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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Jupiter und seine Blitze #1 (36 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.09.2026 um 23:31 Uhr (Zitieren)
L. Annaeus Seneca d.J., Naturales Quaetiones II 42-46:
42. Wenn man von diesen Auffassungen Kenntnis nimmt, hat es zunächst den Anschein, als hätten sich die Alten (1) geirrt. Es gibt nichts Dümmeres, als zu glauben, daß Jupiter Blitze aus den Wolken schleudert und auf Säulen, Bäume und mitunter auf seine eigenen Statuen zielt und daß er unschuldiges Vieh erschlägt, während Tempelschänder, Mörder, Brandstifter unbehelligt bleiben. Außerdem soll er sich dabei auch noch von Göttern haben beraten lassen, als ob er selbst nicht zuständig wäre. Weiter ist es sonderbar, daß die Blitze, die er auf eigene Verantwortung schleudert, gnädig und wohlwollend wären, aber die, bei deren Abwurf eine größere Anzahl Götter mitbestimmend waren, eine verheerende Wirkung hätten.

Wenn du fragst, was ich davon halte, so ist meine Meinung, daß sie nicht so dumm gewesen sind, Jupiter Böswilligkeit oder wenigstens eine gewisse Unbeholfenheit anzudichten. Für einen Blitz, womit er unschuldige Häupter zerschmettert und an Schuldigen vorübergeht, sind nur zwei Erklärungen möglich. Entweder will er nicht gerecht handeln, oder er verfehlt das Ziel. [Si a me quaeris quid sentiam, non existimo tam hebetes fuisse ut crederent Iovem iniquae voluntatis aut certae minus peritiae. Utrum enim tunc cum emisit ignes quibus innoxia capita percuteret, scelerata transiret, noluit iustius mittere an non successit?]

Was können sie denn sonst mit dieser Theorie beabsichtigt haben? Weil sie sehr weise Männer waren, begriffen sie offenbar, daß die Furcht unentbehrlich war, die Leidenschaften der dummen Masse zu bändigen. Wir sollten vor einer Macht über uns Furcht haben. [Ad coercendos imperitorum animos sapientissimi viri iudicaverunt inevitabilem metum, ut aliquid supra nos timeremus.] Angesichts der Kühnheit der Verbrechen war es dienlich, daß es eine Macht gäbe, der keiner sich gewachsen fühlte. Also um Menschen, die nur aus Furcht die Unschuld wählten, Respekt einzuflößen, stellten sie einen Rächer über ihre Häupter, und zwar einen mit solcher Waffe.

43. Und warum ist dann der Blitz, den Jupiter auf eigene Verantwortung schleudert, gnädig und bringt jener, worüber er sich beraten hat und den er mit Einverständnis anderer Götter schickt, Verderben? Offenbar gingen sie davon aus, daß Jupiter, das heißt der König, gerade wenn er allein ist, gnädig sein muß. Er darf nur Schaden zufügen, wenn eine Mehrheit dafür stimmt [nocere non nisi cum pluribus visum est].

(L. Annaeus Seneca: Naturwissenschaftliche Untersuchungen. Hrsg. v. M. F. A. Brok. Darmstadt 1995, S. 146-151)

(1) Etrusker und Philosophen
Re: Jupiter und seine Blitze #1
Γραικύλος schrieb am 28.09.2026 um 23:36 Uhr (Zitieren)
Quaetiones --> Quaestiones
 
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