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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Kalospinthechromokrene (547 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.04.2026 um 14:51 Uhr (Zitieren)
Dieses Wort ist mir heute in einer Zeitschrift aus dem Jahre 1867 begegnet.
Es soll bedeuten: ein elektrisch beleuchteter Springbrunnen [1867!], der in allen Farben schillert.
Re: Kalospinthechromokrene
info schrieb am 16.04.2026 um 17:18 Uhr (Zitieren)
[quote][/quote]Historischer Kontext

Bekannt wurde dieser Begriff vor allem im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für eine bestimmte Art von Zimmerfontänen. Der schottische Erfinder David Brewster, der auch das Kaleidoskop erfand, nutzte solche komplexen griechischen Bezeichnungen gerne für seine optischen Geräte.

In der Literatur und Philosophie wird der Begriff gelegentlich als Metapher für eine sprudelnde Quelle der Inspiration oder ein prächtiges, sich ständig veränderndes Farbspiel verwendet. Es ist eines jener „Bandwurm-Wörter“, die geschaffen wurden, um technischen Erfindungen durch die Verwendung klassischer Sprachen einen edlen und wissenschaftlichen Klang zu verleihen.
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 16.04.2026 um 23:35 Uhr (Zitieren)
Die Konversationslexika und Enzyklopädien des 19. Jahrhunderts versuchen, ihren Lesern diesen Wunderbrunnen gründlich zu verdeutschen: Schönfarbenspringquell, Funkelfarbensprühbrunnen, Schönfunkenfarbenquelle.

Das letzte Beispiel kommt der Kalospinthechromokrene in meinen Augen sowohl strukturell als auch semantisch am nächsten. Es handelt sich um ein komplexes Determinativkompositum, dessen Bestimmungsglied wiederum ein mehrteiliges Additivkompositum bildet.

Das sprachlich veredelte Objekt ist ein Brunnen bzw. eine Quelle, der oder die durch schön, Funken und Farben näher charakterisiert wird. Diese drei Elemente stehen als gleichrangige, koordinierte Bestimmungsmerkmale nebeneinander und bilden gemeinsam das Bestimmungsglied, ohne dass zwischen ihnen eine hierarchische Unterordnung bestünde. Im Grunde nicht anders als bei Schoko‑Nuss‑Karamell‑Riegel.

Dieses Bildungsprinzip des Wortes war der Antike unbekannt, oder?
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 16.04.2026 um 23:49 Uhr (Zitieren)
Darüber, wie schön genau sich verhält in der Struktur, müsste man vllt. noch länger nachdenken, aber Funken und Farben scheinen mir unzweifelhaft additiv koordiniert.
Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 17.04.2026 um 04:08 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 16.4.26, 23:35Dieses Bildungsprinzip des Wortes war der Antike unbekannt, oder?

Was ist denn mit Aristophanes' λοπαδο­τεμαχο­σελαχο­γαλεο­κρανιο­λειψανο­δριμ­υποτριμματο­σιλφιο­καραβο­μελιτο­κατα­κεχυμενο­κιχλεπι­κοσσυφο­φαττο­περιστερ­αλεκτρυον­οπτο­κεφαλλιο­κιγκλο­πελειο­λαγῳο­σιραιο­βαφη­τραγανο­πτερύγων?
Re: Kalospinthechromokrene
info schrieb am 17.04.2026 um 11:56 Uhr (Zitieren)
Schüsselfischstückenrochenhaischädelrestescharf
beißgewürzbeigemischsilphiumkrabben
honigübergossendrosselamselringeltaube
haustaubehahnenbratköpfchenzwergtaucher
felsentaubenhasesirupgetunktknusperflügelgericht
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 17.04.2026 um 13:42 Uhr (Zitieren)
Was ist denn mit Aristophanes' ...


