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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zwingli und die rechtschaffenen Heiden (275 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.06.2026 um 14:25 Uhr (Zitieren)
Gottfried Keller: Züricher Novellen - Ursula

Der Züricher Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) ist im Oktober 1531 im Zweiten Kappelerkrieg gegen die fünf katholischen Kantone gefangen genommen und dann hingerichtet worden. Keller schildert es so, daß er in der Schlacht selbst gefallen sei.
[...]
Die Sonne neigte sich zum Untergange; unter den Gefallenen der Walstatt lagen bis auf wenige die angesehensten Zürcher, die ausgezogen, gegen dreißig Ratsglieder, ebenso viele reformierte Seelsorger, vielfach Vater und Sohn und Brüder nebeneinander, Land- und Stadtleute. Zwingli lag einsam unter einem Baume. Er hatte nicht geschlagen, sondern war nur mannhaft bei den Seinigen im Gliede gestanden, um zu dulden, was ihnen bestimmt war. Er war mehrmals gesunken, als die Flucht begonnen, und hatte sich wieder erhoben, bis ein Schlag auf und durch den Helm ihn an der Mutter Erde festgehalten.

Die sinkende Sonne glänzte ihm noch in das feste und friedliche Antlitz; sie schien ihm zu bezeugen, daß er schließlich nun doch recht getan und sein Amt als ein Held verwaltet habe. Wie die große goldene Welthostie des gereinigten Abendmahles schwebte das Gestirn einen letzten Augenblick über der Erde und lockte das Auge des darniederliegenden Mannes an den Himmel hinüber.

Vom Rigiberge bis zum Pilatus hin und von dort bis in die fernab dämmernden Jurazüge lagerte eine graue Wolkenbank mit purpurnem Rande gleich einem unabsehbaren Göttersitze. Auf derselben aber schwebten aufrechte leichte Wolkengebilde in rosigem Scheine, wie ein Geisterzug, der eine Weile innehält. Das waren wohl die Seligen, die den Helden in ihre Mitte riefen, und zwar, wie er einst an König Franz I. (1) geschrieben, nicht nur die Heiligen des Alten und Neuen Testamentes und der Christenkirche, sondern auch die rechtschaffenen Heiden: Herkules, Theseus, Sokrates, Aristides, Antigonus, Numa, Camillus, die Catonen und die Scipionen. Und auch Pindaros war da mit schimmernder Kithara, dem der Sterbende einst eine begeisterte Vorrede geschrieben. (2)

(Gottfried Keller: Züricher Novellen, Legenden und Erzählungen. München 1978, S. 351 f.)

(1) von Frankreich
(2) Zwingli hatte Griechisch gelernt und nicht nur die Bibel, sondern auch die antiken Klassiker studiert.

Daß hier "die rechtschaffenen Heiden" in den Himmel aufgenommen worden sind, ist sehr freundlich für einen Christen; deren Liste fällt freilich merkwürdig aus.

Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Andreas schrieb am 29.06.2026 um 16:35 Uhr (Zitieren)
"die rechtschaffenen Heiden"

Das waren die Vorläufer von Rahners anonymen
Christen.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 29.06.2026 um 16:42 Uhr (Zitieren)
Das ist ein vereinnahmender Ausdruck. Zwingli läßt sie sein, was sie sind bzw. waren: Heiden.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
info schrieb am 29.06.2026 um 16:51 Uhr (Zitieren)
Römer 2,14-15:
„Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz. Sie zeigen damit, dass des Gesetzes Werk in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen...“
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 29.06.2026 um 17:08 Uhr (Zitieren)
Herkules?
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
info schrieb am 29.06.2026 um 17:21 Uhr (Zitieren)
Gilt sicher nicht für literarische Fiktionen und Verdichtungen, zu der auch der biblische
Abraham, Moses und Jesus gehören, der historisch
als nahezu unbekannt gilt, u.v.a.m.

Gab es einen historischen Herkules?

Nein, Herkules (griechisch: Herakles) war keine reale Einzelperson. Die mythologische Figur entstand jedoch aus realen, historischen Wurzeln:

Bronzezeitliche Herrscher: Die Sagen basieren vermutlich auf den Taten realer mykenischer Kleinkönige und Krieger (ca. 1600–1100 v. Chr.), die durch mündliche Überlieferung ins Übernatürliche gesteigert wurden.

Der Steinzeit-Jäger: Seine Attribute (Keule, Löwenfell statt Schwert und Rüstung) verweisen auf den uralten Menschtypus des steinzeitlichen Jägers, der die Wildnis bezwingt.

