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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Warum Tiberius so böse geworden ist (76 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.06.2021 um 17:59 Uhr (Zitieren)
Otto von Freising, Chronik III 11 f.:
11. Im 34. Jahre nach seiner Fleischwerdung, als Tiberius noch Kaiser und in Jerusalem Pontius Pilatus Statthalter war, hat es der Herr auf sich genommen, den Weg seines Leidens anzutreten und auf dem Kalvarienberg außerhalb der Stadt am Rüsttag von den Juden den Heiden übergeben und in der sechsten Stunde gekreuzigt zu werden. Da entstand eine Finsternis nicht nur in Judäa, sondern auch in der ganzen Welt und dauerte von dieser Stunde an bis zur neunten, in der er den Geist aufgab, und, wie der Dichter sagt:
„Und nun fürchtete ewige Nacht die sündige Menschheit.“

Daß diese Verfinsterung nicht durch eine Sonnenfinsternis, sondern durch ein Wunder entstanden ist, das wird selbst für die Ungläubigen dadurch bewiesen, daß damals der vierzehnte Tag nach dem Neumond war. Auch ein Erdbeben geschah damals und zerstörte einige Städte Asiens, die deswegen von Tiberius von allen Abgaben befreit wurden. Ein Philosoph, wie man glaubt, Dionysios Areopagita , soll damals gesagt haben: „Der Gott der Natur leidet.“ Nach der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn berichtete Pilatus über seinen Wandel und seine Wunder, sein Leiden und seine Auferstehung dem Kaiser Tiberius.

Als Tiberius diesen Bericht erhalten hatte, beschloß er, daß er neben den anderen Göttern verehrt werden solle[,] und stellte beim Senat den entsprechenden Antrag. Dieser aber weigerte sich, die Anordnung des Kaisers anzunehmen, weil die Sache ihm nicht vorher zur Entscheidung vorgelegt worden sei, beschloß vielmehr, die Anhänger dieses Namens aus der Stadt auszuweisen. Aus diesem Grunde wurde der Kaiser aus einem höchst milden Fürsten eine wilde Bestie und befahl, viele Senatoren und Adlige zu töten.

So geschah es, daß über die, die den König Christus nicht annehmen wollten, der König Cäsar als Rächer kam. Man glaubt aber, dies sei auf Gottes Befehl geschehen, damit nicht der Anschein erweckt werde, als hätte der christliche Glaube von einem Ungläubigen seine Bestätigung und von einem irdischen Fürsten seine Beglaubigung erhalten.

In demselben Jahre wurde ein großer Fürst des Gottesstaates, Stephanus, von denselben, die den Herrn getötet hatten, gesteinigt. Die Juden, die Verfolger Christi, verwies Tiberius in Provinzen mit ungünstigem Klima, und die in der Stadt [Rom] Verbliebenen vertrieb er und überantwortete sie dauernder Knechtschaft.

„Das war der Not Anfang.“ Mit welchen Drangsalen sie entsprechend der Prophezeiung des Herrn später von den Römern heimgesucht worden sind, „weil sie die Zeit ihrer Prüfung nicht erkannt hatten“, werden wir berichten, wenn wir zu dieser Zeit gekommen sind.

12. Im Jahre 39 [sic!] nach der Fleischwerdung des Herrn starb Tiberius in seinem 23. Regierungsjahre an Gift. Auf ihn folgte Gajus Caligula als dritter Kaiser von Augustus an, der verruchteste aller bisherigen Menschen, der wahrhaftig den gotteslästerlichen Römern und den verfolgenden Juden zu ihrer Bestrafung gesandt worden zu sein scheint. [...]

Als er [Philo von Alexandrien] als Gesandter der Juden zum Kaiser kam, wurde er von diesem aus Haß gegen dessen Volk nicht nur abgewiesen, sondern der Kaiser befahl auch, daß der Tempel [der Juden] entweiht und er selber darin als Gott verehrt werde. Auch Pilatus wurde vom Kaiser so übel behandelt, daß er sich selbst mit dem Schwert getötet haben soll.

Siehe die gerechten und geheimnisvollen Gerichte Gottes: an seinen Feinden rächt er sich durch den ruchslosesten Menschen, und während er selbst unbeweglich bleibt, trium-phiert er durch die Wutausbrüche der Bürger der Welt über seine Feinde. [...]

(Otto Bischof von Freising: Chronik oder Die Geschichte der zwei Staaten. Übersetzt von Adolf Schmidt, herausgegeben von Walther Lammers. Darmstadt 51990, S. 233-237)

Die Quellen, die Otto von Fresing benutzt hat, sind Tertullian, Eusebius-Rufinus und Orosius.
Re: Warum Tiberius so böse geworden ist
Marcella schrieb am 08.06.2021 um 20:29 Uhr (Zitieren)
Tacitus und Tiberius´Zeitgenosse Velleius Paterculus standen dem Otto bei dieser Fleißarbeit ja nicht zur Verfügung. Die hätten einiges mehr Licht in die Entwicklung dieses schillernden Charakters gebracht, sind aber selber Partei. Und wie war Tiberius wirklich?

Und wie wäre es, wenn wir historisch gänzlich auf den Blick durch die Brillen später christlicher Zeloten angewiesen wären?


Danke nochmals für die weitgefächerte tägliche Versorgung mit interessanten Quellen!
Re: Warum Tiberius so böse geworden ist
Γραικύλος schrieb am 09.06.2021 um 14:09 Uhr (Zitieren)
Danke für den Dank.

Der Tiberius ist sicherlich einer der psychologisch interssantesten Kaiser.

Vgl.
https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=6984
 
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