Das ist ... als wäre eine Granate ins All-you-can-eat-Buffet eingeschlagen. Es entspricht meiner Ansicht nach strukturell etwa Riegel-Schoko-karamellübergossen-auf-Nuss-Zeugs, ist also noch eine merkwürdigere Mischung aus additiver Komposition des hinter dem an den Anfang gerückten Grundwort stehenden Bestimmungsgliedes, das zusätzlich Zusammenrückungen zeigt (‎... επικοσσυφο ...), wovon am Ende mittels -ων abgeleitet wird, insgesamt also eine Zusammenbildung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Zusammenbildung


Antikes Gegenstück zu Kalospinthechromokrene, Schoko-Nuss-Karamell-Riegel dürfte z.B. Βατραχομυομαχία (Froschmäusekrieg) sein.

Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 18.04.2026 um 05:07 Uhr (Zitieren)
Stimmt, eine Zusammenbildung. Laut Kühner/Blass wird mit dem Suffix -ών ein mit der Ableitungsbasis angefüllter Platz bezeichnet.*

Die Βατραχομυομαχία müsste nach dieser Kategorisierung allerdings ebenfalls eine Zusammenbildung sein. Neuer Versuch, noch einmal Aristophanes (diesmal Lysistrate): σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις.

* https://archive.org/details/p2ausfhrlichegra01khuoft/page/284/mode/1up
Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 18.04.2026 um 05:45 Uhr (Zitieren)

... da es die dafür nötigen Wortstämme *Blauauge, *Dickhaut ebenfalls nicht gibt...
aus d. link



wieso gibt es die nicht? Sie stehen
dort. Viel. werden sie nur sporadisch benutzt, sie sind dennoch sofort verständlich.
Komposita sind ausserdem frei erhältlich, jederzeit herstellbar.

Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 18.04.2026 um 11:05 Uhr (Zitieren)
Als Wortstamm kann man weder Blauauge noch Dickhaut bezeichnen. Insofern ist gegen die Formulierung m. E. nichts einzuwenden. Anders als an der Bildung Kalospinthechromokrene übrigens, wo beim Kompositionsglied -spinthe- anscheinend eine Silbe vergessen wurde (vgl. bspw. σπινθηρο-πόμπος).
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 18.04.2026 um 15:05 Uhr (Zitieren)
Die Βατραχομυομαχία müsste nach dieser Kategorisierung allerdings ebenfalls eine Zusammenbildung sein.


Stimmt, aber mit dem subtilen Unterschied, dass -μαχία ein Suffixoid ist, anders als -ων transportiert es ja noch die lexikalische Bedeutung seines Stamms. Es besaß außerdem eine recht hohe Produktivität stabiler Semantik (γιγαντομαχία, κενταυρομαχία, …), was die Bildung, auch wenn es selbst kein autonomes Monolexem wie das deutsche Kampf oder Krieg ist, deutlich in die Nähe eines Determinativkompositums mit additiv koordiniertem Bestimmungsglied rückt wie im Deutschen [Frosch-Mäuse]-Kampf oder [Schoko-Nuss-Karamell]-Riegel.


Neuer Versuch, noch einmal Aristophanes (diesmal Lysistrate): σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις …


Auch hier könnte man erwidern, dass das Grundwort πωλις, das durch [σπερμαγοραιολεκιθολαχανό]-, eine tatsächlich strukturell mit [Schoko-Nuss-Karamell]- identische additive Bestimmungsreihe gleichrangiger Elemente, bestimmt wird, als autonomes Monolexem praktisch nicht vorkommt: πώλης - This agent noun occurs almost exclusively in compounds. It is only attested in independent existence in lines 131–140 of Aristophanes’ Knights, where it is used comically, as the last part of an intended compound.

