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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Deutung einer Marginalie (514 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.11.2023 um 14:46 Uhr (Zitieren)
Opitz bezog sich in seiner Streitrede, die er im Winter 1617 in Beuthen an der Oder hielt, auf ein Büchlein oder eine Kladde von Ernst Schwabe von der Heyde. Der Erstdruck des "Aristarchus" enthält noch am Rand der entsprechenden Seite eine Marginalie mit den lateinischen Worten:
Francofur[ti] Marchic[orum] typis descripta.


Dazu:

file:///C:/Users/PC/Downloads/Aurnhammer_Neues_vom_alten-3.pdf

Die Sache mit dem märkischen Frankfurt ist klar: es muß um Frankfurt an der Oder in der Mark Brandenburg gehen.
Aber "typis descripta"? Muß das bedeuten: aus einem gedruckten Werk abgeschrieben? Oder gibt es dafür eine andere Deutungsmöglichkeit?
Re: Zur Deutung einer Marginalie
Johannes schrieb am 29.11.2023 um 16:18 Uhr (Zitieren)
mit Typen = als Druckwerk niedergeschrieben / in Druckform
typis = ablativus instrumentalis

describo:
II) durch Zeichnung oder Schrift darstellen, A) eig., aufzeichnen, aufschreiben (zu Papier bringen),

Vlt. gab es auch eine handschriftliche Fassung.

Francoforti ist wohl ein Lokativ.
Der Link führt ins Leere.
Re: Zur Deutung einer Marginalie
Γραικύλος schrieb am 29.11.2023 um 18:01 Uhr (Zitieren)
"typi" müssen im 17. Jhdt. als Druckbuchstaben gedeutet werden, ja?
Re: Zur Deutung einer Marginalie
filix schrieb am 29.11.2023 um 18:28 Uhr (Zitieren)
typis describere bedeutet schlicht drucken. Zum Tode des Besagten habe ich nebenbei eine, soweit ich sehe, bisher nicht berücksichtigte Quelle aufgetan, die die Bestrafung von Fahnenflucht behandelt:

Genus autem mortis in Suecia est, quod palis transfigantur, ita ut lenta morte pereant, werden gespiest (quo diro supplicio affectus fuit Anno 1626, poesis Teutonicae Princeps E. S. V. D. H. transfugii insimulatus, qui an huic noxae obnoxius fuerit, non disputo).

In Schweden aber besteht die Todesart darin, dass sie mit Pfählen aufgespießt werden, sodass sie einen langsamen Tod sterben, werden gespiest (auf diese grausame Weise hingerichtet wurde im Jahre 1626 der Schöpfer/Fürst deutscher Dichtkunst E.S.V.D.H. (= Ernst Schwabe von der Heyde), der der Fahnenflucht bezichtigt worden war, ob er dieses Verbrechens schuldig gewesen ist, erörtere ich nicht).

(Christoph-Carolus Wölker : Dissertatio inauguralis De transfugis [ …] 1657, Cap. LXXVIII -
https://books.google.de/books?id=EsWvIWIkhsgC&pg=PP44)[/sub])


Re: Zur Deutung einer Marginalie
filix schrieb am 29.11.2023 um 18:34 Uhr (Zitieren)
Besser gesagt: des Überläufertums, nicht bloß der Desertion.
Re: Zur Deutung einer Marginalie
Marcella schrieb am 29.11.2023 um 18:43 Uhr (Zitieren)
Woher kriegt filix bloß immer seine Quellen?
Re: Zur Deutung einer Marginalie
filix schrieb am 30.11.2023 um 16:50 Uhr (Zitieren)
Filix hat 20 Jahre nach Aurnhammer, dessen Darstellung m.E. bis heute den Stand der Erkenntnis abbildet, im Ozean der Digitalisate gefischt, in diesem Fall nach den vom poesis Teutonicae princeps selbst benutzen Initialen.

Der Fund (der Autor der Dissertatio heißt übrigens korrekt Wölcker) bestätigt Jahr und Art der Hinrichtung und gibt erstmals den Grund an.

Das gesuchte, angeblich 1616 erschienene Druckwerk bleibt, falls es je existierte, weiter verschollen.

