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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Argos, der Hund des Odysseus (464 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 27.11.2019 um 15:39 Uhr (Zitieren)
Odyssee XVII, 290-327:
Solcherlei sprachen die beiden untereinander. Auf einmal
Hob da ein liegender Hund seinen Kopf und spitzte die Ohren.
Argos war es, ein Hund des standhaft klugen Odysseus.
Der hatte selbst ihn einstens gezogen; doch mußte er vorher
Fort nach dem heiligen Ilion, eh er ihm nützte. Und früher
Jagten die Jungen mit ihm auf Hasen und Rehe und wilde
Ziegen. Doch jetzt, da der Herrscher nicht da war, lag er verwahrlost
Mitten in Mengen von Mist der Bastarde und Rinder, der draußen
Reichlich um ihn sich häufte am Hoftor, bis ihn die Diener
Holten als Dung auf das riesige Gut des Odysseus. Da lag denn
Argos der Hund voll Ungeziefers, wie Hunde es haben.
Jetzt doch, als er Odysseus bemerkte, der nahe herankam,
Fing er an mit dem Schwanze zu wedeln und senkte die Ohren;
Doch seinem Herrscher noch näher zu kommen, fehlten die Kräfte.
Der aber blickte beiseite und wischte sich Tränen vom Auge,
Barg es geschickt vor Eumaios und fragte sogleich mit den Worten:
„Sag Eumaios, der Hund auf dem Mist da ist wahrlich ein Wunder!
Schön ist die ganze Gestalt, aber darüber bin ich mir nicht klar:
War er so schnell auch im Lauf, daß es paßte zu dieser Erscheinung?
Oder war es ein Hund, wie an Männertischen sie werden?
Nur um zu prunken halten die Herrscher sich dort solche Tiere.“
Antwort gabst du darauf und sagtest, Sauhirt Eumaios:
„Freilich, der Hund da gehörte dem Manne, der ferne den Tod fand.
Wäre er noch so an Gestalt und Leistung, wie ihn Odysseus
Hier hinterließ, als nach Troja er zog, du sähst seine Schnelle,
Sähst seine Kraft sich zu wehren und würdest dich eilig verwundern.
Niemals geschahs, daß ein Tier ihm entrann in den Schluchten der tiefen
Wälder, wenn er es verfolgte; er war der vortrefflichste Spürhund.
Jetzt freilich ist er mit Übeln beladen; sein Herr ist gestorben
Fern von der Heimat, und Sorge und Pflege versagen die Weiber.
So ja hält es der Knecht: Wenn der Herrscher nicht mehr die Macht hat,
Dann hat auch er keinen Trieb mehr zu tun, was an Leistung ihm zukommt.
Denn mit dem Tag, da der weithin blickende Zeus ihn versklavte,
Läßt er am Manne auch immer die Hälfte des Besten verkümmern.“
Also sprach er und ging in das Haus mit der trefflichen Wohnung,
Schritt durch den Männersaal gradwegs zu den adligen Freiern.
Argos indessen entraffte das Schicksal des schwarzen Todes,
Kaum daß Odysseus er wiedergesehen im zwanzigsten Jahre.
[Ἄργον δ‘ αὖ κατὰ μοιρ‘ ἔλαβεν μέλανος θανάτοιο,
αὐτίκ‘ ἰδόντ‘ Ὀδυσῆα ἐεικοστῷ ἐνιαυτῷ.]

Re: Argos, der Hund des Odysseus
Γραικίσκος schrieb am 28.11.2019 um 15:06 Uhr (Zitieren)
Es ist dies eigentlich die Geschichte der Zuneigung eines Hundes, nicht der eines Menschen - welcher, die Träne im Auge wacker unterdrückend, eben nicht zu seinem Hund geht und ihm ein letztesmal den Kopf krault, sondern beherrscht seinen Plan verfolgt, auf keinen Fall entdeckt zu werden.

Hätte denn ein Kopfkraulen seine Identität verraten?
Ich persönlich hätte eher gedacht: So sentimental gegenüber einem Hund? Das kann nicht Odysseus sein!

Dieser Mensch, der Mensch ist Verstellung. Ein Hund kann das nicht.
Re: Argos, der Hund des Odysseus
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 29.11.2019 um 13:21 Uhr (Zitieren)
Verstellung, ja. Aber so, wie Odysseus es anstellt, läßt er seinem treuen Hunde die würdigste Leichenrede halten, die man sich denken kann.
Verstellung also gewissermaßen auf des Messers Schneide: kalt und unsentimental wäre gewesen, wortlos vorüberzugehen.

Die Passage ist auch als Hinweis auf die Täuschbarkeit des Menschen lesbar, ein Hund ist in dieser Hinsicht nicht zu täuschen.
Re: Argos, der Hund des Odysseus
Γραικίσκος schrieb am 29.11.2019 um 14:42 Uhr (Zitieren)
Ja, das stimmt, auch so kann man die Passage lesen. Gut gesehen!

Wortlos vorüberzugehen, wäre gewiß noch kälter gewesen. Aber hier treffen, sieht man von der Träne ab, doch zwei Grundeinstellungen aufeinander: die der zweckrationalen Beherrschung (nur nicht zu früh entdeckt werden!) und die der reflexionslosen, spontanen Zuneigung.
 
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