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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
J. H. Voß: Epigramme mit Bezug zur Antike #6 (89 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 09.05.2026 um 12:44 Uhr (Zitieren)
126.
Das Hirtenopfer.

Leicht wird Hermes gespeist: er nimmt, ihr Hirten, mit wenig
Süßer Milch und des Baums rinnendem Honig vorlieb.
Aber Herakles nicht! den stattlichsten Widder der Heerde,
Oder das fetteste Lamm wählt sich der Leckre zum Schmaus.
„Aber den Wolf verscheucht er!“ – Was frommet es, wenn das Bewachte
Umkommt, ob es der Wolf, obs der Bewachende raubt?


129.
Priapos am Ufer.

Winzig zu schaun bewohn‘ ich Priapos hier des Gestades
Wüste Scheer‘, ein Gespött flatternder Taucher sogar:
Spitziges Haupts, fußlos, wie am einsam wildernden Ufer
Roh zu schnizen die Hand ärmlicher Fischer vermocht.
Aber sobald mich ein Lenker des Zuggarns, oder ein Angler
Anruft; schnell wie der Wind, eil‘ ich mit Hülfe daher.
Auch was sich regt im Gewässer, erscheinet mir. Wahrlich die That nur
Schaft dem Göttergebild Würdigkeit, nicht die Gestalt. (5)


134.
Die allherschende Roma.

Schleuß die gewaltigen Thore, du Gott, dem erhabnen Olympos!
Hüte die heiligen Höhn, Zeus, der ätherischen Burg!
Schon sind alle Gewässer vom Speer der Roma bewältigt,
Alles Land; nur gesperrt bleibt zu dem Himmel die Bahn! (6)

[Sämtliche Gedichte von Johann Heinrich Voß. Sechster Theil: Oden und Lieder, VII. Buch: Vermischte Gedichte, Fabeln und Epigramme. Königsberg 1802; Nachdruck Bern 1969, S. 255 ff.]

(5) Vgl.: Nicht um Möwen zu scheuchen, ward hier ich, der kleine Priapos,
auf die Mole im Meer als meine Hausung gesetzt,
ich, der fußlose Wicht, der Spitzkopf, den Söhne von armen
Fischern am öden Gestad kunstlos dereinst wohl geschnitzt.
Wenn mich ein Fischer jedoch oder Angler zur Hilfe herbeiruft,
wahrlich, dann schwinge ich mich rascher als Sturmwind ihm zu.
Aber ich seh auch im Meer die schwimmenden Tiere; durch Taten,
nicht durch äußere Form werden die Götter bestimmt.
[Aulus Licinius Archias; Anthologia Graeca X 8]
(6) Vgl.: Schließ die gewaltigen Tore, o Gott, im großen Olympos,
schirm die heilige Burg droben im Äther, o Zeus.
Meer und Erde schon sind gebändigt vom römischen Speere,
unbetreten allein bleibt noch zum Himmel der Weg.
[Alpheios von Mytilene; Anthologia Graeca IX 526]

Re: J. H. Voß: Epigramme mit Bezug zur Antike #6
Bukolos schrieb am 09.05.2026 um 19:51 Uhr (Zitieren)
Auch 126 ist eine Übersetzung aus der AG (9, 72 von Antipatros von Thessalonike). Der Topos des unersättlichen Herakles ist aus der Komödie bekannt, aber auch Kallimachos bedient sich seiner im Artemis-Hymnos (142 ff.):

Dann kommen dir [Artemis] entgegen und nehmen dir schon in den Vorhallen die Waffen ab Hermes Akakesios, Apollon aber das Wildtier, was auch immer du gebracht hast - früher jedenfalls, bevor der starke Alkide [Herakles] kam. Jetzt aber nimmt Phoibos nicht mehr dieses Ehrenamt wahr, so eifrig nämlich steht jetzt immer schon der Tirynthier [Herakles], ein Mann wie ein Amboß, vor den Toren in freudiger Erwartung, ob du heimkehrst und etwas Fettes, Eßbares dabeihast. Die Götter aber lachen alle unaufhörlich über den, am meisten seine Schwiegermutter selbst, wenn er einen Stier aus deinem Wagen, einen sehr großen,
oder einen wilden Eber am Hinterlauf heraushebt, der noch zuckt. Mit verschmitzten Worten, Göttin, redet er dich an, um dir gerade diesen Ratschlag zu erteilen: 'Schieß auf die schlimmen Wildtiere, damit die Sterblichen dich als Helfer genauso wie mich anrufen. Laß die Rehe oder Hasen doch auf den Bergen äsen; was können Rehe und Hasen schon Schlimmes anrichten? Die Schweine verwüsten die Felder, die Schweine die Pflanzungen! Und Rinder sind für Menschen ein großes Übel: Schieß vor allem auf die!' So sprach er, schnell aber machte er sich dann über das große Tier her. Denn nicht einmal, als er und sein Körper unter phrygischer Eiche zum Gott gemacht wurden, ließ er von seiner Gefräßigkeit ab. Noch hatte er ja jenen Bauch, mit dem er einst dem pflügenden Theiodamas begegnete.

(Kallimachos, Werke, Griechisch und deutsch, Hg. u. übers. v. Markus Asper, Darmstadt 2004, S. 411.)
Re: J. H. Voß: Epigramme mit Bezug zur Antike #6
Γραικύλος schrieb am 09.05.2026 um 22:23 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis. In diesem Falle war mir die Originalstelle in der A.G. entgangen.
 
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