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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
τὸ αἷμα αὐτοῦ (814 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 11.05.2012 um 14:37 Uhr (Zitieren)
Alle vier Evangelisten berichten, daß Pontius Pilatus die ernste Absicht gehabt habe, Jesus freizulassen, "die Juden" (i.e. das auf dem Platz versammelte Volk) aber seine Hinrichtung gefordert haben.
Nur bei Matthäus (27, 25 f.) gibt es noch einen merkwürdigen Zusatz:
τὸ αἷμα αὐτοῦ ἐφ' ἡμᾶς καὶ ἐπὶ τὰ τέκνα ἡμῶν.

Man kennt ja aus der Zeit mittelalterlicher Judenverfolgungen den Vorwurf, "die Juden" seien die Mörder Gottes und dieser Mord müsse an ihnen gerächt werden.
Da berührt es seltsam, diesen Gedanken als Forderung der Juden selbst bei Matthäus zu finden.
Natürlich nehme ich nicht an, daß es sich hierbei um einen historischen Report handelt; doch wie kommt dieser Gedanke ins Evangelium hinein?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 11.05.2012 um 18:39 Uhr (Zitieren)
Seit der Mitte des 20.Jhdts. wird der Antijudaismus, der meist aus der Positionierungsproblematik des Früh(est)christentums als jüd. Sekte unter andern erklärt wird und Topoi entwirft, die im Lauf der Geschichte unter politisch-kulturell ganz anderen Bedingungen als Antisemitismus fortleben und wirksam werden, in den Evangelien untersucht, der gerade bei Matthäus sehr stark ist. Schon die bei Mt. geschilderte symbolisch-rituelle Reinigungsgeste, das Waschen der Hände coram populo in Unschuld, ist dem Repertoire des Tanach (Dtn.21,1 ff., Ps. 26, 4 ff.)entnommen und eindeutig an die innerjüdische "Konkurrenz" gerichtet, die dann auch in der von dir als irritierend empfundenen Stelle die Verantwortung bekennt und übernimmt:Dass ein Römer als Besatzer vor dem Volk seine Hände in Unschuld wäscht, ist aus antiker Perspektive befremdend. Es handelt sich demnach um strategisch angelegte Propaganda, die die Römer als Schuldige ausschließen soll.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 12.05.2012 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Also gibt es offenbar eine antijüdische, selbstverständlich nicht mit dem späteren Antisemitismus gleichzusetzende Tendenz bereits bei den Evangelisten, insbes. bei Matthäus.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Φιλομαθής schrieb am 12.05.2012 um 12:30 Uhr (Zitieren)
Nun gibt es zwar das von Theodor Lessing geprägte Schlagwort vom jüdischen Selbsthass, aber wenn es einen solchen geben soll, dann ist er Folge, nicht Ursache des Antisetismus.
Mir scheint hier eher eine praedictio post eventum durch den Schreiber des Matthäus-Evangeliums vorzuliegen. Er musste ja die Zerstörung Jerusalems und die verkündete βασιλεία τῶν οὐρανῶν miteinander in Einklang bringen. Eine naheliegende Lösung war eben, dass sich ein Teil des jüdischen Volkes selbst vom Reich Gottes ausgeschlossen hat, sich selbst verflucht hat, weil es den echten Gottessohn nicht erkannte.
Ist übrigens bekannt, dass der Amnestierte Barabbas wahrscheinlich ebenfalls Jesus geheißen hat und Barabbas zu deutsch "Sohn des Vaters (Herrn)" heißt?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 12.05.2012 um 12:53 Uhr (Zitieren)
Der 'jüdische Selbsthaß' (Weininger, Wittgenstein u.a.) ist gewiß eine Folge des - sozusagen von Juden verinnerlichten - Antisemitismus.

Daß der Schreiber des Matthäus-Evangeliums diese Äußerung auf die Zerstörung Jerusalems bezogen hat, ist ein sehr guter Gedanke. Das könnte es gewesen sein, was er im Sinn hatte - gewiß nicht die viel spätere mittelalterliche 'Argumentation'.

