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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Über Bestechlichkeit (87 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 31.05.2026 um 16:59 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Aussprüche von Spartanern (Moralia 222 B-C):

Kallikratidas, ein Gegner des Lysandros, war spartanischer Admiral, der die spartanische Flotte 406 v.u.Z. in der Schlacht bei den Arginusen befehligte und dabei fiel.
Callicratidas, an admiral, when Lysander’s friends made him a fair offer that he permit them to make away with one of their enemies and receive ten thousand pounds [πεντήκοντα τάλαντα], although he was in sore need of money for rations for his sailors, would not consent. Cleander, who was a member of his council, said, “But I would take it, if I were you.” “And so would I,” said Callicratidas, “if I were you! [ἀλλ’ ἔγωγ’ ἂν ἔλαβον, εἶπεν, εἰ σὺ ἤμην. - καὶ γὰρ αὐτός, εἶπεν, εἰ σὺ ἦν.]”

[Plutarch: Moralia III. Ed. by Frank Cole Babbitt. Cambridge (Mass.)/London 72004, pp. 330 sq.]
Re: Über Bestechlichkeit
Patroklos schrieb am 31.05.2026 um 17:20 Uhr (Zitieren)
In seinem eleganten, erwähnten Englisch hätte Plutarch gleichwohl sagen können:
If I were in your shoes.
Re: Über Bestechlichkeit
βροχή schrieb am 31.05.2026 um 17:41 Uhr (Zitieren)
... es ist über jeden Zweifel erhaben, im Gegensatz zum profanen if I was, gar nicht zu reden vom when I was...
Re: Über Bestechlichkeit
Γραικύλος schrieb am 31.05.2026 um 17:46 Uhr (Zitieren)
Die englische Version macht keinen Unterschied zwischen εἰ σὺ ἤμην und εἰ σὺ ἦν.
Re: Über Bestechlichkeit
Bukolos schrieb am 01.06.2026 um 06:31 Uhr (Zitieren)
Semantisch besteht ja auch kein Unterschied. Mit Blick auf die Pragmatik kann man in der kontrastiv zur vorwiegend spätgriechischen Bildung ἤμην gebrauchten attischen Form ἦν allerdings einen illokutionären Akt der Distinktion sehen: Die Figur des Kallikratidas grenzt sich nicht nur auf moralischer, sondern durch ihren Attizismus auch auf sprachlicher Ebene von der des Kleandros ab.
Re: Über Bestechlichkeit
Γραικύλος schrieb am 01.06.2026 um 10:35 Uhr (Zitieren)
Gedacht habe ich mir, daß eine unterschiedliche Form in zwei derart aufeinander bezogenen Sätzen kein Zufall sei.
Re: Über Bestechlichkeit
info schrieb am 01.06.2026 um 12:10 Uhr (Zitieren)
Zur Genese der Korruption:

Evolutionsgeschichtlich betrachtet ist Bestechlichkeit kein „Fehler“ der Moderne, sondern eine tief verwurzelte Überlebens- und Kooperationsstrategie. Was wir heute in Rechtssystemen als Korruption verurteilen, basiert auf sozialen Mechanismen, die sich über Jahrmillionen für das Leben in Gruppen bewährt haben.

Die evolutionäre Wurzel der Bestechlichkeit lässt sich im Wesentlichen auf drei Kernkonzepte der Evolutionsbiologie und Verhaltensforschung zurückführen.
1. Reziproker Altruismus („Eine Hand wäscht die andere“)

In der Natur ist reiner Altruismus ohne Gegenleistung selten, da er evolutionär von Egoisten ausgenutzt würde. Viele soziale Tierarten (wie Primaten oder Vampirfledermäuse) nutzen daher den reziproken Altruismus: Ich helfe dir heute, damit du mir morgen hilfst.

Der evolutionäre Vorteil: Das Teilen von Ressourcen (Nahrung, Schutz, Fellpflege) sichert das Überleben der Gruppe in Zeiten von Mangel.

Die Kehrseite: Dieser Mechanismus funktioniert über den Austausch von Gefallen. Bestechung ist im Grunde die Schattenseite dieses Prinzips: Ein Tauschgeschäft, bei dem die persönliche Bindung und der gegenseitige Vorteil über die abstrakten Regeln einer größeren Gemeinschaft gestellt werden.

2. Die Bevorzugung der eigenen Gruppe (Nepotismus)

Für den Großteil der Menschheitsgeschichte lived unsere Vorfahren in kleinen, überschaubaren Jäger-und-Sammler-Gruppen, die meist aus genetisch Verwandten bestanden.

Verwandtenselektion (Kin Selection): Es ist evolutionär sinnvoll, Ressourcen mit Menschen zu teilen, die die eigenen Gene tragen, um das Überleben der eigenen Linie zu sichern.

Eigengruppen-Vorteil (In-Group Bias): Kooperation funktionierte hervorragend innerhalb der eigenen Sippe, während Fremden gegenüber Misstrauen herrschte.

Als die Menschheit begann, in Großgesellschaften, Staaten und Institutionen zu leben, wurden anonyme Regeln und Unparteilichkeit notwendig. Unser Gehirn ist jedoch immer noch auf die Bevorzugung von Vertrauten und Verbündeten programmiert. Bestechung nutzt diese alte Software: Durch Geschenke oder Gefallen wird künstlich eine „Freundschaft“ oder Verpflichtung suggeriert, die das evolutionäre Bedürfnis triggert, den Schenkenden zu bevorzugen.
3. Kosten-Nutzen-Maximierung und Ressourcen-Akkumulation

Evolutionsbiologisch gesehen sind Organismen darauf optimiert, mit minimalem Energieaufwand maximale Ressourcen (Nahrung, Status, Paarungspartner) zu sichern.

Wer eine Abkürzung nehmen kann, um an Ressourcen zu gelangen (z. B. durch das Anbieten von Vorteilen an Entscheidungsträger), sichert sich und seinen Nachkommen einen Überlebensvorteil.

Solange das Risiko, erwischt und bestraft zu werden, geringer ist als der potenzielle Gewinn, bleibt die Verhaltensweise als opportunistische Strategie stabil.

Auch im Tierreich zu beobachten

Das Prinzip der Bestechung ist nicht auf den Menschen beschränkt. In der Verhaltensbiologie gibt es zahlreiche Beispiele für strategische Ressourcenübergabe zur Erlangung von Vorteilen:

Schimpansen: Männliche Schimpansen teilen erbeutetes Fleisch gezielt mit bestimmten Weibchen, um ihre Chancen auf Paarung zu erhöhen, oder mit anderen Männchen, um politische Allianzen innerhalb der Hierarchie zu schmieden.

Adeliepinguine: Weibliche Pinguine „prostituieren“ sich gelegentlich für Baumaterial. Sie paaren sich mit Single-Männchen aus der Nachbarschaft, um im Gegenzug Steine für den eigenen Nestbau stehlen zu dürfen.

Fazit

Bestechlichkeit entspringt Mechanismen, die für das Überleben in Kleingruppen extrem erfolgreich waren: Tauschhandel, Bündnispolitik und die Absicherung der eigenen Familie. Das Problem der Moderne ist ein Missverhältnis (Mismatch): Unsere Biologie reagiert immer noch auf persönliche Gefallen und Stammesloyalität, während unsere moderne Welt auf abstrakten, unpersönlichen Institutionen und Gesetzen basiert, die für alle Gleichheit fordern. Bestechung ist der evolutionäre Versuch, das System der persönlichen Vorteilsnahme in einer unpersönlichen Welt zu reaktivieren.
 
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