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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Dionysos vs. Anonyme Alkoholiker (895 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 11.10.2009 um 20:54 Uhr (Zitieren)
David Foster Wallace (1962-2008) hat in seinem monumentalen Romane "Infinite Jest" ("Unendlicher Spaß") folgenden Abschnitt geschrieben, der (m)eine dionysische Einstellung zu Drogen (Alkohol z.B.) sehr grundsätzlich in Frage stellt:
[...]
- und dann sitzt man richtig in der Patsche, ganz tief in der Patsche, und das weiß man schließlich auch, ernsthaft tödlich tief in der Patsche, denn die Droge, die man für den einzigen wahren Freund hielt, für die man bereitwillig alles aufgegeben hat, die einem so lange die Schmerzen gelindert hat, die von Verlusten herrührten, die die Liebe zum Linderungsmittel verursacht hatte, diese Mutter, Geliebte, Göttin und Busenfreundin hat schließlich ihre Lächelmaske abgelegt und leere Augenhöhlen, einen hungrigen Rachen und Reißzähne bis dorthinaus enthüllt, sie ist das Gesicht im Boden, das grinsende wurzelweiße Gesicht deiner furchtbarsten Albträume, und das Gesicht ist jetzt dein eigenes Gesicht im Spiegel, du bist es, die Droge hat dich verschlungen oder ersetzt und ist an deine Stelle getreten, und jetzt wird euch das kotze-, sabber- und drogenverkrustete T-Shirt abgerissen, das ihr beide wochenlang getragen habt, und du stehst da und starrst, und in der wurzelweißen Brust, wo dein Herz (das du ihr weitergegeben hast) schlagen sollte, in der Mitte der offenen Brust und der leeren Augenhöhlen klafft nur ein lichtloses Loch, noch mehr Zähne, und eine lockende Krallenhand stellt etwas Unwiderstehliches in Aussicht, und jetzt merkst du, dass du gelinkt worden bist, königlich verarscht, man hat dir das Fell über die Ohren gezogen und dich beiseitegeworfen wie ein Stofftier, und jetzt bleibst du bis zum Sankt-Nimmerleinstag in der Haltung liegen, in der du gelandet bist. Jetzt merkst du, dass sie dein Feind ist, dein schlimmster Albtraum, und die Patsche, in die sie dich geritten hat, ist unbestreitbar, und trotzdem kommst du nicht davon los. Der Konsum der Droge gleicht jetzt dem Besuch einer Schwarzen Messe, aber trotzdem kommst du nicht von ihr los, obwohl sie dir gar keinen Rausch mehr verschafft. Du bist am Ende, wie man so sagt. Du wirst nicht mehr betrunken, und du wirst nicht mehr nüchtern; du wirst nicht mehr high, und du kommst nicht mehr runter. Du steckst hinter Gittern; du sitzt in einem Käfig und siehst auf allen Seiten nur Gitterstäbe. Du steckst in dem höllischen und heillosen Chaos, das ein Leben entweder beendet oder umkrempelt. Du stehst an einem Scheideweg, den die Bostoner AA Tiefpunkt nennen, obwohl der Begriff falsche Assoziationen weckt, denn alle sind der einhelligen Ansicht, dass man sich eher ohne Netz in großer Höhe befindet: Man steht am Rand von etwas Riesigem und beugt sich sehr weit vor ...
Wenn man auf die Gemeinsamkeiten achtet, dann scheinen die Drogenkarrieren all dieser Redner [bei den Anonymen Alkoholikern] am selben Klippenrand zu enden. Als Drogenkonsument ist man am Ende. Das ist das Sprungbrett. Jetzt hat man die Wahl. Entweder dekoriert man sich auf Dauer die Karte um - Klingen kommen da am besten, Pillen gehen auch, außerdem kann man natürlich in der an die Bank zurückgefallenen Garage des familienlosen Heims in aller Ruhe die Abgase des gepfändeten Autos einatmen. Mit Gewimmer, nicht mit Gewalt. Lieber sauber und leise und (da die ganze Drogenkarriere eine lange vergebliche Flucht vor dem Schmerz war) schmerzlos. Manche Alkoholiker und Drogensüchtige, die über 70 % der Suizide eines Jahres ausmachen, versuchen allerdings, mit einer letzten großen flamboyanten Geste abzutreten: Ein Mitglied der Weiße-Flagge-Gruppe ist seit Langem eine prognathische Lady namens Louise B., die ´81 v. SZ einen Umdekorierungssprung vom alten Hancock Building in der Innenstadt vollführte, aber nur sechs Stockwerke unterhalb vom Dach in einen thermischen Aufwind geriet und kreiselnd wieder hoch und durch die Rauchglasscheibe einer Suite der Arbitragefirma im 34. Stock geblasen wurde, wo sie bäuchlings und alle viere von sich streckend auf einem blankpolierten Konferenztisch liegen blieb, nur Schnittwunden und eine komplizierte Schlüsselbeinfraktur davontrug sowie die Erfahrung des Aufeinandertreffens von willentlicher Selbstauslöschung und äußerer Intervention, die sie zu einer fanatischen - fanatisch wie in Schaum vor dem Mund - Christin gemacht hat, weshalb man sie eher meidet und flieht, obwohl ihre AA-Geschichte der jedes anderen gleicht, allerdings spektakulärer und in Metro-Bostoner AA-Kreisen zum Mythos geworden ist. Wenn man also das Sprungbrett am Ende seiner Drogenkarriere erreicht, kann man zur Luger oder zum Messer greifen und sich die Karte umdekorieren - das geht mit sechzig, mit siebenundzwanzig und mit siebzehn -, oder aber man schlägt die Gelben Seiten ganz vorn auf, loggt sich im InterNet bei Psych-Svce File ein, tätigt morgens um 2.00 Uhr einen flennfeuchten Anruf und bekennt einer sanften Großelternstimme, dass man ein Problem hat, ein todernstes Problem, und die Stimme versucht, einen zum Durchhalten zu bringen, bis nach ein paar Stunden, noch vor dem Morgengrauen, zwei wohltuend ernste, unheimlich ruhige Typen in konservativer Kleidung vor der Tür stehen, lächeln und sich stundenlang mit einem unterhalten, und wenn sie gehen, weiß man kein Wort mehr von dem, was sie gesagt haben, nur das Wissen bleibt, dass sie einem einst unheimlich ähnlich waren und sich in derselben Lage fanden, absolut am Arsch, es jetzt aber irgendwie nicht mehr sind, am Arsch wie man selbst, zumindest hörte es sich nicht so an [...]