Kulturtransfer: Die Figur verschmolz im Zuge des antiken Handels mit dem phönizischen Gott Melkart. Seine weiten Reisen spiegeln reale historische Seerouten der Kolonisation wider.

Fazit: Herkules ist das Kombinationsprodukt aus realen bronzezeitlichen Kriegern, steinzeitlichen Jagdmythen und den realen Entdeckungsreisen antiker Seefahrer.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 29.06.2026 um 17:22 Uhr (Zitieren)
Diesen heute gängigen Unterschied macht der Text überhaupt nicht, sondern mischt alle Arten von Helden zusammen.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Patroklos schrieb am 29.06.2026 um 17:35 Uhr (Zitieren)
Witz eines schottischen Freundes, studying divinity.
Do you know the difference between Calvin and Zwingli?
Well, Calvin had a beard and Zwingli didn’t.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
βροχή schrieb am 30.06.2026 um 07:10 Uhr (Zitieren)

"... ist sehr freundlich für einen Christen... "

Diese Floskel funktioniert immer.
Setze statt "einen Christen"
etwas anderes ein, wie etwa

... einen...
Heiden
Juden
N-wortler
Muslim
Kommunisten
Mann
Migranten
Rentner
Halbstarken
...

Sie ist ein Passepartout der pauschalen Abwertung.



Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
info schrieb am 30.06.2026 um 10:20 Uhr (Zitieren)
Diesen heute gängigen Unterschied macht der Text überhaupt nicht,

Konnte er auch nicht.
Damals kannte man die historisch-kritische
Methode in der heutigen Form nicht.
Ein bisschen Allegorese u.ä.und das wars dann auch schon.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 10:50 Uhr (Zitieren)
Diese Floskel funktioniert immer.

Nein, für einen Christen ist diese Einstellung tatsächlich ungewöhnlich, denn die christliche Soteriologie erfordert für das Heil den Glauben an Jesus Christus - wenn nicht sogar die Zugehörigkeit zur Kirche (nulla salus extra ecclesiam).
Etwa bei Dante befinden sich selbst die größten Helden der Antike in der Vorhölle (Limbus) - ein Ort, dessen Existenz die katholische Kirche erst vor einigen Jahren aufgegeben hat.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 10:53 Uhr (Zitieren)
Damals kannte man die historisch-kritische Methode in der heutigen Form nicht.

"Damals" ist wann? Diese Geschichte stammt von Gottfried Keller.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
βροχή schrieb am 30.06.2026 um 12:20 Uhr (Zitieren)
Nein, für einen Christen ist diese Einstellung tatsächlich ungewöhnlich, denn....


Dann ist es nicht rassistisch, wenn man einem schwarzen sagt, für einen schwarzen bist du ziemlich unmusikalisch, denn die meisten schwarzen sind sehr musikalisch...
?
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
βροχή schrieb am 30.06.2026 um 13:10 Uhr (Zitieren)
... die positive Version:
"für einen schwarzen spricht er gut deutsch"
ist zwar insofern korrekt, dass die weitaus meisten schwarzen kein Deutsch sprechen, wird aber gar nicht gut aufgenommen. Probiere es mal aus.


Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 14:13 Uhr (Zitieren)
Ich verstehe die Parallele nicht.

Die christliche Theologie sagt traditionell über Heiden ...
Hier aber sagt ein Christ über Heiden ...
Das ist sehr freundlich für einen Christen.
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
νύξ schrieb am 01.07.2026 um 05:29 Uhr (Zitieren)
Was wird vom Christentum übrigbleiben?
Ein mehr oder weniger radikaler Humanismus
mit unklarer, phantastischer Jenseits-Perspektive,
ein rein menschliches Gedankenkonstrukt
ohne jede rationale Basis ?
Notwendiges Wunschdenken zur Motivation derer,
sie so etwas brauchen um den Glauben an den Sieg des Guten nicht zu verlieren?
Re: Zwingli und die rechtschaffenen Heiden
info schrieb am 01.07.2026 um 07:07 Uhr (Zitieren)
Was wird vom Christentum übrigbleiben?


vgl.
Rupert Lay, Nachkirchliches Christentum.
Der lebende Jesus und die sterbende Kirche,1995

https://rupert-lay.de/download/Lay_Nachkirchliches_Christentum.pdf

Franz von Kutschera:
Was vom Christentum bleibt, Paderborn 2008,
 
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