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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4 (780 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 28.10.2019 um 11:50 Uhr (Zitieren)
Dies ist der Höhe- und Schlußpunkt der Reihe: die "Göttergespräche" des Lukian. Witzig-ironisch erzählt. Köstlich die Eifersüchteleien unter den göttlichen Damen, vor allem aber die Chuzpe des Paris, als er verlangt, die Göttinnen mögen sich gefälligst nackt ausziehen, bevor er sein Urteil fällt. Und er, der gegenüber Hera und Athene betont, seine Entscheidung sei nicht käuflich, denkt sofort um, als Aphrodite an seine Eitelkeit als Mann appelliert.
Und hier endlich erfahren wir auch, was auf dem Apfel der Eris stand.
ZEUS. Hermes, nimm diesen Apfel und begib dich nach Phrygien zum Sohn des Priamos, dem Rinderhirten – er weidet die Herden auf der Gargaronkuppe des Idagebirges – und sprich zu ihm: „Dich, Paris, heißt Zeus, nachdem du selber schön bist und dich auf Liebesangelegenheiten gut verstehst (ἐπειδὴ καλός τε αὐτὸς εἶ καὶ σοφὸς τὰ ἐρωτικά), für die Göttinnen den Schiedsspruch fällen, welche von ihnen die schönste ist; als Preis soll die Siegerin den Apfel bekommen.“ Es ist aber auch für euch Göttinnen selber an der Zeit, zu dem Schiedsrichter euch zu begeben. Ich nämlich lehne den Schiedsspruch ab, da ich euch gleichermaßen liebe und, wäre es möglich, euch alle als Siegerinnen sehen möchte. Zudem müßte ich mich ja, gäbe ich einer den Schönheitspreis, mit der Mehrheit jedenfalls verfeinden. Deshalb bin ich selber allerdings kein geeigneter Schiedsrichter für euch, der junge Mann aber, der Phryger, zu dem ihr euch begebt, ist königlicher Abkunft und ein Verwandter unseres Ganymed, im übrigen ein schlichtes Naturkind (ἀφελής) vom Gebirge, und niemand könnte ihn für unwürdig einer solchen Schau erachten.
APHRODITE. Ich, Zeus, will, wenn du auch den Momos (Μῶμος ) selber uns zum Schiedsrichter bestellen würdest, getrost zur Schaustellung gehen; denn was könnte er an mir aussetzen? Es müssen aber auch diese beiden Göttinnen mit dem Menschen einverstanden sein.
HERA. Auch wir, Aphrodite, haben keine Angst, nicht einmal, wenn deinem Ares das Schiedsrichteramt anvertraut würde; aber wir sind auch mit diesem Paris einverstanden, wer immer er sein mag.
ZEUS. Bist auch du, meine Tochter, dieser Meinung? Was sagst du? Du wendest dich ab und wirst rot? Es ist doch etwas Eigenes um das Schamgefühl von euch Jungfrauen in solchen Dingen! Gleichwohl aber nickst du zustimmend. Geht also fort und ihr, die ihr unterliegt, zürnt nicht dem Schiedsrichter (μὴ χαλεπήνητε τῷ δικαστῇ) und tut dem Bürschchen kein Leid an; ihr könnt ja nicht alle in gleichem Grad schön sein.
HERMES. Gehen wir geradeaus auf Phrygien zu, ich voran, ihr aber folgt mir nicht zu langsam und seid getrost; ich kenne nämlich den Paris, er ist ein schöner junger Mann, im übrigen verliebter Natur (ἐρωτικός) und daher sehr geeignet, derartige Angelegenheiten zu beurteilen; sein Schiedsspruch dürfte also nicht schlecht ausfallen.
APHRODITE. Was du da sagst, ist ganz gut und in meinem Interesse, daß wir an ihm einen gerechten Schiedsrichter haben. Aber, ist er unverheiratet oder lebt eine Frau mit ihm zusammen?
HERMES. Ganz unverheiratet ist er nicht, Aphrodite.
