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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Griechischer Pessimismus bei Heinrich Heine? (57 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 30.04.2026 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Morphine

Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen
Jünglingsgestalten, ob der eine gleich
Viel blässer als der andre, auch viel strenger,
Fast möchte ich sagen viel vornehmer aussieht
Als jener andre, welcher mich vertraulich
In seine Arme schloß – Wie lieblich sanft
War dann sein Lächeln, und sein Blick wie selig!
Dann mocht es wohl geschehn, daß seines Hauptes
Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte
Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte
Aus meiner Seel – Doch solche Linderung,
Sie dauert kurze Zeit; genesen gänzlich
Kann ich nur dann, wenn seine Fackel senkt
Der andre Bruder, der so ernst und bleich. –
Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich
Das beste wäre, nie geboren sein.

(Heinrich Heine: Sämtliche Werke; Band I: Gedichte. München 1961, S. 849)
Re: Griechischer Pessimismus bei Heinrich Heine?
Quoth schrieb am 30.04.2026 um 21:53 Uhr (Zitieren)
Ist sicherlich ein Gedicht aus der "Matratzengruft", als Heine schwerkrank (Rheuma und/oder Syphilis) eines Lebens müde war, das er nur noch unter Morphium, einem Opiat (Mohn) ertragen konnte:
Jetzt bin ich müd` vom Rennen und Laufen / Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder / Ja, das versteht sich, dort seh`n wir uns wieder.
Er war ganz einfach lebensmüde ...
Re: Griechischer Pessimismus bei Heinrich Heine?
Γραικύλος schrieb am 30.04.2026 um 22:01 Uhr (Zitieren)
Er war ganz einfach lebensmüde ...

Was Du schilderst, mag der Hintergrund sein. Nun ist allerdings das "es reicht!" eine ganz andere Aussage als "besser hätte es nie angefangen!" Im letzteren Falle werden auch alle vergangenen Phasen des Lebens negiert.
Re: Griechischer Pessimismus bei Heinrich Heine?
Quoth schrieb am 30.04.2026 um 22:19 Uhr (Zitieren)
Heines "Rückschau" verwirft für mein Gefühl auch die glücklicheren Zeiten:

Ich habe gerochen alle Gerüche / In dieser holden Erdenküche;
Was man genießen kann in der Welt / Das hab ich genossen wie je ein Held!

Hab` Kaffee getrunken, hab` Kuchen gegessen / Hab` manche schöne Puppe besessen;
Trug seid`ne Westen, den feinsten Frack / Mir klingelten auch Dukaten im Sack.

Wie Gellert ritt ich auf hohem Ross / Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloss.
Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks / Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;

Ein Lorbeerkranz umschloss die Stirn / Er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigem Mai / Es ward mir so selig zu Sinne dabei,

So dämmersüchtig, so sterbefaul / Mir flogen gebrat`ne Tauben ins Maul,
Und Englein kamen, und aus den Taschen / Sie zogen hervor Champagnerflaschen

Das waren Visionen, Seifenblasen / Sie platzten - Jetzt lieg` ich auf feuchtem Rasen,
Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt / Und meine Seele ist tief beschämt.

Ach jede Lust, ach jeden Genuss / Hab ich erkauft durch herben Verdruss;
Ich ward getränkt mit Bitternissen / Und grausam von den Wanzen gebissen;

Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen / Ich musste lügen, ich musste borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln / Ich glaube sogar, ich musste betteln.

Jetzt bin ich müd` vom Rennen und Laufen / Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder / Ja, das versteht sich, dort seh`n wir uns wieder.

Das ist von 1851, da hatte er noch fünf Jahre des sich verschlimmernden Leidens vor sich. Von wann ist der Text "Morphin"?
Re: Griechischer Pessimismus bei Heinrich Heine?
Γραικύλος schrieb am 30.04.2026 um 23:38 Uhr (Zitieren)
Die Edition gibt "Nachlese" an - also vielleicht postum veröffentlicht?

Möglicherweise - der Vergleich mit dem Schlaf legt das für mich nahe - kannte Heine auch Nicolas Chamfort:
Sitzen ist besser, als stehen, u. liegen ist besser, als sitzen:
Besser, als liegen, ist schlafen, und besser, als schlafen, ist todt seyn.

Leben ist eine Krankheit, von der der Schlaf alle sechzehn Stunden einmal befreit. Es ist nur ein Palliativ, der Tod ist das Heilmittel.
 
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