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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7 (198 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.07.2026 um 13:02 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Moralia 232 D – 236 E:
54.
After the defeat of Agis (7), Antipater demanded fifty boys as hostages, but Eteocles, who was Ephor, said they would not give boys, lest the boys should turn out to be uneducated through missing the traditional discipline; and they would not be fitted for citizenship either. But the Spartans would give, if he so desired, either old men or women to double the number. And when Antipater made dire threats if he should not get the boys, the Spartans made answer with one consent, “If the orders you lay upon us are harsher than death, we shall find it easier to die [ἐὰν χαλεπώτερα θανάτου ἐπιτάττῃς, εὐκολώτερον ἀποθανούμεθα].”

55.
While the games were being held at Olympia, an old man was desirous of seeing them, but could find no seat. As he went to place after place, he met with insults and jeers, and nobody made room for him. But when he came opposite the Spartans, all the boys and many of the men arose and yielded their places. Whereupon the assembled multitude of Greeks expressed their approbation of the custom by applause, and commended the action beyond measure; but the old man, shaking

His head grey-haired and grey-bearded
[πολιόν τε κάρη πολιόν τε γένειον] (8)

and with tears in his eyes, said, “Alas for the evil days! Because all the Greeks know what is right and fair, but the Spartans alone practise it [οἴμοι τῶν κακῶν, φησιν, ὡς ἅπαντες μὲν οἱ Ἕλληνες ἐπίστανται τὰ καλά, χρῶνται δ’ αὐτοῖς μόνοι Λακεδαιμόνιοι].”
Some say that the same thing happened at Athens also. It was at the time of the Panathenaic festival, and the people of Attica were teasing an old man in an unseemly manner, calling him to them as if they were intending to make room for him, and not making room if he came to them. When he had passed through almost the spectators and came opposite the delegates of the Spartans, they all arose from where they were sitting and gave him place. The crowd, delighted, applauded the action with great approval, and one of the Spartans said, “Egad, the Athenians know what is right and fair, but do not do it.”

[Plutarch: Moralia III. Ed. by Frank Cole Babbitt. Cambridge (Mass.)/London 72004, pp. 394-421]

(7) Agis III. (338-331/330 v.u.Z.) konnte eine antimakedonische Allianz organisieren, unterlag aber wohl im Frühjahr 330 dem makedonischen General Antipater bei Megalopolis, wurde verwundet und starb auf dem Rückzug.
(8) Homer, Ilias XXII 74 und XXIV 516

55 ist nun die Anekdote, von der ich meinte, daß sich die Griechen/Athener schäbig, die Spartaner hingegen anständig verhalten.
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
Γραικύλος schrieb am 01.07.2026 um 13:39 Uhr (Zitieren)
right and fair: τὰ καλά.
Welch ein schlichtes und schönes Wort!
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.07.2026 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Ja, das hat nix mit lose-aufmüpfig / sittenstreng zu tun, das ist auch mehr als flegelhaft, das muß man wirklich schon schäbig nennen. Und es ist ja nicht eine Handvoll halbwüchsiger Rüpel, sondern fast die ganze Zuschauerschaft, die mit einem Greis respektlos umgeht und mutwillig ihr böses Spiel treibt.
Ich finde auch den einleitenden Ausruf so treffend οἴμοι τῶν κακῶν!
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
Γραικύλος schrieb am 01.07.2026 um 16:07 Uhr (Zitieren)
Gefragt habe ich mich, ob das heute noch (wieder) passieren könnte ... und wer dann für den alten Mann aufstünde. Vielleicht Türken?

οἴμοι τῶν κακῶν, das merke ich mir. Für alle Fälle.
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
βροχή schrieb am 02.07.2026 um 06:05 Uhr (Zitieren)
Mit Sicherheit kein Türke.
Eine alte, noch nicht uralte Frau oder ein ganz junger Araber mit größerer Wahrscheinlichkeit. Der uralte Mann braucht aber mind. 1 Krücke, sonst wird das nix.

Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
Bukolos schrieb am 02.07.2026 um 11:28 Uhr (Zitieren)
Der Anekdotenerzähler will zuviel: Der Sinneswandel der versammelten Athener von boshafter Verhöhnung des Alten zu begeisterter Zustimmung für jene, die sich seiner erbarmen, wirkt nicht sonderlich plausibel.

In der älteren Fassung der Anekdote, in Ciceros Cato maior, findet sich von derartiger Spottlust im Publikum noch keine Spur. Der Applaus wirkt hier auch schon dadurch motiviert, dass es spartanische Würdenträger sind, die, nachdem der Greis sich durch die Reihen abwärts bis zur Prohedria vorgearbeitet hat (einem Bereich des Theatron, dem nahezu die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wurde, wie der Bühne selbst), ihm einen Platz in ihrem privilegierten Bereich einräumen und dadurch eine Art Oedipus Coloneus mit happy ending zur Aufführung bringen.

quin etiam memoriae proditum est, cum Athenis ludis quidam in theatrum grandis natu venisset, magno consessu locum nusquam ei datum a suis civibus; cum autem ad Lacedaemonios accessisset, qui, legati cum essent, certo in loco consederant, consurrexisse omnes illi dicuntur et senem sessum recepisse. quibus cum a cuncto consessu plausus esset multiplex datus, dixisse ex iis quendam Athenienses scire quae recta essent, sed facere nolle.

Es gibt da sogar eine historisch verbürgte Begebenheit: Ein hochbetagter Mann kam in Athen zur Festspielzeit ins Theater; man saß schon gedrängt, und nirgends fand sich ein Mitbürger, der dem Alten seinen Platz angeboten hätte. Als er aber bei den Lakedaimoniern vorbeikam, die als Gesandte auf reservierten Plätzen saßen, standen alle miteinander, wie es heißt, vor ihm auf, und der Alte bekam einen Sitzplatz. Es wurde ihnen vom ganzen Theaterpublikum vielfach Beifall bekundet; einer von ihnen soll dabei geäußert haben, die Athener wüßten zwar, was sich gehöre, tun aber wollten sie es nicht.

(Cicero, Cato maior de senectute 63 f., Übersetzung Max Faltner.)
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 02.07.2026 um 13:27 Uhr (Zitieren)
Ja, der Einwand ist berechtigt, die plötzlich einhellige Zustimmung derer, die den Alten vorher verhöhnt hatten, ist mir auch als etwas seltsam aufgestoßen.
Aber die Ausschmückung mit der Zutat der Verhöhnung soll wohl den Gegensatz zwischen '(eigentlich) wissen' und sich dennoch 'schäbig verhalten' - der Satz, das Fazit des Alten ist ja bei beiden Autoren / Überlieferungen so gut wie identisch - noch weiter pointieren.
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
Γραικύλος schrieb am 02.07.2026 um 13:48 Uhr (Zitieren)
Zwischen der Verhöhnung und dem Applaus könnte ein wichtiger Moment liegen: die Scham.
Re: Spartaner-Sprüche ohne namentliche Zuordnung #7
Γραικύλος schrieb am 02.07.2026 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Ich danke für den Hinweis auf die Cicero-Stelle.
 
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