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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Jupiter und seine Blitze #2 (40 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.09.2026 um 10:03 Uhr (Zitieren)
L. Annaeus Seneca d.J., Naturales Quaestiones II 42-46:
Alle, die große Macht unter den Menschen bekommen haben, sollen daraus lernen, daß selbst kein Blitz ohne vorhergehende Beratung geschleudert wird. Daher sollen sie den Rat von vielen einholen und ihn genau erwägen. Sie sollen sparsam gebrauchen, was schaden kann [nociturum temperent], und sich stets vorhalten, daß selbst dem Jupiter sein eigenes Urteil nicht genügt, wenn es gilt zuzuschlagen. (2)

44. Sie waren auch nicht so dumm, daß sie meinten, Jupiter benütze unter Umständen eine andere Waffe. Dieser Gedanke paßt nur zu dichterischer Freiheit [Poeticam istud licentiam decet].

Est aliud levius fulmen, cui dextra Cyclopum
Saevitiae flammaeque minus, minus addidit irae;
Tela secunda vocant superi.

Sondern es gibt einen leichtern Blitz, dem die Hand der Zyklopen
Weniger rasendes Feuer verlieh und weniger Wüten:
Zweites Gewaffen, so sagt man im Himmel. (3)

Jene sehr weisen Männer machten diesen Fehler nicht. Sie haben wirklich nicht geglaubt, daß Jupiter bald schwerere, bald leichtere Blitze benütze, wie ein Rekrut bei der Übung. Nein, sie wollten die Machthaber unter uns, die ihre Blitze gegen die Verbrechen der Menschen schleudern müssen, darauf hinweisen, daß man sie nicht in allen Fällen auf dieselbe Weise bestrafen soll. Manchmal genügt ein leichter Striemen, in anderen Fällen soll man töten oder foltern, mitunter sich auch auf eine Ermahnung beschränken.

45. Sie haben sogar überhaupt nicht geglaubt, daß jener Jupiter, den wir auf dem Kapitol und in anderen Tempeln verehren, mit eigener Hand Blitze schleudert, denn sie hatten von ihm dieselbe Vorstellung wie wir. Er war für sie der Verwalter und Behüter des Alls, die Seele und der Atem der Welt, der Meister und Gestalter dieser Schöpfung, dem jeder Name paßt [rectorem custodemque universi, operis huius dominum et artificem, cui nomen omne convenit].

(L. Annaeus Seneca: Naturwissenschaftliche Untersuchungen. Hrsg. v. M. F. A. Brok. Darmstadt 1995, S. 146-151)

(2) Möglicherweise ein stiller Wink für Kaiser Nero.
(3) Ovid, Metamorphosen III 305-307

Re: Jupiter und seine Blitze #2
Quoth schrieb am 29.09.2026 um 10:43 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 29.9.26, 10:03Sie haben sogar überhaupt nicht geglaubt, daß jener Jupiter, den wir auf dem Kapitol und in anderen Tempeln verehren, mit eigener Hand Blitze schleudert, denn sie hatten von ihm dieselbe Vorstellung wie wir. Er war für sie der Verwalter und Behüter des Alls, die Seele und der Atem der Welt, der Meister und Gestalter dieser Schöpfung, dem jeder Name paßt [rectorem custodemque universi, operis huius dominum et artificem, cui nomen omne convenit].

Darauf scheint es im religiösen Denken auch von Nichtchristen und Nichtjuden gern hinauszulaufen: Auf eine Schöpfungsgeschichte mit einem Schöpfer ...
Re: Jupiter und seine Blitze #2
Γραικύλος schrieb am 29.09.2026 um 13:23 Uhr (Zitieren)
In diesem Moment versteht man unter Jupiter etwas anderes als den Gatten der Juno und Sohn des Saturn. Vielmehr ein höheres Prinzip, cui nomen omne convenit.
 
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