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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Im Himmel (654 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.12.2021 um 14:16 Uhr (Zitieren)
Einer meiner Bekannten, der es mit dem Christentum sehr ernst nimmt, kann nicht verstehen, daß ich keinerlei Interesse daran habe, in seinen Himmel zu kommen – selbst jetzt nicht, wo er mir versichert hat, ich käme dort nicht in meinem jetzigen, renovierungsbedürftigen Zustand hin, sondern als knackiger 25jähriger, der ich einst – man glaubt es kaum – tatsächlich war.

Nun steht es nicht so, daß ich überhaupt keine Vorstellung von einem Himmel als ersehntem Ort hätte. Hier ist sie:

Als junger Mann von Stand und Vermögen möchte ich für ein Jahr im Rom zur Zeit des Kaisers Augustus leben. Augustus ... Pax Augusta, keine Kriege, bitte – ich bin so vulnerabel.

Dort sähe ich mir die Stadt an, die damals umgebaut und prachtvoll ausgestattet wurde. Das Pantheon könnte ich in seinem ursprünglichen Zustand bewundern, Thermen besuchen, am geschäftigen Treiben auf den Foren teilnehmen, Kulthandlungen in den zahlreichen Tempeln verfolgen. Möglicherweise stünde auch gerade – trotz Pax Augusta – ein feierlicher Triumphzug an. Ich würde die Bekanntschaft der zu dieser Zeit lebenden Schriftsteller suchen: Vergil, Horaz, Ovid. Der mir liebste von allen, Catull, wäre dann freilich leider schon tot.

Anschließend würde ich, ebenfalls für ein Jahr, Aufenthalt in Kampanien nehmen. Besonders die Bucht von Neapel mit ihren extravaganten, am Meer gelegenen Villen reizt mich. Der Hafen der römischen Kriegsflotte in Misenum muß spektakulär anzusehen sein, wobei ich freilich auf ein Proberudern verzichten könnte. Aber in Baiae, dem Kult-Badeort der Antike mit seinen hoch- und halbseidenen Gestalten, würde ich mich tummeln. Und ja, ich nähme gerne an zwei oder drei Orgien teil, für die Baiae damals berühmt war. Warum auch nicht? Die Sünde war ja noch nicht erfunden.

Abgerundet würden die Eindrücke durch ein halbes Jahr auf der malerischen Insel Capri, möglichst als Gast in der Villa Iovi, hoch oben auf der Klippe, mit einem überwältigenden Fernblick auf die Bucht.

Nach diesen zweieinhalb Jahren wäre es dann genug. Länger ertrüge ich, kulinarisch gesehen, das allgegenwärtige Ketchup der Antike, die garum genannte Sauce aus fermentiertem Fisch, wohl nicht. Nicht ohne Grund lagen die Produktionsstätten für garum weit außerhalb von Ortschaften.

Wie ich mich allerdings kenne, wäre das alles, was hier so problemlos klingt (ein Himmel eben), letztlich doch nicht ohne Drama abgegangen. Vermutlich hätte ich mich in eine reizende Römerin verliebt und stünde dann vor der bedrückenden Wahl, bei ihr zu bleiben oder der Fischsauce zu entkommen.

Sollte sich der eingangs erwähnte Christ entschließen, an dieser Zeitreise teilzunehmen, würden sich unsere Wege gewiß bald trennen. Ihn zöge es nach Judäa, wo er in Bethlehem die einschlägigen Ställe aufsuchen würde und bei ihnen in Wartestellung ginge.

So verschieden kann der Himmel sein.
Re: Im Himmel
filix schrieb am 11.12.2021 um 17:15 Uhr (Zitieren)
25? Der Jugendwahn macht auch vor nichts halt, beim Aquinaten hieß es noch: In aetate autem Christi, quae est aetas iuvenilis, oportet omnes resurgere, propter perfectionem naturae quae in hac sola aetate consistit. (SCG 4.88) +/-33 war zu dessen Zeit auch noch mezzo del cammin di nostra vita, während der paradiesische Körper des Bekannten höchstens ein Drittel des Lebenswegs zurückgelegt hat.
Re: Im Himmel
Marcella schrieb am 11.12.2021 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Körperliche Auferstehung als 33jähriger, wir allesamt? Gibt es auch pralle Hormonausstattung der Körper? Dann wäre der Himmel bald wohl nicht mehr paradiesisch. Weiß der Aquinat, ob die anderen körperlichen Unterschiede auch nivelliert werden, welche hienieden bisweilen auch zu Missgunst führen. Sind wir dann Klone?
Re: Im Himmel
Andreas schrieb am 11.12.2021 um 18:06 Uhr (Zitieren)
Der Mensch der Zukunft wird eine Von- Neumann-Sonde sein oder er wird nicht mehr sein.

https://de.wikipedia.org/wiki/Von-Neumann-Sonde

Außerdem gibt es eine Physik der Unsterblichkeit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Frank_J._Tipler#Thesen_von_Die_Physik_der_Unsterblichkeit

