Vielleicht hielt er die Aeneis für noch verbesserungsbedürftig (weil er Rom darin zu sehr gerühmt hatte) und wollte nicht, dass sie unverändert das Licht der Öffentlichkeit sah. Oder er hatte Selbstzweifel und fand es eitel, sich in seiner Dichtung quasi auf eine Ebene mit Homer gestellt zu haben. Oder er zweifelte (wie in Hermann Brochs Roman "Der Tod des Vergil" beschrieben) an der Legitimität von Dichtung in katastrophaler Zeit.
Re: Vergil wollte die Aeneis verbrennen
info schrieb am 08.04.2026 um 11:42 Uhr (Zitieren)
Die kalte Technologie meint dazu:
Mangelnde Vollendung (Ultima Manus): Vergil war Perfektionist. Das Werk war zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht abschließend überarbeitet. Es enthält unvollständige Verse (tibicines), die seinem hohen ästhetischen Anspruch nicht genügten.
Künstlerische Unzufriedenheit: Er empfand das Epos als ungenügend und fühlte sich der gewaltigen Aufgabe, das endgültige Nationalepos Roms zu schaffen, letztlich nicht gewachsen.
Politische Ambivalenz: Moderne Deutungen vermuten Zweifel an der Verherrlichung des Augustus. Die Aeneis thematisiert auch die Opfer und die Grausamkeit des römischen Aufstiegs (z. B. Dido, Turnus), was Vergil kurz vor seinem Tod kritisch gesehen haben könnte.
Philosophische Gründe: Beeinflusst durch die Stoa oder den Epikureismus könnte der Verzicht auf das Werk ein Akt der Loslösung von irdischem Ruhm und Eitelkeit gewesen sein.
Erschöpfung und Krankheit: Der Wunsch könnte aus der physischen und psychischen Belastung seiner schweren Krankheit und der elfjährigen Arbeit am Text resultiert sein.
Re: Vergil wollte die Aeneis verbrennen
info schrieb am 08.04.2026 um 11:45 Uhr (Zitieren)
Franz Kafka: Befahl Max Brod, alle Manuskripte (u. a. Der Prozess) zu verbrennen. Brod ignorierte dies und veröffentlichte sie.
Nikolai Gogol: Verbrannte den zweiten Teil von Die toten Seelen in einer religiösen Krise kurz vor seinem Tod selbst.
Vladimir Nabokov: Wollte sein letztes Fragment The Original of Laura vernichtet wissen; sein Sohn veröffentlichte es 2009 dennoch.
Emily Dickinson: Bat um die Verbrennung ihrer Korrespondenz. Ihre Schwester fand dabei die versteckten Gedichte und rettete sie.
Robert Louis Stevenson: Verbrannte die erste Fassung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde nach Kritik seiner Frau und schrieb sie komplett neu.
James Joyce: Warf das Manuskript zu Stephen Hero aus Frust ins Feuer; seine Frau Nora rettete die Seiten aus den Flammen.
John Keats: Bat darum, seine unveröffentlichten Manuskripte und Briefe zu vernichten, um seine Privatsphäre zu schützen.
Re: Vergil wollte die Aeneis verbrennen
Andreas schrieb am 08.04.2026 um 11:57 Uhr (Zitieren)
Mir fällt dazu Thomas von Aquin ein:
Das Erlebnis des Thomas von Aquin:
Datum: 6. Dezember 1273 (während einer Messe in Neapel).
Ereignis: Thomas hatte eine tiefgreifende spirituelle Vision oder Ekstase.
Folge: Er stellte die Arbeit an seinem Hauptwerk, der Summa theologiae, sofort ein.
Berühmtes Zitat: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich
zu dem, was ich gesehen habe.“
("Omnia, quae scripsi, videntur mihi paleae respectu eorum, quae vidi.")
Bedeutung: Der rationale Philosoph erkannte die Grenzen der Sprache
und der Vernunft gegenüber der unmittelbaren göttlichen Erfahrung.
Ergebnis: Das bedeutendste Werk der Scholastik blieb bis zu
seinem Tod wenige Monate später ein Fragment.