Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3 (448 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 00:06 Uhr (Zitieren)
Augustinus, De civitate Dei I 19:
(Augustinus: Vom Gottesstaat. Hrsg. v. Wilhelm Timme und Carl Andresen. 2. Bde. Zürich/München ²1978; Bd. 1, S. 34-37)
(2) Vergil, Aeneis VI 434-439
(3) Augustinus vertritt den Standpunkt (I 20), daß auch die Selbsttötung (der Selbstmord) ein Mord sei.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 00:17 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 10:21 Uhr (Zitieren)
Aus 1 Person macht er 2, auch das ist wider die Logik.
Das sind Vermutungen bzw. Interpretationen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 10:26 Uhr (Zitieren)
... ob das heute so gängige Fremdschämen darauf zurück geht?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 10:59 Uhr (Zitieren)
Es ist ja nicht so, daß Augustinus behauptet, von der Schuld zu wissen; aber daß man vor dieser Alternative steht, hat doch etwas für sich.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 11:06 Uhr (Zitieren)
Weil sie schwerst traumatisiert war.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 11:25 Uhr (Zitieren)
Was genau soll das für sich haben?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 11:27 Uhr (Zitieren)
Das entspricht zumindest nicht dem, was sie laut Liuvius sagt.
Es paßt auch nicht dazu, daß sie in der Erinnerung geblieben ist (oder in der Fiktion konstruiert wird) nicht als bemitleidenswertes Opfer, sondern als starke, vorbildliche Frau.
Augustinus meint freilich, daß daran etwas nicht stimmen könne. Er sieht das aus christlicher Perspektive.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 11:31 Uhr (Zitieren)
Es klingt für mich plausibel, daß man in der Beurteilung der Lucretia-Geschichte vor dieser Alternative steht.
Etwa so wie:
Si Deus est - unde malum? Si Deus non est - unde bonum?
Hier:
Wenn sie Ehebrecherin war (versteht man den Suizid), warum rühmt man sie dann? Wenn sie keine Ehebrecherin war, warum bringt sie sich um?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 11:42 Uhr (Zitieren)
Das ist eine Scheinalternative, die das Trauma einer Vergewaltigung außer acht lässt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 12:04 Uhr (Zitieren)
Das schließt sich nicht aus. Ein Trauma ist eine Verletzung, keine Schwäche.
Diese Verletzung wurde gesetzt, sie ist da, sie zeigt Wirkung, auch wenn die traumatisierte es nicht nach außen thematisiert.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 12:12 Uhr (Zitieren)
... das Urvertrauen wurde zerstört.
Sie rechnet damit, dass es jederzeit wieder passiert.
Sie hat Flashbacks, Alpträume ... usw.
Sie äußeret das nicht, weil sie nicht bemitleidet werden will.
Es gibt mind. noch eine 3. Möglichkeit,
welche die Augustinusalternative als Scheinalternative enthüllt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 12:20 Uhr (Zitieren)
Es wäre nicht normal, wenn sie nicht traumatisiert gewesen wäre.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 13:20 Uhr (Zitieren)
Bsp.
Eine Psychologin, eine starke Frau, hat das Trauma nicht überlebt.
Daran sieht man doch überdeutlich, dass ein Vergewaltigungstrauma eine gravierende Sache ist, die man als Ursache für einen Suizid nicht vernachlässigen soll.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Patroklos schrieb am 16.07.2026 um 14:08 Uhr (Zitieren)
Ich erinnere mich. Grauenhaft. Und erst viele Jahre später wurde ihr Trauma unerträglich. Die Anfangssituation hätte freilich verhindert werden können. Der Häftling, mit dem sie in einem Raum war, belegt für mich die Existenz des Bösen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 14:59 Uhr (Zitieren)
Man muß sich wohl entscheiden:
Spricht man über eine reale Frau und eine real erlittene Vergewaltigung (1)? Oder spricht man über eine literarische und ideologische Konstruktion, d.h. die Sache, so wie sie uns berichtet wird (2)?
Das Problem: Von (1) wissen wir nichts, nicht einmal, ob es diese Lucretia überhaupt gegeben hat.
