John Milton und Jorge Luis Borges waren ebenfalls blind. Beschreiben sie Dinge, Farben, Stimmungen, Gefühle anders als sehende Dichter? Der berühmte Schild des Achilleus: Konnte nur ein Blinder ihn so beschreiben?
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 10:43 Uhr (Zitieren)
John Milton und Jorge Luis Borges haben immerhin zweifelsfrei existiert, während wir es bei Homer weniger mit einer realen Person als vielmehr mit einer Überlieferung zu tun haben.
Der blinde Seher ist ja eine Art Topos in der griechischen Kultur. Ich habe dieses Paradoxon immer so verstanden, daß man das Wesentliche nicht mit den Augen sieht, weshalb der Blinde dafür besser geeignet ist.
Vermutlich gehört es in diesen Zusammenhang, daß Ödipus, sobald er das Wesentliche, das Entscheidende (über sich) erkennt, sich zu einem Blinden macht.
***
Borges ist erblindet, was für die Vorstellung von der Welt nicht dasselbe ist, wie von Geburt an blind zu sein.
Re: Das Glück
Patroklos schrieb am 13.05.2026 um 10:56 Uhr (Zitieren)
By 1652, Milton had become totally blind;the cause of his blindness is debated but bilateral retinal detachment or glaucoma are most likely.(Wiki)
Da war er 43 Jahre alt.
Vielleicht einfach eine Analogie zum blinden Sänger Demodokos am Hof der Phäaken, der dann als heimliches Selbstbildnis Homers interpretiert werden könnte.
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 14:01 Uhr (Zitieren)
Ich versuche, etwas darüber herauszufinden.
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 13.05.2026 um 15:47 Uhr (Zitieren)
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 00:43 Uhr (Zitieren)
Die Legende vom blinden Aöden Homer war bereits bei Abfassung des unter den Homerischen Hymnen überlieferten Apollon-Hymnos etabliert, von dem man annimmt, dass er im 6. Jh. v. Chr. entstanden ist.
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 14.05.2026 um 14:00 Uhr (Zitieren)
Das dürfte dann die älteste literarische Quelle sein, auch wenn sie uns nicht angibt, wodurch Homer blind war bzw. erblindet ist.
(Zwischen einem von Geburt an blinden und einem später erblindeten Menschen gibt es ja einen wichtigen Unterschied.)
Ist das nicht ein sinnfreier Satz?
Wenn es ein blindes Glück gibt, müsste es auch ein
sehendes geben?
Wer steckt hinter dem Glück?
Nihil fit sine causa.
Wir kennen nur nicht bzw. noch nicht alle Ursachen,
entdecken aber weiter immer mehr.
Ob wir jemals die Letztursache erkennen werden?
Re: Das Glück
Γραικύλος schrieb am 14.05.2026 um 14:52 Uhr (Zitieren)
Wenn das Glück blind ist, muß es auch ein sehendes geben.
Wenn der Tag 24 Stunden hat, muß es auch einen mit 48 geben.
?
Re: Das Glück
Patroklos schrieb am 14.05.2026 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Ich halte dafür:
Wenn es einen Wolfram Weimer gibt,
So muss es auch einen Wolfgang Weimer geben.
Und so ist es auch!
Ich formuliere anders:
Wie sähe ein sehendes Glück aus?
Re: Das Glück
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 23:02 Uhr (Zitieren)
Lassen wir das den bedauernswerten, in einen Esel verwandelten Lucius aus Apuleius' Metamorphosen erklären:
Re: Das Glück
Bukolos schrieb am 14.05.2026 um 23:25 Uhr (Zitieren)
Seit Goethes Altar der Agathe Tyche ist das Glück übrigens nicht mehr nur augen-, sondern auch kopf-, arm- und beinlos.* Möglicherweise nahm von hier die einst durch Max Goldt mit seinem unerbittlich strengen Verdikt belegte Sitte, Provinzmarktplätze mit Steinkugeln zu verschönern, ihren Ausgang.