APHRODITE. Wie meinst du das?
HERMES. Es scheint eine Frau vom Idaberge bei ihm zu sein, ein tüchtiges, aber bäurisches und schrecklich gebirglerisches Mädchen, er scheint jedoch nicht sehr aufmerksam gegen sie zu sein. Aber warum fragst du darum?
APHRODITE. Ich frage nur so nebenbei.
ATHENE. Du, du verletzt die Unparteilichkeit, wenn du solang unter vier Augen mit dieser dich besprichst.
HERMES. Das ist nichts Schlimmes, Athene, und nicht gegen euch gerichtet, sondern sie fragte mich nur, ob der Paris unverheiratet ist.
ATHENE. Welche Absicht hatte sie mit dieser neugierigen Frage?
HERMES. Ich weiß es nicht; sie sagt aber, daß es ihr nur so nebenbei in den Sinn kam und sie nicht absichtlich fragte.
ATHENE. Was also? Ist er unverheiratet?
HERMES. Anscheinend nicht.
ATHENE. Was weiter? Hat er ein Verlangen nach Kriegstaten und ist er ruhmsüchtig oder im ganzen nichts weiter als ein Rinderhirt?
HERMES. Die Wahrheit kann ich nicht sagen, muß aber vermuten, daß er als junger Mann wohl auch darnach strebt und der Erste in den Kämpfen sein will.
APHRODITE. Siehst du, ich tadle dich nicht im geringsten und mache dir auch keinen Vorwurf, daß du mit ihr unter vier Augen plauderst; so was würde für verdrießliche Leute passen und nicht für eine Aphrodite.
HERMES. Auch diese fragte mich so ziemlich um dasselbe; deshalb nimm es nicht übel und glaube nicht, im Nachteil zu sein, wenn ich auch dieser einfach antwortete. Aber mitten unter unseren Reden haben wir bereits eine große Strecke zurückgelegt, haben uns von den Sternen entfernt und sind beinahe in Phrygien. Ich sehe den Idaberg und die Gargaronkuppe ganz deutlich, und wenn ich mich nicht täusche, auch ihn selbst, den Paris, euren Schiedsrichter.
HERA. Wo ist er? Ich kann ihn nicht ausnehmen.
HERMES. Dort, Hera, schau nach links, nicht auf die Bergspitze, sondern seitlich, wo die Grotte ist, wo du die Herde siehst.
HERA. Aber ich sehe keine Herde.
HERMES. Wie sagst du? Siehst du nicht, wie Kälber hier in der Richtung meines Fingers mitten aus den Felsen herauskommen und ein Mensch von der Anhöhe mit dem Hirtenstab herabläuft und die Herde zu hindern sucht, sich weiterhin zu zerstreuen?
HERA. Jetzt sehe ich, wenn er es ist.
HERMES. Ja, er ist es; nachdem wir aber bereits nahe sind, wollen wir, wenn ihr einverstanden seid, die Erde betreten und zu Fuß weitergehen, damit wir ihn nicht aus der Fassung bringen, wenn wir aus unsichtbarer Höhe herabflattern.
HERA. Du hast recht, wollen wir so vorgehen! Da wir aber unten angekommen sind, wäre es Zeit für dich, Aphrodite, uns als Wegweiserin voranzugehen; du bist natürlich ortskundig, da du oft, wie es heißt, zu Anchises vom Himmel herabkommst.
APHRODITE. Deine spöttischen Worte sind mir, Hera, ganz gleichgültig.