Gehen wir von (2) aus, so haben wir m.E. bei Livius zwei Schlüsselsätze für den Suizid:
Was ist damit gemeint? Inwiefern soll der Suizid ihre Unschuld beweisen? Und inwiefern ist er Strafe (Selbstbestrafung) und Vorbild zugleich?
Ich verstehe die Probleme, die Augustinus damit hat, und ich kann sie ehrlichgesagt nicht lösen.
Erklärt die Annahme eines Traumas [ein eher moderner Begriff] diese beiden Aussagen?
Wohlgemerkt: Es ist nicht eine echte Lucretia, die sie spricht. Also: Was meint Livius damit?
Für eine moderne Frau muß es mißlich sein, daß wir aus der Antike überhaupt keine Schilderungen vergewaltigter Frauen von diesen Frauen selbst kennen. Aber man sollte auch nicht so tun, als ob wir sie hätten oder mittels heutiger Psychologie rekonstruieren könnten.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 15:35 Uhr (Zitieren)
Die Annahme eines Traumas ist aktueller Wissensstand bzgl. Vergewaltigung.
Die Aussagen ohne Berücksichtigung dieses Wissens zu beurteilen, wäre dem Thema nicht angemessen.
Insofern lautet das Urteil, die historischen Aussagen gehen wohl, da sie das Trauma ignorieren, auf damals übliche Fehlannahmen zurück.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 15:38 Uhr (Zitieren)
Das Trauma ist keine Auslegungssache der Psychologie, es ist ein harter Fakt.
Es trifft jeden vergewaltigten Menschen, wahrscheinlich auch Tiere, welche misshandelt werden.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Wie kann man das denn sagen, wenn man keine Zeugnisse von Betroffenen hat?
Vom Begriff her besteht Gewalt im Brechen des Willens eines anderen.
Doch wie wird das erlebt? Z.B. wenn der Vergewaltiger ein Gott ist? Der eigene Vater? Ein Feind? Wenn man masochistische Neigungen hat? Wenn man in einer spezifischen Kultur lebt, die eine Deutung nahelegt?
Ich habe es so gelernt, daß es keine Fakten ohne Deutung gibt. "Aussagen werden durch Aussagen verifiziert oder falsifiziert, nicht durch Tatsachen."
Wir kennen gar keine Tatsachen unabhängig von Aussagen/Deutungen.
Die griechische Literatur ist reich an Schilderungen von Vergewaltigungen. Aber es sind immer Männer, die davon berichten. Das möchte ich nicht außer acht lassen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Patroklos schrieb am 16.07.2026 um 15:56 Uhr (Zitieren)
Es ist nicht förderlich, dass „Trauma“ derart breitgestreut verwendet wird.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:08 Uhr (Zitieren)
[/b]
Stand der Wissenschaft. Dieses sind Tatsachen, ob man deren Benennung förderlich findet oder nicht.
Trauma ist zugehöriger Terminus Technikus.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:15 Uhr (Zitieren)
Diese Gewalterfahrung überfordert den Menschen generell. Die Frau als solche ist nicht so beschaffen, dass sie dies unbeschadet übersteht. Das Trauma zu heilen ist möglich, es gelingt nicht immer.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Patroklos schrieb am 16.07.2026 um 16:16 Uhr (Zitieren)
Ich möchte bitte ernst genommen werden. Es geht mir um die Inflationalisierung!
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:18 Uhr (Zitieren)
Wie kann man das inflationieren?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:31 Uhr (Zitieren)
Vergewaltigung greift in die biologische Tiefe der Psyche ein. Das ist unabhängig von der Kultur.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Diese Feststellung des Frauennotrufes beruht aber auf gegenwärtigen Erfahrungen und Berichten von Opfern, nicht wahr?
Ich weiß nicht, wie man das für die Antike, wo uns schlicht die Zeugnisse fehlen, verifizieren sollte.
Damit möchte ich nicht Vergewaltigungen verharmlosen oder gar entschuldigen.
Wenn ich lese - wiederum bei Männern -, wie Kassandra auf den Vergewaltigungsversuch durch Apollon reagiert hat, dann erscheint mir das ... sagen wir: kompliziert und ambivalent.
Da es aber Männer sind, die uns das berichten, besagt auch das nicht viel.
Und dann noch über eine mythische Figur!