Liegt daher das eigentliche Problem der Frage nach dem Gegenstück nicht darin, dass das Altgriechische den deutschen Typ des Determinativkompositums mit freiem, unverändertem Grundwort kaum kennt? Wo das Deutsche wie bei Kinderzimmer, Eisenbahn, Schreibheft, Faltenrock oder Schoko-Nuss-Karamell-Riegel usw. freie volllexikalische Köpfe stehen lässt, setzt das Griechische ungleich häufiger gebundene derivationale Köpfe (wie eben ‑μαχία, ‑πώλης) ein.

Kalospinthe(ro)chromokrene könnte sich unter diesem Gesichtspunkt nur auf Ἱπποκρήνη berufen, einen Eigennamen, während κρήνη sonst nicht genutzt wurde, um der Bergquelle oder Waldquelle vergleichbare Komposita usw. zu erzeugen.

Morphologisch gesehen bleibt es daher in meinen Augen ein stark am Deutschen orientierter Exot, eine Art Calque. Seine ungewöhnliche Seite ist sozusagen nicht links im additiven Bestimmungsglied, das sich strukturell von σπερμαγοραιολεκιθολαχανό- oder Βατραχομυο- nicht unterscheidet, zu finden, sondern rechts.
Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 19.04.2026 um 01:26 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 18.4.26, 15:05Auch hier könnte man erwidern, dass das Grundwort πωλις [...] als autonomes Monolexem praktisch nicht vorkomm

Dem ließe sich entgegenhalten, dass die σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις als Kompositum mit der zumindest in der Sprache der Komödie einigermaßen etablierten Zusammenbildung λαχανόπωλις aufgefasst werden könnte, wenn man nicht gar πώλις als der gebundenen Sprache geschuldete Variante der femininen Nomen-agentis-Bildung πωλήτρια akzeptieren wollte.

Zitat von Persephone am 18.4.26, 15:05Liegt daher das eigentliche Problem der Frage nach dem Gegenstück nicht darin, dass das Altgriechische den deutschen Typ des Determinativkompositums mit freiem, unverändertem Grundwort kaum kennt?

Determinativkomposita sind im Griechischen sicher deutlich weniger verbreitet als im Deutschen. Dennoch fällt unsere bisherige Stichprobe aus meiner Sicht zu knapp aus, denn man findet ja doch diverse Nomina, die sich als Determinata in der gewünschten Form produktiv zeigen, etwa ἔμπορος (οἰν-, ταπητ-, λιν-, λιθ-, χοιρ-έμπορος etc.) διδάσκαλος (γραμματο-, νομο-, τραγῳδο-, ἐρωτο-, τυραννο-διδάσκαλος etc.) oder πόλις (νεκρό-, μητρό-, κωμό-, λυχνό-, ἀκρό-πολις etc.).
Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 06:49 Uhr (Zitieren)



σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις


Was sind die Einzelteile des Ungetüm?

Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 06:50 Uhr (Zitieren)

Sr. Tippo

... des Ungetüms?

Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 06:52 Uhr (Zitieren)


Kalospinthechromokrene


Was sind die Einzelteile des Ausgangsworts?




Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 07:12 Uhr (Zitieren)

kalo - schön
spinthe - Funke (elektro-)
chromo - frabig
krene - Fontäne


Luxuselektrofarbfontäne




Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 07:26 Uhr (Zitieren)

...
Zum Schluß der Vorstellung: Vorzeigung der Wunderfontaine Kalospinthechromokrene
...



(aus einem Plakat)

Es wurde damals Wunderfontaine genannt.








Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 07:31 Uhr (Zitieren)

...

Fontana Artificioasa
Kalospinthechromokrene
...



(aus einem Plakat)

Es wurde damals Wunderfontaine genannt.








Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 19.04.2026 um 07:35 Uhr (Zitieren)
Der seltsame Name sollte Magie ausstrahlen,
etwas geheimnisvoll Leuchtendes.








Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 19.04.2026 um 09:26 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 18.4.26, 15:05Stimmt, aber mit dem subtilen Unterschied, dass -μαχία ein Suffixoid ist, ...

