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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Arbeit der Gräzisten (82 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 31.07.2020 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Mit dem sog. Mailänder Papyrus sind kurz vor der Jahrtausendwende 112 fragmentarische Epigramme entdeckt worden, bei denen sich die Forscher rasch einig waren, daß es sich um solche des bis dahin ganz dürftig erhaltenen Dichters Poseidippos handelt.

Der erste Schritt war die Entzifferung.
2001 konnte dieser Papyrus dann publiziert werden.

Die nun einsetzende Arbeit kann man sich am Beispiel des Epigramms 41 verdeutlichen.
Erhalten ist:
ἀετοῦ ἐ[...]χω[...]χ[...]ώνη
ὑψόθ[...]λὴ
ἀνδ[...]μιθανὴς δ' ἐὼν
ην[...]ς
λαβρ[...]νης
οστ[...]ος.

Dabei sind die Lücken unterschiedlich groß, was natürlich einen Hinweis auf das Verlorene gibt.

Daraus wird in Zusammenarbeit und Diskussion unter Gräzisten der folgende Rekonstruktionsvorschlag:
ἀετοῦ ἐ[ξ ὀνύ]χω[ν ἔπεσεν βριθεῖα] χ[ελ]ώνη
ὑψόθ[εν. ἐβλάφθη δ' εἰς μέσον ἡ κεφα]λὴ
Ἀνδ[ρομένους ἡ]μιθανὴς δ' ἐὼν
ην. [...]ς
λαβρ[... χελώ]νης
ὄστ[ρακον Ἀνδρομένης ὧδ' ἀνέθηκε σό]ος.

Bei der Rekonstruktion des Anfangs war die Annahme hilfreich, daß die ersten Worte wohl mit der Grabinschrift des Aischylos übereinstimmen, dem ja ein ähnliches Unglück mit einer Schildkröte widerfahren sein soll.

Nun kann man sich an eine Übersetzung auf der Basis der erarbeiteten Text-Hypothese wagen:
Aus den Krallen eines Adlers fiel eine schwere Schildkröte
von hoch oben herab. In der Mitte verletzt wurde der Kopf
des Andromenes [...] und da/obwohl er halbtot war
[...]
(heftig?) [...] hat Andromenes
den Panzer der Schildkröte, als er wieder gesund war, hier geweiht.

Da hat Andromenes - anders als Aischylos - offenbar Glück gehabt. Und die Forscher haben in mühevoller Kleinarbeit für das Ganze einen gewissen Sinn erschlossen.

Fundstelle:
Der Neue Poseidipp. Text - Übersetzung - Kommentar. Griechisch und deutsch. Herausgegeben von Bernd Seidensticker, Adrian Stähl und Antje Wessels. Darmstadt 2015, S. 179-181
Re: Die Arbeit der Gräzisten
Gast schrieb am 31.07.2020 um 16:56 Uhr (Zitieren)
Wieviel Arbeitszeit mag in so einer
Entzifferung stecken?
Wie geht man dabei vor?
Kann mir das jemand in groben Zügen erklären?
Re: Die Arbeit der Gräzisten
Γραικύλος schrieb am 31.07.2020 um 17:09 Uhr (Zitieren)
Und das ist nur eines von 112 Epigrammen eines einzigen Papyrus!

Mich erinnert es an eine kriminalistische Arbeit (minus Verbrechen): die penible Prüfung jedes einzelnen Details.

Man benötigt vergleichende Textkenntnis (hier: die Parallelstelle zu Aischylos), Kenntnisse von Vokabular und Grammatik sowie über den speziellen Sprachgebrauch der Zeit, des Dialekts und des Autors.

Ich weiß nicht, ob es inzwischen auch dafür Programme gibt, aber früher mußte man das alles im Kopf haben. Und worauf man nicht selber kommt, darauf kommt vielleicht ein Kollege.
Re: Die Arbeit der Gräzisten
Γραικύλος schrieb am 31.07.2020 um 17:11 Uhr (Zitieren)
Die Deutung des ἀνδ als Name Andromenos ist übrigens hypothetisch. Wie eigentlich auch manches andere.
Re: Die Arbeit der Gräzisten
Γραικύλος schrieb am 31.07.2020 um 18:39 Uhr (Zitieren)
Diskutiert wurde auch die Deutung von ὄστ als ὄστρακον und dann in einem weiteren Schritt die Bedeutung "Panzer einer Schildkröte", was es ja normalerweise nicht bedeutet.
 
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