es deshalb so eingerichtet habe, lasse ich mal auf sich beruhen.)
Du kannst feststellen, daß es funktioniert; doch das beantwortet die Frage nach dem Wieso nicht.
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Um ein Beispiel zu nennen, so wie ich es verstanden habe:
Paul Dirac hat Einsteins Gleichung E = m.c² quadriert und dann die Wurzel daraus gezogen. Mathematisch kann man das machen, aber es ergaben sich ein Resultat mit positiven und eines mit negativen Werten.
Daraus hat Dirac abgeleitet, daß es soetwas wie eine Antimaterie geben müsse. Ein kühne Prognose: Weil es mathematisch korrekt ist, muß es das auch in der Wirklichkeit geben!
Tatsächlich hat man sie Jahrzehnte später nachgewiesen, diese Antimaterie.
Für mich ist das ein Rätsel.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 14:53 Uhr (Zitieren)
Es funktionniert nicht immer.
Die mini schwarzen Löcher, die sich ausweiten und die Welt verschlingen sind mathematisch korrekt, real hat man sie nicht entdeckt.
Re: Die Odyssee der Zahlen
meine Meinung schrieb am 20.03.2026 um 15:21 Uhr (Zitieren)
Die Wirklichkeit der Quantenmechanik kann sich
kein Mensch vorstellen, dennoch gibt es sie und er nutzt er sie ,
weil mathematisch beschreibbar und technologisch umsetzbar.
Und weil auch hier die Naturgesetze gelten.
Welche meinst? Was heißt "mini"?
Es soll welche geben mit Milliarden an Sonnenmassen.
Sagittarius A* soll 4 Millionen haben.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 16:01 Uhr (Zitieren)
engl. Micro Black Hole
es gibt Berechnungen, wonach die stabil sein können
entdeckt wurden bis dato noch keine
Re: Die Odyssee der Zahlen
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 16:05 Uhr (Zitieren)
Die könnte man sicher gut im Haushalt als Müllschlucker einsetzen.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Hahaha, sehr praktisch
Re: Die Odyssee der Zahlen
Info schrieb am 20.03.2026 um 17:34 Uhr (Zitieren)
Nur wird es den Mülleinwerfer gleich mit verschlucken.
Nach Stephen Hawking verdampfen auch schwarze
Löcher, die letzten in 10100 Jahren.
Das ist 1090-mal die Zeit in Jahren seit dem Urknall.
1080ist geschätzte Zahl in Jahren aller Atome im Kosmos = ca.5%
der im Urknall in baryonische Masse umgewandelten Energie
Re: Die Odyssee der Zahlen
Info schrieb am 20.03.2026 um 17:45 Uhr (Zitieren)
Patroklos schrieb am 20.03.2026 um 17:51 Uhr (Zitieren)
Am Ende war Hawking ein vermeintlich realitätsschaffender Mathematiker.
Zuweilen erscheint mir die Struktur unseres Gehirns grenzwertig zu sein. It‘s beyond me/us.
Re: Die Odyssee der Zahlen
Info schrieb am 20.03.2026 um 17:55 Uhr (Zitieren)
PPS:
Re: Die Odyssee der Zahlen
Patroklos schrieb am 20.03.2026 um 18:06 Uhr (Zitieren)
Es hat etwas von Morgenstern, umgekehrt:
„Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Re: Die Odyssee der Zahlen
βροχή schrieb am 21.03.2026 um 09:38 Uhr (Zitieren)
Da νύξ uns nicht verriet, was er meinte mit
ist es sinnlos dafür Beispiele zu suchen.
(Ich brachte die theoretisch mgl. stabilen micro hblack holes nur als Bsp. für Γραικύλος Vermutung, was mit 4. gemeint sein könnte.)