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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Quellen zum Thema Vergewaltigung #13 (61 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 05.08.2026 um 10:24 Uhr (Zitieren)
(Fortsetzung Ovid, Metamorphosen)

Wie ein Brand die Halme verzehrt, wenn die Ernte geschnitten,
wie einen Zaun die Fackel verbrennt, die ein Wandrer vielleicht zu
nahe gebracht oder liegen ließ beim kommenden Morgen,
so entflammt die Liebe den Gott, so durchglüht das Verlangen
heiß seine Brust; und er nährt mit eitlem Hoffen das Feuer [et sterilem sperando nutrit amorem].
Jetzt beschaut er ihr Haar, das schmucklos den Nacken hinabwallt,
fragt sich: wie stünd‘ es geflochten? Er sieht ihre strahlenden Augen
leuchten wie Sterne, er sieht die Lippen und, die nur zu sehen,
dünkt ihm zu wenig; er preist ihre Finger, die Hände, die Arme,
bloß, wie sie sind, bis fast zur Schulter hinauf, und er denkt sich
besser noch, was verborgen ihm bleibt. Doch flüchtger als Windhauch
eilt sie davon; sie hält ihm nicht stand, sie hört ihn nicht rufen:
„Nymphe, ich bitte dich bleib! Kein Feind ist, der dich verfolgt, o
bleib, Penëide! Du fliehst wie den Wolf das Lamm, wie die Hindin
flieht vor dem Leu, wie in furchtsamem Flug die Taube den Adler.
Feinde sind die! Doch mich heißt Liebe allein dich verfolgen.
Weh mir! Ich sorge, du fällst. Es ritzen den Fuß dir, den zarten,
schmählich die Dornen, und ich bin schuld, daß Schmerzen du leidest. [et sim tibi causa doloris!]
Rauh ist der Grund, den du trittst. O, eile mäßiger, fleh‘ ich,
hemme die hastige Flucht. Und ich will dir mäßiger folgen.
Frage einmal doch, wen du entzückst. Kein Bewohner der Berge
bin ich, kein struppiger Hirt, der Herden von Rindern und Ziegen
führt auf die Trift. Du weißt nicht, vor wem so blindlings du fliehst, und
weil du’s nicht weißt, darum fliehst du. Mir dient die delphische Erde,
Claros und Tenedos auch und Pataras fürstliche Halle.
Juppiter hat mich gezeugt, was sein wird, was war, und was ist, das
kündet mein Mund, ich bin’s, der die Saiten stimmt zu dem Liede.
Zwar trifft sicher mein Pfeil, doch traf mich noch sichrer der Eine,
er, der mir hier in der freien Brust die Wunde geschlagen.
Ich erfand die Arznei, es nennt mich den Helfer der Erdkreis
rings, mir steht zu Gebot die Kraft der heilenden Kräuter.
Ach, daß von ihnen keines imstande, die Liebe zu heilen,
daß ihrem Herrn nicht hilft die Kunst, die so vielen geholfen!“
[ei mihi, quod nullis amor est sanabilis herbis,
nec prosunt domino, quae prosunt omnibus, artes!]
Mehr noch hätt’ er gesprochen, jedoch in Angst und in Eile
floh sie und ließ ihn zurück mit der unvollendeten Rede.
So auch erschien sie schön. Der Wind entblößt ihre Glieder,
flattern läßt ihr Gewand, entgegenströmend, sein Wehen,
spielend erfaßt und wirbelt sein Hauch zurück ihre Haare.
Reizender macht sie die Flucht; nicht weiter duldet der junge
Gott, mit Worten umsonst zu schmeicheln, und wie ihn die Liebe
treibt, so jagt ihren Spuren er nach mit beschleunigten Schritten.
Wie wenn auf freiem Feld der gallische Rüde den Hasen
sieht und der Eine nun rennt um die Beute, der Andre ums Leben –
Hart auf der Spur ist der Hund; weit vorgereckt seine Schnauze,
rührt er des Flüchtigen Läufe und meint, jetzt, jetzt ihn zu fassen.
Der aber bangt schon: packt er mich wohl? doch entreißt er den Zähnen
eben sich noch und entrinnt den schnappenden Kiefern, - so jagen
eilend dahin in Hoffnung und Furcht der Gott und die Jungfrau.
Schneller jedoch ist er, der verfolgt, beschwingt von der Liebe
Flügeln gönnt er nicht Rast ihr noch Ruh und bedroht schon der Flüchtgen
Rücken, sein Atem streift die ihm Nacken flatternden Haare.
Schrecken erfaßt sie da. Erschöpft von der Mühsal des wilden
Jagens versagt ihr die Kraft. Sie blickt auf die Flut des Penëus:
„Vater“, so ruft sie, „hilf! Wenn Macht einem Flußgott gegeben,
wandle, verdirb die Gestalt, durch die zu sehr ich gefalle!“
Kaum hat so sie gefleht, da ergreift eine Starre die Glieder;
zäher Bast umspinnt das Fleisch des geschmeidigen Leibes;
wie als Blätter die Haare, so wachsen die Arme als Zweige;
eben so schnell noch, haften in steifen Wurzeln die Füße;
Wipfel nimmt ein das Gesicht. Ein Glanz nur bleibt über allem.
Phœbus liebt sie noch jetzt; er legt an den Stamm seine Rechte,
fühlt das Herz der Geliebten noch schlagen unter der Rinde;
und es umschlingt sein Arm wie Glieder die Zweige, mit Küssen
deckt er das Holz; und es weicht noch jetzt zurück vor den Lippen.
„Kannst du“, so spricht der Gott, „nicht mehr die Gattin mir werden,
sollst mein Baum du doch sein. Es sollen, o Lorbeer, dich tragen
stets meine Leyer, mein Haar, der Köcher; den römischen Feldherrn
zierst du, wenn zum Triumph die frohen Rufe ihm schallen,
wenn auf den festlichen Zug die Burg vom Hügel herabschaut.
Sollst auch stehn am Tor des Augustus, als treuester Wächter
Hüten den eichnen Kranz, der hangt ob der Mitte der Pforte.
Und wie mein jugendlich Haupt an den Locken die Schere nicht duldet,
trage du immerfort den Schmuck des grünenden Laubes.“
Phœbus hatte geendet. Bejahend regte die jungen
Zweige der Lorbeer und schien wie ein Haupt den Wipfel zu neigen.

[I 452-567]

Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #13
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 05.08.2026 um 10:40 Uhr (Zitieren)
Mal abgesehen vom Thema, was ist Ovid für ein Wortmaler!
Danke für die Auffrischung, Γραικύλε, sah mich eben wieder im Klassenzimmer sitzen ...
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #13
Quoth schrieb am 05.08.2026 um 10:58 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 5.8.26, 10:24wandle, verdirb die Gestalt, durch die zu sehr ich gefalle!


Das ist oft die letzte Rettung der von Vergewaltigung Bedrohten: Wegbinden der Brüste, Abschneiden des Haars, Schwärzen des Gesichts ... Davon erzählte so manche Großmutter.
Re: Quellen zum Thema Vergewaltigung #13
Γραικύλος schrieb am 05.08.2026 um 13:20 Uhr (Zitieren)
Das ist oft die letzte Rettung der von Vergewaltigung Bedrohten

Das stimmt! Manches Verhaltensmuster ist zeitlos.
 
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