HERMES. Nein, ich werde euer Wegweiser sein, denn ich verweilte selber auf dem Idaberg, zur Zeit, als Zeus in das phrygische Bürschchen verliebt war; ich kam, von ihm beordert, oft hierher, um nach dem Knaben zu spähen, und als er bereits in den Adler verwandelt war, flog ich mit ihm und half ihm die schöne Last zu tragen, ja, wenn ich es recht im Gedächtnis habe, entführte er ihn von diesem Felsen hier. Ganymed blies nämlich gerade auf seiner Rohrpfeife, seiner Herde zugewendet, da flog von rückwärts Zeus selber herab, umschlang ihn ganz leicht mit seinen Krallen, hielt seine Mütze im Schnabel und hob so den Knaben allmählich empor, der voller Aufregung mit zurückgewandtem Hals auf ihn blickte. Da hob ich die Rohrpfeife auf – er hatte sie nämlich vor Angst fallen lassen –. Aber da ist ja unser Schiedsrichter in unserer Nähe, also reden wir ihn an! Meinen Gruß, Rinderhirt!
PARIS. Ich grüße dich ebenfalls, junger Mann! Wer bist du, daß du zu uns gekommen bist? Wer sind diese Frauen, die du mitbringst? Sie sehen ja nicht darnach aus, als ob sie geeignet wären, im Gebirge herumzustreifen, da sie so schön sind.
HERMES. Aber es sind ja keine Frauen, vielmehr siehst du, Paris, die Hera, die Athene und die Aphrodite; und mich den Hermes hat Zeus hierher geschickt. Aber warum zitterst du und bis bleich? Habe keine Angst! Es handelt sich um nichts Schweres (χαλεπὸν γὰρ οὐδέν). Zeus heißt dich einen Schiedsspruch über ihre Schönheit fällen. „Da du nämlich“, sagt er, „selber schön bist und dich auf Liebessachen gut verstehst, stelle ich dir die Entscheidung anheim; den Preis des Wettbewerbes aber wirst du kennen, wenn du die Inschrift des Apfels liest.“
PARIS. Wohlan, ich will sehen, was sie bedeutet; DIE SCHÖNE, lautet sie, SOLL IHN BEKOMMEN (Ἡ ΚΑΛΗ ΛΑΒΕΤΩ). Mein Herr und Gebieter Hermes, wie könnte ich, selber ein Sterblicher und bäuerischer Mensch, in einer außergewöhnlichen Schau, die das Fassungsvermögen eines Rinderhirten übersteigt, Schiedsrichter sein? Solche Dinge zu beurteilen ist eher die Sache geschniegelter Stadtleute. Was mich betrifft, so könnte ich ein sachverständiges Urteil darüber fällen, welche von zwei Ziegen oder welches von zwei Kälbern schöner ist; aber diese Frauen sind alle im gleichen Grade schön und ich weiß nicht, wie man seine Blicke von der einen losreißen könnte, um auf die andere zu schauen; man kann ja nicht leicht freiwillig loskommen, sondern, worauf man einmal seinen Blick geheftet hat, dort bleibt er hängen und lobt das, was er vor Augen sieht, und geht er zu etwas anderem über, so sieht er, daß auch das schön ist, und bleibt dabei kleben, dann drängen sich aber wieder die nächsten Schönheitsmerkmale auf, kurz und gut, ich bin wie übergossen und umfangen von ihrer Schönheit und bedauere nur, daß ich nicht ebenfalls wie Argos Augen am ganzen Körper habe; ich glaube, ich würde eine gerechte Entscheidung fällen, würde ich allen den Apfel geben. Denn auch das kommt noch in Betracht, daß diese Zeus‘ Schwester und Gemahlin ist, diese beiden seine Töchter. Wie sollte also auch in dieser Hinsicht die Entscheidung nicht schwer sein?
HERMES. Ich weiß nicht; jedoch ist es unmöglich, Zeus‘ Befehl auszuweichen.
PARIS. Nur das eine, Hermes, rede ihnen ein, daß die zwei Besiegten mir nicht zürnen, sondern nur meinen Augen den Irrtum zuschreiben sollen.
HERMES. Sie sagen, sie werden so vorgehen; es ist aber für dich bereits an der Zeit, das Urteil abzugeben.
PARIS. Wir wollen es versuchen; denn was soll man da ma-chen? Das aber will ich vorher wissen, ob es genügen wird, sie so, wie sie sind, anzuschauen oder ob ich behufs der Genauigkeit der Untersuchung sie werde nötigen müssen, sich auszuziehen.