Ist das tatsächlich so klar? Zum Vergleich lassen sich Nomina wie ναυμαχία oder (passerweise) φωνομαχία heranzuziehen, wo eine deverbale Ableitung von den Komposita ναυ- bzw. φωνο-μαχέω mit dem Suffix -ία vorliegt, angesichts derer es aus meiner Sicht naheliegender erscheint, auch in γιγαντομαχία oder Βατραχομυομαχία eher von einem Suffix -ία als von einem Suffixoid -μαχία auszugehen.
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 19.04.2026 um 13:11 Uhr (Zitieren)
Suffixoid war eine begriffliche Verlegenheitslösung, um den
aus deutschsprachiger Sicht nicht so leicht nachvollziehbaren Kompositionstyp zu kennzeichnen, im Rückblick nicht ganz so schlau.


Also noch ein systematischerer Versuch:

Im Altgriechischen entstehen die für die Diskussion relevanten Komposita einerseits mit freien Köpfen als Determinatum, also echten Lexemen wie z.B. πόλις, die syntaktisch selbständig sind und im Kompositum einfach weiterverwendet werden: νεκρό‑πολις, μητρό‑πολις, κωμό‑πολις, λυχνό‑πολις, ἀκρό‑πολις. Das entspricht dem uns geläufigen Bildungsprozess: Stadt (Toten‑stadt,…). Dieser Typ ist im Deutschen so mächtig, dass man die Sprache geradezu damit identifiziert; seine in andere Sprachen gewanderten Erzeugnisse wie Kindergarten oder Weltschmerz sind sozusagen paradigmatisch. Er ist so frei, dass er im Grunde den gesamten lexikalischen Bestand nutzen kann, und zwar in beiden Rollen, als Grund‑ und als Bestimmungswort. Auch wenn die Stichprobe, wie du zum Recht monierst, sich erweitern lässt, erreicht dieser Typ im Altgriechischen, soweit ich sehe, nicht annähernd denselben Grad an Offenheit.

Andererseits arbeitet das Altgriechische mit gebundenen Ableitungsbildungen, die formal wie Substantive aussehen, aber nur innerhalb von Komposita auftreten und dort die Kopfrolle übernehmen. Zu dieser zweiten Gruppe gehören Bildungen wie ‑μαχία, ‑λογία oder, das war die These, ‑πώλις. Das Suffix ‑ία ist dabei zweifellos ein reguläres Derivationssuffix, aber das, was es in diesen Fällen erzeugt, ist eben kein eigenständiges Volllexem, sondern ein kompositionsgebundenes Bildungselement. Semantisch unterscheidet es sich im Grunde nicht vom freien Lexem (‑μαχία sagt nichts anderes als μάχη), aber synchron gehört es einer anderen Kategorie an. Das Deutsche kennt solche gebundenen Kopfderivate eigentlich nur dort, wo es sie als Fremdwortbildung mitübernommen hat: Psychologie, Philologie, Technologie; ein freies Lexem Logie existiert nicht. Dieser Typ ist im Altgriechischen der bedeutendere und weitaus freiere von beiden.



Dem ließe sich entgegenhalten, dass die σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις als Kompositum mit der zumindest in der Sprache der Komödie einigermaßen etablierten Zusammenbildung λαχανόπωλις aufgefasst werden könnte, wenn man nicht gar πώλις als der gebundenen Sprache geschuldete Variante der femininen Nomen-agentis-Bildung πωλήτρια akzeptieren wollte.



Das Grundproblem ist in meinen Augen, dass -πώλις nirgendwo als freies Volllexem belegt ist. Damit fehlt genau die Voraussetzung, die der Einwand stillschweigend macht: ein autonomes Substantiv, das in λαχανοπώλις als Kopf fungieren und in der langen Form einfach durch zusätzliche Bestimmungswörter erweitert werden könnte. Wenn -πώλις aber ausschließlich kompositionsgebunden erscheint, lässt sich weder das kurze noch das lange Wort als reguläres Kompositum mit freiem Grundwort verstehen. Sollte πώλις wirklich eine „gebundene Variante“ von πωλήτρια sein, müsste man zumindest sporadische Belege für seine selbstständige Verwendung außerhalb von Komposita erwarten, oder?

