α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Quellen zum Thema Vergewaltigung #2 (201 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.07.2026 um 15:45 Uhr (Zitieren)
3. Euripides: Ion

Kreussa:
Sag, Seele, verschweig ichs noch länger?
Wie zieh ich die heimliche Zeugung ans Licht
Und entsage der Scham? [αἰδοῦς δ‘ ἀπολειφθῶ;]
Was kann mich noch hindern?
Die Bahn meiner Ehre verlor schon den Kranz,
Mein Mann hat mich schnöde verraten.
Wo ist mein Haus?
Wo lacht mein Kind?
Wo blieben die Wünsche, die lang ich gehegt,
Wenn ich schwiege vom ehlosen Bund,
Von tränenreichsten Geburten? –
Nun verberg ichs nicht mehr,
Nicht den Sternengemächern des Zeus,
Nicht der Göttin auf heimischem Felsen,
Nicht dem heiligen Ufer tritonischen Sees;
Daß endlich das Herz von der Last sich befreit
Und der Atem sich weitet.
Aus den Augen stürzen die Tränen
Und die Seele, sie ächzt, von beiden verhöhnt,
Von Menschen und Göttern.
Ich trage die Spuren
Des undankbarsten Verrats
Am einenden Lager! –
O Meister der Lieder
Aus siebensaitiger Leier,
Die aus toten Hörnern der Herde
Festliche Lieder erweckt,
Dich, Sohn der Leto (1), klag ich an
Beim Strahl dieser Sonne:
Du kamst im Goldglanz der Locken,
Als in den Bausch meines Kleids
Ich die Blätter pflückte des Krokus,
Mich bunter zu schmücken.
Du ergriffst meine weißen Gelenke,
Zogst mich ins Dunkel der Grotte,
Daß ich schrie: „O Mutter, o Mutter!“
Doch zwangst du, ein Gott, mich aufs Lager,
Tatest schamloser Kypris Werk. –
Und ich Ärmste gebar einen Knaben,
Den aus Angst vor der Mutter
Auf dein Lager ich legte,
Wo du schmählich mich Ärmste
Zu schmählichem Bunde gewannst.
Und nun ist er fort, von den Vögeln
Als Speise geraubt, o mein Kind
Und das deine! Doch du
Schlägst die Leier und singst deine Hymnen! –
[...]

[V. 859-906]

(1) Apollon

Dies ist des Euripides Versuch, den psychischen Zustand einer (von einem Gott!) vergewaltigten Frau darzustellen.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 10:25 Uhr (Zitieren)

Sie vermisst ihr Kind. Sie gab es auf, obwohl sie es nicht ablehnt.



Was mir als fremdartig auffällt:

das Wort Bund.
Ein Bund wird einvernehmlich geschlossen, Verbündete haldeln im gegenseitigen Einverständnis gegenüber Außenstehenden.

Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 20.07.2026 um 10:44 Uhr (Zitieren)
Das hieße in heutigem, oder weniger poetisch "eingeklemmtem", Deutsch wohl 'Verbindung'. Denn unauflöslich miteinander verbunden sind sie durch die Tat und ihre Folgen.

Γραικύλε, Du bist sonst so gewissenhaft mit Quellenangaben, bist Du bitte so freundlich, die hier nachzuliefern?
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Γραικύλος schrieb am 20.07.2026 um 11:45 Uhr (Zitieren)
Was meinst Du mit Quellenangabe?
Euripides: Ion, Verse 859-906, so steht es da.
Die Übersetzung ist die von Ernst Buschor.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 11:45 Uhr (Zitieren)

Denn unauflöslich miteinander verbunden sind sie durch die Tat und ihre Folgen.


Das sehe ich anders, eine Verbindung kam gar nicht erst zustande, daher wurde eine solche auch nicht aufgelöst.


Wobei auf sprachlicher Ebene die Silbe Ver- den Bund schon bisschen ins Zwielicht rückt.



(als Quelle verstehe ich die Tragödie Ion von Euripides mit den Versangaben V)

Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 11:59 Uhr (Zitieren)
An dem Stück ist erstaunlich, dass mit Ion ein außereheliches Kind der Mutter von ihrem Ehemann Xuthos aufgenommen wird, in der Annahme, es wäre sein Bastard.

Wahrscheinlich steckt da auch ein bisschen Spott von Euripides über die Schürzenjäger drin.

Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 12:10 Uhr (Zitieren)

Eine schöne Besprechung des Stücks

https://vanessas-literaturblog.de/2019/08/02/ion-von-euripides/

... und es wollte sich entsprechend auch keine Sympathie mit dem Gott Apollon einstellen ...



Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 20.07.2026 um 12:15 Uhr (Zitieren)
868: σιγῶσα γάμους,

901f.: ἵνα με λέχεσι μελέαν μελέοις
ἐζεύξω τὰν δύστανον.

Im Original ist es unzweideutig. Der γάμος ist die Hochzeit, speziell der Vollzug (consumatio), und im zweiten Passus wird Kreusa deutlich: "dort(hin), wo du mich Elende auf elendem Lager unterjochtest, die Unglückliche."

traduttore traditore ...

https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0109%3Acard%3D859 et seq.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 12:32 Uhr (Zitieren)

... könnte es sein, dass die Vergewaltigung nachträglich legitimiert werden konnte, indem der Täter das Opfer heiratet? Worauf Kreussa noch letzte Hoffnung setzte, was Apollo aber verweigerte?



Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Patroklos schrieb am 20.07.2026 um 12:36 Uhr (Zitieren)
In anderem Zusammenhang die bekannte
Legitimatio per subsequens matrimonium.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Patroklos schrieb am 20.07.2026 um 13:24 Uhr (Zitieren)
Der vollzogene/vollendete Akt wurde früher (nur?) theologisch definiert als
Ejaculatio seminis in vas naturale mulieris.
Wegen der kuriosen Formulierung „vas naturale…“ ist mir das erinnerlich, nicht aber die Quelle.
Weiß es jemand?
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Γραικύλος schrieb am 20.07.2026 um 13:46 Uhr (Zitieren)
... könnte es sein, dass die Vergewaltigung nachträglich legitimiert werden konnte, indem der Täter das Opfer heiratet?

Im Prinzip ja, aber bei einem Gott und einer menschlichen Frau?
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 13:56 Uhr (Zitieren)
... viell. ist der mythische Gott eine Metapher für eine Person den Herrscherhauses?


Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Γραικύλος schrieb am 20.07.2026 um 14:23 Uhr (Zitieren)
Innerhalb des Dramas nicht, und deshalb funktioniert die Option Ehe m.E. nicht im Drama.
Allenfalls konnte man erwarten, daß der Gottvater sich um sein Kind kümmerte.

Es gibt m.W. nur einen Fall, in dem ein Gott eine Menschenfrau geheiratet hat: Dionysos die Ariadne. Ein Sternbild war das Brautgeschenk.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 14:39 Uhr (Zitieren)

... weshalb ist von Bund und Verrat die Rede, wenn es das von vorn herein ausgeschlossen ist?

Metapher heißt ja gerade, es wird nicht ausgesprochen, das Publikum überträgt die Metapher selbst auf das, was gemeint ist.

Euripides zielte viell. auf einen hochrangigen Zeitgenossen, welcher sich ähnliches erlaubte wie Apollo?




Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 14:46 Uhr (Zitieren)

... die Götter als Spiegelbild der Herrscherkaste

das könnte auch ein Aspekt beim Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus sein?




Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Patroklos schrieb am 20.07.2026 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Spiegelbild?
Angesichts der griechischen Stämme bzw poleis?
Wäre einen eigenen Faden wert, mE.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Wäre einen eigenen Faden wert, mE.



stimmt, es lenkt hier viell. bisschen ab,
war so eine Spontanassoziation
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 20.07.2026 um 15:13 Uhr (Zitieren)
Nehmt's mir nicht übel, aber diese Spekulationen
... die Götter als Spiegelbild der Herrscherkaste

das könnte auch ein Aspekt beim Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus sein?
entzünden sich an Gedanken, die sich von der Übersetzung ableiten bzw. an sie herangetragen werden. sie sind m. E. vom Text nicht gedeckt.


Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
Patroklos schrieb am 20.07.2026 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Ich habe die Aussage als allgemeine aufgefasst.
Wenn einem so viel Kluges widerfährt, das ist schon einen Faden wert.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #2
βροχή schrieb am 20.07.2026 um 15:56 Uhr (Zitieren)
@ja, so ist es, mein Gedanke ist allgemein,

von den griechischen Göttern ausgehend, könnte es auf andere Götterwelten auch zutreffen (ägyptische, germanische ...)

ist so ein Sprungbrett von Höxgen nach Stöxgen
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Pfau

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.