Γραικύλος schrieb am 20.03.2026 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Eine viel zu selten gestellte Frage. In "Reclams Lexikon des alten Ägypten" lese ich s.v. Silber:
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
info schrieb am 21.03.2026 um 08:36 Uhr (Zitieren)
Hauptgründe für diese „göttliche Anatomie“:
1. Die Seltenheit und der Wert des Silbers
In der Frühzeit des Alten Ägypten war Silber deutlich seltener als Gold. Während Gold in den Wüstengebieten Ägyptens (Nubien) recht leicht im Tagebau oder in Flüssen gefunden wurde, musste Silber oft mühsam importiert werden (z. B. aus dem vorderasiatischen Raum).
Symbolik: Weil Silber seltener und schwerer zu beschaffen war, galt es als das „innere“, wertvollere Gerüst – das Skelett –, während das Gold die sichtbare Hülle bildete.
2. Astronomische Parallelen (Sonne und Mond)
Die Ägypter dachten in Dualitäten. Gold und Silber wurden direkt den beiden wichtigsten Himmelskörpern zugeordnet:
Gold (Fleisch): Die Sonne. Das glänzende Gold korrespondierte mit dem strahlenden Fleisch des Sonnengottes Re. Es stand für Unvergänglichkeit, da Gold nicht oxidiert oder stumpf wird.
Silber (Knochen): Der Mond. Silber wurde oft als „weißes Gold“ bezeichnet. Da der Mond das Licht der Nacht ist und der Nachthimmel als das „Skelett“ oder die feste Struktur des Kosmos wahrgenommen wurde, ordnete man das Silber den Knochen zu.
3. Beständigkeit und „Göttliche Substanz“
Götter waren für die Ägypter unsterblich und unverweslich. irdisches Fleisch verwest, aber Metalle bleiben bestehen.
Gold verfärbt sich nie, was perfekt zum ewigen, strahlenden Fleisch eines Gottes passte.
Silber hingegen bildet mit der Zeit eine dunkle Patina. Interessanterweise glaubten die Ägypter, dass die Götter im Alter oder in bestimmten Zuständen „blauer“ oder „dunkler“ wurden (Lapis Lazuli Haare). Die Knochen als innerstes Fundament mussten jedoch aus dem härtesten und – in ihrer frühen Geschichte – kostbarsten Material sein.
Der rituelle Aspekt: Die Statuen
Diese Vorstellung hatte direkte Auswirkungen auf die Kunst: Kultstatuen in den Tempeln wurden idealerweise aus diesen Materialien gefertigt.
Man verwendete Holz- oder Steinkerne, die mit Goldblech (Fleisch) überzogen wurden.
Details wie Augenbrauen oder Haare wurden oft aus Lapis Lazuli gefertigt.
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
Γραικύλος schrieb am 21.03.2026 um 10:58 Uhr (Zitieren)
Die Frage stellt sich keineswegs nur für die ägyptischen Götter. Götter schlechthin können ja nicht wie wir aus organischem, alterndem und anderen physikalischen Einschränkungen unterworfenem Material bestehen.
Aber aus welchem dann?
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
info schrieb am 21.03.2026 um 12:50 Uhr (Zitieren)
Die Antike: Das Pneuma oder der Äther
In der griechischen Philosophie (besonders bei den Stoikern) gab es die Vorstellung des Pneuma – eine Art "Lebenshauch" oder feinstoffliches Gas, das alles durchdringt.
Aristoteles fügte den vier irdischen Elementen ein fünftes hinzu: die Quintessenz oder den Äther. Während irdische Dinge (Erde, Wasser, Luft, Feuer) sich linear bewegen und vergehen, besteht der Himmel und die Götter aus Äther, der sich ewig im Kreis bewegt und niemals altert.
1. Reine Energie oder Licht
In vielen mystischen Traditionen und auch in modernen Science-Fiction-Ansätzen werden Götter als Wesen aus reiner Energie oder Licht gedacht.
Physikalisch betrachtet: Photonen haben keine Ruhemasse und "altern" im klassischen Sinne nicht (Zeit vergeht für ein Teilchen, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, nach der Relativitätstheorie nicht).
Theologisch: "Gott ist Licht" findet sich in fast allen Weltreligionen als Metapher für eine Substanz, die alles erleuchtet, aber nicht angefasst werden kann.
2. Information und Bewusstsein (Der moderne Ansatz)
In der aktuellen Philosophie gibt es den Trend, Materie nur als "Hardware" zu sehen. Gott wäre demnach die reine Software – ein Bewusstsein ohne Trägermedium oder ein Bewusstsein, dessen "Körper" das gesamte Universum (Panentheismus) ist.
Hierbei ist die "Substanz" gar kein Material im physikalischen Sinne, sondern Information.
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
info schrieb am 21.03.2026 um 12:53 Uhr (Zitieren)
PS:
Biblisch:
1. Gott ist Geist (Ruach / Pneuma)
Dies ist die zentralste biblische Aussage über die Beschaffenheit Gottes (besonders prominent in Johannes 4,24: "Gott ist Geist").
Ruach (Hebräisch): Bedeutet Atem, Wind oder lebendiges Wirken. Es ist eine unsichtbare, aber kraftvolle Realität.
Die Konsequenz: Geist hat keine Atome, keine Zellen und unterliegt nicht der Entropie (dem Zerfall). Er ist die Energiequelle, die Materie überhaupt erst belebt, aber selbst nicht aus ihr besteht.