Nein, das mit Barrabas wußte ich nicht. Woher hast Du es?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Φιλομαθής schrieb am 12.05.2012 um 13:18 Uhr (Zitieren)
Zum ersten Mal gelesen hatte ich davon in Benedikts XVI. Jesus-Buch (1. Teil, ich kann die Stelle nicht angeben, da ich das Buch nicht besitze). Der Barabbas-Artikel bei Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Barabbas) gibt auch Auskunft. Dort steht auch, warum man die Lesart Ιησουν Βαραββᾶν in Mt. 27, 16/17 heute vielfach für ursprünglich hält.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 12.05.2012 um 13:31 Uhr (Zitieren)
Ah, auf die Textvariante Mt 27, 16 f. habe ich noch gar nicht geachtet.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 12.05.2012 um 14:08 Uhr (Zitieren)
Klaus Berger datiert das Matthäus-Evangelium auf das Jahr 71 (als jüngstes Evangelium).
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 12.05.2012 um 14:42 Uhr (Zitieren)
Die Rede vom "jüdischen Selbsthass" hat doch nichts mit der abgrenzenden Positionierung voller Ambivalenzen zu tun, die das Neue vollzieht, wenn es in einer heiklen politischen Situation zumal aus dem Alten hervorgeht - sie ist bestenfalls eine ungeschichtliche Deutung psychologischer Motive für den Vorgang und impliziert ja eigentlich die Zurücknahme des Bruchs, der sich hier vollzieht, nach dem Schema: "Matthäus, nur ein Jude, der in der polemischen Abgrenzung im vermeintlichen Gegner das verworfene Eigene hasst".
Die antijüdische Absetzung schließt keineswegs aus, dass z.B. die Zerstörung des Tempels
als eine Folge dieser Übernahme der Schuld , die sich in rituellen Formeln und Formen vollzieht, die dem Tanach entnommen sind und noch dem Römer Pilatus aufgebürdet werden, in der Lesart eines vaticinium post eventum erscheint - aber darin gehen doch all diese Schachzüge nicht einfach restlos auf: Rom ist zur vermuteten Zeit der Abfassung des Ev. eine entscheidende Karte auf die das disseminierende Christentum setzt, schon weil nach dem jüd. Krieg man sich von den Hauptgegnern der Römer unterscheiden will, und der Marsch bis zur Staatsreligion ist ein langer, voller Widersprüche und, ja, Blut. Dass dabei der Vertreter des Imperiums nicht als Verantwortlicher für den Tod der Leitfigur eingeführt werden kann,
ist klar. Die Apologetik treibt im weiteren Verlauf allerlei Blüten, so kann man, um nur ein Beispiel zu geben, schon um 200 n.u.Z. z.B. bei Tertullian, dem Sohn eines römischen Offiziers, lesen "... Pilatus, ipse iam pro sua conscientia Christianus,..." Der Umschlag in den Pilatus-Legenden zu Bestrafung und ewiger Verdammnis des "Christusmörders" Pilatus erfolgt meines Wissens erst später.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Φιλομαθής schrieb am 12.05.2012 um 16:29 Uhr (Zitieren)
Durch die Erwähnung der These vom "jüdischen Selbsthass" sollte anachronistische Zusammenziehung eben gerade nicht befördert, sondern eine Differenzierung zwischen neuzeitlichen Vorstellungen und möglichen Motiven Matthäi herausgestellt werden. Dennoch muss man die Frage im Blick behalten, wie das Jüdischsein der Evangelisten (und Jesu selbst) bei antisemistischer Vereinnahmung des Christentums ausgeblendet werden konnte. Hierbei kann man Matthäus seinen Anteil nicht absprechen. Aber war es denn wirklich das "Neue", das die ersten Christen etablieren wollten oder bestimmt hier wiederum unsere Begrifflichkeit, die sich in den Kategorien des "Alten" und des "Neuen Bundes" bewegt, das Denken?

