Γραικύλος schrieb am 19.03.2026 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Mit dem Thema dieses Forums hat es nicht mehr zu tun als den Blick in einen Abgrund namens Mensch zu tun, wie er der Antike - sagen wir - nicht ganz fremd ist. Mich hat diese Nachricht tief beeindruckt:
(FAZ vom 18.3.2026)
Einer Frau stirbt der Mann, und die Trauer darüber verarbeitet sie in einem dann populären Kinderbuch. Dabei hat sie diesen Mann selbst ermordet, um frei zu sein für ihren Liebhaber.
Das übertrifft doch die Tat der Klytämnestra um einiges, und wenn das möglich ist, wenn dieses Maß an Lüge und Heuchelei möglich ist, dann ist alles möglich in der Kommunikation.
Wie nicht mißtrauisch sein?
Re: Das Nonplusultra an Lüge
meine Meinung schrieb am 19.03.2026 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Ein raffiniertes und perfides Ablenkungsmavöver?
Mir fällt dazu das Krimimotiv ein, wo einer mehrere
Leute umbringt, um den eigentlichen Mord zu tarnen (Agatha Christie,
Die Morde des Herrn ABC/The ABC Murders).
Γραικύλος schrieb am 19.03.2026 um 20:20 Uhr (Zitieren)
Warum sollen nicht auch Schriftsteller zu Mördern werden können? Louis Althusser fällt mir noch ein.
Aber das ist ja noch nicht diese Art von Heuchelei, die Kouri Richins betrieben hat.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 19.03.2026 um 20:22 Uhr (Zitieren)
Deshalb habe ich den Titel "Das Nonplusultra an Lüge" gewählt.
Daß ein Mörder Trauer heuchelt, ja ... aber ein Buch der Trauer für Kinder zu schreiben!
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 19.03.2026 um 21:15 Uhr (Zitieren)
Ist für die moralische Bewertung wichtig, dass sie es selbst geschrieben hat?
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 19.03.2026 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Ich habe zunächst nicht an eine moralische Bewertung gedacht, sondern an die Folgen, die soetwas hat.
Wenn mir demnächst jemand etwas erzählt über seine Trauer wegen eines Partner-Verlustes, werde ich an Kouri Richins denken.
Die Lüge zerstört Vertrauen, und hier sieht man, in welchem Ausmaß Lüge möglich ist.
Aber ja, Kant hat dies für ein moralisches Problem gehalten: etwas, das die Vernunft unbedingt verbietet.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 20.03.2026 um 00:22 Uhr (Zitieren)
Ich meinte das etwas anders. Meine Frage zielte auf die Bedeutung der Identität von Täterin und Autorin für die moralische Bewertung bzw. die starke emotionale Reaktion, die anscheinend die auf gewöhnlichen, tausend Mal täglich geschehenden Mord übertrifft.
Spielt der Unterschied eine Rolle, dass die Täterin nicht selbst in eigenen Worten über den Trost für die Folgen ihrer Tat geschrieben hat? Es geht dir ja anscheinend um ihre Autorschaft an sich, nicht bloß gespielte Trauer:
Man könnte in dieser Beauftragung eines Ghostwriters ein Ausweichen vor dem psychologischen Prozess des Schreibens sehen, der einem ja, auch wenn man nur heuchelt und lügt, eine gewisse Konfrontation mit dem Verdrängten abnötigt. Das scheint mir zu einer Persönlichkeit zu passen, die ihre Konflikte zwischen Selbstbild (Opfer und starke Trösterin) und Wirklichkeit (Täterin und Verursacherin des Leids) durch Verleugnungs- und Inszenierungsstrategien löst, statt sich ihnen zu stellen.
Zur Stärke von Vertrauensverlusten gehört die Art der Beziehung, in denen wir sie erleiden, zur ihrer Verarbeitung, eine Risikoabschätzung für künftiges Vertrauen vorzunehmen, denke ich. Es sollte bei einem so außergewöhnlichen Fall, der einem nur als Leser begegnet ist, nicht allzu schwer fallen, einem Trauernden, der einem persönlich begegnet, deshalb nicht gleich maximales Misstrauen entgegenzubringen, oder?