Re: Zur Deutung einer Marginalie
FrankReich schrieb am 08.12.2023 um 02:42 Uhr (Zitieren)
Ein äußerst interessanter Fund, der die Marginalie von Woelckers Doktorvater (falls ich das letzte Drittel des Kapitels LXXI. seiner Dissertatio richtig deute) im Aristarchus als Anhang der "Teutschen Poemata zu Ernst Schwabe von der Heydes Tod zwar nicht verifiziert, aber immerhin Anlass zur Hoffnung gibt, dass Rittershausen in seinem Nürnberger Wirkungskreis noch weitere Informationen über Schwabe in Umlauf gebracht hat, die nun zudem den Anschein erwecken, als stammten sie aus unterschiedlichen Quellen, wobei das Kürzel "E. S. V. D. H." nicht unbedingt vom Dichter selbst gewählt sein muss.
Natürlich bleibt die Entdeckung der drei Kaiser/-innenkrönungssonette zur Relatio des anonymen Verfassers von 1612 die spektakulärste des 21. Jahrhunderts hinsichtlich Schwabe, Aurnhammers Schlussfolgerungen daraus und insgesamt sind mir jedoch zu vage.
Meine Recherchen haben bspw. ergeben, dass Schwabes Anagrammgedichte im Aristarchus dem 87. Danziger Bürgermeister Hans Rogge und seiner jüngsten Schwester Helene gewidmet sind. Helene war von 1608 - 1625 mit Jakob Schwabe (1575 ? - 1625) verheiratet, könnte also die Stiefmutter von Ernst Schwabe gewesen sein.
Die Gewissheit, mit der Aurnhammer postuliert, dass Schwabe adeliger Herkunft sei, wird allein schon durch die vorbeschriebene Möglichkeit in Zweifel gezogen, den Anthroponomastiker führt die Annahme der Präposition "von der" in Verbindung mit "Heyde/Haide oder Heide" als Namenszusatz von "Schwabe" am wahrscheinlichsten zu einem Freien auf der Leutkircher Heide im Allgäu als frühen Vorfahr Schwabes. Geburtsadel sollte somit ausgeschlossen sein, eine Briefadelung Schwabes hätte folglich vor 1612 stattgefunden haben müssen, dafür war Schwabe aber definitiv zu jung.
Außer Frage steht allerdings, dass das von Opitz erwähnte Werk Schwabes als Manuskript existierte, Fragmente, bzw. Einzeldrucke daraus ließen sich vll. Im Nachlass der Rogges finden, das Manuskript und evtl. sogar ein Druck könnte aber auch als Widmungsexemplar in die Hände des Kaiserkrönungsrelatioverfassers von 1612 gelangt sein, fraglich hingegen ist, ob das eine oder andere dieser Blattwerke denn auch die Zeit überdauern konnte.
Re: Zur Deutung einer Marginalie
filix schrieb am 10.12.2023 um 02:25 Uhr (Zitieren)
Woelcker bezeichnet Rittershausen nicht nur als Praeceptor, sondern auch Patronus […] ac Affinis meus, i.e. als Gönner und wahrscheinlich (durch irgendeine Heiratsbeziehung) Verwandten. Das reflektiert auch der Eintrag im Nürnbergischen Gelehrten-Lexicon oder Beschreibung aller Nürnbergischen Gelehrten beyderley Geschlechtes nach Ihrem Leben, Verdiensten und Schrifften:

Er gieng also mit seinem Hn. Vatter nach Nürnberg und von dar im Nov. 1655 nach Altdorf, wo er bey Nic. Rittershausen den Tisch nahm und nach einer 1657 verteidiget Inaug. Disp.de transfugis sogleich die bestverdiente Doctorwürde in den Rechten erhielt.