Du sprichst vom "Marsch bis zur Staatsreligion". Mir scheint das allzu finalistisch, von der Faktizität her gedacht. Gewiss, auf dem Weg zum Katholizismus wurde auch die Deutung der Gottebotschaft verändert. Aber auf den Wortlaut der Evangelien hatte die spätere Entwicklung des Christentums zur Staatsreligion doch wohl nicht mehr gewirkt. Herrschte nicht Endzeitstimmung unter den Urchristen? Wie sollen wir da dem Matthäus-Autor auf die römische Obrigkeit gerichtete Ambitionen unterstellen? Gerade bei den Evangelisten und Aposteln wird ja politische Zurückgezogenheit gepredigt.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 13.05.2012 um 00:05 Uhr (Zitieren)
Wie du durch einen Verweis auf ein vulgärpsychologisches Konzept Differenzierung erreichen erreicht werden kann, wenn es nicht trifft, was ich geschrieben habe, bleibt mir schleierhaft - sollte es tatsächlich dieser Wiederholung bedürfen: ich stimme definitiv zu, dass "jüdischer Selbsthass" völlig ungeeignet ist, die aufgeworfene Frage zu erklären. Dass der Aufstieg zur Staatsreligion in den nächsten 300 Jahren einfach so passiert ist, nimmst hier wohl niemand ernstlich an, oder? Sollte das Wort "Marsch" allerdings den Eindruck erweckt haben, dass Matthäus im Nebensatz als Chefideologie der planmäßig verlaufenden feindlichen Übernahme des Imperiums auftritt, nehme ich das Wort zurück. Aber schon bei Tertullian liest man " Sed quid ego amplius de religione atque pietate Christiana in imperatorem? quem necesse est suspiciamus ut eum, quem dominus noster elegit, ut merito dixerim: "Noster est magis Caesar, a nostro deo constitutus." Spätestens 130 Jahre nach dem Evangelisten ist die Einsetzung des Herrschers durch Gott definitiv Teil christlicher
Vorstellungen. Auch die angedeutete Wandlung der Sicht auf Pilatus zum "ipse iam pro sua conscientia Christianus" und der Umschlag ins Gegenteil just, wenn ich recht sehe, im
4.Jhdt., wirft einige Fragen auf. Dessen ungeachtet bleibt schon bei Mt. die erwirkte Freispielung des Pilatus in Verbindung mit der dem "Volk" ins Mund gelegten Übernahme der Schuld erklärungsbedürftig: Sie ist wohl zunächst an die gerichtet , die dies in der gewählten Sprache und der Dimension rituell-symbolischer Handlung aus der Tradition heraus in vollem Umfang verstehen soll. Aber wer ist das genau? Denkt man historisch und versucht den oder die tatsächlichen Adressaten zu rekonstruieren - denn dies ist ja die einzige Möglichkeit zu erweisen, dass der Autor des Evangeliums gar keinen Pauschalbegriff der Abwertung jüdischen Glaubens und Lebens, der ja Antijudaismus ausmacht, intendierte - tauchen viele Kandidaten auf: dass Pilatus
zum Unschuldigen erklärt wird, nur damit er als Schuldiger für andere Gruppen nicht weiter dienen kann und gleichermaßen die Absetzung der Sekte der Christen das Verfolgungsrisiko um und nach dem jüdischen Krieg minimiert, ist eine schon angesprochene Deutung. Ich behaupte nicht, dass das die einzigen Erklärungsmöglichkeiten sind. Das Risiko der Projektion sehe ich hier nicht unmittelbar in einer Übertragung neuzeitlicher Denkweise, sondern in der Ableitung von Entwicklungen der nächsten 300 Jahre aus dem Evangelientext (unter der Annahme, dass diese nicht in den Text als solchen eingegriffen haben) Sie sind jedoch geschichtliches Faktum und also solches erklärungsbedürftig. Im Gegenzug ist zu fragen, ob der Wunsch, den "Urtext" davon zu reinigen, nicht auch einen Überschuss in sich birgt, der mit korrekter historischer Deutung nicht zusammenfällt. Was "Jesus oder die Evangelien eigentlich sagten", ist selten Gegenstand besonnener Geschichtsschreibung.
