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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zu Alkibiades und Abaelard (193 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.04.2021 um 14:50 Uhr (Zitieren)
Vor der Renaissance, so Jacob Burckhardt, waren die Europäer nicht in der Lage, sich als Individuum zu erfassen: "der Mensch aber erkannte sich nur als Rasse, Volk, Partei, Korporation, Familie".

In einem längeren Artikel in der FAZ vom 3. April 2021 geht der Göttinger Historiker Frank Rexroth dieser Behauptung kritisch nach und nennt als die zwei großen Gegenbeispiele Alkibiades und Abaelard.

Das "Rätsel Alkibiades" scheint sogar mit der ungewöhnlichen Dreier-Konstellation in Sophokles' Spätwerk "Philoktet" zu tun zu haben.

Rexroth schreibt:
Wieso wendet sich Sophokles hier von dem Prinzip ab, eine Person in den Mittelpunkt zu stellen? Wieso experimentiert er im "Philoktet" stattdessen mit einer Konstellation dreier Figuren [sc. Philoktet, Odysseus, Neoptolemos], von denen jede für sich genommen nicht ohne die beiden anderen bestehen könnte?

Man hat vermutet, dass der fast neunzigjährige Dichter auf diese Weise eine reale Erfahrung verarbeitete, welche die Athener des Jahres 409 umtrieb. Dies war der "alle Schranken des Polisstaates sprengende Machtmensch" Alkibiades. Mehrfach wechselte er die Parteien und Positionen, machte etwa mit den Erzfeinden Athens gemeinsame Sache. Er, ein Mensch aus Fleisch und Blut, schien das Prinzip der Einheit der Person Lügen zu strafen. Man rätselte, ob es so etwas wie den Kern seiner Persönlichkeit gebe. Indem er sich rascher wandelte als ein Chamäleon, so sollte Plutarch später über ihn schreiben, habe er sich jederzeit geschickt seiner Umgebung angeglichen.

Das Erlebnis des Rätsels Alkibiades war es offenbar, das Sophokles dazu bewog, die Widersprüchlichkeit menschlicher Anlagen in drei sich wechselseitig neutralisierenden und sich dabei doch zu einem Ganzen fügenden Charakteren einzufangen, ausgestattet mit Eigenschaften, die erst in ihrem Aufeinandertreffen geschichtsmächtig wurden.

Fürs Mittelalter fällt mir außer Abaelard ("Si omnes patres sic, at ego non sic") noch Friedrich II. von Hohenstaufen ("Stupor mundi") ein, der in Rexroths Essay keine Erwähnung findet.
 
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