Hinzu kommt, dass σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις semantisch nicht das leistet, was eine echte Erweiterung von λαχανοπώλις leisten müsste. Eine solche Erweiterung wäre restriktiv, sie würde die Bedeutung von "Gemüsehändlerin“ enger fassen. Aristophanes’ Wort dagegen reiht verschiedene Warenbereiche nebeneinander auf und bildet daraus ein koordiniertes Bündel von Bestimmungsgliedern. Die Struktur ist also nicht spezifizierend, sondern additiv. Unter diesen Bedingungen führt die Vorstellung einer bloßen Fortführung eines regulären Kompositums im Verständnis des Aufbaus nicht weiter.

Unter diesen Aspekten scheint Kalospinthe(ro)chromokrene auf den ersten Blick dem im Altgriechischen selteneren Bildungsmuster zu folgen, weil der Kopf κρήνη als eigenständiges Volllexem außerhalb von Komposita gebraucht wurde. Das Problem ist jedoch, dass das einzig belegte Kompositum dieser Art Ἱπποκρήνη lautet - ein Eigenname, ein Toponym -, und dass schwer zu erkennen ist, ob man daraus eine produktive Reihe ableiten kann. Man findet keine weitere Bildungen des Typs X‑κρήνη, die man in Analogie zum Deutschen erwarten würde: Bergquelle, Waldquelle, Felsquelle usw.

In einem regulären Determinativkompositum müsste außerdem ἵππο(ς) die Bedeutung von κρήνη spezifizieren, also eine Unterart von "Quelle“ bezeichnen, so wie Waldquelle, die so heißt, weil sie im Wald entspringt, und deren es beliebige gibt.

Bei Ἱπποκρήνη handelt es sich dagegen um einen mythologisch fixierten Namen, der keine Unterart von Quellen benennt, die irgendetwas für die Gesamtbedeutung Wesentliches mit Pferden zu tun hat, weil die sich z.B. dort aufhalten, um zu trinken usw., sondern die Entstehung einer ganz bestimmten, dem Apollon und den Musen heiligen Quelle (die durch den Huf des Pegasus entspringt) unterhalb des Ostgipfels des Helikons. Unter diesen Umständen scheint Ἱπποκρήνη ein isolierter Name, kein Exemplar des gesuchten Bildungsmusters. Vllt. lässt sich der Unterschied annähernd verstehen wie der zwischen Heiligenbrunn, Wolfsbrunn oder Schönbrunn und Hausbrunnen, Marktbrunnen oder Tiefbrunnen im Deutschen.

Daher, meine ich, liegt die ungewöhnliche Seite dieses Wunderbrunnens nicht im additiven Bestimmungsglied, das sich strukturell von σπερμαγοραιολεκιθολαχανό‑ oder βατραχομυο‑ nicht unterscheidet, sondern im rechten Teil.
Re: Kalospinthechromokrene
Quoth schrieb am 19.04.2026 um 19:49 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 19.4.26, 13:11Dieser Typ ist im Deutschen so mächtig, dass man die Sprache geradezu damit identifiziert; seine in andere Sprachen gewanderten Erzeugnisse wie Kindergarten oder Weltschmerz sind sozusagen paradigmatisch.

"Seesommernachtstille", eine Wortbildung Robert Walsers, hat den Übersetzer Walter Weideli fast verzweifeln lassen, denn er konnte es nur als "Ce silence de nuit d'été de lac" ins starre Französische bringen ... :-)
Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 23.04.2026 um 08:38 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 19.4.26, 13:11Semantisch unterscheidet es sich im Grunde nicht vom freien Lexem (‑μαχία sagt nichts anderes als μάχη), aber synchron gehört es einer anderen Kategorie an.