Vielleicht suspendiert man zunächst den Begriff "Antijudaismus", weil er immer ein wenig nach Antisemitismus avant la lettre klingt, und belässt es es bei der Kennzeichnung der Polemiken des Evangelisten und der Frage, wem sie tatsächlich galten, wie und welche dabei gebrauchten rhetorischen Stereotypen sich als wirkmächtig erwiesen haben und nach dem sehr schnell eintretenden Ausblenden der historischen Adressaten zu Grundfiguren antijüdischer und antisemitischer Haltungen geworden sind. Dazu zählt ja nicht nur die von Graeculus eingebrachte Stelle, sondern etwa auch die Rede gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt.23).
Noch kurz zur Frage, ob die "Endzeitstimmung", soll wohl heißen die Naherwartung der Parusie der Frühchristen nicht mit politischem Desinteresse einherging. Das, denke ich, kann man ganz klar verneinen. Erstens war sie zur Abfassung des Mt.-Evang. sozusagen überfällig und der Erklärungsbedarf bei den Lesern desselben gegeben und zwar auch in Bezug auf das Gesamtschicksal der Kirche. Das Interessante ist dabei, dass schon bei Paulus der Aufschub der Ereignisse eine Lücke öffnet: Es handelt sich um den/das im zweiten Brief an die Thessalonicher (2,3-9) genannte/n Katechon, also jener verzögernden Kraft oder Gestalt, die, obwohl das Geheimnis der Anomie/die Macht der Gesetzwidrigkeit schon wirksam sei, das Ende aufhalte. In diese Kerbe schlägt Tertullian bei weiter gestiegenem Erklärungsbedarf in Apolog. XXXII. "[1] Est et alia maior necessitas nobis orandi pro imperatoribus, etiam pro omni statu imperii rebusque Romanis, qui vim maximam universo orbi imminentem ipsamque clausulam saeculi acerbitates horrendas comminantem Romani imperii commeatu scimus retardari. Itaque nolumus experiri et, dum precamur differri, Romanae diuturnitati favemus. [2] Sed et iuramus sicut non per genios Caesarum, ita per salutem eorum, quae est augustior omnibus geniis." Ein Wandel vom diffusen Katechon zum Imperium Romanum qua erhaltenswerter mora finis ist doch erstaunlich und nicht einfach mit dem Verweis auf neuzeitliche Denkweise aus der Welt zu schaffen. Carl Schmitt sah darin die einzige Grundlage für eine christliche Begründung einer Staatsdoktrin. In jüngster Zeit hat Giorgo Agamben in seinem Buch "Die Zeit, die bleibt" u.a. diese Stellen behandelt und in reizvoller Weise mit auch noch so säkular sich verstehenden Theorien des Staates, die in diesem vorrangig die Gestalt einer eine Katastrophe aufschiebenden Macht erblicken, in Beziehung gesetzt.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 13.05.2012 um 00:06 Uhr (Zitieren)
erreichen
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 13.05.2012 um 00:07 Uhr (Zitieren)
nimmstnimmt
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
διψαλέος schrieb am 13.05.2012 um 03:27 Uhr (Zitieren)
@filix!

