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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Erweiterung des Horizonts durch Sprache (846 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 16.12.2009 um 13:27 Uhr (Zitieren)
[...] Ich ging durch die Stadt und notierte die Inschriften von Schildern, die Namen der Waren in den Geschäften, Wörter, die ich an Autobushaltestellen aufschnappte. Im Kino schrieb ich blind, im Dunklen, die Wörter auf der Leinwand mit, ich schrieb die Losungen von den Transparenten ab, die Demonstranten durch die Straßen trugen. Ich erfaßte Indien nicht über Bilder, Töne oder Gerüche, sondern über die Sprache, noch dazu nicht über die heimische Sprache, Hindi, sondern eine fremde, aufgezwungene Sprache, die jedoch so weit heimisch war, daß sie für mich den unverzichtbaren Schlüssel zu diesem Land darstellte, mit ihm identisch war. In der ersten Runde war mein Kampf mit Indien eine Auseinandersetzung mit der Sprache. Ich begriff, daß jede Welt ihr eigenes Geheimnis besitzt und daß der Zugang zu diesem nur über die Sprache möglich ist. Ohne sie bleibt uns diese Welt unzugänglich und unverständlich, auch wenn wir viele Jahre in ihr zubringen. Mehr noch – ich stellte eine Verbindung fest zwischen Benennen und Existieren, denn nach meiner Rückkehr ins Hotel wurde mir bewußt, daß ich in der Stadt nur das gesehen hatte, was ich benennen konnte, so erinnerte ich mich zum Beispiel an eine Akazie, jedoch kaum an den Baum daneben, dessen Namen ich nicht kannte. Kurz gesagt, ich begriff eines: Je mehr Wörter ich kannte, um so reicher, umfassender und verschiedenartiger würde sich die Welt mir darstellen.

[Quelle: Ryszard Kapuściński, Meine Reisen mit Herodot. Frankfurt/Main 2005, S. 32 f.]
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
John schrieb am 16.12.2009 um 15:08 Uhr (Zitieren)
Der Text beweist doch den Nominalismus, oder?
Er erinnert sich nur an das, was er benennen kann. Der Baum daneben steht da, aber weil er nicht zu benennen ist, existiert er solange nicht, bis er einen Namen in einer bestimmten Sprache hat?
Als ich im Studium das erste mal etwas vom Streit um die Universalien gehört hatte, hab ich mich gefragt, warum er überhaupt geführt wird und wie man auf solche "Ideen" kommt.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
ανδρέας schrieb am 16.12.2009 um 18:10 Uhr (Zitieren)

Der Mensch denkt in Sprache. Ein 100 € - Schein kennt Hotels, Spielkasinos, Nobelrestaurants und Juwelierläden. Kirchen und Wohltätigkeitsveranstaltungen würde er sich wohl von einem 5 € - Schein umständlich erklären lassen müssen ...
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
kornelia schrieb am 16.12.2009 um 18:37 Uhr (Zitieren)
"Kurz gesagt, ich begriff eines: Je mehr Wörter ich kannte, um so reicher, umfassender und verschiedenartiger würde sich die Welt mir darstellen."

....und eine solche Erkenntnis hat 'die Kirche' stark gemacht! Sie nahm sämtliche Worte für sich in Anspruch und hielt sie für das gemeine Volk unter Verschluss! Sehr mächtig, in der Tat!
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
John schrieb am 16.12.2009 um 21:54 Uhr (Zitieren)
Sie nahm sämtliche Worte für sich in Anspruch

