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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Herakles am Scheidewege #1 (356 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 23.10.2021 um 12:35 Uhr (Zitieren)
Xenophon: Erinnerungen an Sokrates II 1, 21 ff.:
Im übrigen spricht sich der weise Prodikos in seiner Schrift über Herakles, die er bekanntlich auch sehr vielen vorträgt, ebenso über die Tugend aus und sagt etwas folgendes, soweit ich mich erinnern kann.

Er erzählt nämlich: Als Herakles vom Kind zum jungen Manne heranwuchs, in welchem Alter die Jünglinge bereits selbständig werden und offenbaren, ob sie sich für ihr Leben dem Weg der Tugend [τὴν δι‘ ἀρετῆς ὁδόν] zuwenden werden oder dem des Lasters [τὴν διὰ κακίας], da sei er in die Einsamkeit gegangen und habe sich niedergesetzt und unschlüssig überlegt, welchen von beiden Wegen er einschlagen solle.

Und es seien ihm zwei Frauen von großer Gestalt erschienen und auf ihn zugekommen, die eine schön anzusehen und edel in ihrem Wesen, deren Schmuck Reinheit der Haut, Schamhaftigkeit der Augen und Sittsamkeit der Haltung waren, und in weißem Gewande; die andere dagegen wohlgenährt bis zur Fülle und Üppigkeit, die Haut geschminkt, so daß sie sich weißer und rosiger darzustellen schien [δοκεῖν φαίνεσθαι], als sie war, die Haltung so, daß sie aufrechter zu sein schien als von Natur, die Augen weit geöffnet, und in einem Kleid, in dem ihre jugendlichen Reize besonders vorteilhaft in Erscheinung treten sollten; und sie habe wiederholt sich selbst betrachtet und auch darauf geachtet, ob ein anderer sie anschaue, und oft habe sie nach ihrem Schatten geblickt.

Als sie nun näher zu Herakles gekommen waren, da sei die zuerst Genannte in derselben Weise weiter gegangen, die andere dagegen sei vorausgeeilt, um ihr bei Herakles zuvorzukommen, und habe gesprochen: Ich sehe dich Herakles, unentschlossen, welchen Lebensweg du einschlagen sollst. Wenn du nun mich zur Freundin wählst [ἐὰν οὖν ἐμὲ φίλην ποιήσῃ], dann werde ich dich auf dem angenehmsten und bequemsten Wege geleiten, und keine Lust soll dir unbekannt sein, und von Beschwerden sollst du dagegen dein Leben lang nichts erfahren.

Den vor allem sollst du dich nicht um Kriege und Geschäfte kümmern [οὐ πολέμων οὐδὲ πραγμάτων φροντιεῖς], sondern du sollst fortwährend überlegen, was du Angenehmes zum Essen oder zum Trinken findest, was dir Freude macht [τί ἂν κεχαρισμένον] zu sehen oder zu hören, was zu riechen oder zu betasten dir gefällt, mit welchen Jünglingen zu verkehren dir am meisten Genuß bereitet, und wie du am weichsten schlafen und am mühelosesten zu all dem gelangen kannst.

Wenn dich aber jemals irgendwie die Sorge beschleichen sollte, es könnte Mangel daran eintreten, so brauchst du nicht zu befürchten, ich würde dich veranlassen, dies durch Anstrengungen und Mühen für Leib und Seele zu beschaffen, sondern was die anderen erarbeiten, das sollst du genießen [ἀλλ‘ οἷς ἂν ἄλλοι ἐργάζωνται, τούτοις σὺ χρήσῃ], indem du nichts zurückweist, woraus man irgendwie Gewinn ziehen kann; denn ich gebe meinen Freunden die Möglichkeit, aus allem Nutzen zu ziehen.

Re: Herakles am Scheidewege #1
Γραικύλος schrieb am 23.10.2021 um 16:08 Uhr (Zitieren)
Dieser Prodikos ist der hier erwähnte Sophist:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=8147#4
 
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