D A S IST HIER EIN FREIZEITFORUM und
keine schmale Gelegenheit für ausgiebige Vorlesungen!

Eine liebe Bitte:
Strukturiete Beiträge erhöhen die Aufnahmefähigkeit.

enbloc-geschriebenes mindert die Lesbarkeit.

ahhh....

Bitte bleib uns erhalten!
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Φιλομαθής schrieb am 13.05.2012 um 22:17 Uhr (Zitieren)
Da wir uns in einem Griechischforum befinden, mögen wir uns von der begrifflichen Weite der σχολή leiten lassen :-)

In der Tat sind es interessante und erstaunliche Nachrichten vom Katechon und seiner Identifizierung im Romanus status durch Tertullian. Aber hilft es uns, zu erkennen, wo die Umschmelzung des Christentums zu einer politischen (sprich: administrative Interessen hegenden) Bewegung und Roms zu einem Christenstaat begannen?

Ist das noster in "Noster est magis Caesar." richtig aufgefasst? Sollten wir es nicht weniger subjektiv (im Sinne eines Anspruchs auf das imperium) als vielmehr objektiv nehmen (soll heißen: genauso, wie im nachfolgenden a nostro deo der Gott als derjenige bestimmt wird, den man als den wahren Gott über sich anerkennt), so dass der Christ also in höherem Maße Untertan sei als der Heide? Alles andere würde doch wohl der Absicht einer (an die römische Obrigkeit gerichteten?) Verteidigungsschrift entgegenarbeiten.

So scheint auch der zitierte Abschnitt 32 dazu zu dienen, eine Interessengemeinschaft mit der herrschenden Macht herauszustreichen. Offenbar wird in der Schrift alles aufgeboten, was das rhteorische Arsenal hergibt, um gegen die Christenverfolgung zu argumentieren. Andernorts (37, 4) wird dann ja sogar recht unverhohlen gedroht: Si enim et hostes exsertos, non tantum vindices occultos agere vellemus, deesset nobis vis numerorum et copiarum? 37,6: Potuimus et inermes nec rebelles, sed tantummodo discordes, solius divortii invidia adversus vos dimicasse.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 14.05.2012 um 13:59 Uhr (Zitieren)
Das Problem ist ja, dass schon das Interpretandum in seiner Doppelbewegung der Christianisierung des Imperiums und der Imperalisierung des Christentums - wie man an der Diskussion über die Rolle Konstantins bzw. den Unterschied zu Theodosius und der in Cunctos populos sich ausdrückenden Entwicklungen in diesem Prozess nach einem kurzen Blick in die Literatur erkennt - schwer vermintes Gelände ist. Ein Hauptgrund dafür ist, dass die Lücke in historisch-religionssoziologischen Erklärungsmodellen unterschwellig theologisch geschlossen wird: der unerklärliche Rest des Aufstiegs, der ja in den von tendenziöser Literatur der Epoche (Eusebius e.g.) ausgedrückten Formen sich vollzogen haben soll, verbindet sich schnell mit der Frage, welcher Anteil, um die Worte Paul Veynes etwa zu gebrauchen, dem "Göttlichen, dem Heiligen" als einer irreduziblen, "elementaren Eigenschaft" und dem ihm antwortenden religiösen Gefühl dabei zukommt. Die Grundfrage ist dabei: wie schreibt man Religionsgeschichte ohne Religion, letztere nicht so sehr als die Forschung leitende Überzeugung der Autoren sondern als geschichtlich wirksame Kraft verstanden. Das heißt noch gar nicht einen wie auch immer verstandenen Gott als universalen Lenker derselben annehmen, der an seiner Schöpfung zutiefst interessiert ist - ein eminent wichtiges jüdisches Erbteil des Christentums. Selbst wenn man den Bekenntnisakt eines römischen Kaisers als Wendepunkt grundsätzlich als Machwerken christlicher Schriftsteller entsprungenes Märchen verwirft (wofür viel spricht) und so die historische Situation, die einer Erklärung bedarf, als falsch gestellt interpretiert, bleibt die Frage nach dem set of mind, in welchem solches überhaupt gedacht wird.


In dieser Rücksicht erscheint mir der Tertulliantext als ein Mosaikstein unter anderen für das Verständnis interessant - er ist keineswegs als einfach konkurrenzloses Parteiprogramm, dem der Lauf der Geschichte anzupassen ist, zu betrachten. Der set of mind entspringt nämlich m.E. weder vollständig durch das jeweilige Ereignis noch erschöpft er sich in ideologischer Begleitmusik, er hat seine Vorzeichnungen vor den Ereignissen, aus denen heraus er wiederum interpretiert wird - ein hermeneutischer Zirkel der nicht gegen die Linearität der Zeit ausgespielt werden und nach der einen oder anderen Richtung aufgelöst werden sollte.