2. Die Substanz der Herrlichkeit (Kabod / Doxa)
Wenn Gott in der Bibel "erscheint" (Theophanie), wird er oft nicht als fester Körper, sondern als Kabod beschrieben. Das hebräische Wort bedeutet ursprünglich "Schwere" oder "Gewicht", wird aber meist mit Herrlichkeit übersetzt.
Die visuelle Form: In der Bibel äußert sich diese Substanz oft als verzehrendes Feuer, strahlendes Licht oder eine dichte Wolke (z. B. am Berg Sinai oder im Tempel).
Licht als Kleidung: In Psalm 104 heißt es: "Licht ist dein Gewand, das du anhast". Die biblische Vorstellung ist also weniger, dass Gott ein Skelett hat, sondern dass sein "Körper" aus reinem, unerträglichem Glanz besteht.
3. Der Sonderfall: Die Fleischwerdung (Inkarnation)
Das Christentum führt hier eine radikale Wende ein. Im Neuen Testament wird gelehrt, dass die göttliche Substanz (der Logos) in Jesus Christus eben doch organisches, alterndes Material annahm.
Das Paradoxon: Gott wird "Fleisch" (Sarx). Damit unterwirft sich das Unvergängliche freiwillig der Biologie, inklusive Schmerz und Tod.
Der Auferstehungskörper: Nach der Auferstehung beschreibt die Bibel eine neue Art von Materie. Jesus kann essen und angefasst werden, aber er ist nicht mehr an physikalische Grenzen gebunden (er geht durch verschlossene Türen). Paulus nennt dies im Korintherbrief einen "geistlichen Leib" (soˉma pneumatikon).
Die biblische "Material-Hierarchie"
Begriff Bedeutung Charakteristik
Geist (Ruach) Gottes innerstes Wesen Immateriell, zeitlos, schöpferisch.
Licht / Feuer Gottes Erscheinung Energetisch, heilige Distanz schaffend.
Fleisch (Sarx) Gottes Menschwerdung Organisch, verletzlich, sterblich.
Verklärter Leib Gottes Ziel für den Menschen "Update" der Materie: physisch, aber unvergänglich.
Das Bilderverbot als Schutz
Genau wegen dieser Frage gibt es im Alten Testament das strikte Bilderverbot. Da Gott aus keinerlei irdischem Material (Holz, Gold, Stein) besteht und durch nichts Materielles begrenzt werden kann, wäre jede Statue eine Lüge über seine wahre Natur.
"Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer..." (5. Mose 4,24)
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
Bukolos schrieb am 22.03.2026 um 05:24 Uhr (Zitieren)
Nach Homer bildet ja das Ichor einen Teil göttlicher Materialität, was auch Alexander der Große einsehen musste:
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
Aurora schrieb am 22.03.2026 um 06:43 Uhr (Zitieren)
Zur Etymologie sagt meine KI:
1. Die Formanalyse
Wortstamm: ἰχωρ- (ichōr-)
Suffix: -ωρ (-ōr)
Hinweis: Das Suffix -ōr ist typisch für archaische, oft sächliche
Substantive im Griechischen (vergleichbar mit ὕδωρ / hydōr für Wasser).
2. Die Hypothesen zur Herkunft
Vorgriechisch (Substrat-Theorie):
Die wahrscheinlichste Theorie. Da es keine gesicherte indogermanische Wurzel gibt (z. B. aus dem Sanskrit oder Latein), wird angenommen, dass das Wort aus einer vor-hellenischen Sprache stammt. Es gehört damit zur Gruppe von Wörtern, die die Griechen von der ansässigen Bevölkerung übernahmen, als sie den Balkan besiedelten.
Verbindung zu „Feuchtigkeit“:
Einige Sprachwissenschaftler versuchen eine Verbindung zur indogermanischen Wurzel *ueik- (für „feucht“ oder „flüssig“) herzustellen, was jedoch lautlich instabil ist.
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
Aurora schrieb am 22.03.2026 um 07:08 Uhr (Zitieren)
Nachtrag:
Ichor – medizinische und literarische Bedeutungsentwicklung
1. Antike Medizin
„ichor“ wurde in der antiken Medizin teilweise übernommen
Bedeutung: wässrig-eitrige Wundflüssigkeit
in hippokratischer Tradition eher krankhaft statt göttlich
Bedeutungswandel:
→ von „göttliches Blut“ zu „verdorbener Körperflüssigkeit“
2. Alchemie / frühe Naturphilosophie
seltene, symbolische Verwendung
Bedeutung: feinstoffliche Lebensessenz
Verbindung zu Ideen wie:
Lebenselixier
„spiritus“ / Lebenskraft
Unterscheidung zwischen grober und feiner Substanz
3. Romantik (18.–19. Jh.)
literarische Wiederaufnahme des Mythos
„ichor“ als Symbol für:
Unsterblichkeit
Übermenschlichkeit
emotionale Kälte der Götter
häufig in englischer Dichtung verwendet
4. Moderne Fantasy
Standardbegriff für:
göttliches Blut
magische Essenz
Energie von Göttern oder Dämonen
sehr häufig in:
Rollenspielen
Videospielen
Fantasy-Literatur
Re: Woraus bestehen eigentlich Götter?
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 17:54 Uhr (Zitieren)