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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Griechen lieben Säulen (391 Aufrufe)
Οὔτις schrieb am 16.11.2018 um 20:41 Uhr (Zitieren)
Ich würde gerne einen „Faden“ eröffnen zur Frage, warum die Griechen die Säulen ihrer Tempel und Stoen und deren Vielzahl derart favorisiert haben. Ich habe allerhand gelesen zum Thema, aber die Überlegung, worin jenseits der reinen Funktionalität ihre Wirkung und Bedeutung bestehen mag, bleibt mir schleierhaft.

Sind proportionale Genauigkeiten oder sorgfältigste Kannelierungen Reverenz vor den Göttern oder am Ende raffinierte Schattenspielereien? Vieles lässt sich zu Aufwand und politischer Positionierung sagen.
Doch es bleibt die Frage: warum dieser Säulenreichtum.

Für Hinweise auf erklärende Quellen, Literatur und auch persönliche Vermutungen dankt οὔτις.
Re: Griechen lieben Säulen
Γραικίσκος schrieb am 17.11.2018 um 14:45 Uhr (Zitieren)
Was immer der Grund gewesen sein mag - nach meinem Eindruck ist die Verwendung von Säulen in Griechenland extrem; in Ägypten, Persien, Indien und China kommen sie ebenfalls vor, wenngleich seltener, in den Hochkulturen Amerikas nach meiner Kenntnis gar nicht.

Für die Herleitung dieser Einrichtung kommen m.E. Bäume bzw. Zeltstangen in Betracht, was aber klarerweise nicht Deine Frage beantwortet.
Re: Griechen lieben Säulen
Γραικίσκος schrieb am 17.11.2018 um 23:06 Uhr (Zitieren)
Übrigens sehe ich gerade, daß der Neue Pauly einen längeren Artikel über die Säule, beginnend mit Ägypten, bietet.
Auf Anhieb fällt mir auf, daß sie ursprünglich aus Holz war, sogar in Griechenland.
Über den von Dir erfragten Hintersinn der Säule finde ich (noch) nichts.
Re: Griechen lieben Säulen
filix schrieb am 17.11.2018 um 23:30 Uhr (Zitieren)
Ich fragte mich sogleich, wie diese Beobachtung zustande kommt und durch die Geschichte geformt ist. Halten wir griechische und römische Säulen in ihr überhaupt auseinander? Wie formt die Rezeption (Renaissance, Klassizismus) in Theorie und Praxis die Sicht auf dieses architektonische Element? Welche Rolle spielt die Prominenz der Säule in der Ruine, in der sie einen ganz anderen Charakter gewinnt als im unbeschädigten Bauwerk usf.

Man könnte dessen ungeachtet die symbolischen Funktionen der Säule (Verbindung zwischen Himmel und Erde, die stehende Figur des Menschen, der Phallus usf.) an die Frage nach ihrer Sichtbarkeit als architektonisches Element, das gleichsam das ganze Gebäude als Teil desselben ist, wie das in der mittelalterlichen Kathedrale beim Strebewerk oder in der modernen Architektur beim Stahlskelett der Fall ist, zurückbinden. Den darin liegt womöglich die spezifische Leistung antiker Architektur im Unterschied zu ihren schon aufgezählten Vorläufern (Ägypten, Persien).

Der geschichtsträchtige Kampf solcher struktureller Elemente um die Herrschaft über das Ganze lässt sich z.B. an der berühmten Chicago’s Tribune Tower Competition sehr anschaulich nachverfolgen
: www.archdaily.com/880899/how-chicagos-tribune-towe...
Einmal noch setzt sich im tatsächlich gebauten Entwurf gegen das Skelett, das eine Säule imitiert und die Säule, die ein Skelett camoufliert, das neogotische Strebewerk durch, das aber nicht vermag, aus sich diese Art des Bauens zu entwickeln. Die Zukunft wird anderen gehören.
Re: Griechen lieben Säulen
Οὔτις schrieb am 18.11.2018 um 10:03 Uhr (Zitieren)
Danke für die Hinweise. Über entlegene Votivtempel (Bassae) ließe sich nachdenken.

Die Rezeption heute bedeutet wohl „Solidität“, weniger „Herrschaft“.

Hierzu folgendes, falls jemand dringend Säulen benötigt:

www.saeulen.de/index.html
Re: Griechen lieben Säulen
filix schrieb am 18.11.2018 um 10:21 Uhr (Zitieren)
Dass der Klassizismus aus dem Katalog für jedermann in Beton und Gips daherkommt, ist natürlich konsequent.

Mit der Solidität der Säule spielt die zeitgenössische Architektur gerne - sie wird verschlankt, deformiert, vor allem aber ihrer Orthogonalität beraubt, sie bildet Dickichte statt geordnete Reihen usw.: www.dezeen.com/2013/10/29/fogo-island-inn-by-saund...

Re: Griechen lieben Säulen
Οὔτις schrieb am 18.11.2018 um 10:59 Uhr (Zitieren)
Über die religiöse, ästhetische, insbesondere politische Bedeutung klassischer Säulen können wir uns, falls erwünscht, erfreulich austauschen. Otto der Große ließ in Italien antike Säulen und Kapitelle aus spätrömischen Palästen und Villen herausbrechen und im Magdeburger Dom verbauen.

Doch wie steht es um den Anfang in Griechenland? Gibt es schriftliche Quellen hierzu?
Re: Griechen lieben Säulen
οὔτις schrieb am 09.01.2019 um 19:24 Uhr (Zitieren)
In einem sehr klugen Buch über die Barockarchitektur finde ich folgende zeitgenössische Interpretation der griechischen Säulen:

Als stärkste, „männlichste“ Säulenordnung galt die dorische. Sie fand Verwendung an militärischen Bauwerken, etwa Marställe, Zeughäuser.

Die ionische Ordnung galt als Zwischenform für gehobene Bauten, Landschlösser, Zusätze zu Residenzen, auch private Wohngebäude.

Die korinthische Ordnung war höchsten Bauaufgaben vorbehalten, Kirchen und Residenzschlössern.

Diese Formen des aptum waren Allgemeingut. Es bleibt zu vermuten, ob die schmuckvolle, aufwendig zu erstellende korinthische Säule eben deshalb zur höchstrangigen wurde.
Re: Griechen lieben Säulen
filix schrieb am 09.01.2019 um 20:41 Uhr (Zitieren)
Diese Charakterisierung der Ordnungen und ihre schematische Verknüpfung mit bestimmten sakralen oder profanen Bauaufgaben entspringt aber der Architekturtheorie der Renaissance (Serlio, Vignola, Palladio & Co), die die Ideen Vitruvs aufgreift (z.B. die anthropomorphe Deutung, die Zuordnung zu bestimmten Göttern) und im neuzeitlichen Kontext weiterentwickelt. So empfiehlt sich z.B. die schon in der Antike ob ihrer Schlankheit und Anmut als jungfräulich (oder besser: mädchenhaft) aufgefasste korinthische Säulengestalt (vgl. auch die Anekdote zur Entstehung des korinthischen Kapitells bei Vitruv De Architectura 4,1, 9f.) im christlichen Kontext nach Serlio etwa insbesondere für Kirchen, die der hl. Jungfrau (oder anderen keuschen Kandidaten) geweiht sind.
Re: Griechen lieben Säulen
οὔτις schrieb am 09.01.2019 um 20:51 Uhr (Zitieren)
Man dankt für diesen schönen Hinweis.

Schauen wir uns die neue James Simon Galerie auf der Berliner Museumsinsel an mit ihren dürftigen Säulen, so ist Kopfschütteln angesagt.
 
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