Welche denn? Und was hat das mit dem Text zu tun?
Das "gemeine" Volk hat sich seine Sprache schon selbst gestaltet und genau dort entstand und entsteht Sprache auch: vorbei an Institutionen - auf den Straßen.
Das Flaggschiff dieser Bewegung ist Dantes Göttliche Komödie.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
Γραικίσκος schrieb am 16.12.2009 um 22:32 Uhr (Zitieren)
Wenn Worte über unsere Welt bestimmen, dann hat die Macht, wer die Worte kontrolliert. Da besteht schon ein klarer Zusammenhang zwischen der Aussage des Textes und dem, was Kornelia meint. Und wenn die Kirche irgendeine Macht innegehabt und eifersüchtig gehütet hat, dann war es die Macht über das Wort.
Ich, John, bin nicht nur auf kirchlichen Schulen gewesen (welche lange, allzulange die einzigen Schulen überhaupt waren), ich habe auch noch den "Index librorum prohibitorum" und einiges andere erlebt, wovon heute gerne geschwiegen wird. Sei's drum. Aber laß uns nicht so tun, als ob es das nicht gegeben hätte jahrhundertelang und als ob die 'gute', die protestantische Kirche mit der Macht über das Wort nichts am Hut gehabt hätte.
Ich entlasse die Kirchen nicht aus dieser historischen Verantwortung, Menschen mit Worten manipuliert und beherrscht zu haben.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
Γραικίσκος schrieb am 16.12.2009 um 22:43 Uhr (Zitieren)
Denke nur an das Wort 'Hölle' (wie oft mag ich es zu hören bekommen haben?) - eine völlig fiktive Entität, mit welcher man Menschen wunderbar beherrschen kann.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
John schrieb am 16.12.2009 um 22:51 Uhr (Zitieren)
Das stimmt wohl. Ich wollte ja gerade darauf hinweisen, dass das Volk seine Sprache vorbei an Kirche entwickelte und sich von ihr nicht hat einschüchtern lassen. Wenn der Klerus regiert, ist die verbleibende Privatsphäre in der Sprache am deutlichsten zu beobachten.
Trotzdem wehre ich mich gegen eine Sichtweise, die den Protestantismus - der ja humanistischer nicht sein kann und mit dem Humanismus einher ging, obwohl er auch singulare Eigenschaften aufweist - so herab klassifiziert.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
Γραικίσκος schrieb am 16.12.2009 um 22:55 Uhr (Zitieren)
An meinem eigenen Leibe habe ich den Protestantismus nicht erlebt - Nietzsche schon, und sein Urteil ist nicht günstig: "die "Halbseitenlähmung des Christentums".
Ein Kollege von mir, der intensive Erfahrungen mit dem Pietismus gemacht hat, urteilt ... deftig darüber. Es gibt auch sublimen Terror.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
John schrieb am 16.12.2009 um 23:00 Uhr (Zitieren)
Ich habe aber wirklich keine Erfahrungen mit katholischer Erziehung und kann nur, wahrscheinlich sehr blauäugig, urteilen.
Bitte entschuldige, wenn ich da euphorisch bin. Es kann doch nicht sein, dass Höllenvorstellungen so verkündigt werden, dass die Botschaft, die das Gegenteil der Hölle und damit εὐαγγέλιον ist, so... verstümmelt wird.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
John schrieb am 16.12.2009 um 23:05 Uhr (Zitieren)
Wenn ich lese, was Du sagst, ist es manchmal schwer, meine Gedanken so frei zu formulieren, wie ich es für gewöhnlich tue. Aber irgendwie bin ich so überzeugt vom Guten des Evangeliums, dass es gar nicht in meinen Kopf passen will, was alles damit angestellt wird...
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache-oder auch nicht
ανδρέας schrieb am 17.12.2009 um 19:15 Uhr (Zitieren)
Ob der Horizont durch Sprache immer erweitert wird, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Adenauer hat mal gesagt, wir lebten alle unter dem selben Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.