Zunächst ist in Tertullian als Gestalt das Christentum im Imperium Romanum und zwar keineswegs in triumphaler Weise angekommen - nicht als Inkarnation, Aufgipfelung, exponierter Agent eines Heilsplans oder dergleichen, ohne Pathos vielmehr darin, dass ein Sohn eines römischen Offiziers mit entsprechender juristisch-rhetorischer Ausbildung aus der Defensive heraus eine Argumentation entfaltet, die die Rolle der Christen im I.R. behandelt. Und wie. Dass er dabei auch gleichzeitig einer der ersten christlichen Autoren ist, der auf Latein schreibt und über die von ihm angestrebten Begriffsinhalte hinaus terminologisch schöpfend wirkt, kommt hinzu.
Die Verteidigung gegen die Christenverfolgung, die als Rechtsfall behandelt wird, als das historische Nahziel des Textes absorbiert die darüber hinausreichenden Argumentation, die ja in Bezug darauf teilweise verstiegen und ungeheuerlich wirkt, meines Erachtens keineswegs.


Nur kurz - um das Missfallen der Wächter über die Freizeit nicht weiter zu erregen - zu den von mir und dir angeschnittenen Stellen im Apologeticum : der Anspruch auf das Imperium ist nicht ein politischer Herrschaftsanspruch auf den Thron, der sich quasi in offene Opposition begibt, im Gegenteil, die Christen sollen als die "besseren", loyaleren Römer dargestellt werden - auch das eine in der Frage nach der Imperalisierung des Christentums beleuchtenswerte Vorstellung, die sich nicht einfach als nützliche Camouflage Verfolgter auflösen lässt.


Der springende Punkt sind dabei meiner Meinung nach die Transformationen, die im Zuge dieser scheinbaren Anbiederung erfolgen: So gerät dabei u.a. die Zentralgestalt des Kaisers in eine Zange - einerseits von "oben", indem Tertullian quasi den Himmel über dem Thron austauscht und den christlichen Gott als Überherrscher einsetzt, gegen den kein endliches Kraut aus dem Repertoire geschichtlich erprobter Herrschaftsbefestigung gewachsen ist: "Caelum denique debellet imperator, caelum captivum triumpho suo invehat, caelo mittat excubias, caelo vectigalia imponat! Non potest." (30,2) und von dem er, der dadurch "magis noster est", sich als eingesetzt zu betrachten habe: "Ideo magnus est, quia caelo minor est; illius enim est ipse, cuius et caelum est et omnis creatura. Inde est imperator, unde et homo antequam imperator; inde potestas illi, unde et spiritus"

Dem Herrscher einer Großmacht aus der Sphäre einer diesen fremden Religion zu bestellen, dass er jetzt einen neuen Gott über sich finde, der der einzig wahre sei (auch das eine gewaltige Irritation für röm.antike Glaubensvorstellungen) und der ihm seine Herrschaft nur verliehen habe, ist ebenso erstaunlich wie taktisch klug: anstatt einer vollständigen Verwerfung, einer unversöhnlichen Entzweiung wird dem Kaiser und in ihm dem I.R. ein neues Selbstverständnis angeboten. Wie phantasiert und jenseits historischer Verwirklichung um 200 n.u.Z. dieses Angebot auch immer gewesen sein mag, ist eine ganz andere Frage. Wenn Eusebius im 4. Jhdt. in der Vita Constantini schreibt: "In hunc modum universorum auctor et totius mundi moderator Deus Constantinum tali parente genitum, principem atque imperatorem per se ipse provexit: adeo ut, cum caeteri omnes aliorum suffragio hunc honorem consecuti sint, solus hic fuerit de cuius promotione nemo mortalium gloriaretur" , so gehört das doch dieser Vorstellung nach wie vor an, präzisiert es aber insofern als dass Konstantin , weil er dieses Angebot durch den Akt des Bekenntnisses und seine Frömmigkeit, die daraus entspringenden Taten (die - fälschlich unterstelle - Beendigung der Verfolgung etwa) quasi als erster angenommen habe, als vor anderen Herrschern in besonderer Weise gesegneter und ausgezeichneter in Erscheinung tritt.