[Quelle: David Foster Wallace, Unendlicher Spaß. Köln 2009, S. 500-502)

Dieser Roman von D. F. Wallace, der sich im vorigen Jahr "die Karten umdekoriert" hat, ist schwer zu lesen, aber doch sehr empfehlenswert: große Literatur.
Re: Dionysos vs. Anonyme Alkoholiker
Γραικίσκος schrieb am 11.10.2009 um 23:09 Uhr (Zitieren)
Im Internet habe ich gelesen, daß Wallace nie über seine eigenen Depressionen und Suizidabsichten geschrieben habe, bevor er sich 2008 erhängt hat. Dabei ist sein Werk durchzogen von diesen beiden Themen - auch wenn sie nicht in der Ich-Form vorkommen. Was denken sich die Menschen, wie - in welcher Form - Schriftsteller eigene Erfahrungen und Probleme verarbeiten? In der Form des Ego-Jammerns?
Re: Dionysos vs. Anonyme Alkoholiker
John schrieb am 12.10.2009 um 00:14 Uhr (Zitieren)
In der Schule - ich hoffe, das passt zu dem, was Γραικίσκος sagen will - fand ich es immer schlimm, dass das lyrische oder epische oder wie auch immer Ich in Werken so behandelt werden konnte, als hätte es nichts im Geringsten mit dem Thema des Werkes zu tun. Was denken sich die Menschen? Die meisten großen Denker waren in gewisser Weise verrückt. So auch Hermann Hesse, der in einem seiner Bücher mal sagte, dass geniale Geister immer auch zerstreute Geister seien. Wenn nicht so, wie denn dann?
 
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