Dass sein Lehrer und Förderer Nicolaus Rittershausen (vel Rittershusius) die Hinrichtung Schwabens von der Heide am 4. Juni 1626 in Danzig mit eigenen Augen gesehen haben könnte, lässt ein Brief desselben in Erwägung ziehen, der ein biographisches Detail enthüllt, welches in einschlägigen biographischen Lexika wie https://www.deutsche-biographie.de/sfz76681.html fehlt. In dem auf den 25. März 1639 datierten und an Hieronymus Frese gerichteten Schreiben heißt es:

Deus vos beet et sospitet cum liberis, si quos habetis, si nondum, Stabilinam et Levanam oro praesto sint. Ego quoque ante annos decem ex Prussia in patriam rediens, haereditatis et bibliothecae paternae dividendae causa, nihil minus quam matrimonium cogitans, nihil magis quam reditum Gedanum, inveni conditionem gamicam non aspernandam et anno 1630 duxi Laurentii Kaestelii ICti et Consiliarii Norici viduam, Hieronymi vero Besleri Reip. Nor. Medici filiam, quacum etiamnunc ὰπαις vivo.

Gott segne und schütze Euch mit euren Kindern, wenn ihr welche habt, wenn noch nicht, rufe ich Stabilina und Levana* an, dass sie (euch) beistehen. Auch ich entdeckte, als ich vor zehn Jahren aus Preußen in die Heimat zurückkehrte, der Aufteilung des Erbes und der väterlichen Bibliothek wegen, und an nichts weniger als an Heirat, an nichts mehr als an die Rückkehr nach Danzig dachte, dass man das eheliche Verhältnis nicht vernachlässigen darf und nahm im Jahre 1630 die Witwe des Rechtsgelehrten und Nürnberger Ratsherren Lorenz Kaestel, Tochter des Nürnberger Stadtarztes Hieronymus Besler, zur Frau, mit der ich auch jetzt noch kinderlos lebe.



Rittershausen, Konrad: Conradi, Georgi et Nicolai Rittershusiorum, patris et filiorum, et variorum ad eos datae Epistolae S.116 - https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10403786?page=128[/sub]



*Gemeint sind wahrscheinlich Stabilinus und Levana, römische Schutzgottheiten, die in Bezug zu Geburt und Entwicklung des Kindes stehen, ersterer zuständig für das Stehen auf eigenen Beinen, letztere für die Akzeptanz des Neugeborenen durch den Vater, deren freundlicher Einwirkung man es zuschrieb, wenn der er es vom Boden aufhob und somit in die Familie aufnahm
Re: Zur Deutung einer Marginalie
FrankReich schrieb am 11.12.2023 um 11:26 Uhr (Zitieren)
Schülern und Studenten während ihres Aufenthaltes an Gymnasien und Universitäten auch Kost und Logis zu stellen, war schließlich ein willkommenes Zubrot für Gelehrte im 17. Jahrhundert und um diesbzgl. eine Brücke zu Danzig zu schlagen: Schon Johannes Mochinger gewährte Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau auf Fürsprache des Vaters die Aufnahme in seinem Haus, wodurch der Sohn sowohl Einblick in das Familienleben als auch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten in Danzig erhielt.
Selbstredend wurden auch Besucher durch eine solche Gastfreundschaft in Danzig schnell integriert, auf raa.gf-franken.de unter den sigles 1607_Rittershausen und 1621_Rittershausen hat der Rechtsgelehrte und Hobbygenealoge besonders während seines etwa zweimonatigen Danziger Aufenthaltes von März bis Mai 1626 etliches an Stammbucheintragungen vorzuweisen, durch seine Sammelleidenschaft lässt sich allerdings auch dokumentieren, dass er sich spätestens ab dem 16.05.1626 über Greifswald, Rostock und Hamburg auf dem Weg nach Leiden befand, somit am 04.06.1626, auf keinen Fall bei der angeblichen Hinrichtung Schwabes noch in Danzig war.
Um einen Augenzeugenbericht Ritterhausens kann es sich bei der Marginalie in seinem Büchlein der 1624er Ausgabe "Teutsche Poemata" von Opitz also nicht handeln.
Zu denken geben sollte an Rittershausens Eintrag zudem, dass die angebliche Bluttat weder auf polnischer noch auf Danziger Seite historiologisch, aber auch gerüchtehalber keinen Niederschlag fand, einmal abgesehen davon, dass er es sich sicherlich nicht hätte nehmen lassen, Schwabe 1626 eine Stammbuchwidmung anzutragen, denn falls er bei Schwabes Tod zugegen gewesen wäre, hätte Rittershausen zuvor auch genügend Gelegenheit gehabt, den Dichter persönlich kennenzulernen.
 
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