HERMES. Das wäre Sache des Schiedsrichters; befiehl, wie du willst!
PARIS. Wie ich will? Nackt will ich sie sehen (γυμνὰς ἰδεῖν βούλομαι).
HERMES. Zieht euch aus, ihr Frauen! Du aber schau sie an, ich wende mich ab.
HERA. Schön, Paris; ich werde mich zuerst ausziehen, damit du merkst, daß ich nicht bloß schöne Ellbogen habe oder mir zuviel einbilde, ‚farrenäugig‘ (βοῶπις) zu sein, sondern daß ich am ganzen Körper gleichmäßig schön bin.
<PARIS. Ziehe auch du dich aus, Aphrodite.>
ATHENE. Laß sie, Paris, nicht früher sich ausziehen, bevor sie auch den Zaubergürtel ablegt – sie ist ja eine Zauberin –, damit sie dich nicht durch ihn behext. Indes hätte sie auch nicht mit einem so hergerichteten und angestrichenen Gesicht wie eine wirkliche Hetäre erscheinen, sondern bloß ihre natürliche und ungekünstelte Schönheit zeigen sollen.
PARIS. Bezüglich des Gürtels haben sie recht, lege ihn ab.
APHRODITE. Warum legst nicht auch du, Athene, den Helm ab und zeigst dich mit bloßem Kopf, sondern schüttelst den Helmbusch und schreckst damit den Schiedsrichter? Oder fürchtest du, es könnte der Glanz deiner Augen ohne Schreckmittel keinen Eindruck machen?
ATHENE. Schau her, mein Helm ist abgelegt!
APHRODITE. Schau, da ist mein Gürtel!
HERA. Aber ziehen wir uns nun aus!
PARIS. O wundertätiger Zeus, was für ein Anblick, welche Schönheit, welche Wonne! Was ist das für eine Jungfrau! Wel-chen königlichen, ehrfurchtgebietenden und des Zeus wahrhaft würdigen Glanz strahlt diese andere aus! Und diese dritte schaut so süß drein und lächelt so reizend und verführerisch! Ich bin nun überglücklich. Wenn ihr aber einverstanden seid, so will ich auch jede für sich ansehen, da ich jetzt im Zweifel bin und nicht weiß, worauf ich schauen soll, weil meine Blicke, lasse ich sie umherschweifen, überall gefesselt werden.
APHRODITE. Wollen wir so vorgehen!
PARIS. Tretet also ihr zwei ab; du aber, Hera, warte.
HERA. Ich will warten, und wenn du mich genau gesehen hast, ist es dann für dich auch an der Zeit, auf anderes zu schauen, nämlich ob dir auch meine Gaben, die du für deine Stimme, wenn du sie mir gibst, bekommen sollst, schön vorkommen. Falls du mir nämlich den Schönheitspreis zuerkennst, wirst du Herr von ganz Asien sein.
PARIS. Mein Urteil ist nicht um Gaben feil. Aber tritt ab; das Ergebnis soll nämlich nur von meiner persönlichen Ansicht abhängen. Du aber tritt herzu, Athene.
ATHENE. Ich stehe schon neben dir; und dann, falls du mir, Paris, den Schönheitspreis zuerkennst, wirst du nie als Besiegter aus einer Schlacht abziehen, sondern immer als Sieger; ich werde dich nämlich zu einem siegreichen Krieger machen.
PARIS. Athene, ich brauche keinen Krieg, keine Schlacht (οὐδέν, ὦ Ἀθηνᾶ, δεῖ μοι πολέμου καὶ μάχης); es herrscht ja Friede, wie du siehst, in Phrygien und Lydien, kein Krieg um das Reich meines Vaters ist zu befürchten. Aber sei getrost! Du sollst nämlich nicht zu kurz kommen, auch wenn ich nicht um Geschenke meinen Schiedsspruch fälle. Aber zieh dich nun an und setz den Helm auf, ich habe dich genug gesehen. Es ist Zeit, daß die Aphrodite erscheint.