Wer's glaubt, wird unsterblich selig.
Re: Im Himmel
filix schrieb am 11.12.2021 um 20:19 Uhr (Zitieren)
Beim Aquinaten der SCG gibt es für die corpora resurgentium, die ihr Geschlecht und auch die Mägen zwar behalten, aber nur insoweit diese ein Gestaltungsprinzip der natürlich vollkommenen Schöpfung* sind, nicht ihrer Funktion nach, weder Sex noch Essen, die verklärten unsterblichen Körper des Paradieses sind von solchen animalischen Begierden gereinigt, da in ihnen die Form über die Materie herrscht, i.e. der Geist bzw. die Seele den Körper vollständig dominiert. Das ergibt überdies auch totale Immunität gegen alles Böse.

Diese Kriterium für Perfektion - tanto enim aliquid perfectius est in natura, quanto eius materia perfectius subditur formae - findet man unter anderen Vorzeichen in der zeitgenössischen Verklärung der Körper wieder, nur dass die sich nicht im Himmel, sondern in der nicht minder transzendenten Sphäre des Virtuellen tummeln, wo Millionen Fitfluencern und co nacheifern, deren tägliche Predigten von der Unterwerfung unter ein Bild leiblicher Vollkommenheit mittels Workouts, Diätetik und Styling handeln, das manchen ähnlich prüde und von aller Lust gereinigt erscheint wie jenes hochmittelalterlicher Paradiesvorstellungen.


* Für das weibliche Geschlecht, das manche Theologen als defizient lieber vor die Pforten des Paradieses verbannt hätten, gilt nach Thomas von Aquin, dass es zwar schwach bzw. mangelhaft, diese Mangelhaftigkeit jedoch intendiert ist in der Schöpfungsordnung: Similiter etiam nec infirmitas feminei sexus perfectioni resurgentium obviat. Non enim est infirmitas per recessum a natura, sed a natura intenta. Et ipsa etiam naturae distinctio in hominibus perfectionem naturae demonstrabit et divinam sapientiam, omnia cum quodam ordine disponentem. (SCG 4.88)
Re: Im Himmel
Γραικύλος schrieb am 11.12.2021 um 22:42 Uhr (Zitieren)
SCG = Summae contra gentiles libri quattuor.
Das gibt mir die Gelegenheit, recht alte und selten benutzte Bücher aus dem Regal zu ziehen.
Re: Im Himmel
Marcella schrieb am 12.12.2021 um 18:22 Uhr (Zitieren)
Die Schwäche des weiblichen Geschlechtes zeige erst recht das Vollendete? Da kriege ich nur schwer einen Sinn zu fassen.
Gottes unergründlicher Plan und Absicht ist, von vornherein Menschen defizitär zu schaffen, weil er Rangordnungen so liebt. Es ist aber kein guter Plan und keine liebevolle Absicht. Gerecht ist es auch nicht. Aber er hält es für vollendet und weise.
Es ist kein guter Gott, der uns Frauen keine Chance auf Wertschätzung lässt - folgt man Thomas. Zum Glück gibt es diesen demiurgischen Gott wohl nicht, der von vornherein Minderwertiges schafft und das für perfekt hält.
Re: Im Himmel
Johannes schrieb am 12.12.2021 um 19:50 Uhr (Zitieren)
Es ist kein guter Gott,

Und nicht der Gott des Nazareners.

vgl:
Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten
Die wahre Geschichte von Jesus, Maria Magdalena und Judas, 2021.
Re: Im Himmel
aurora schrieb am 13.12.2021 um 08:02 Uhr (Zitieren)
Der Autor ist der Journalist, Moderator ("Report") und Buchautor
Dr. Franz Alt, der u.a. auch Theologie studiert hat.
Bekannt wurde er durch Bücher wie "Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt",
"Liebe ist möglich. Die Bergpredigt im Atomzeitalter." und "Jesus – der erste neue Mann."
Re: Im Himmel
arbiter schrieb am 13.12.2021 um 13:19 Uhr (Zitieren)
Den weinnwew ich noch als den großen Salbader.
Zitate: Fritz Rumler in seiner Kritik an Alts Werk Jesus – der erste neue Mann, aufgrund dessen er Alt „sektiererisches Sendungsbewusstsein“ attestierte: „Denn unter den verschiedenen Titeln quillt immer die gleiche Suada, aus Bekennerwut und Bekehrungsfieber, Hochmut des Gerechten und Zerknirschung des Sünders, Ratio-Feindlichkeit, New-Age-Besserwisserei samt Katalog der Katastrophen; eine spirituelle Anbauküche, in der es nach Sektierertum und Gestern riecht
„Andächtig hobelt er seine Sinnsprüche vom großen Weisheitsklotz, und jeder Satz ist ein moralisches Ausrufezeichen"
 
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