Bei ναυμαχία etc. liegt, um es noch einmal klarer zu formulieren, offenbar eine deverbale Ableitung nicht vom Simplex μαχεῖν, sondern vom Kompositum ναυμαχεῖν vor. Als Ableitungsbasis dient hier der ganze Verbstamm ναυμαχ-, der mit -ία suffigiert wird. Bildungen wie γιγαντομαχία orientieren sich, denke ich, hieran, d. h., sie wirken so, als gäbe es eine Ableitungsbasis wie *γιγαντομαχ-εῖν, die indessen wohl nicht existiert haben, weshalb nach der Kategorisierung, auf die wir uns hier geeinigt hatten, diese unter die Zusammenbildungen fallen.

Das Verbalkompositum λαχανοπωλεῖν ist allerdings durchaus belegt und λαχανόπωλις dürfte zunächst als hiervon abgeleitetes Nomen agentis gelten. Demzufolge sollte Aristophanes' σπερμαγοραιολεκιθολαχανόπωλις die Bedingungen, um als Kompositum zu gelten, erfüllen. Dabei bildete die Morphemreihe σπερμαγοραιολεκιθο- das Determinans zum Determinatum λαχανόπωλις.

Wenn man hingegen deiner Argumentation für die Βατραχομυομαχία als Kompositum mit dem Suffixoid bzw. Konfix -μαχία folgt, spricht m. E. nichts dagegen, auch die angeführten aristophanischen Bildungen als Komposita mit den Konfixen -πτερυγών bzw. -πώλις zu betrachten. Tatsächlich geht etwa Olga Tribulato in ihrem Überblick über die griechische Komposition, den sie an den Anfang ihrer Arbeit über Ancient Greek Verb-Initial Compounds (Berlin/Boston 2015) stellt, wohl von einer solchen weiteren Definition des Kompositums aus und führt sowohl λοπαδο­τ. als auch σπερμαγ. als "coordinated compounds" (S. 66) auf.

Dass die offenbar von Eduard Messter (Vater des Kinopioniers Oskar Messter) erfundene Varieté-Sensation, die zuerst in Krolls Etablissement (der späteren Kroll-Oper, dem berüchtigten Schauplatz des letzten Akts des Weimarer Parlamentarismus) gezeigt wurde,* auf einen Namen getauft ist, der nur wie eine dem Griechischen entlehnte Komposition wirkt, soll damit nicht infrage gestellt werden (selbst wenn man noch ein spätantikes ὑποκρήνη anführen könnte). Da in der griechischen Nominalkomposition Stämme, nicht Nominative, die Konstituenten bilden, müsste anstelle des Kompositionsglieds -chromo- überdies -chromato- stehen.

* Martin Koerber, Oskar Messter - Stationen einer Karriere in: Oskar Messter - Filmpionier der Kaiserzeit hg. Martin Loiperdinger, Basel/Frankfurt a. M. 1994, S. 28 f.
https://mediarep.org/bitstreams/702267d1-d9ef-4edd-8b5b-739fd8b467b5/download
Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 23.04.2026 um 08:41 Uhr (Zitieren)
existiert haben -> existiert hat
Re: Kalospinthechromokrene
βροχή schrieb am 23.04.2026 um 09:42 Uhr (Zitieren)

Varieté-Sensation


Also kein musthave der damaligen Oberschicht?

Ist von den Kalospinthechromokrenen noch ein Exemplar erhalten geblieben?