APHRODITE. Hier bin ich bei dir. Schaue alle Einzelheiten genau an, übergehe nichts, sondern hefte deine Blicke auf jedes meiner Glieder! Wenn du willst, du schöner Mann, so vernimm auch folgendes von mir: Ich habe schon längst gesehen, daß du ein schöner junger Mann bist, wie wohl kein zweiter in Phrygien heranwächst, und beglückwünsche dich zu deiner Schönheit, mache dir aber zum Vorwurf, daß du nicht diese Steine und Felsen verlassen hast, um in der Stadt zu leben, sondern deine Schönheit in der Einöde ruinierst. Denn was könntest du vom Gebirge und was könnten deine Kühe von deiner Schönheit haben? Du hättest auch schon heiraten sollen, nicht irgendein bäurisches Landmädchen, wie die Frauen im Idagebirge, sondern eine aus Griechenland, entweder von Argos oder von Korinth oder eine Lacedaemonierin , wie die Helena eine ist, jung und schön, die in keiner Hinsicht hinter mir zurücksteht und, was das wichtigste ist, verliebter Natur (ἐρωτική) ist. Wenn sie dich nämlich nur sähe, dann würde sie – ich weiß es wohl! – alles verlassen, sich dir in die Arme werfen, dir folgen und mit dir zusammenleben. Jedenfalls hast aber auch du etwas von ihr gehört.
PARIS. Nichts, Aphrodite; jetzt aber möchte ich gern von dir alles hören.
APHRODITE. Sie ist eine Tochter der schönen Leda, zu der Zeus als Schwan herabflog.
PARIS: Wie schaut sie aus?
APHRODITE: Sie ist weiß, natürlich, stammt sie doch von einem Schwan, und zart, da sie in einem Ei ausgebrütet wurde, ist in den meisten gymnastischen Spielen geübt und so begehrenswert, daß auch ein Krieg um ihretwillen entstanden ist, da sie Theseus noch als unreifes Mädchen geraubt hatte. Indessen gar erst, nachdem sie reif geworden war, fanden sich alle Fürsten der Achäer ein, um sie zu freien, vorgezogen wurde aber Menelaos aus dem Geschlechte der Pelopiden. Willst du, so werde ich dir die Ehe mit ihr zustande bringen.
PARIS. Wie meinst du? Die Ehe mit einer verheirateten Frau?
APHRODITE. Du bist jung und bäurisch, ich aber weiß, wie man so etwas bewerkstelligen muß.
PARIS. Wie? Ich will es nämlich ebenfalls wissen.
APOHRODITE. Du wirst eine Reise machen, angeblich um Griechenland zu sehen, und sobald du nach Lakedaimon gekommen bist, wird dich Helena sehen, das weitere aber mag deine Aufgabe sein, daß sie sich in dich verlieben und dir folgen soll.
PARIS. Gerade das scheint mir unglaublich, daß sie ihren Mann verlassen sollte, um mit einem Fremdling aus einem Barbarenland in See zu stechen.
APHRODITE. In dieser Hinsicht sei getrost! Ich habe zwei schöne Söhne, Himeros und Eros, diese werde ich dir als Weg-weiser mitgeben. Und Eros soll sich ganz auf sie stürzen und sie zur Liebe zwingen (ἀναγκάσει τὴν γυναῖκα ἐρᾶν), Himeros aber dich umfangen und dir gerade die Eigenschaft verleihen, die er selber hat, er soll dich nämlich reizend und begehrenswert machen. Ich werde aber auch selbst dabei sein und die Chariten bitten, mitzugehen, damit wir alle im Verein sie überreden.
PARIS. Wie das vonstattten gehen wird, ist mir unklar, Aphrodite. Jedoch ich liebe bereits die Helena, glaube sie, ich weiß nicht wie, lebhaft vor mir zu sehen, steuere auf Griechenland zu, weile in Sparta und kehre mit der Frau zurück – und bedaure, daß das alles nicht schon wirklich ist.