Die andere Backe der Zange greift von "unten". In der von dir gebrachten und zu Recht als unverhohlene Drohung charakterisierten Stelle im Kap. 37 tritt zum Hinweis darauf, dass die Christen, wenn sie nur wollten auch eine zahlenmäßig überlegene irdische Streitmacht aufbieten könnten "si enim et hostes exsertos, non tantum vindices occultos agere velle[ent]" , Kaiser und
die Elite also Glück hätten , dass dieselben militärischen Gewaltverzicht leben würden, hinzu, dass sie sich längst im Gesellschaftskörper des Imperiums und seinen Institutionen, in den Städten und den Inseln, in der Verwaltung, im Militär, im Senat usf. befänden: [/i] "Hesterni sumus, et vestra omnia implevimus, urbes insulas castella municipia conciliabula castra ipsa tribus decurias palatium senatum forum; sola vobis reliquimus templa." [/i] Die Christen sind, obwohl Newcomer (hesterni: also eigentlich von gestern, aber hier im Sinn von "erst einen Tag alt"), schon überall vertreten und sie könnten das Imperium von innen her lahmlegen. Das ist sicher alles schamlos übertrieben und steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Stärke. Dennoch formuliert es einen Anspruch auf diese Weise, der einer religiöse Gruppe in Bedrängnis zunächst einen ungefährlicheren Platz im I.R. verschaffen soll, welcher allerdings mit der genannten Neudefinition der Legitimitätssphäre irdischer Herrschaft und der Empfehlung einer sittenstrengen Gemeinschaft einhergeht, der man nicht absprechen sollte Römer zu sein, weil sie längst überall sind.

Dass den nichtchristlichen Römern " sola vobis [reliquimus] templa ", mithin als einziger Wesensunterschied der Glaube geblieben ist, wirft auch ein Licht auf die Exposition der Entwicklung des Christianisierung, die sie an dem Punkt entschieden sieht, wo dieser Unterschied per Dekret in klare Verhältnisse gebracht wird, der römische Kaiser sich offen als christlicher bekennt und die, welche zu den nun ihrerseits
vom Herrscherhaus verlassenen Tempeln und ihren Göttern sich bekennen wollen "reliquos vero dementes vesanosque iudicantes haeretici dogmatis infamiam" . Schon von daher erscheint mir das Studium dieser Quellen für ein Verständnis wenigstens der mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen dieser Vorgänge aufschlussreich.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 14.05.2012 um 14:04 Uhr (Zitieren)
...einer religiösen Gruppe...
...der Christianisierung...
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 14.05.2012 um 18:44 Uhr (Zitieren)
Eine ganz kleine Anmerkung: Ein Religionslehrer unserer Schule hat Nachforschungen betrieben und die Vermutung gefunden, daß der Satz
τὸ αἷμα αὐτοῦ ἐφ' ἡμᾶς καὶ ἐπὶ τὰ τέκνα ἡμῶν
eine nachträgliche Einfügung in den Text des Evangeliums sei. Eine antijudaistische Einstellung des Matthäus wollte er damit nicht bestreiten.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικίσκος schrieb am 14.05.2012 um 19:02 Uhr (Zitieren)
Léon Poliakov (Geschichte des Antisemitismus. 8 Bde. Worms ²1979; Bd. 1, S. 15 ff.) hebt hervor:
- Der Bericht der Evangelien über den Prozeß Jesu enthält recht viele unwahrscheinliche und widersprüchliche Aussagen. [Poliakov spezifiziert sie nicht.]
- Nichts in der Lehre Jesu bildet vom jüdischen Standpunkt aus eine ausdrückliche Irrlehre, auch wenn er manchen Gesetzeslehrer schockieren konnte.
- Eine scharfe Abgrenzung der jüdischen Religion vom entstehenden Christentum resultiert erst aus a) der Aufhebung des Beschneidungsgebotes durch Paulus und b) dem einsetzenden Wettbewerb im Gewinnen von Anhängern im 2. und 3. Jhdt.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 14.11.2023 um 20:26 Uhr (Zitieren)
Keine Chance trotz der tollen Tipps.Links von mir kommt trotz meiner Versuche nur kaputt an.
Man kann diesen aber leicht selber finden:
https://de.wikipedia.org/ wiki › Antijudaismus_im_Neuen_Testament

Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.11.2023 um 16:48 Uhr (Zitieren)
Hmmmm, sonderbar.