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 20.03.2026 um 00:37 Uhr (Zitieren)
Unter dem Gesichtspunkt des perfiden literarischen Spiels mit der eigenen Tat (vor ihrem Eingeständnis) scheint mir jedenfalls der oben erwähnte Richard Klinkhamer eine ganz andere Nummer zu sein:
(Wiki)
Re: Das Nonplusultra an Lüge
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 01:17 Uhr (Zitieren)
Damit tust du einem unschuldigen Menschen unrecht. Du projezierst Kouri auf andere. Du gibst der Luege Macht ueber dich.
Das mache ich nicht.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 09:07 Uhr (Zitieren)
- Ein solches Buch bei einem Ghostwriter in Auftrag zu geben, macht für mich keinen erheblichen Unterschied. In wessen Namen erscheint es - das gilt mir als entscheidend.
- Der Klinkhamer-Fall erscheint mir anders. Daß Schriftsteller in ihrem Werk mit ihren eigenen Phantasien und Wünschen spielen, davon gehe ich aus. Frau Richins hat etwas anderes getan: sie hat Trauer geheuchelt, obwohl sie die Täterin war.
- Daß es etwas gibt, daß soetwas vorgekommen ist, beweist, daß es möglich ist. Damit muß ich von nun an rechnen. Einem anderen Menschen zu vertrauen bis zum Beweis des Gegenteils, ist eine denkbare Reaktion. Zumindest im Falle des Ermordetwerdens ist allerdings ein Lernprozeß für den Ermordeten nicht möglich.
- Gibt es das, daß man im Laufe der Jahre merkt und sicher sein kann, daß man einem Menschen, z.B. dem eigenen Ehepartner, trauen kann? Nun, Eric hat offenbar dieses Gefühl gehabt und hat vertraut. Mir fällt noch Peter Kürten ein, ein in Düsseldorf legendärer Serienmörderder 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seine Ehefrau hatte keine Ahnung von seinen Aktivitäten.
- In der Mehrzahl sind es natürlich die nicht gnz so intim Bekannten, bei deren Trauer mich Mißtrauen beschleicht. Etwa Bekannte aus sozialen Medien, die ihren tiefen Schmerz teilen.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 09:47 Uhr (Zitieren)
Wissen wir das?
Viell. hat sie Trauer empfunden, viell. hat sie sogar Reue empfunden?
Viell. hätte sie den Mann gerne behalten, wollte mit 2 Männern leben, was diese nicht ermöglichten? Bei einem Mann wäre so ein Wunsch üblich. Bei Männern ist der Mord aus Eifersucht mit anschließender extremer Trauer ein Sujet in der Musik, in der Realität zb. Gesualdo der trauerte ein lebenlang um die von ihm ermordete.
Von außen kann man über Emotionales kaum ein vollständiges Bild bekommen. Wenn etwas so überaus verwirrend erscheint, fehlen oft Hintergrundinformationen.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 10:54 Uhr (Zitieren)
Immerhin, eines wissen wir: Es ist möglich, daß einem die eigene Frau oder der eigene Mann eine Überdosis Fentanyl in den Kaffee gibt.
Und anschließend tiefe Trauer zeigt.
Paranoia ist die rationalste psychische Krankheit.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 11:00 Uhr (Zitieren)
Ob Mann, ob Frau - es paßt nicht recht zu meinem Verständnis von Liebe, den Geliebten zu vergiften. Erst recht nicht, wenn nichtmal Eifersucht im Spiel ist, sondern einem jemand lediglich im Weg ist.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 20.03.2026 um 11:07 Uhr (Zitieren)
Es ist jedenfalls ein ziemlicher Unterschied zwischen von außen ungeheuerlich wirkenden Verleugnungsstrategien, denn die wenigsten wollen vor sich selbst und anderen die Mörder sein, zu denen sie geworden sind, und einem frivolen Spiel der Täuschung, das sich daran berauscht, alle an der Nase herumzuführen.