(Auch bei Tieren habe ich übrigens schon von ziemlich verschiedenen und komplexen Reaktionen auf Vergewaltigungen gelesen. Zwar von Biologinnen, aber nicht von Tieren.)
Was man immerhin sagen kann: Vergewaltigungen gehörten spätestens seit dem Neolithikum zur häufigen Erfahrung von Frauen, speziell im Zusammenhang mit Kriegen.
Ein Unrechtsbewußtsein seitens der Männer ist nur dann festzustellen, wenn die eigene Frau das Opfer wurde.
Häufiger werden selbst Götter als Täter dargestellt.
So ist mein Kenntnisstand aus den Quellen.
Der Wunsch, daß Frauen ihre Stimme erheben mögen, ist gut, für die Antike jedoch fruchtlos.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Wenn der Mensch zu wenig Nahrung bekommt, leidet er Hunger. Das gilt immer.
Wenn der Mensch vergewaltigt wird, bekommt er ein Trauma verpasst. Auch das gilt immer. Die Möglichkeiten einer Heilung des Traumas sind individuell unterschiedlich.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 16:47 Uhr (Zitieren)
"Die biologische Tiefe der Psyche" klingt etwas nebulös. "Das ist unabhängig von der Kultur" ist wiederum eine Behauptung, die für die Antike schwerlich zu überprüfen ist.
Per definitionem bricht eine Vergewaltigung den Willen eines Menschen bzw. Lebewesens und kann insofern - rein logisch - nicht als angenehm/dem Willen gemäß empfunden werden.
Alles Weitere, also wie das Opfer damit umgeht und das Erlebnis deutet, scheint mir nicht kulturunabhängig zu sein. Jedenfalls möchte ich das ohne Belege nicht annehmen. Schon gar nicht für eine Kultur, in der man angenommen hat, daß selbst Götter Menschenfrauen vergewaltigen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 16:55 Uhr (Zitieren)
Hunger ist ein gutes Beispiel, weil wir dafür nicht auf Zeugnisse von Frauen beschränkt sind (die es gar nicht gibt). Hunger kann extrem unterschiedlich erlebt werden - bis hin zur Askese, als Dienst an Gott (Fasten) und zum freiwilligen Hungertod.
Die These, daß es anthropologische Konstanten gebe, ist extrem umstritten.
Die Verteidiger meinen, daß es so etwas wie ein Basisgefühl gebe, auf das sich dann individuelle und kulturtypische Empfindugen draufsetzen. Die Gegner meinen, daß letztere auch auf die angebliche Basis abfärben, ihr einen eigenen und differenzierten Charakter geben.
Empfindet ein hungernder Asket das gleiche wie ein hungernder Sklave?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 16:58 Uhr (Zitieren)
Mein Vorschlag: nicht über Empfindungen spekulieren, sondern die Freiwilligkeit oder Widerwilligkeit zum moralischen Kriterium zu machen.
Was dann allerdings auch wieder nur für eine Kultur gilt, die auf Menschenrechten fußt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 16:59 Uhr (Zitieren)
Dass Menschen, die zu wenig Nahrung bekommen hungern, das stellst du nicht infrage. Warum nicht?
Haben wir dafür fläcchendeckend ausreichende Überlieferungen?
Das ist eine Verharmlosung, die nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht.
Vergewaltigung greift die körperliche Integrität an, das ist der entscheidende Punkt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 17:53 Uhr (Zitieren)
"Vergewaltigung bricht den Willen eines Lebewesens": ein analytischer Satz, tautologisch wahr, d.h das Prädikat erläutert lediglich das Subjekt.
"Vergewaltigung greift die körperliche Integrität an": ein synthetischer Satz, empirisch wahr (oder auch nicht). Psychische Vergewaltigung?
Wir können es doch gut sein lassen, oder?
Zu der Frage, ob man etwas Fundiertes sagen kann über das Erleben von Menschen, von denen wir keine Berichte haben, mag man verschiedener Ansicht sein.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 17:57 Uhr (Zitieren)
Warum sollen diese biologischen Abläufe, die Funktion von Körper und Gehirn betreffend, in der Antike anders gewesen sein?
