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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
ΕΠΙΣΤΟΛΑΙ ΚΡΟΝΙΚΑΙ #4 (54 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 21.05.2020 um 23:35 Uhr (Zitieren)
Und hier der Schluß des Antwortbriefs des Kronos:
Und das ist noch kaum der tausendste Teil von all ihren Plagen! Kurz, wenn Ihr wüßtet, wie sehr ihnen das Leben durch Furcht und Sorgen verbittert wird, Ihr würdet Euch wahrlich nicht mehr wünschen, an ihrer Stelle zu sein! Und meinst Du denn außerdem, wenn es so etwas Herrliches wäre, ein großer und reicher Herr zu sein, ich wäre jemals so aberwitzig gewesen, mich dieser Vorteile zugunsten anderer zu entäußern, als Privatmann zu leben und mir von anderen Befehle geben zu lassen? Ich wußte recht gut, wie wenig ich opferte, als ich die Herrschaft [ἀρχή] abtrat , und bis jetzt hat es mich noch nicht gereut.

Du beklagst Dich ferner, die Reichen füllten sich mit Wildbret und köstlichem Backwerk, während Ihr Euch sogar an Festtagen mit Kresse, Lauch und Zwiebeln behelfen müßt. Laß sehen, mit welchem Grunde Du klagst! Im Augenblick des Essens ist – Euren guten Appetit vorausgesetzt – eins ungefähr so angenehm und mühelos wie das andere; aber was darauf folgt, ist ein großer Unterschied. Ihr steht am folgenden Tag nicht mit schwerem Kopfe auf wie sie, und Euer Magen beklagt sich nicht durch die unangenehmen Zeichen einer schlechten Verdauung, daß Ihr ihn gestern überladen habt. Sie hingegen, die sich überdies den größten Teil der Nacht mit Knaben und Weibern in Wollüsten aller Art herumgewälzt haben, schwelgen sich durch so mancherlei Exzesse leicht Schwindsucht, Lungenentzündung oder Wassersucht an den Hals. Oder kannst Du mir wohl einen von ihnen zeigen, der nicht so blaßgelb aussähe, daß er eher einem Leichnam als einem gesunden Menschen ähnlich wäre? Wo siehst Du denn einen von ihnen, der auf seinen eigenen Füßen ginge, falls er es selbst auf ein gewisses Alter brächte, und sich nicht von vier Menschen auf den Schultern tragen lassen müßte? Und der, wiewohl lauter Gold von außen, nicht wie die Tragödienkleider innen aus lauter elenden Lumpen zusammengeflickt wäre?

Freilich wißt Ihr nicht, wie ihre Fische schmecken; aber dafür wißt Ihr auch nicht, wie ihnen bei ihrem Podagra und ihrer Schwindsucht zumute ist, es müßte Euch denn so etwas aus irgendeiner anderen Ursache zustoßen. Zudem verliert auch dieses Wohlleben, weil sie es alle Tage führen, endlich jeden Reiz für sie, und Du könntest sie zuweilen ebenso lüstern nach Kohl und Lauchzwiebeln sehen, wie Du es nach Hasen und Wildschweinen bist.

Ich übergehe vieles andere, was ihnen das Leben verbittert: bald ein ungeratener Sohn, bald eine Frau, die es mit einem von den Hausbedienten hält, bald ein Liebling [ἐρώμενος], der ihre Zärtlichkeiten nur gezwungen duldet. Von allen diesen Plagen seht und wißt Ihr nichts. Ihr seht nur ihr Gold und ihre Purpurkleider, und wenn Ihr sie mit einem Zug milchweißer Schimmel so stolz daherfahren seht, sperrt Ihr den Mund auf und bückt Euch bis auf die Erde.

Wärt Ihr hingegen so klug, Euch nichts aus ihnen zu machen, Euch nicht nach ihrer silberbeschlagenen Kalesche umzusehen, nicht immer, wenn Ihr mit ihnen sprecht, nach dem großen Smaragd an ihrem Finger zu schielen und die Feinheit ihrer Kleider anzustaunen – kurz, ließet Ihr sie so reich sein, wie sie wollten, ohne Euch darum zu kümmern: ich glaube, sie würden wohl von selbst kommen und Euch zu Tisch bitten, um Euch ihre kostbaren Sofas und Tische und Trinkgefäße zur Schau zu stellen, die ihnen doch nichts helfen können, wenn sie nicht von anderen Leuten bewundert werden [ὧν οὐδὲν ὄφελος, εἰ ἀμάρτυρος ἡ κτῆσις εἴη]. In der Tat würdet Ihr finden, daß sie das meiste bloß Euretwegen haben: nicht um es selbst zu gebrauchen, sondern damit Ihr es bewundert.

Das alles sage ich Euch zum Troste, da ich das Leben der Reichen und der Armen kenne und glaube, Ihr solltet vornehmlich an meinem Feste bei Euch bedenken, daß Ihr binnen kurzem alle zusammen wieder aus der Welt gehen und sie ihren Reichtum, Ihr Eure Armut zurücklassen müßt [ὅτι μετ‘ ὀλίγον ἅπαντας δεήσει ἀπιέναι ἐκ τοῦ βίου κἀκείνους τὸν πλοῦτον καὶ ὑμᾶς τὴν πενίαν ἀφέντας].

Übrigens bin ich im Begriff, wie ich zugesagt habe, auch an sie zu schreiben, und ich zweifle nicht, daß meine Ermahnungen Gehör bei ihnen finden werden.

Es folgen ein Brief des Kronos an die Reichen sowie ein Antwortbrief der Reichen an Kronos.

(Horst Rüdiger (Hrsg.): Und bleibe mein Freund. Dokumente des menschlichen Herzens aus antiker Zeit. Zürich/München ³1983, S. 286-294)
 
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