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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Glück (256 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 12.05.2026 um 11:38 Uhr (Zitieren)
Das Glück

Fortuna sitzt am Wege und weint.
Ihr Antlitz ist bleich und wie versteint;
Ihr Auge ist starr und trüben Blicks. -
"Unglücklich bist du, Göttin des Glücks?" -
"Das bin ich. Weißt du nicht, Menschenkind?
Ich darf ja nicht sehen; ich bin blind."

(Alb. Roderich, 1910)

(Facsimile Querschnitt durch die Fliegenden Blätter. Hrsg. v. Eva Zahn. Bern o.J., S. 184)
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 07:53 Uhr (Zitieren)
Er sagt das m.W. nicht über sich selbst. In der bildenden Kunst wird er blind dargestellt. Ich möchte mal schauen, woher diese Überlieferung stammt.
Re: Das Glück
Quoth schrieb am 13.05.2026 um 08:31 Uhr (Zitieren)
John Milton und Jorge Luis Borges waren ebenfalls blind. Beschreiben sie Dinge, Farben, Stimmungen, Gefühle anders als sehende Dichter? Der berühmte Schild des Achilleus: Konnte nur ein Blinder ihn so beschreiben?
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 10:43 Uhr (Zitieren)
John Milton und Jorge Luis Borges haben immerhin zweifelsfrei existiert, während wir es bei Homer weniger mit einer realen Person als vielmehr mit einer Überlieferung zu tun haben.

Der blinde Seher ist ja eine Art Topos in der griechischen Kultur. Ich habe dieses Paradoxon immer so verstanden, daß man das Wesentliche nicht mit den Augen sieht, weshalb der Blinde dafür besser geeignet ist.

Vermutlich gehört es in diesen Zusammenhang, daß Ödipus, sobald er das Wesentliche, das Entscheidende (über sich) erkennt, sich zu einem Blinden macht.

***

Borges ist erblindet, was für die Vorstellung von der Welt nicht dasselbe ist, wie von Geburt an blind zu sein.
Re: Das Glück
Patroklos schrieb am 13.05.2026 um 10:56 Uhr (Zitieren)
By 1652, Milton had become totally blind;the cause of his blindness is debated but bilateral retinal detachment or glaucoma are most likely.(Wiki)
Da war er 43 Jahre alt.
Re: Das Glück
Quoth schrieb am 13.05.2026 um 13:41 Uhr (Zitieren)
Vielleicht einfach eine Analogie zum blinden Sänger Demodokos am Hof der Phäaken, der dann als heimliches Selbstbildnis Homers interpretiert werden könnte.
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 14:01 Uhr (Zitieren)
Ich versuche, etwas darüber herauszufinden.
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 15:47 Uhr (Zitieren)
Re: Das Glück
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 00:43 Uhr (Zitieren)
Die Legende vom blinden Aöden Homer war bereits bei Abfassung des unter den Homerischen Hymnen überlieferten Apollon-Hymnos etabliert, von dem man annimmt, dass er im 6. Jh. v. Chr. entstanden ist.

Aber wohlan! Apollon mit Artemis bleibe uns gnädig!
Euch aber allen Heil! gedenkt auch später noch meiner,
Sollte ein Fremder, ein Leiderfahrener, einer der Menschen,
Wie auf Erden sie wohnen, hieher gelangen und fragen:
Mädchen, sagt mir, wer von den Sängern, die hier verkehren,
Ist euch der liebste Mann und wer entzückt euch am tiefsten?
Sagt dann von uns als Antwort ihr alle schön miteinander:
Ist ein blinder Mann, er wohnt im staubigen Chios,
All seinen Liedern gebührt der Hochruhm künftiger Zeiten.

Hymn. Hom. 3, 165 ff., Übers. A. Weiher
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 14.05.2026 um 14:00 Uhr (Zitieren)
Das dürfte dann die älteste literarische Quelle sein, auch wenn sie uns nicht angibt, wodurch Homer blind war bzw. erblindet ist.
(Zwischen einem von Geburt an blinden und einem später erblindeten Menschen gibt es ja einen wichtigen Unterschied.)
Re: Das Glück
??? schrieb am 14.05.2026 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Dass Glück und Gerechtigkeit blind sind oder sein müssen, leuchtet ein.