APHRODITE. Verliebe dich, Paris, nicht früher, bevor du meine Dienste als Brautwerberin und Brautführerin mit deinem Schiedsspruch vergolten hast. Es würde sich ja gehören, daß auch ich als Siegerin bei euch wäre, um zugleich eure Hochzeit und meinen Sieg zu feiern. Du kannst ja alles um diesen Apfel kaufen, die Liebe, die Schönheit, die Hochzeit (πάντα γὰρ ἔνεστί σοι, τὸν ἔρωτα, τὸ κἁλλος, τὸν γάμον, τούτου τοῦ μήλου πρίασθαι).
PARIS. Ich fürchte, du könntest dich nach dem Schiedsspruch um mich nicht mehr kümmern.
APHRODITE. Soll ich dir also einen Eid leisten?
PARIS. Keineswegs, sondern wiederhole dein Versprechen.
APHRODITE. Ich verspreche dir also, daß ich dir die Helena zur Frau geben werde, daß sie mitfahren und zu euch nach Ilion kommen wird, und ich werde selber dabei sein und überall mithelfen.
PARIS. Wirst du auch den Eros, den Himeros und die Chariten mitbringen?
APHRODITE. Sei ohne Sorge, auch den Pothos und den Hy-menaios werde ich dazunehmen.
PARIS. Also unter dieser Bedingung gebe ich dir den Apfel, unter dieser Bedingung nimm ihn hin.

Göttergespräche 20)
Re: Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4
Γραικίσκος schrieb am 31.10.2019 um 18:14 Uhr (Zitieren)
Ich möchte es einmal hervorheben, falls jemandem die Lektüre der Geschichte zu lang ist:
1. Einzig Lukian berichtet, was auf dem Apfel stand.
2. Es stand dort Ἡ ΚΑΛΗ ΛΑΒΕΤΩ - also kein Äquivalent für "Der Schönsten".

Das ist seltsam, denn schön sind sie ja alle drei. Vermutlich muß man den Sinn anders deuten, als es normalerweise geschieht.
Re: Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4
Γραικίσκος schrieb am 19.11.2019 um 10:17 Uhr (Zitieren)
Inzwischen ist mir klargeworden, daß diese Inschrift böser ist als die, von der man annimmt, daß sie auf dem Apfel gestanden habe:

- der Schönsten: Alle drei sind schön, aber eine ist die Schönste.
- der Schönen: Eine ist schön, die beiden anderen sind es nicht.
Re: Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4
mitleser schrieb am 20.11.2019 um 17:22 Uhr (Zitieren)
Wie lautet denn der griechische Text zu der Stelle "welche von ihnen die schönste ist; "? Dort wird zumindest von der schönsten gesprochen.
Ich denke, die Inschrift kann dennoch als Gabe für die schönste interpretiert werden, im Sinne von: Als Geschenk für die Schöne/Schönheit, die den Preis verdient hat, weil sie die schönste ist.
Und wären die anderen beiden nicht auch schön, bräuchte es ja eigentlich auch keinen Wettstreit/eine Entscheidung.
Re: Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4
Γραικίσκος schrieb am 20.11.2019 um 17:56 Uhr (Zitieren)
Wie auch immer die Stelle im Griechischen lautet - es ist Zeus, der diese Aussage macht, also der Ehemann und Vater der beteiligten Damen.
Damit befindet er sich in diesem Konflikt in einer gänzlich anderen Rolle als Eris, die für die Aufschrift auf dem Apfel verantwortlich und ihrer Natur nach böswillig ist.
Re: Die Überlieferungen des Paris-Urteils #4
Γραικίσκος schrieb am 21.11.2019 um 23:16 Uhr (Zitieren)
P.S.: Um einen Streit zu erzeugen, müssen sie nicht alle drei schön sein, sie müssen sich nur dafür halten.
 
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