Zur Trauer gehört nebenbei auch ohne Mord sehr oft Ambivalenz. Damit haben viele Schwierigkeiten, Trauernde und ihre Tröster bzw. Zuhörer. Der Fall Richins stellt möglicherweise auch einen Exzess dieses Ambivalenzkonflikts dar.
Klinkhamers Fall ist anders, aber er hat das Buch nach der Tat geschrieben, nicht vorher, das ist kein bloßes Spiel mit Wünschen und Phantasien.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Quoth schrieb am 20.03.2026 um 11:24 Uhr (Zitieren)
Das wurde in keinem Roman besser erfasst, dargestellt und durchleuchtet als in "Der begabte Mr. Ripley" von Patricia Highsmith, für mich einer der größten Krimis aller Zeiten. Auch Ripley trauert um seine Opfer - und damit um sich selbst.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 11:27 Uhr (Zitieren)
Das ist eine böse Tat. Nicht alle Menschen sind dazu fähig, nicht alle von denen setzen es um.
Die weitaus meisten machen solches nicht.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 11:30 Uhr (Zitieren)
Ripley mochte ich nicht. Das ist so ein fader Bursche. Er zog mich nicht ins Buch hinein.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Patroklos schrieb am 20.03.2026 um 12:14 Uhr (Zitieren)
Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu…..
KAIN
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 20.03.2026 um 13:23 Uhr (Zitieren)
Kain ist der Urmörder, der Ackerbauer, der den Hirten erschlägt. Auch er empfindet schon seine Schuld als zu groß, um sie zu tragen. Aber bis auf die Lüge auf die Frage Gottes, wo sein Bruder sei, ist das noch weit weg von dem Täuschungsmanöver falscher Trauer. Strukturell kommt dem in der Bibel die Geschichte um Abners Tod näher, auch wenn es sich dabei um ein politisch, nicht persönlich motiviertes Vorgehen handelt. König David zwingt, um seinen Ruf und den brüchigen Frieden zu retten, dessen Mörder aus Rache Joab, sich die Kleider zu zerreißen und klagend vor dem Leichnam seines Opfers im Trauerzug zu gehen. Dem Volk gefällt die Show.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
βροχή schrieb am 20.03.2026 um 14:27 Uhr (Zitieren)
die Klageweiber trauerten auch bei den Griechen gegen Bezahlung
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 14:49 Uhr (Zitieren)
Eine Frau sagte mir einmal bei einem Gespräch über Gewalt in einer Partnerschaft: "Ja, ich weiß, daß das möglich ist. Aber in einer Welt, in der ich das bei einem Menschen, den ich liebe, für möglich halte, möchte ich nicht leben."
Ich habe das so verstanden, daß es für sie unerträglich wäre. Also: Vertrauen, um nicht verrückt zu werden.
Daß es Mord gibt, ist schon schlimm genug. Daß es Mord in einer Liebesbeziehung, in einer Ehe gibt, ist noch schrecklicher. Und ich meine, daß dieser Schrecken in einigen griechischen Mythen intensiv ausgedrückt wird, neben dem Mord an den Eltern.
Als Möglichkeit in Betracht gezogen, beinahe unerträglich.
Und da setzt Frau Richins noch eines drauf.
Falls es dazu Parallelfälle geben sollte - umso schlimmer.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Persephone schrieb am 20.03.2026 um 21:30 Uhr (Zitieren)
Ein Teil der bestürzten Reaktion hat in dem Fall wohl damit zu tun, dass eine Frau so etwas tut. Das ist ein Bruch mit der Erwartung an ihre (relative) Friedfertigkeit und Fürsorglichkeit, ihre Empathie usw. Und dann noch ein Kinderbuch! Pervertierung der ihr zugeschriebenen familiären Rolle, die Vertrauen und Geborgenheit verspricht. Das ist viel schwerer zu schlucken als ein weiterer männlicher Psychopath, der zur Stammbesetzung von Nachrichten, Krimis und Filmen zählt.
Re: Das Nonplusultra an Lüge
Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Das kann ich für mich verneinen und habe ich auch mit keinem Wort ausgesprochen.