Gibt es eine Filmaufnahme, oder wenigstens ein Foto?


spinthechromato wäre ein schöner Name n.m.M.
Re: Kalospinthechromokrene
Persephone schrieb am 23.04.2026 um 19:57 Uhr (Zitieren)
Danke zunächst für die Beleuchtung der medien- bzw. kulturgeschichtlichen Seite dieser Wunderfontäne und ihres umtriebigen Erfinders, der auch einen Thaumatographen in Umlauf gebracht hat. Verschwunden scheint das „geradezu entsetzliche Wort“ Kalospintherochromatokrene (F. Mauthner in Beiträge zu einer Kritik der Sprache*) zu sein, die Sache hat sich aber im Grunde gehalten, bloß ihr Varieté-Charakter sich verflüchtigt. Man kann ihre Nachfahren nämlich für kleines Geld z.B. in Gestalt von Deko-Wassersprudelsäulen mit RGB-LED-Farbwechsler im Baumarkt für den Hausgebrauch mitnehmen.

* https://www.textlog.de/mauthner/sprachwissenschaft/sprachindustrie

Wenn man hingegen deiner Argumentation für die Βατραχομυομαχία als Kompositum mit dem Suffixoid bzw. Konfix -μαχία folgt, spricht m. E. nichts dagegen, auch die angeführten aristophanischen Bildungen als Komposita mit den Konfixen -πτερυγών bzw. -πώλις zu betrachten. Tatsächlich geht etwa Olga Tribulato in ihrem Überblick über die griechische Komposition, den sie an den Anfang ihrer Arbeit über Ancient Greek Verb-Initial Compounds (Berlin/Boston 2015) stellt, wohl von einer solchen weiteren Definition des Kompositums aus und führt sowohl λοπαδο­τ. als auch σπερμαγ. als "coordinated compounds" (S. 66) auf.


Prinzipiell habe ich für diese analoge Deutung argumentiert. Unstrittig ist auf allen Seiten sowohl bei Βατραχο‑μυο‑μαχία als auch bei σπερμ-αγοραιο-λεκιθο-λαχανό-πωλις die linksseitige Struktur des Determinans [A–B–C–…], deren Hauptelemente gleichrangig koordiniert sind. Tribulato nennt das recursive coordinated, macht aber an dieser Stelle keine näheren Angaben zur Frage, welchen Status das rechte Element jeweils besitzt: ob ‑πώλις synchron als nicht frei vorkommendes derivationales Bildungselement zu verstehen ist - funktional analog zu ‑μαχία, das semantisch mit μάχη identisch ist -, oder ob πώλις hier als Volllexem „Verkäuferin“ fungiert. Sie bezeichnet solche Bildungen lediglich als long determinative compounds. Der Begriff compound spricht insgesamt aber gegen die von dir vorgeschlagene Alternative, das Gesamtwort als deverbale Ableitung mit Suffix zu analysieren. Wie die rechtsseitige Struktur in dieser Hinsicht aufzulösen ist und dadurch die Typen von Komposita weiter differenziert werden könnten, bleibt bei ihr jedoch an dieser Stelle offen.

Bei der Analyse des aristophanischen Monstrums λοπαδο-τεμαχο-σελαχο-γαλεο-κρανιο-λειψανο-δριμ-υποτριμ-ματο-σιλφιο-παραλο-μελιτο-κατακεχυμενο-κιχλ-επικοσσυφο-φαττο-περιστερ-αλεκτρυον-οπτο-πιφαλλιδο-κιγκλο-πελειο-λαγῳο-σιραιο-βαφη-τραγανο-πτερυγών verkompliziert sich die Lage allerdings weiter.

Aus ihrer Klassifizierung als exocentric coordinated compound spricht in meinen Augen ein anderes Verständnis als das von dir vorgeschlagene, nämlich nicht die Annahme eines Kompositums mit einem Konfix ‑πτερυγών, sondern die Deutung des gesamten Wortes als eine Art altgriechisches dvandva‑artiges Gebilde: -πτερύγων ist äußerstes rechtes Element und Flexionsträger, aber weder morphologischer Kopf noch semantischer Kern noch strukturell privilegiert. Es ist für sie lediglich das letzte Glied einer Reihe gleichrangiger Elemente, eine Zutat unter anderen, nicht etwas, das näher bestimmt würde, sondern etwas, das buchstäblich im Topf landet.