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 18:05 Uhr (Zitieren)
Der Mensch ist nicht nur ein Natur-, sondern auch ein Kulturwesen.
Aber auch dazu lasse ich Dir Deine Meinung.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 18:14 Uhr (Zitieren)
Die Biologie ist die tiefere Ebene. Die Kultur kann die Biologie nicht ausserkraft setzen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 18:21 Uhr (Zitieren)
Dann habe ich wohl bei manchen Religionen (z.B. der Bergpredigt, speziell der Feindesliebe) und vor allem bei der Askese etwas falsch verstanden. Und auch beim Opfern der eigenen Kinder im Baalskult. Das habe ich für fundamental un- bzw. antibiologisch gehalten.
Jetzt ist es gut.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Patroklos schrieb am 16.07.2026 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Die Biologie ist die tiefere Ebene.
JA.
Es erstaunt mich immer wieder, dass in rebus sexualibus (vulgo Liebe) die Kraft der Hormone übersehen wird. Dies bitte nur unter uns.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Für die Biologie ist schon Homosexualität ein Rätsel. Welche evolutionäre Funktion (Selektionsvorteil) sollte sie haben?
Nein, Menschen und Kulturen können sich negativ zur Biologie verhalten. Es mag sein, daß ihnen dann keine großen Erfolgsaussichten beschieden sind ... aber selbst da bin ich mir nicht sicher.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 16.07.2026 um 18:58 Uhr (Zitieren)
Darum ging es doch gar nicht. Die biologischen Abläufe im Körper, wozu auch das Gehirn mit seinen psychischen Reaktionen gehört, können nicht willkürlich geändert werden.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 19:50 Uhr (Zitieren)
Dann muß ich wohl auch meine Kenntnisse über Epigenetik begraben.
Ein bitterer Abend für mich.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Patroklos schrieb am 16.07.2026 um 20:21 Uhr (Zitieren)
Zu bitter noch dies:
And Peter went out, and wept bitterly. (Der mit dem Hahn)
Die englische Verballhornung lautet:
Wept buttermilk.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 22:39 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Die klitorale Lust der Frau kann vom Vergewaltiger absolut ebenso stimuliert werden wie vom liebenden Ehemann. Daher der immer wieder auftauchende Verdacht, Vergewaltigung mache einer Frau letztlich "Spaß". Das Trauma ergibt sich aus dem brutalen Gegensatz zwischen wütender Ablehnung des Vergewaltigers und der von ihm trotzdem erzeugten physischen Lust. Dazu Augustin:
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 16.07.2026 um 23:25 Uhr (Zitieren)
Das ist ja beim Mann und seiner Erektion nicht anders. Nur wird der nicht so häufig vergewaltigt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 17.07.2026 um 05:46 Uhr (Zitieren)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή and schrieb am 17.07.2026 um 06:38 Uhr (Zitieren)
"Lust" ist schon eine Fehlinterpretation s. o. zur Entladung kommt es beim Opfer auch eher selten. "Wütende Ablehnung" es geht nicht darum, dass das Opfer seinen Willen nicht bekommt. Es gerät in Panik und Todesangst.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή and schrieb am 17.07.2026 um 06:59 Uhr (Zitieren)
@Quoth
In der Arbeit der Uni Graz
link sh. 16.07.2026 um 17:57 Uhr
wird es wissenschaftlich belegt.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 17.07.2026 um 07:10 Uhr (Zitieren)
Die Biologie im Sinne von beliebter Natur erzeugt das Phänomen ja selbst. Ein Rätsel ist es evtl. für Biologen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Johanna Gruber zählt die Überlegung von Augustinus zu den Vergewaltigungsmythen: Diese Tendenz sehe ich in der Tat bei Augustinus.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 17.07.2026 um 09:04 Uhr (Zitieren)
... das sehe ich auch so.
zum Mythos, Fachleute sprechen deshalb nicht von Organsmus sondern Entladung, durch Extremstress kann eine Spannung entstehen. Es ist keine Lust, kein Genuss. Es kommt vor, im Sinne von ist nicht auszuschließen.