Ist das nicht ein sinnfreier Satz?
Wenn es ein blindes Glück gibt, müsste es auch ein
sehendes geben?
Wer steckt hinter dem Glück?
Nihil fit sine causa.
Wir kennen nur nicht bzw. noch nicht alle Ursachen,
entdecken aber weiter immer mehr.
Ob wir jemals die Letztursache erkennen werden?
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 14.05.2026 um 14:52 Uhr (Zitieren)
Wenn das Glück blind ist, muß es auch ein sehendes geben.

Wenn der Tag 24 Stunden hat, muß es auch einen mit 48 geben.

?
Re: Das Glück
Patroklos schrieb am 14.05.2026 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Ich halte dafür:
Wenn es einen Wolfram Weimer gibt,
So muss es auch einen Wolfgang Weimer geben.
Und so ist es auch!
Re: Das Glück
??? schrieb am 14.05.2026 um 16:17 Uhr (Zitieren)
Wenn das Glück blind ist, muß es auch ein sehendes geben.

Ich formuliere anders:
Wie sähe ein sehendes Glück aus?
Re: Das Glück
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 23:02 Uhr (Zitieren)
Lassen wir das den bedauernswerten, in einen Esel verwandelten Lucius aus Apuleius' Metamorphosen erklären:

(7, 2, 4) [...] subibatque me non de nihilo veteris priscaeque doctrinae viros finxisse ac pronuntiasse caecam et prorsus exoculatam esse Fortunam, (5) quae semper suas opes ad malos et indignos conferat nec umquam iudicio quemquam mortalium eligat, immo vero cum is potissimum deversetur, quos procul, si videret, fugere deberet, (6) quodque cunctis est extremius, varias opiniones, immo contrarias nobis attribuat, ut et malus boni viri fama glorietur et innocentissimus contra noxio rumore plectatur.

(4) [...] und es kam mir in den Sinn, dass nicht um nichts die gelehrten Männer alter, vergangener Zeiten erdichtet und verkündet hätten, Fortuna sei blind und ganz und gar augenlos, (5) sie, die stets ihre Schätze zu den Schlechten und Unwürdigen bringe und niemals irgendeinen der Sterblichen aufgrund einer Beurteilung auswähle, nein, vielmehr am liebsten bei denen verweile, vor denen sie, wenn sie sehen könnte, weit fort fliehen müsse, (6) und was das Schlimmste von allem ist, sie weise uns verschiedene, sogar gegensätzliche Meinungen über uns zu, so dass der Schlechte sich des Rufs eines guten Mannes rühme und der Unschuldigste aufgrund des Gerüchts, er sei ein Verbrecher, bestraft werde.

(Übersetzung: Holzberg)
Re: Das Glück
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 23:25 Uhr (Zitieren)
Seit Goethes Altar der Agathe Tyche ist das Glück übrigens nicht mehr nur augen-, sondern auch kopf-, arm- und beinlos.* Möglicherweise nahm von hier die einst durch Max Goldt mit seinem unerbittlich strengen Verdikt belegte Sitte, Provinzmarktplätze mit Steinkugeln zu verschönern, ihren Ausgang.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Stein_des_guten_Gl%C3%BCcks
Re: Das Glück
βροχή schrieb am 15.05.2026 um 07:23 Uhr (Zitieren)
. Provinzmarktplätze mit Steinkugeln zu verschönern, ihren Ausgang.


Es ist wesentlich eleganter als die Betonpoller des Unglücks, die seit 2015 die Marktplätze verschwanden.

Re: Das Glück
βροχή schrieb am 15.05.2026 um 07:24 Uhr (Zitieren)
Sry. Autokorrektur schlug zu

verschwanden
verschandeln

 
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