Gerade hier beginnen für mich die Schwierigkeiten. Das erste Element λοπαδο‑ bezeichnet meiner Ansicht nach keine essbare Zutat unter anderen, sondern liegt semantisch auf einer anderen Ebene. Es benennt das, was das Gesamtwort bezeichnet, nämlich ein Gericht. Das entspricht nicht meiner Ansicht nach dem typischen Fall von Exozentrizität, wie ihn Tribulato im theoretischen Abschnitt 9.3 teilweise nahelegt. Dort schlägt sie als semantischen Test für Endozentrizität z.B. die Frage vor, is κουροτρόφος a type of τρoφός’ (or: is ‘nurse of children’ a type of ‘nurse’?) the answer is ‘yes’, i.e. the compound is headed and endocentric. Überträgt man mutatis mutandis diesen Test auf das Aristophanes‑Wort, so wäre möglich zu fragen, ob das Monstrum eine Art von λοπάς ist. Rein auf der Sinnebene würde man das trotz des anderen Aufbaus, behaupte ich, bejahen.

Hinzu kommt, dass die Binnenstruktur des Wortes sehr viele inhomogene Elemente enthält, die sich nicht ohne Weiteres als flache Koordinationsreihe auffassen lassen. Neben klaren Nominalstämmen treten partizipiale Bildungen wie κατακεχυμένο‑ (mit Honig übergossen) oder präpositionale Elemente wie ἐπι‑ usw. auf. Diese Bestandteile sind keine Zutaten, sondern Zubereitungsarten, Qualifikationen oder syntaktische Modifikatoren, die sich strukturell nicht in eine homogene Koordinationsreihe einfügen. Die Reihe ist wohl eher metakoordinativ im Sinne von [(Traube-in-Rum)-(schokolierte-Kaffeebohne)-Nuss].

Dieses ungenießbare Ding verdient folglich mindestens einen eigenen Thread.
Re: Kalospinthechromokrene
Patroklos schrieb am 23.04.2026 um 20:10 Uhr (Zitieren)
Re: Kalospinthechromokrene
Bukolos schrieb am 26.04.2026 um 04:53 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 23.4.26, 19:57Der Begriff compound spricht insgesamt aber gegen die von dir vorgeschlagene Alternative, das Gesamtwort als deverbale Ableitung mit Suffix zu analysieren.

Da musst du mich missverstanden haben. Diese Auffassung habe ich nicht vertreten.

Was den λοπαδοτ. angeht, so impliziert Tribulatos Einordnung der Bildung unter die Komposita m. E., dass sie die Konstituente -πτερύγων (da nicht frei vorkommend) als Konfix auffasst. Dass sie λοπαδοτ. unter eine dem Dvandva nahestehende Subkategorie der Komposita stellt, sollte dabei unerheblich sein.

Zitat von Persephone am 23.4.26, 19:57... zu fragen, ob das Monstrum eine Art von λοπάς ist. Rein auf der Sinnebene würde man das trotz des anderen Aufbaus, behaupte ich, bejahen.

Ich nehme an, Tribulato verneint diese Frage, weil für sie der λοπαδοτ. eben kein Topf ist, sondern ein Gericht. Dass die erste Konstituente nicht auf einer Ebene mit den übrigen Elementen des Kompositums steht, sehe ich genauso wie du: Das λοπαδο-Element wird hier als Determinatum des Kompositums aufgefasst, von reiner Koordination kann man da nicht sprechen.

Übrigens denke ich, dass gar nicht entschieden ist, ob λοπαδο- hier als Determinatum oder Determinans auftritt: Wenn man sich auf deutschsprachigen Rezeptportalen umschaut, findet man die Fischpfanne ebenso wie den Pfannenfisch.
 
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