Der Mythos scheint bei Augustinus durch.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 17.07.2026 um 09:39 Uhr (Zitieren)
warum man davon ausgehen kann, dass auch antike Frauen traumatisiert wurden, weil das Trauma keine kulturelle sondern eine physiologische Reaktion ist.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
Bukolos schrieb am 17.07.2026 um 10:48 Uhr (Zitieren)
Wenn für die Gegenwart und jüngere Geschichte kulturübergreifend belegt werden kann, dass Vergewaltigung eine traumatische Erfahrung ist, die nicht selten den Suizid des Opfers zur Folge hat, dann liegt die Annahme ja zumindest nahe, dass auch die Kulturen der Antike hier keine Ausnahme bilden.
Antike Geschichtsschreiber berichten von Suiziden nach Vergewaltigungen. Dass diese psychische Traumata zur Ursache hatten, darf vermutet werden.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 17.07.2026 um 17:54 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
info schrieb am 17.07.2026 um 18:19 Uhr (Zitieren)
Die Stelle bei Livius:
Paucis interiectis diebus Sex. Tarquinius inscio Collatino cum comite uno Collatiam venit. [2] Ubi exceptus benigne ab ignaris consilii cum post cenam in hospitale cubiculum deductus esset, amore ardens, postquam satis tuta omnia circa sopitique omnes videbantur, stricto gladio ad dormientem Lucretiam venit sinistraque manu mulieris pectore oppresso „Tace, Lucretia“ inquit; „Sex. Tarquinius sum; ferrum in manu est; moriere, si emiseris vocem.“
[3] Cum pavida ex somno mulier nullam opem, prope mortem imminentem videret, tum Tarquinius fateri amorem, orare, miscere precibus minas, versare in omnes partes muliebrem animum. [4] Ut obstinatam videbat et ne mortis quidem metu flecti, nuntiatum cum mortis metu iacit: sordidum regali generi videlicet abiectum iri: cum mortua iugulatum servum nudum positurum se dicit, ut in foedo adulterio necata diceretur.
[5] Quo terrore cum vicisset obstinatam pudicitiam velut vi vicit, comprimeretque animum nequisset, Tarquinius profectus inde ferox expugnato decore muliebri est. Lucretia maesta tanto malo nuntium Romam eundem ad patrem Ardeamque ad virum mittit, ut cum singulis fidelibus amicis veniant; ita facto maturatoque opus esse; rem atrocem incidisse.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 18.07.2026 um 00:09 Uhr (Zitieren)
(Titelkorrektur)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #2
Bukolos schrieb am 19.07.2026 um 01:24 Uhr (Zitieren)
Augustinus' Argumentation weist einen aus meiner Sicht entscheidenden Makel auf: Sie fußt stillschweigend auf der Prämisse, dass das Leben, das Weiterleben in jedem Fall besser sei als der Tod. Nur so lässt sich der Suizid als Strafe und damit als Schuldeingeständnis einordnen. Die Möglichkeit, dass einer Person das Weiterleben unerträglich sein könnte, wird nicht in Betracht gezogen.
Der Text wurde allerdings aus einem konkreten Anlass heraus geschrieben: dem Westgoteneinfall von 410 mit zahlreichen Vergewaltigungen und - der Text legt es nahe - wohl auch zahlreichen Suiziden, die bei den christlichen Gewaltopfern wohl zusätzlich motiviert gewesen sein dürften aus der die eschatologischen Heilserwartung.
Dem entgegenzuwirken stützt sich Augustinus in civ. 1, 20 auf eine Neuinterpretation des Tötungsverbots: Es soll sich nicht nur auf andere, sondern auch auf das Subjekt selbst erstrecken. Bis sich diese Auffassung im Kirchenrecht niederschlägt dauert es freilich bis ins 6. Jhd.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #3
βροχή schrieb am 19.07.2026 um 02:41 Uhr (Zitieren)
Wahrscheinlich weil es außerhalb seiner Vorstellungskraft lag, viell. hatte er nie davon gehört. Ohne übermittelte oder gar eigene ähnliche Erfahrung, ahnt man das nicht.
Massenvergewaltigungen (Krieg) gehen in der Geschichte mehrmals mit Selbstmordepidemien einher. Vor allem die Angst vor der Gewalt, welche einige schon erfahren haben wirkt dabei ansteckend, viele bevorzugen dann den Freitod, sogar bevor sie vergewaltigt werden.