Gerade in der politischen Sprache glaube ich eher eine Reduzierung des „Horizonts“ durch Sprache zu erkennen. Hier geht es meist um die Verkürzung eines Sachverhalts in der Absicht, die Deutungshoheit über die Wirklichkeit oder ihre Interpretation zu erlangen. Man denke an allerlei Euphemismen (z.B. „Kollateralschaden“), mehr noch an Dysphemismen (z.B. „Tätervolk“, „Besserverdiener“, „Geldadel“, „Imperialist“ u.a. ), die eine Deutung sogleich mitliefern und ausschließlich darauf abzielen, den Diskurs unmittelbar abzutöten. Wer da nicht aufpasst, steht diskreditiert in der Ecke und muss hinnehmen, dass alle mit dem Finger auf ihn zeigen, weil keiner mehr die Wahrheit hinterfragt. So hat z.B. der „Neoliberalismus“ als Begriff in den 90.ger Jahren eine Umdeutung in sein Gegenteil erfahren – ursprünglich als Abkehr vom klassischen Liberalismus gedacht, indem der Staat mäßigend ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen sollte, wurde er nun als Renaissance des „Manchesterliberalismus“ dargestellt. Dies ist ein typisches Beispiel für eine Kampagne, die mit einem einzigen Begriff, dem „Totschlagargument“ (auch das ist ja nur der Slogan, um sich zu wehren), andere Meinungen im Keim an ihrer Ausformulierung hindert. Plakatierung, Slogan und Überschriftenstereotype prägen doch heute die öffentliche Diskussion. Und da nun viele Leute mit dem Hintergrund des Gesagten nicht allzu viel anfangen können, ist der Manipulation durch Sprache der „Horizont“ offen.
Dies scheint mir genau der sokratische Sündenfall zu sein: wir denken nur zu wissen, worüber wir reden. Lauter Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat. Aber keine Antworten auf wichtige Fragen, weil man sich ja gar nicht erst traut – oder zumutet – sie zu stellen. Die Qualität der Auseinandersetzung bleibt als „Kollateralschaden“ auf der Strecke. Sie würde zu viel Zeit, Mühe und Hirnschmalz erfordern, als dass man damit kurzfristige Erfolge erzielen könnte.
Ein aktuelles Beispiel ist der Begriff „Derivat“, der nur verschleiert, dass es sich um hochspekulative Kapitalanlagen handelt. Viele Gierige , die wenig wissen, wurden veranlasst, alles zu verspekulieren. Ihr Horizont wurde durch vernebelnde Sprache reduziert. Sprache fällt nicht immer auf fruchtbaren Boden. Es liegt m.E. ausschließlich an der Bildung, ob Sprache auch erhellend wirken kann. Viele „Samenkörner“ fallen auf wenig fruchtbaren Boden- und bewirken dann das Gegenteil.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
Ὑληβάτης schrieb am 18.12.2009 um 15:58 Uhr (Zitieren)
ανδρέας, da muss ich an "1984" denken.

ich stellte eine Verbindung fest zwischen Benennen und Existieren
Diese Textstelle wird korrigiert durch:
Je mehr Wörter ich kannte, um so reicher, umfassender und verschiedenartiger würde sich die Welt mir darstellen.


Bei manchen Schülern bemerkt man im Deutschunterricht die andere Seite der Münze: Man braucht die Sprache auch, um Gedanken darzustellen. Bei einer Bildbeschreibung kann man das Bild noch so gut erfasst haben, bei einer Erörterung noch so gute Gedanken haben, ohne die nötigen Wörter oder sprachlichen Strukturen kommen die Gedanken nicht an.
Oder ist das eine wechselseitige Beziehung?
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
ανδρέας schrieb am 18.12.2009 um 19:07 Uhr (Zitieren)
Ja Ὑληβάτης, da stimme ich voll zu. Wortschatz ist essenziell, da wir in Sprache denken. Das betrifft gegenständliche Dinge ebenso wie Ideen und abstrakte Sachverhalte. Es ist wechselseitig, da ohne Erfahrung Begriffe hohl bleiben.

Ich wollte allerdings in meinem etwas lang geratenen Beitrag darauf hinweisen, dass Sprache leider auch dazu missbraucht wird, Zusammenhänge zu vereinfachen und die dahinter stehenden Gedanken zu reduzieren. Es gibt den Unterschied zwischen sagen und verstehen. Sprache ist notwendige Voraussetzung für Bildung, aber nicht hinreichend. Wem die zugehörige Bildung, das Wissen fehlt, fällt auch dann auf Begriffe herein, wenn er glaubt, sie zu verstehen. Oder anders ausgedrückt: man kann wohl lernen, alle Figuren auf dem Schachbrett richtig zu bewegen und die Regeln lernen, aber das bedeutet nicht, dass man auch wirklich Schachspielen kann.
Schnell fällt man dann den Finten und Scheinmanövern zum Opfer. Adenauer soll einen geringen Sprachschatz besessen haben. Vielleicht hat er auch nur gezielt verständlich gesprochen, damit man ihn versteht, nunja.
Re: Erweiterung des Horizonts durch Sprache
Ὑληβάτης schrieb am 18.12.2009 um 21:30 Uhr (Zitieren)
Meine Mutter sagte mal zu mir: "Junge, warum benutzt du so wenig Fremdwörter? Du hast doch auch studiert."
Ich darauf: "Damit die anderen mich verstehen."
 
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