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Der Transgender-Nero (227 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 15:40 Uhr (
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Gottfried Keller: Das Sinngedicht
[...] Dieser Art Verirrung mahnt mich immer an die mittelalterliche Sage vom Kaiser Nero. Die wirklich verübten Tollheiten desselben fand sie nicht abscheulich und verrückt genug, und um das denkbar Schmählichste hinzuzufügen, ersann sie die Geschichte von seinem Gelüste nach der Geschlechtsänderung. Er habe wollen guter Hoffnung werden und ein Kind gebären und zweiundsiebenzig Ärzten bei Todesstrafe befohlen, ihm dazu zu verhelfen.
Die hätten keinen anderen Ausweg gewußt als dem Scheusal einen Zaubertrank zu brauen. Weil aber der Teufel nichts Wirkliches, sondern nur Blendwerke schaffen könne, so sei Nero allerdings schwanger geworden, zu seiner großen Zufriedenheit, und habe aber dann eine dicke Kröte aus dem Munde zutage gefördert. Auch für das Tierlein sei er dankbar gewesen und habe sich voll Eitelkeit Domina und Mutter nennen lassen.
Dann habe er ein großes Freudenlager errichtet, um das Geburtsfest zu begehen. Die Amme des Kindleins, in grünen, mit goldenen Vögeln gestickten Atlas gekleidet, sei mit dem Kind auf dem Schoße auf einen silbernen Wagen gesetzt worden, welchem hundert fremde Könige hätten folgen müssen nebst unendlichen Würdenträgern, Priestern und Kriegern. Und so sei der Zug unter dem Schalle der Posaunen, Flöten und Pauken hinausgegangen nach dem Lager.
Als jedoch der Wagen über eine Brücke gefahren sei, unter der sich eine trübe Lache befunden, habe die Kröte das schöne Sumpfwasser gewittert und sei von dem Schoße der Amme hinuntergesprungen und nicht mehr gesehen worden.
Auf diese Art dachte die Sage den Nero am allerärgsten zu brandmarken, und sie knüpfte an das Märchen unmittelbar den Untergang des Tyrannen.
(Gottfried Keller: Züricher Novellen, Legenden und Erzählungen. München 1978, S. 507 f.)
Mich interessiert die Quelle, die mittelalterliche Legende. Zunächst habe ich an die "Gesta Romanorum" gedacht, die Geschichte dort jedoch nicht gefunden. Auch nicht in der "Legenda aurea" und der "Historia Lausiaca" (zu deren Themen es freilich nicht paßt, weil ein Heiliger vorkommt).
Weiß jemand etwas darüber?
Re: Der Transgender-Nero
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 15:41 Uhr (
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weil ein Heiliger --> weil kein Heiliger
Re: Der Transgender-Nero
Bukolos schrieb am 30.06.2026 um 17:48 Uhr (
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Re: Der Transgender-Nero
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 18:04 Uhr (
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Sieh an, das hatte ich vergessen. Danke!
Re: Der Transgender-Nero
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 18:28 Uhr (
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Keller erzählt die Geschichte im Zusammenhang mit einer sich männlich gebenden und kleidenden Frau.
Die Kaiserchronik selbst besitze ich nicht, aber jetzt haben wir diese Legende zumindest in einer längeren Version.
Re: Der Transgender-Nero
Bukolos schrieb am 01.07.2026 um 05:20 Uhr (
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In den Details ist Kellers Erzählung abhängig von Jans Enikels
Weltchronik , Verse 23053-23330. Die Edition von Philipp Strauch in den MGH (Hannover 1891) findet man hier:
https://www.dmgh.de/mgh_dt_chron_3/index.htm#page/449/mode/1up
Jans Enikel stützt sich auf die
Kaiserchronik , Verse 4113-4154, die er stark ausschmückt. Edition von Edward Schröder, Hannover 1892 (MGH):
https://www.dmgh.de/mgh_dt_chron_1_1/index.htm#page/156/mode/1up
Die Fassung von Jacobus de Voragine wiederum liest sich in der Übersetzung von Richard Benz folgendermaßen:
Da sprach Nero 'So machet, daß ich schwanger werde und einen Knaben gebäre, damit ich wisse, wie groß der Schmerz meiner Mutter mag gewesen sein.' Dieser Wunsch, zu gebären, kam ihm aber auch darum, daß er kürzlich zuvor, da er durch die Stadt ging, ein Weib in der Geburt hatte schreien hören. Die Ärzte sprachen 'Es ist nicht zu tun, was wider die Natur ist, und man mag nicht denken, was wider die Vernunft ist.' Da sprach Nero zu ihnen 'Machet ihr nicht, daß ich eines Knaben schwanger werde und gebäre, so müßt ihr alle eines grausamen Todes sterben.' Da machten sie einen Trank und gaben ihm darin heimlich einen Frosch zu trinken, und machten ihn mit ihrer Kunst in seinem Leibe wachsen, und alsbald begann sein Bauch zu schwellen, denn er mochte nicht ertragen, was wider die Natur war; und Nero glaubte, daß er eines Kindes schwanger wäre. Die Ärzte aber gaben ihm Dinge zu essen, die einen Frosch nähren, und sprachen, das müßte er wegen der Schwangerschaft halten. Zuletzt ward ihm so weh, daß er zu den Ärzten sprach 'Helft mir, daß ich bald gebäre, denn vor großer Pein der Geburt mag ich nimmer atmen.' Da gaben sie ihm einen Trank ein zum Erbrechen, und er gab einen Frosch von sich, schrecklich anzusehen, voll Unreinigkeit und mit Blut beschmiert. Als Nero seine Geburt ansah, grauste ihm, und er verwunderte sich, daß sie so greulich war. Die Ärzte aber sprachen, das Geborene sei so ungestalt, weil er der Zeit der Geburt nicht habe gewartet. Und Nero sprach 'War ich auch also, da ich aus meiner Mutter Leibe kam?' Sie antworteten 'Ja, sicherlich.' Also gebot er, daß seine Frucht aufgezogen würde, und ließ sie in ein bedecktes steinernes Gemach schließen.
(Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine , Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 10. Aufl., Heidelberg 1984, S. 435 f.)
Jacobus' Etymologie des Lateran, die von der in der
Kaiserchronik gebotenen abweicht, bleibt von Benz unübersetzt:
Unde et pars illa civitatis, ut aliqui dicunt, ubi latuerat rana, Lateranensis nomen accepit. Re: Der Transgender-Nero
Zitat von Γραικύλος am 30.6.26, 18:28 Keller erzählt die Geschichte im Zusammenhang mit einer sich männlich gebenden und kleidenden Frau.
... was er als "Verirrung" bezeichnet, um dann die entgegengesetzte Verirrung mit Hilfe der alten Nerosage als scheußlich und ekelerregend darzustellen ... Die normative Heterosexualität, bis heute nur teilweise abgeschwächt.
Re: Der Transgender-Nero
Γραικύλος schrieb am 01.07.2026 um 12:27 Uhr (
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Auch wenn man grundsätzlich vorsichtig sein muß, einen Autor mit den Ansichten seines Roman-Protagonisten zu identifizieren, habe ich den Verdacht, daß es in diesem Falle tatsächlich so steht.
***
Und die Nero-Legende steht tatsächlich auch in der "Legenda aurea" - nur dort nicht, wo ich sie gesucht habe: in den "Gesta Romanorum".
Re: Der Transgender-Nero
Bukolos schrieb am 12.07.2026 um 06:45 Uhr (
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Die mittelalterlichen Legenden vom schwangeren Nero sind vermutlich ein fernes Echo der Schauspielleidenschaft des Kaisers und der Wahl seiner Rollen.
[63, 9, 4] καὶ τί ἄν τις ταῦτα αὐτοῦ μόνα ὀδύραιτο, ὁπότε καὶ ἐπὶ τοὺς ἐμβάτας ἀναβαίνων κατέπιπτεν ἀπὸ τοῦ κράτους, καὶ τὸ προσωπεῖον ὑποδύνων ἀπέβαλλε τὸ τῆς ἡγεμονίας ἀξίωμα, ἐδεῖτο ὡς δραπέτης, ἐποδηγεῖτο ὡς τυφλός, ἐκύει ἔτικτεν ἐμαίνετο ἠλᾶτο, τόν τε Οἰδίποδα καὶ τὸν Θυέστην τόν τε Ἡρακλέα καὶ τὸν Ἀλκμέωνα τόν τε Ὀρέστην ὡς πλήθει ὑποκρινόμενος. [...] [10, 2] οὐδὲ ἐτόλμησεν οὐδεὶς αὐτῶν οὔτε ἐλεῆσαι τὸν κακοδαίμονα οὔτε μισῆσαι, ἀλλ' εἷς μέν τις στρατιώτης ἰδὼν αὐτὸν δεδεμένον ἠγανάκτησε καὶ προσδραμὼν ἔλυσεν, ἕτερος δὲ ἐρομένου τινὸς "τί ποιεῖ ὁ αὐτοκράτωρ" ἀπεκρίνατο ὅτι "τίκτει·" καὶ γὰρ τὴν Κανάκην ὑπεκρίνετο.
Wie kläglich musste nicht seine Erscheinung sein, wenn er auf dem hohen Kothurn einherging und um so tiefer in seiner Würde als Kaiser sank! Wenn er die Maske anzog und sich dafür seines Herrscheransehens entkleidete! Wenn er als entlaufener Sklave gefesselt, als Blinder umhergeführt wurde, sich als schwangere, gebärende Frau gebärdete, den Wahnsinnigen, den Landstreicher machte, den Ödipus, den Thyestes, den Herkules, den Alkmäon und den Orestes vorstellte, was lauter Lieblingsrollen von ihm waren. [...] Niemand wagte es, den Elenden zu bemitleiden, oder zu hassen. Nur ein Soldat ward einmal unwillig, als er ihn gebunden sah, eilte hin und band ihn los. Ein anderer gab, als einer fragte, was der Kaiser tue, zur Antwort: "Er kreißt!" Denn er stellte gerade die Kanake vor.
(Cassius Dio 63, Übersetzung Leonhard Tafel. Vgl. Sueton, Nero 21.) Re: Der Transgender-Nero
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 11:21 Uhr (
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Auch daß er seinen Geliebten Sporus zur Frau umgestalten lassen wollte, mag eine Rolle spielen.
Nero hat sich irgendwie nicht mit den "natürlichen" Rollenverhältnissen zufrieden gegeben.
Witzig der Spott über Neros Heirat mit Sporus:
extatque cuiusdam non inscitus iocus bene agi potuisse cum rebus humanis, si Domitius pater talem habuisset uxorem.
Es gibt da noch jene geistreiche und witzige Bemerkung von jemandem, daß es um die Menschheit doch ganz gut hätte stehen können, wenn der Vater Domitius auch eine solche Frau gehabt hätte.
(Sueton, Nero 28, 1)