Was passiert denn, wenn Du einen Link vollständig "zu Fuß" eingibst? (d. h. mit dem '/' als Trennzeichen); wird das in der Vorschau auch schon wieder als ' > ' wiedergegeben?
Was hast Du denn für einen Tastaturtreiber, bzw. bei "Eingabemethode" eingestellt?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.11.2023 um 17:34 Uhr (Zitieren)
Oder ist vor dem Absenden alles i. O. und erscheint erst im neuen Beitrag wieder falsch?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 15.11.2023 um 17:49 Uhr (Zitieren)
Die komplette Eingabe händisch habe ich auch versucht. In der Vorschau ist der Link dann schon halbiert. So:

https://de.wikipedia.org › wiki › Antijudaismus_im_Neuen_Testament

Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 15.11.2023 um 17:57 Uhr (Zitieren)
Auch diesen interessanten Artikel habe ich
händisch kopiert. In der Vorschau ist er bereits verstümmelt:
https://de.wikipedis.org ›wiki › Antike_Judenfeindschaft

Da waltet etwas Seltsames.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.11.2023 um 18:42 Uhr (Zitieren)
In der Tat, höchst seltsam.

Ad finem latinitatis meae perveni. Ich möchte vorschlagen, Du wendest Dich einmal an den Admin.
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Γραικύλος schrieb am 15.11.2023 um 18:47 Uhr (Zitieren)
Dabei steht es doch eigentlich so, daß man einen Link lediglich mit Rechtsklick kopieren und dann an der gewünschten Stelle mir Rechtsklick einfügen muß.
Ich habe Marcellas Problem nie verstanden. Hast Du mal jemanden gefragt, wer mit Dir an Deinem Computer sitzen kann?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.11.2023 um 18:54 Uhr (Zitieren)
So wie ich das verstehe, passiert genau beim Einfügen aus der Zwischenablage in das Eingabefenster die Substitution des kritischen Zeichens.

Marcella, wie sieht das aus, wenn Du einen Link in eine andere Umgebung, bspw. eine Textverarbeitung, einfügst? Bleibt der Text dort unverändert?
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
filix schrieb am 15.11.2023 um 22:52 Uhr (Zitieren)
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 17.11.2023 um 13:22 Uhr (Zitieren)
@Hallo, filix!

https://de.wikipedia.org/wiki/Antike_Judenfeindschaft


https://de.wikipedia.org › wiki › Antijudaismus_im_Neuen_Testament

Dein wunderbarer Trick funktioniert, jedenfalls in der Vorschau und beim ersten Link. Danke sehr! Ich bleibe dran!

@ στρουθίον οἰκιακόν: Links in andere Texte lassen sich, selbst wenn sie von mir kommen, einwandfrei transporteren. Nur hier im Forum klappt es nicht, beim Pan!

Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 17.11.2023 um 13:23 Uhr (Zitieren)
@Hallo, filix!

https://de.wikipedia.org/wiki/Antike_Judenfeindschaft


https://de.wikipedia.org › wiki › Antijudaismus_im_Neuen_Testament

Dein wunderbarer Trick funktioniert, jedenfalls in der Vorschau und beim ersten Link. Danke sehr! Ich bleibe dran!

@ στρουθίον οἰκιακόν: Links in andere Texte lassen sich, selbst wenn sie von mir kommen, einwandfrei transporteren. Nur hier im Forum klappt es nicht, beim Pan!

Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 17.11.2023 um 13:26 Uhr (Zitieren)
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
Marcella schrieb am 17.11.2023 um 13:27 Uhr (Zitieren)
Hurra!
Re: τὸ αἷμα αὐτοῦ
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 17.11.2023 um 22:06 Uhr (Zitieren)
Na, wenn das mal kein Fortschritt ist! Nu' aber mal nix wie ran an die Links, Marcella! ;-)
 
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